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Konzeptionen Von der Aufopferung

Allah spricht hier über eine bestimmte Eigenschaft des Menschen, nämlich über die Undankbarkeit gegenüber seinem Herrn.

Von der Aufopferung


Bei den schnaubend Rennenden (1), den (mit ihren Hufen) Funken Schlagenden (2), den am Morgen Angreifenden (3), die darin Staub aufwirbeln (4), die dann inmitten des Feindes eindringen (5). Der Mensch ist wahrlich undankbar gegenüber seinem Herrn (6), und er (selbst) ist darüber wahrlich Zeuge (7). Und er ist in seiner Liebe zum weltlichen wahrlich in Eile (8). Weiß er denn nicht, dass die Gräber durchwühlt werden (9), und herausgeholt wird, was in den Brüsten ist (10)? An jenem Tage wird Allah sie am besten kennen (11). (Surah Al-‚Adiyat, 1-11)
Betrachten wir diese Surah und die Tafsirat (Exegesen) hierzu, so finden wir sinngemäß folgende Erläuterungen:
Allah spricht hier über eine bestimmte Eigenschaft des Menschen, nämlich über die Undankbarkeit gegenüber seinem Herrn. Diese Undankbarkeit zeigt sich in den Handlungen bzw. Unterlassungen. Obwohl Allah uns mit Körper und Verstand ausgestattet hat, nutzt der Mensch diese Gaben im Ungehorsam anstatt im Gehorsam und somit in Dankbarkeit. Wenn wir z. B. in finanzieller Bedrängnis sind und uns jemand Geld leiht, dann zeigen wir dieser Person auch unsere Wertschätzung. Wir verneigen uns, schenken ihm ein Lächeln, drücken ihm die Hand und bedanken uns bei ihm für seine Leihgabe.
Allah hingegen hat uns etwas unermesslich Wertvolles geschenkt, nämlich das Leben. Und darüber hinaus – und das ist das Wertvollste überhaupt – hat er uns mit dem Islam seine Gnade geschenkt. Er hat uns zu Angehörigen des Din der Rechtleitung gemacht, und Er lässt uns so zu den Erlauchten gehören. Wir dürfen uns zur Shahadah bekennen, die an Yaum-ul-qiyamah in der Waagschale schwerer wiegt als das gesamte Diesseits. Die Dankbarkeit hierfür manifestiert sich in den Handlungen des Menschen. Allah verlangt von uns, dass wir unsere Dankbarkeit durch unseren Gehorsam Ihm gegenüber zeigen. Je gehorsamer wir sind, desto dankbarer zeigen wir uns Allah gegenüber. Und wenn wir dies nicht tun, dann erwartet uns ein Tag, wie er in den letzten drei Ayat beschrieben wird; ein Tag, an dem wir konsequenter Weise darüber befragt und zur Rechenschaft gezogen werden. So viel zur allgemeinen Botschaft, die wir aus dieser Surah entnehmen können.
Betrachten wir sie aber noch genauer, so wird ein weiteres, gewaltiges Verständnis aus ihr ersichtlich. Um dieses Verständnis jedoch zu begreifen, müssen wir die Surah in einem Gesamtkontext betrachten.
Beginnen wir mit ersten fünf Ayat, in denen es heißt:
Bei den schnaubend Rennenden (1),
den (mit ihren Hufen) Funken Schlagenden (2),
den am Morgen Angreifenden (3),
die darin Staub aufwirbeln (4),
die dann inmitten des Feindes eindringen (5).
Diese Ayat rufen an erster Stelle nicht zum materiellen Kampf auf, denn die gesamte Surah ist in Mekka offenbart worden. Vielmehr schwört Allah – und sein Schwur ist überaus gewaltig – bei den Schlachtrossen. Diese sind die schnaubend Rennenden. Im Gehorsam zu ihren Reitern preschen sie mit ungeheurer Kraft nach vorne. Wenn nämlich Allah Bei den schnaubend Rennenden (1), den (mit ihren Hufen) Funken Schlagenden (2) schwört, dann ist hier zum einen der absolute Gehorsam der Kampfpferde gegenüber ihren Reitern gemeint. Denn das Pferd rennt sofort schnaubend und ohne Widerrede los, sobald sein Reiter ihm den Befehl dazu gibt. Darüber hinaus führt das Pferd den Befehl mit solch enormer Kraft aus, dass seine Hufen anfangen, Funken zu schlagen.
