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Konzeptionen Das Streben nach Glück – Teil 3

Durch die rational-metaphysische Betrachtung der Welt versucht die Philosophie Antworten auf die Fragen des Lebens zu geben. Ihr Gedankengut brachte die Renaissance und die Aufklärung hervor und beeinflusst die westliche Gesellschaft bis in die heutige Zeit in großem Maße. Aufgrund ihrer hohen Komplexität ist sie für die meisten Menschen jedoch nur schwer nachvollziehbar.

Glückseligkeit in der Philosophie


Durch die rational-metaphysische Betrachtung der Welt versucht die Philosophie Antworten auf die Fragen des Lebens zu geben. Ihr Gedankengut brachte die Renaissance und die Aufklärung hervor und beeinflusst die westliche Gesellschaft bis in die heutige Zeit in großem Maße. Aufgrund ihrer hohen Komplexität ist sie für die meisten Menschen jedoch nur schwer nachvollziehbar. Ist der Gedankengang eines Philosophen nach langem Studium nachvollzogen worden, verleitet die komplexe Argumentation zu einer voreiligen Zustimmung. Zu beachten ist allerdings, dass es sich bei vielen philosophischen Ausführungen keineswegs um intellektuelle Glanzleistungen handelt. Oftmals sind es lediglich Phantastereien, d.h. logische Schlüsse, die sich zwar gut anhören können, die nüchtern betrachtet jedoch nur Behauptungen ohne jegliche Beweiskraft darstellen. Einige Philosophen nutzen die bloße Skepsis und Relativierung, wobei sogar einfache Wahrheiten, wie die Existenz von Gegenständen, in Frage gestellt werden. Absolute Wahrheiten werden von dieser philosophischen Denkschule ohnehin negiert. All diese philosophischen Bemühungen scheitern bereits daran, dass sie die grundsätzlichsten Fragen nicht beantworten konnten: Was ist überhaupt das Denken? Wie funktioniert der menschliche Verstand und wie kommen Erkenntnisse zustande? Wo sind die Grenzen des Verstandes? Die Antworten darauf müssen nicht unbedingt komplex sein und ganze Bibliotheken füllen, vielmehr sollten sie der Realität entsprechen und beweisbar sein.
Vor dem Hintergrund der islamischen Offenbarungstexte und eines tiefgründigen Studiums der menschlichen Realität lässt sich feststellen, dass der menschliche Verstand ohne bestimmte Voraussetzungen keine gesicherten Erkenntnisse hervorbringen kann; Eine zentrale Voraussetzung ist die Existenz von Wahrnehmungen. Mithilfe der Sinnesorgane wird die Wahrnehmung einer bestimmten Realität ins Gehirn transportiert und dann mit bereits vorhandenen Vorinformationen verknüpft und ausgewertet. Dieser Prozess bringt Erkenntnisse hervor. Ohne Wahrnehmung gibt es kein wirkliches Denken, es sind in diesem Falle lediglich Spekulationen und unbewiesene Annahmen (s. die ausführlichen und beeindruckenden Abhandlungen von Scheich Taqiyy-ud-Din An-Nabhaniyy in seinem Werk „Tafkeer“ im Arabischen bzw. „Thinking“ im Englischen).
Aristippos von Kyrene (435 v. Chr. bis ca. 355 v. Chr.) zählt zu den Philosophen der Antike. Er war einer der ersten, der sich mit der Glücksphilosophie beschäftigte. Begriffe wie Lust und Schmerz waren Kernbestandteile seiner Philosophie. Er beschrieb die Lust als sanften und den Schmerz als rauen Seelenzustand eines jeden Menschen. Dabei spielt die Qualität der Lust keine besondere Rolle. Ihm geht es vielmehr um die Quantität, ganz gleich was für eine Art Lust der Mensch verspürt. So sei jeder positive Reiz ein Gewinn für den Menschen und er solle konsequenterweise nach immer mehr streben. Im Gegensatz dazu steht der Schmerz. Dieser solle unter allen Umständen vermieden werden. Denn er versetze den Menschen in einen unangenehmen Zustand, welchen er von Natur aus ablehnt. Insbesondere diese Philosophie war der Grundbaustein einflussreicher Philosophien der Moderne, wie beispielsweise die des britischen Moralphilosophen Jeremy Bentham (1748-1832). Seinen Ausführungen folgend müsse sich der Mensch den glücklichen Zustand immer wieder erarbeiten, indem er vor jeder Entscheidung eine Aufwand-Nutzen Bilanz zieht und nach jener Alternative handeln solle, welche den Nutzen für die größtmögliche Zahl verwirkliche; das sogenannte greatest-happines-principle. Diese Ansicht begründete den Utilitarismus und ist zu einer Maxime westlicher Gesellschaften geworden. Sie propagiert den Kompromiss als Grundlage jeden Entschlusses und negiert damit jede konsequent nach Prinzipien ausgerichtete Handlung, die keinen materiellen Nutzen bringt. Außerdem werden Nutzen und Glückseligkeit gleichgesetzt, obwohl der Nutzen nicht zwangsläufig zum Glück des Menschen führen muss.
Epikur (341 v. Chr. bis 270 v. Chr.) hingegen vertrat die Auffassung, dass die Menschen glücklich seien, indem sie einfach nach Schmerzfreiheit streben würden. Sein Verständnis von Glück war „ein Weg des kleinen Glücks“ bei dem der Mensch nicht zu viel riskieren solle, um den umso tieferen Fall zu vermeiden. Denn je größer der verspürte Genuss, desto deutlicher die hinterlassene Leere in Folge des Abschwellens dieses Genusses. Mit anderen Worten sollen die Genügsamkeit und die Angst zur wahren Glückseligkeit führen.
Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.) wiederum meinte, der Mensch sei erst dann vollkommen glücklich, wenn er ein tugendhaftes Leben führt. Darüber hinaus solle er über genug materielle Güter verfügen, um seine Bedürfnisse vollends zu befriedigen. Worin jedoch diese Tugenden bestehen ist höchst umstritten. Ferner behauptete er in der „Nickomanischen Ethik“, dass alle Menschen glücklich sein wollen.
An dieser Stelle ist zunächst festzuhalten, dass die Glückseligkeit ein Konzept ist, das den Menschen seit jeher beschäftigt. Darüber hinaus existieren verschiedene Vorstellungen über die Glückseligkeit in der westlichen Geisteskultur, doch sie alle stehen im deutlichen Widerspruch zum Islam. Nur eine Ansicht über das Glück kann der Wahrheit entsprechen und es ist jene, die mit der Natur des Menschen vollständig harmonisiert. Es sollte für den gläubigen Muslim eine Selbstverständlichkeit sein, sich auch diese Frage von seinem Herrn s.w.t. beantworten zu lassen, anstatt sich von den wirren Vorstellungen der Philosophen in die Irre führen zu lassen.


