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Politik Schaf im Wolfspelz

Wir schreiben das Jahr 2003. Amerikanische Panzer rollen durch Bagdad, US-Marines treten Türen ein, zerren unschuldige Iraker aus ihren Häusern und verschleppen sie in berüchtigte Foltergefängnisse. Nur zwei Jahre nach dem Beginn des Afghanistankrieges wird die islamische Welt erneut erniedrigt und zur Beute westlicher Geopolitik.

Wir schreiben das Jahr 2003. Amerikanische Panzer rollen durch Bagdad, US-Marines treten Türen ein, zerren unschuldige Iraker aus ihren Häusern und verschleppen sie in berüchtigte Foltergefängnisse. Nur zwei Jahre nach dem Beginn des Afghanistankrieges wird die islamische Welt erneut erniedrigt und zur Beute westlicher Geopolitik.
Während sich die gesamte Weltöffentlichkeit die Frage stellt, wo wohl Saddam Hussein steckt und ob er Teil des heroischen Widerstandes ist, spielen sich im Nordirak unbemerkt verheißungsvolle Szenen ab. Türkische Spezialkräfte überqueren inkognito über Stock und Stein die gebirgige Grenze. Ihre Mission besteht darin – so die aberwitzige Behauptung türkischer Nationalisten jener Tage – auszukundschaften, wie viele Divisionen die glorreiche türkische Armee freimachen müsse, um Bagdad aus den Klauen der Coca-Cola saufenden und Hamburger fressenden Kreuzzügler zu befreien. Eine andere aber ebenso abenteuerliche Erklärung für die Aussendung des Spähtrupps handelt von der Verteidigung der Turkmenen vor kurdischen Peschmergamilizen, welche die Vertreibung anderer Ethnien forcieren, um mit zionistischer Unterstützung einen Kurdenstaat zu errichten.
Nachdem die türkischen Pioniere, mehr schlecht als recht, ihre Kommandozentrale in der im Kurdengebiet gelegenen Stadt Süleymaniya eingerichtet hatten, bemerken US-Soldaten der 173d Airborne Brigade Gerüchten zufolge emsiges Treiben in einer Hütte, die bis vor kurzem noch von Federvieh bewohnt wurde. Auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht sollen darin hochgewachsene und durchtrainierte Hünen logieren, die anstatt ihre Ernte einzuholen auf dem Gelände exerzieren und vor einer roten Flagge salutieren, welche die Marines noch aus ihrer Zeit in Incirlik kannten. Nachdem einige Tage später ein stadtbekannter Landstreicher und Hühnerdieb auf seinen nächtlichen Streifzügen von den Bewohnern der besagten Hütte überrascht worden und Prügel kassiert haben soll und die US-Marines durch sein schmerzerfülltes Geschrei aufgewacht seien, ordnet Geheimdienstagent Sam William Marshall in der Nacht zum 4.Juli wutentbrannt eine Razzia an, um alle Beteiligten kurzerhand festzunehmen. Seine Truppen umzingeln den Hühnerstall mit Humvees und Abrams-Panzern, stürmen den von Hühnerfedern verschmutzten Verschlag, knebeln die Randalierer und ziehen ihnen Säcke über den Kopf, noch bevor sich die Verdächtigen als türkische Elitesoldaten zu erkennen geben können, so die spektakuläre Darstellung verdutzter Anwohner.
Erst nachdem die US-Truppen die auffälligen Störenfriede während der Verhöre in Bagdad aus dem Sack ließen, ließen diese ihrerseits die sprichwörtliche Katze aus dem Sack und gaben zu, sich im Auftrag der türkischen Armee in Süleymaniya aufgehalten zu haben. Nun verkündete Marshall voller Stolz, er und seine Division hätten die USA vor einem Desaster im Irak bewahrt. Wo noch vor kurzem Hühner ihre Eier ausgebrütet hatten, brütete seinen Angaben zufolge die türkische Spezialeinheit den Plan aus, durch die Ermordung des Gouverneurs von Kirkuk den Nordirak ins Chaos zu stürzen, um der Türkei die Legitimation für eine Militärintervention zu liefern. Empört über die Erniedrigung seitens der USA, schickte die türkische Regierung umgehend eine Delegation, bestehend aus Mitgliedern des Generalstabs und des Außenministeriums, nach Süleymaniya, um die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Zu ihrem Unmut fand sich die türkische Delegation jedoch vor verschlossenen Türen wieder, befanden sich anlässlich der Feierlichkeiten zum amerikanischen Unabhängigkeitstag die Verantwortlichen noch im Urlaub. Als die Türken unverrichteter Dinge den Heimweg antraten und, aus ihrer Sicht, mehr als genug Federn gelassen hatten, legte die türkische Regierung offiziell Protest ein. Tayyip Erdogan, der sich angesichts seines persönlichen Stalingrads im Hühnerstall nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte, appellierte in einem privaten Telefongespräch an Dick Cheney, den Vorfall doch zumindest offiziell zu bedauern. Dieser ließ sich nicht lange bitten und verkündete, die Türkei „leiste gute Arbeit, jedoch NUR innerhalb ihrer Grenzen“; wohlwissend, dass falsches Lob sicherer Spott ist.