Und weiter:
den am Morgen Angreifenden (3),
die darin Staub aufwirbeln (4),
die dann inmitten des Feindes eindringen (5)
Hier führt uns Allah (s.w.t.) den Mut dieser Kampfpferde vor Augen, der sie neben ihrem absoluten Gehorsam auszeichnet. Greift man nämlich den Feind im Morgengrauen an, so ist der Angriff als solcher klar erkennbar. Führt man den Angriff hingegen bei Nacht aus, so überrascht man den Feind im Schlaf und im Schutze der Dunkelheit, was von taktischem Vorteil ist. Doch die Schlachtrösser kümmert dies nicht. Auch kümmert sie der aufblitzende Stahl der feindlichen Schwerter und Rüstungen nicht. Todesmutig preschen sie in die generischen Reihen hinein und erfüllen unter Einsatz ihres Lebens den Gehorsam ihren Reitern gegenüber.
In diesen ersten fünf Ayat verdeutlicht uns Allah (s.w.t.) die vorbildliche Aufopferungsbereitschaft der Kampfpferde, die ihrem Reiter bedingungslos gehorchen und sich todesmutig in die Schlacht stürzen.
Dann heißt es weiter:
Der Mensch ist wahrlich undankbar gegenüber seinem Herrn (6)
Hier wird nun eine Eigenschaft des Menschen dargelegt. Denn der Mensch – und dies liegt in seiner Natur – ist seinem Herrn gegenüber wahrlich undankbar. Er weist Allah (s.w.t.) gegenüber nicht die gleiche Treue und den gleichen Gehorsam auf wie das Streitross seinem Reiter. Und das, obwohl der Mensch Allah (s.w.t.) viel mehr zu verdanken hat als ein Streitross seinem Reiter.
Allah (s.w.t.) fordert uns im Qur’an und den Ahadith (Sg. Hadith) seines Gesandten dazu auf, uns bedingungslos und mit vollem Einsatz für seine Sache einzusetzen. Er lädt uns zum Paradies ein und ruft uns dazu auf, aufopfernd dafür zu arbeiten, wenn es heißt:
Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft (…) (Surah At-Taubah, 111)
Wenn Er (s.w.t.) uns zu all dem aufruft und wir diesem Aufruf nicht mit voller Ergebung und ganzem Einsatz nachkommen – so wie das Kampfpferd -, dann zeigen wir uns Ihm (s.w.t.) gegenüber wahrlich undankbar. Die Sahaba (r.a.) hingegen haben diese Verpflichtung Allah (s.w.t.) gegenüber begriffen und tief verinnerlicht und stets vergegenwärtigt und haben ihre Aufgaben wetteifernd erfüllt. Betrachten wir den besten Menschen – nach dem Propheten (s.a.s.) – Abu Bakr. Er hatte unter anderem das beste Verständnis über den Islam, wenn nicht das Beste überhaupt. Er hat viel für den Islam getan; er hat seine Tochter dem Propheten (s.a.s.) zur Frau gegeben; er hat enorm viel gespendet, viele freiwillige Ibadat (gottesdienstliche Handlungen) verrichtet, Sklaven freigekauft und Hunger und Pein für den Islam ertragen. Der Prophet (s.) sagte einst über ihn: „Wenn der Iman von Abu Bakr auf einer Waagschale wäre und (der Iman) vom Rest der Ummah auf der anderen (Waagschale), so würde Abu Bakrs (Iman) überwiegen.“ Doch wird er (r.a.) im Qur’an nur an einer einzigen Stelle und wegen einer einzigen Eigenschaft geehrt, die ihm beim Gewaltigen (s.w.t.) eine besonders hohe Stellung beschert:
(…) Und er als zweiter von zweien in der Höhle verbrachte, als er zu seinem Freunde sagte: Fürchte dich nicht, denn Allah ist mit uns (…) (Surah At-Taubah, 40)
Die Geschichte der Höhle ereignete sich während der Hidjra, als Abu Bakr alles in Mekka stehen und liegen ließ – seine Familie, seine Kinder, seine Verwandten, sein Vermögen, Haus und Hof – um den Propheten nach Medina zu begleiten. Er ließ sein gesamtes Leben hinter sich, nur um gemeinsam mit dem Propheten (s.a.s.) die Hidjra vollziehen zu können, wodurch letztendlich der Islamische Staat gegründet wurde. Diese selbstlose, bedingungslose Bereitschaft, alles aufzuopfern,zeichnete ihn aus.
