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Politik Entscheidungsschlacht 3.0

Allein die Tatsache, dass die Hisbollah in der Vergangenheit immer auf die Schutzmacht Syrien angewiesen war, offenbart das eigentliche Kräfteverhältnis beider Akteure. So hat die südlibanesische Miliz ihre Waffen und ihre logistische Unterstützung stets über syrische Kanäle erhalten.

„Das Blatt in Syrien wendet sich. Mit der Rückeroberung der Stadt Kusair haben die Truppen und Milizen, die auf Seiten von Baschar al-Assad kämpfen, eine beeindruckende Siegeswelle abgeschlossen. Die Schlacht um Kusair dürfte rückblickend als das Stalingrad der syrischen Rebellen eingehen: der Anfang vom langsamen Ende.“, so die dramatische Darstellung in einem Spiegel-Online Artikel vom 21.5.2013. In dasselbe Horn stieß auch der Chef des Bundesnachrichtendienstes und konstatierte, dass es dem syrischen Regime in den letzten Wochen gelungen sei, das Kerngebiet seiner Macht – die Region von Damaskus über Homs an die Küste – zu sichern. Ebenso gelänge es den Assad-Truppen, die Rebellen aus mehreren Vororten von Damaskus zu drängen und ihnen die Versorgungsroute nach Süden, sowie die Versorgungsrouten nach Westen abzuschneiden. Insgesamt zeichnet BND-Chef Schindler eine düstere Prognose für die „islamistischen“ Rebellen Syriens. Letztere befänden sich im Süden des Landes in der Defensive und müssten demnächst in die vermeintlich kurdisch kontrollierten Gebiete Nord-Syriens flüchten, so der Experte.
Alle Berichte und Analysen der vergangenen zwei Jahre, welche davon sprachen, dass das Assad-Regime in absehbarer Zeit kollabieren würde, sind laut der aktuellen Darstellung nur noch Makulatur. Wie der Phoenix aus der Asche scheint die syrische Armee auferstanden zu sein und geht nun in „nie dagewesener Stärke“ dazu über der Rebellion ein für alle Mal den Garaus zu machen. Die wundersame Reanimation der syrischen Streitkräfte wäre dabei der „mächtigsten Miliz“ des Nahen Ostens zu verdanken. So war es der Leonidas des Südlibanons, alias Hassan Nasrallah, welcher seine tapferen Krieger gegen die übermächtige zionistische Front, bestehend aus Söldnern, Verbrechern und Terroristen in den Kampf geschickt hat. Die Hisbollah habe durch ihr Eingreifen „das Kräfteverhältnis gründlich verschoben“, auch wenn hierfür mehr als 300 heroische Kämpfer vonnöten waren.
Doch wer diesem Märchen und ähnlicher Kriegspropaganda auf den Leim gegangen ist, dem sei gesagt, dass selbst in Marvel-Comics mehr Wahrheitsgehalt steckt, als in der aktuellen Darstellung, auf die sich die Medien eingeschossen haben.
Allein die Tatsache, dass die Hisbollah in der Vergangenheit immer auf die Schutzmacht Syrien angewiesen war, offenbart das eigentliche Kräfteverhältnis beider Akteure. So hat die südlibanesische Miliz ihre Waffen und ihre logistische Unterstützung stets über syrische Kanäle erhalten. Ohne diese Lebensader wäre besagte Partei längst zu einer unbedeutenden Bewegung verkommen. Um es in den Worten Nasrallahs auszudrücken ist das Schicksal der Hisbollah nicht von dem des Assad-Regimes zu trennen. Dass nun ausgerechnet libanesische Höflinge zur Hilfe ihres ungläubigen Gebieters eilen müssen, zeugt nicht gerade von der neugewonnenen Stabilität und Stärke des Regimes. Tatsächlich handelt es sich bei der Intervention der Hisbollah um eine der letzten Karten, die das Regime ausspielen kann. Dabei geht es selbst das Risiko ein, die strategisch wichtige Stabilität des Libanon aufs Spiel zu setzen. Obwohl Analysten bereits seit langer Zeit prognostizieren, dass der Konflikt auf den Zedernstaat übergreifen würde, werden immer mehr Kräfte nach Syrien verlagert, um die letzten Bastionen des Regimes zu verteidigen. Weder die immer wieder aufflammenden Scharmützel in Tripolis, noch der jüngste Raketenbeschuss auf libanesischem Gebiet, scheint die Hisbollah davon abzuhalten mehr und mehr Kämpfer aus ihren traditionellen Hochburgen abzuziehen und letztere ihrem Schicksal zu überlassen. Dies äußerte sich auch in dem freudschen Versprecher Hassan Nasrallahs, als er in seiner jüngsten Rede die ihm feindlich gesinnten Strömungen dazu aufrief, den Libanon zu verschonen und stadtessen den Kampf ausschließlich in Syrien auszutragen. Frei nach dem Lied des Rumpelstilzchen: „Ach wie gut das niemand weiß…“ enthüllte er damit seine Achillesverse, welche in einer zweiten Front im Libanon besteht.