Die Glückseligkeit im Islam


„Auf Erden gibt es ein Paradies, wer in dieses nicht eintritt, wird das Paradies im Jenseits nicht erlangen!“ (Ibn Taymiyyah)
Das Verständnis von Glückseligkeit (as-sa’aada) gehört zu den wichtigen Konzepten für einen jeden Muslim. Die korrekte Vorstellung baut auf dem Verständnis auf, dass das angestrebte Ziel im Wohlgefallen Allahs s.w.t. besteht. Die Erlangung dieses Wohlgefallens verlangt die Umsetzung der göttlichen Gesetze im täglichen Leben und durch sie erlangt der Muslim die Glückseligkeit. Der Unterschied zwischen Glückseligkeit (as-sa’aada) und Genuss (al-ladha) liegt in der Intensität. Während die Glückseligkeit durch die gehorsamen Handlungen in ihrer Intensität steigt, nimmt der Genuss der materiellen Güter beständig ab. Die Glückseligkeit nimmt ihre letztendliche Vollendung im Jenseits an. Allah s.w.t. beschreibt dies im Qur’an wie folgt:
„Allah hat den gläubigen Männern und Frauen Gärten versprochen, durcheilt von Bächen, ewig darin zu bleiben, und gute Wohnungen in den Gärten Edens. Wohlgefallen von Allah ist aber (noch) größer. Das ist der großartige Erfolg.“ (Sure 9, Aya 72)
Dieser Vers belegt, dass selbst im Paradies die größte Belohnung im Wohlgefallen Allahs s.w.t. liegt. Über diese Glückseligkeit erfreut sich ein Muslim in allen Lebenslagen, denn sie resultiert aus seiner Überzeugung. Sie ist das Bewusstsein, ständig in Allahs Obhut (ma’iyatullah) und unter Seinem Schutze zu sein. Denn der Muslim hat verinnerlicht, dass die Eigenschaften des Erhabenen unter anderem der Schadenzufügende (ad-Daar) und der Nutzengebende (an-Nafi‘) sind. Somit ist sich der Muslim bewusst, dass der Schaden und der Nutzen von Allah, dem Erhabenen, stammen. Niemand vermag es, ihm zu nutzen, noch zu schaden, außer wenn Allah s.w.t es zugelassen hat. Diese Überzeugung führt zur Zufriedenheit und zur inneren Ruhe, weil er den Allmächtigen, den Barmherzigen, den Weisen auf seiner Seite hat. Allah s.w.t ist der beste Weggefährte. Wer der Erhabenen auf seiner Seite hat, der braucht sonst niemanden.
Scheikh ul-Islam Ibn Taymiyyah r.h. formuliert diesen Gemütszustand vortrefflich, indem er sagt: „Was sollen meine Feinde mir anhaben? Mein Paradiesgarten ist in meiner Brust, wo immer ich auch hin gehe, ist er bei mir und er wird mich nie verlassen. So ist meine Gefangenschaft eine angenehme Zweisamkeit, mein Töten wäre Märtyrertum und mein Vertreiben aus meiner Heimat wäre eine Reise.“ Die Glückseligkeit ist die ständige Verbindung zu Allah s.w.t. (ma’iyatullah) in allen Situationen des Lebens. Deshalb fand Ibrahim a.s. sein Glück im Feuer, als sein Volk ihn für die Verkündung der Botschaft Allahs s.w.t. dort hinein warf und Allah der Erhabene selbst ins Geschehen eingriff und sagte:
„Oh Feuer, sei kühl und mild zu Ibrahim.“ (Sure 21, Aya 61)