Betrachten wir Mus’ab ibn Umair (r.a.), ein weiterer Sahabi. Auch er hat viel für den Islam getan. Er wurde wegen seines Bekenntnisses zum Islam aus seiner Familie verbannt, geschlagen, gefesselt und enteignet und verlor sein gesamtes Hab und Gut. Auch er wird im Qur’an an einer einzigen Stelle zusammen mit anderen Sahaba (r.a.) erwähnt:
Und manche Männer machen das wahr, was sie Allah versprochen haben. (33:23)
Denn in der Schlacht von Uhud ist Mus’ab ibn Umair (r.a.) als Märtyrer gefallen, und der Djihad ist eine Art der Aufopferung, bei der das Erlangen des Märtyrertods die höchste Stufe darstellt. Und als man seine Leiche mit einem Tuch bedeckte, war dieses nicht groß bzw. lang genug, um seinen gesamten Körper zu bedecken. War sein Gesicht bedeckt, so wurden seine Füße sichtbar. Waren seine Füße bedeckt, konnte man sein Gesicht sehen. In seiner vorislamischen Zeit war er nämlich bekannt dafür, dass er ein und dieselbe Kleidung kein zweites Mal trug, sprich er hatte mehr als genug zum Anziehen. So vornehm und wohlhabend war er. Doch am Ende hatte er nicht einmal mehr genug, um seine Leiche bedecken zu können. Er hat Buchstäblich sein letztes Hemd für den Islam gegeben.
Ein weiteres Vorbild für die Aufopferung stellt der Sahabi Abdullah ibn um-Makthum (r.a.) – auch genannt „Der Blinde“ – dar, dessen Beispiel wahrlich einzigartig ist und seinesgleichen sucht. Als dem Prophet (s.a.s.) folgende Ayah geoffenbart wurde und er diese vortrug:
Diejenigen unter den Gläubigen, die daheim bleiben und die, welche für die Sache Allahs ihr Gut und Blut im Kampf einsetzen, sind nicht gleich (…)“ (4:95)
fühlte sich der Sahabi davon angesprochen, obwohl er blind war. Er wusste nämlich, was es bedeutet, sich für den Islam aufzuopfern und welch großartige Belohnung ihn beim Gewaltigen (s.w.t.) erwarten würde. Denn zu jener Zeit war nunmal der Djihad – der bewaffnete Kampf zur Beseitigung der materiellen Hindernisse, die der Verkündung der islamischen Botschaft im Wege stehen – die höchste Art der Aufopferung. Er fragte den Gesandten (s.a.s.) nach seinem Status bzw. ob er genauso von der Ayah angesprochen sei wie ein Sehender. Daraufhin bekam der Prophet (s.a.s.) eine (weitere) Offenbarung, wodurch die Aya geändert wurde:
„Diejenigen unter den Gläubigen, die daheim bleiben – ausgenommen diejenigen, die es nicht vermögen – und die, welche für die Sache Allahs ihr Gut und Blut im Kampf einsetzen, sind nicht gleich. Allah hat die mit ihrem Gut und Blut Kämpfenden über die, die daheim bleiben, im Rang um eine Stufe erhöht. Jeden von beiden aber hat Allah Gutes verheißen; doch die Kämpfenden hat Allah vor den Daheimbleibenden durch großen Lohn ausgezeichnet“(4:95)
Durch die Ergänzung „ausgenommen diejenigen, die es nicht vermögen“ wurde der Sahabi Abdullah ibn um-Makthum (r.a.) vom Djihad befreit. Nach dem Tode des Propheten (s.a.s.) hielt er es jedoch nicht mehr aus und entschloss sich, in den Kampf zu ziehen. Es war das 14. Jahr nach der Hidjra, als sich der (zweite) Kalif Umar (r.a.) entschieden hatte, die Perser anzugreifen und endgültig zu besiegen. Er hatte all jene, die die Fähigkeit besaßen zu kämpfen, zur Teilnahme an dieser gewaltigen Schlacht aufgerufen. Unter den Mujahideen war auch unser Sahabi Abdullah ibn um-Makthum. Als die Armee keine Aufgabe für ihn fand und ihn deshalb nicht mitnehmen wollte, bat er darum, die Fahne des Islam während des Kampfes tragen zu dürfen und versprach, dass er sie lebend nicht fallen lassen würde. Die Schlacht hielt drei Tage an, und die Muslime gingen siegreich aus ihr heraus; die Perser waren vernichtet. Viele ließen in dieser Schlacht ihr Leben, so auch Abdullah ibn um-Makthum, der Blinde.