Nun war das Maß voll! Ministerpräsident Erdogan und seine Militärattachés machten sich unverzüglich an die Arbeit, um zu einem kolossalen Gegenschlag auszuholen. Nach einer kurzen Planungsphase sickerten nur wenige Monate später erneut türkische Spezialeinheiten mit der Lizenz zum Töten in das Nachbarland ein und begannen einen Feldzug, der den US-Marines und allen anderen Akteuren im Irak das Fürchten lehren sollte. Seit den Eroberungen Alexander des Großen, Hannibals und Napoleons hatte die Welt so etwas nicht mehr gesehen. Die Synthese militärischen Geschickes auf der einen und selbstlosen Edelmutes auf der anderen Seite, stellte alle großen Feldherren der Geschichte in den Schatten. Aufopferungsvoll nahmen die türkischen Elitesoldaten einen Vierfrontenkrieg auf sich und machten kurzen Prozess mit ihren Feinden. Während sie die von Zionisten finanzierte Organmafia mit einem Handstreich zerschlugen, verhinderten sie darüber hinaus das geplante Blutbad an den Turkmenen. Der irakischen Jugend erklärten sie ihre Version des Islam, in welchem „Selbstmordattentate“ auf US-Soldaten verboten seien und so legten sie den Nährboden für jeglichen religiösen Extremismus trocken.
Nachdem die Spezialeinheit auf diesen Nebenschauplätzen für Recht und Ordnung gesorgt hatte, konnte sie sich nun ihrem Hauptziel widmen. Nur mit dem Blut des Geheimdienstagenten Marshall konnte die beschmutzte Ehre der türkischen Streitkräfte reingewaschen werden und so machte sich das Killerkommando auf, um ihn zur Strecke zu bringen. Nach kurzer Zeit konnten sie die Zielperson lokalisieren und lockten diese in einen Hinterhalt, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Dort konfrontierten sie Marshall mit seiner Schandtat, gaben ihm zu verstehen, dass die türkische Armee für Schabernack dieser Art nicht zu haben ist und hielten ihm demonstrativ das Corpus Delicti in Form eines Baumwollsacks vor Augen. Mit einem Dolchstoß mitten ins Herz beförderten sie die Geißel der türkischen Nation ein für alle Mal ins Jenseits.
Die gefeierten Helden bewährten sich damit unter der Regie von Tayyip Erdogan als die anatolische Version der Navy Seals. Jeder Provokateur musste von nun an mit einem Besuch jener Einheit rechnen, so auch die bittere Erkenntnis Israels, nachdem es im Jahre 2010 die Mavi Marmara auf internationalen Gewässern kaperte und dabei neun türkische Staatsbürger ermordete. Ohne Furcht und Tadel stürzte sich die berüchtigte Spezialeinheit ins Gefecht, eliminierte auch unter Anwendung fernöstlicher Kampfkünste die zionistischen Aggressoren und löste damit frenetischen Jubel in den Kinosälen aus. Denn Tayyip Erdogan war nicht der einzige Regisseur der zuvor erzählten Geschichten, sondern nur in den realen und zugleich schmachvollen Kapiteln federführend. Der rühmliche, jedoch fiktive Teil der Erzählung fand unter Regie Serdar Akars statt, welcher durch seine Filmreihe „Tal der Wölfe“ einen eigentümlichen Ersatz für die türkische Außenpolitik schuf. Wonach in der wirklichen Welt vergeblich gesucht wurde, konnte nun nach den Hauptnachrichten auf den heimischen TV-Geräten in Form eines Actionfilmes bewundert werden.
Als vorläufiger Gipfel der Verhöhnung der leidtragenden Muslime muss derzeit die bevorstehende Veröffentlichung des Films „Tal der Wölfe – Syrien“ gewertet werden, in dem die Türkei voraussichtlich erneut die Welt vor bösen Kräften retten wird. Anstatt die über eine halbe Million Mann starke türkische Armee endlich in Gang zu setzen, um ihrer islamischen Pflicht nachzukommen und die Muslime Syriens vor der internationalen Verschwörung und den Massakern syrischer Regierungstruppen zu beschützen, scheint die einzige Antwort aus Ankara in der Neuauflage eines ohnehin lächerlichen Filmes zu bestehen. So unterhaltsam die genannten Ereignisse auch erscheinen mögen, so traurig ist die Tatsache, dass die amerikanischen Übeltäter und ihre Handlanger nur auf der Leinwand der Gerechtigkeit zugeführt werden. Die Diskrepanz der tatsächlichen türkischen Außenpolitik und ihrer filmischen Darstellung ist so gewaltig wie die verlogene Behauptung Assads, die Speerspitze des antiisraelischen Widerstandes zu sein. Tayyip Erdogan, welcher sich selbst gerne in der Rolle eines neo-osmanischen Herrschers sieht, entpuppt sich in der Syrienfrage einmal mehr als Schaf im Wolfspelz.