Wer Allah s.w.t. erkannt hat, dem wurde Genüge getan. Die Erschwernisse des Diesseits verblassen für ihn. Dies wird dem Muslim in der Überlieferung (Sahih al-Buchary) deutlich, in der Djibriel a.s. dem Propheten Muhammad s. während der Himmelfahrt von der Bediensteten der Tochter des Pharaos berichtete. Ihr fiel während des Kämmens der Haare von Pharaos Tochter die Bürste zu Boden und sie sprach während des Aufhebens die Basmala. Die Tochter des Pharaos wunderte sich und fragte: „Hast du denn einen anderen Gott außer meinen Vater?“ Und sie sagte: „Allah ist mein Herr und deiner und der deines Vaters.“ Der Pharao erfuhr davon und ließ ihre fünf Kinder zu sich bringen und veranlasste, dass ein Fass voll kochendem Öl aufgestellt wurde. Danach fragte er sie, mit einem ihrer Kinder in seiner Hand, über dem Fass hängend: „Hast du einen anderen Herrn außer mir?“. Sie antwortete: „Allah ist der Herr von mir und von dir!“. Daraufhin warf der Pharao das erste Kind in das brodelnde Öl und wiederholte dies mit drei weiteren ihrer Kinder, bis er zum fünften kam. Das fünfte Kind war ein Säugling. Der Pharao fragte erneut: „Hast du einen anderen Herrn außer mir?“. Nun schwieg sie und Allah s.w.t. ließ in diesem Augenblick ihr Kind sprechen: „Mutter sei standhaft, denn du bist auf der Wahrheit!“. Voller Entschlossenheit erwiderte sie ihm und sagte nun: „Allah ist mein Herr und dein Herr!“, woraufhin er sie und ihren Säugling ins Öl werfen ließ, bis ihre Knochen an die Oberfläche kamen. Der Prophet (s.) sagte, dass er ihren Duft im Paradies wahrgenommen hat.
Der Muslim erkennt die Vergänglichkeit des Diesseits. Ihm ist bewusst, dass das einzig Nachhaltige der Iman an Allah s.w.t. ist. Er hat immer die Hoffnung, dass Allah s.w.t. ihn stets unterstützen wird, solange er Seinen Gesetzen folgt.
Ein weiteres Beispiel, anhand dessen der Muslim das richtige Verständnis der Glückseligkeit erkennen kann, ist folgendes: Als Yusuf a.s. von der Frau des Aziz von Ägypten verführt zu werden drohte, hatte er die Wahl zwischen dem Genuss und der Gefangenschaft. Die Frau des Aziz von Ägypten begehrte die Unzucht (al-fahischa). Er jedoch wies sie zurück. Daraufhin veranlasste sie, Yusuf a.s. in den Kerker des Aziz zu werfen. So bevorzugte er das Gefängnis, anstatt den körperlichen Genuss im Ungehorsam Allah s.w.t. gegenüber zu erlangen. Im Qur’an heißt es:
„Er sagte: ‚Mein Herr, das Gefängnis ist mir lieber als das, wozu sie mich auffordern'[…]“ (Sure 12, Aya 33).
Ferner wird in einem Hadith überliefert: „[…] ein Sterben im Gehorsam Allahs ist besser als ein Leben in dessen Ungehorsam.“ (Tabarani, al-Kabir)
Dies ist ein Gedanke, den alle Propheten verinnerlicht haben und durch den ersichtlich wird, dass die innere Zufriedenheit und Ruhe im Herzen der körperlichen Lust im Ungehorsam gegenüber Allah s.w.t. vorzuziehen ist.
Trotz alldem wird der gläubige Muslim, genau wie jeder andere Mensch, im Leben Tiefphasen erleben, in denen ihn Gefühle wie Trauer oder Niedergeschlagenheit plagen. Er muss sich jedoch stets seiner Lage und seiner Gefühle bewusst sein, um diese gemäß dem Islam zu beeinflussen. Denn Allah s.w.t. sagt im Qur’an:
„[…] damit ihr nicht betrübt seid über das, was euch entgangen ist, und euch nicht (zu sehr) freut über das, was Er euch gegeben hat.“ (Sure 57, Aya 23)
Zu diesem Vers sagten Gelehrte, wie der Prophetengefährte Ibn Abbas, es sei die Geduld (Sabr), die den Menschen in einen ausgeglichenen Zustand versetzt.