Im Grunde stellen die jungen Kämpfer der Hisbollah in Syrien nichts weiter als Kanonenfutter des Assad-Regimes dar, schließlich stehen sie einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber, welche nicht einmal die Eliteneinheiten der syrischen Armee gewachsen waren. Dies äußert sich in ungewohnt hohen Verlusten, denn entgegen der anfänglichen Darstellung leisteten die Rebellen zu jenem Zeitpunkt immer noch heftigen Widerstand. In einem Spiegel-Artikel vom 30.5.2013 hieß es diesbezüglich: „Seit das syrische Regime am 19. Mai eine schwere Offensive gegen das Provinznest an der libanesischen Grenze gestartet hat, ist die Schlacht um die 30.000-Einwohner-Stadt schon oft für beendet erklärt worden. Doch ein ums andere Mal haben sich die Erfolgsmeldungen des Regimes in Damaskus letztlich als falsch entpuppt. Kusair kämpft. Noch immer.“ Als besonders Fatal für die Miliz entpuppt sich ihre neue Rolle als Offensivkraft, wurden ihre Kämpfer in den letzten Jahrzehnten doch ausschließlich in Guerilla-Taktiken geschult, welche darauf ausgelegt waren, die eigenen Gebiete zu verteidigen.
Davon abgesehen handelt es sich bei den besagten Kämpfen keineswegs um eine Entscheidungsschlacht für die Mujahedin, kontrollieren sie doch zahlreiche strategisch wichtige Gebiete im gesamten syrischen Raum. Für das Assad-Regime hingegen, handelt es sich bei Kusair tatsächlich um einen überlebenswichtigen Korridor, welcher Damaskus mit der alawitisch dominierten Ostküste des Landes verbindet. Es ist somit das Assad-Regime, das sich versucht mit aller Macht aus der Umklammerung durch die islamischen Kräfte zu befreien. Auch für die Hisbollah stehen laut den Ausführungen des Think-Tanks Stratfor Versorgungslinien auf dem Spiel, welche um das Gebiet um Kusair verlaufen. In der Retroperspektive wird somit klar, dass es den Aufständischen durch ihre Eroberungen gelungen ist, dem Regime und seinem verlängerten Arm in Südlibanon einen taktischen Schlag zu versetzen. Aus diesem Grund nahmen die Regierungstruppen samt ihren Unterstützern enorm hohe Verluste in Kauf und nannten den taktischen Rückzug der Rebellen in der Nacht zum 6.7.2013 eine verheerende Niederlage für die Revolutionäre. Kein Wort darüber, dass sich letztere nur aufgrund Munitionsmangels aus den umkämpften Gebieten zurückzogen und nicht etwa an der Frontlinie besiegt wurden. Noch während das Assad-Regime und seine libanesischen Verbündeten der Welt mit Trompeten und Pauken den vermeintlich entscheidenden Triumph vorgaukelten, konnten die Rebellen Gebietsgewinne an den Golanhöhen und im Umkreis Damaskus verzeichnen.
Viel wichtiger als die militärischen Details sind jedoch die politischen Ziele, die im Kontext der aktuellen Offensive verfolgt werden. So dient die aktuelle Eskalation, welche mit hohen Opferzahlen einhergeht, dazu, dem kompromissbereiten Teil der Opposition einen Vorwand zu liefern sich mit dem Regime im Rahmen zukünftiger Konferenzen an den Verhandlungstisch zu setzen. Die FSA werde sich nicht an Verhandlungen beteiligen, solange die Hisbollah in Syrien aktiv ist, so Salim Idris. Hierdurch wird suggeriert, dass das größte Problem in der jüngsten Eskalation liege und nicht in dem ursprünglichen Konflikt mit dem Regime. Das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung und die entmutigende Berichterstattung, welche mit Lobeshymnen auf die Assad-Truppen einhergehen, sind reinste psychologische Kriegsführung, darauf ausgelegt die aufrichtigen Kämpfer zu desillusionieren und bei der Bevölkerung Kriegsmüdigkeit hervorzurufen.
Die flächendeckende und einheitliche Berichterstattung wiederum, entlarvt das internationale Komplott gegen die Muslime Syriens. Keine Medienanstalt hielt es für nötig ein realistisches Bild der Lage zu zeichnen. Stattdessen wurden die Kämpfe in Kusair unisono zur Entscheidungsschlacht der Revolution hochstilisiert, zu einer Schicksalsfrage, welche über den gesamten Ausgang der Revolution entscheiden würde. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass in der Vergangenheit bereits ähnliche Töne angeschlagen wurden, haben die Medien doch bereits die Kämpfe in Homs im Februar 2012 und in Aleppo im Juli desselben Jahres immer wieder als Entscheidungsschlachten bezeichnet. Inzwischen jedoch scheint das Regime kleinere Brötchen backen zu müssen, verlegt es mittlerweile seine Entscheidungsschlachten von Metropolen in 30.000 Seelen Orte. Diesen Ort als Zünglein an der Waage für die gesamte regionale Dynamik darzustellen, welche unlängst den Nordlibanon und den Westirak ergriffen hat, offenbart den konspirativen Charakter der internationalen Gemeinschaft.
Jeder der durch die vermeintliche Schlagkraft der Hisbollah und der „wiedergewonnen Stärke“ Bashar al-Assads beunruhigt ist, sei daran erinnert, dass der Schwanz nicht mit dem Hund wedelt, sondern immer noch der Hund mit dem Schwanz und ein Hund der sich im Kampf mit echten Löwen befindet, wird auch von seinem Schwanz nicht gerettet werden.