Sahaba-Geschichten solcher Art gibt es unzählige. Wir sehen, dass jene Eigenschaft, die sämtliche Sahaba kennzeichnete, die Aufopferungsbereitschaft für den Islam ist. Mit dieser Eigenschaft sind sie zu Statthaltern auf Erden geworden und haben sich das Paradies regelrecht erkauft. Heute besteht die Aufopferung, die wir in all unseren Handlungen leisten können, im Einsatz für die Wiedererrichtung des Islamischen Staates. Doch wenn wir unsere Realität betrachten und uns fragen, ob wir uns für den Islam – unsere absolute Schicksalsfrage – gänzlich aufopfern, dann fällt die Antwort wohl eher negativ aus. Wir geben uns meistens mit dem, was wir im Alltag für den Islam tun, zufrieden. Wir tun hier und dort ein bisschen was, und wenn es fruchtet, dann meinen wir, man habe genug getan und alles sei gut. Sodann ziehen wir uns guten Gewissens zurück und widmen uns anderen Dingen im Leben. Und genau hierin liegt ein falsches Verständnis über die Aufopferung vor. Denn beim Einsatz für den Islam geht es nicht um ein gutes Gewissen oder sichtbare Resultate, sondern nur um den absoluten Einsatz für die Da’wa an sich.
Abu Bakrs großartige Spenden waren auch ein Akt der Aufopferung, doch wusste er, dass er noch viel mehr leisten konnte, bis er seine absolute Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft durch die Hidjra bewiesen hatte. Viele Andere – unter ihnen ebenfalls Sahaba – hatten gezögert auszuwandern. Abu Bakr (r.a.) jedoch war einer der ersten Auswanderer und wird dafür im Qur’an erwähnt.
Mus’ab ibn Umair (r.a.) hatte seine Familie, sein Ansehen und Vermögen für den Islam geopfert, doch wusste er, dass er sich damit nicht zufrieden geben durfte; bis er sich schließlich in der Schlacht von Uhud bewies und sein Versprechen gegenüber Allah (s.w.t.) absolut wahr machte und dafür im Qur’an erwähnt wird. Jenes Versprechen, dass er durch die Shahadah bezeugte; dass er nämlich alles – wenn es sein muss, auch sein Leben – für die Sache Allahs opfern würde, sei es ihm lieb oder nicht.
Abdullah ibn um-Makhtum (r.a.) fand sich nicht damit ab, dass wegen ihm eine Ayah ergänzt bzw. geändert wurde und er dadurch rein rechtlich betrachtet vom Djihad befreit war. Trotz seiner Blindheit nahm er an der gewaltigen Schlacht gegen die Perser teil und marschierte als Fahnenträger des Islam gegen sie auf – nur um seine Aufopferungsbereitschaft unter Beweis zu stellen. Und diese hat er wahrlich bewiesen.
All diese Taten der Sahaba (r.a.) verdeutlichen uns, dass die Konzeption der Aufopferung zu den wichtigsten Lebensverständnissen des Islam gehört. Der Muslim soll nicht nur mit rechtlichem Maßstab messen, sprich er soll über die Verpflichtenden Handlungen hinaus seinen Beitrag für den Islam leisten. Denn das Beurteilen von Handlungen und Dingen nach dem rein rechtlichen Aspekt birgt die Gefahr in sich, dass man den bequemeren Weg geht um Mühe und Anstrengung zu vermeiden. Diese Eigenschaft liegt nunmal im Wesen des Menschen. Abullah ibn um- Makthum (r.a.) war rechtlich betrachtet zum Djihad nicht verpflichtet. Doch hat er diese Sache nicht nur rein juristisch sondern vielmehr konzeptionell betrachtet und ist zu dem Schluss gekommen, dass er trotz seiner Blindheit zur Rechenschaft gezogen werden könnte, sollte er sich nicht für die Sache Allahs im Kampf aufopfern. Wir erkennen nun, dass die Bereitschaft zur Aufopferung sowohl eine konzeptionelle als auch Herzensangelegenheit ist. Die Sahaba wussten nämlich, dass Allah (s.w.t.) in ihre Herzen schaut und sie ihn nicht täuschen könnten. Sie waren regelrecht selbst Zeuge darüber, ob und wie viel sie für den Islam zusätzlich leisten konnten.