Schlusswort


Ein hohes Maß an Glückseligkeit bzw. des Glücks können die Menschen erst durch die Implementierung der islamischen Lebensweise verspüren. Daher muss sich der Muslim für die Implementierung der islamischen Lebensweise einsetzen. Ein Muslim, der ein Träger der islamischen Botschaft (Haamilud-da’wa) ist, sollte sich immer bewusst machen, dass er zur ewigen Glückseligkeit aufruft. Als Da’wa-Träger darf er nie vergessen, dass er dem Vorbild des Propheten Muhammads s. nacheifert. Er ist der Funke, der die Gesellschaft mit seinen erleuchtenden Konzepten entzündet. Sein Iman ist seine Stärke und die islamischen Konzepte seine Waffe. Allah s.w.t. ist sein Unterstützer und Beschützer, die Zunge ist sein Werkzeug und die Menschheit das Objekt der Veränderung. Er scheut weder Mühe, noch Not und Drangsal, um die Menschen von ihrem Irrglauben zu befreien und sie hin zur Rechtleitung zu führen. Sein Sinn im Leben besteht darin, Allah s.w.t. zu gehorchen, die islamische Lebensweise zu implementieren und zu erhalten, um mit ihr als leuchtende Fackel die Finsternis zu beseitigen, auch wenn dies sein Leben kostet. In Hinblick auf die unverzügliche Umsetzung dieses Verständnisses hat der Prophet Muhammad s. (von Abu Hurairah r. überliefert) gesagt: „Beeilt euch mit den guten Taten, denn was erwartet ihr von dieser Dunya, außer übermütig machenden Reichtum oder vergessen machende Armut oder schwach machende Krankheiten oder gebrechlich machendes Greisenalter oder einen plötzlichen Tod oder den Dajjal; wahrlich, was für eine schlechte Erwartung oder die Stunde; und die Stunde ist gewiss eintreffend.“ (Al-Hakim)