Und so heißt es in Surah Al-Adiyat weiter, nachdem Allah (s.w.t.) uns mitteilt, dass der Mensch wahrlich undankbar gegenüber seinem Herrn ist:
„und er (selbst) ist darüber wahrlich Zeuge (7). (…)“
D.h., wir sind Zeuge über uns selbst – sowohl im Diesseits als auch im Jenseits – ob wir uns mit dem, was uns Allah (s.w.t.) beschert, für seine Sache mit aller Kraft aufopfernd einsetzten oder nicht.
Und weiter:
„Und er ist in seiner Liebe zum weltlichen wahrlich in Eile (8). (…)“
Im Trachten nach dem Weltlichen, in der Liebe zum Wohlstand und zur Bequemlichkeit befinden wir uns in Eile. In weltlichen bzw. materiellen Angelegenheiten leisten wir unsere äußerste Anstrengung und opfern uns für unser leibliches Wohlbefinden bereitwillig auf. Für die Sache Allahs jedoch tun wir dies nicht. Wir opfern uns nicht gleichermaßen für den Islam auf und setzen uns weder Unannehmlichkeiten noch Gefahren aus, um dem Islam zum Sieg zu verhelfen. Wenn es aber um unsere persönlichen und irdischen Interessen geht, dann ist uns plötzlich keine Anstrengung zu schwer und kein Opfer zu groß. Diese Krankheit der Liebe zum Diesseits lässt in uns die Aufopferungsbereitschaft für die Sache Allahs schwinden.
Der Prophet (s.a.s.) sagt in einem Hadith:
„Es wird eine Zeit kommen, da werden die Kuffar (Nationen) über euch herfallen wie Hunde über ein Stück Fleisch. Die Sahaba (r.a.) fragten: „Werden wir zu dieser Zeit wenige sein, Oh Gesandter Allahs?“ Er antwortete: „Nein, ihr werdet zahlreich sein wie der Schaum am Meer, jedoch bedeutungslos. Allah wird die Angst und die Furcht vor euch aus den Herzen eurer Feinde nehmen und in eure Herzen Schwäche werfen.“ Die Sahaba (r.a.) fragten: „Was wird diese Schwäche in den Herzen der Muslime sein, oh Gesandter Allahs?“ Er sagte: „Die Liebe zum Diesseits, und die Abscheu vor dem Jenseits.“
Das Haupthindernis auf dem Weg zur Aufopferung für den Islam – und dies nehmen wir meist nicht einmal bewusst wahr – ist die Liebe zum Diesseits. Umar (r.a.) kam einmal zum Propheten (s.a.s.) hinein und sah, wie der Prophet (s.a.s.) hauste. Sogleich begann Umar (r.a.) zu weinen. Der Prophet (s.a.s.) fragte ihn, was geschehen sei, worauf Umar antwortete: „Ya Rasulullah, die Könige von Persien und Rom schlafen in Gemächern auf Seide und Brokat. Du bist aber der Liebling Allahs und lebst so bescheiden.“ Der Prophet (s.a.s.) schaute ihn an und sagte: „Ya Umar, bist du nicht damit zufrieden, das Allah ihnen das Diesseits, aber uns das Jenseits geschenkt hat? Bist du nicht damit Zufrieden, Ya Umar?“
Dies Worte des Gesandten an Umar sind ebenso an alle Muslime gerichtet.
Nachdem Allah (s.w.t.) die Undankbarkeit des Menschen aufgedeckt hat, ihn zum Zeugen über sich selbst ernannt und seine persönliche Neigung zum irdischen Glück zutage gebracht hat, lässt Er (s.w.t.) uns nicht einfach so davonkommen sondern zeigt uns die Konsequenz unseres Wirkens auf und gleichzeitig auch die Medizin, mit der wir uns davon heilen können:
Weiß er denn nicht, dass die Gräber durchwühlt werden (9),
und herausgeholt wird, was in den Brüsten ist (10)?
An jenem Tage wird Allah sie am besten kennen (11)
Das heißt, wir haben vergessen, das ein Tag kommen wird, an dem wir für unser Tun zur Rechenschaft gezogen werden; ein Tag, an dem Allah (s.w.t.) in unsere Herzen schaut; ein Tag, an dem es keine Ausrede mehr geben wird und wir begründen müssen, weshalb wir uns nicht für seine Sache aufopferten. Haben wir etwa vergessen, dass das irdische Leben nur eine Prüfung ist und der Kluge sein Glück nicht darin suchen sollte?
Und genau dies ist die Medizin; nämlich das Erinnern an das Jenseits und den Tag der Abrechnung und damit unweigerlich verbunden an den Stellenwert des vergänglichen diesseitigen Lebens. Lasst uns gewissenhaft versuchen, all dies zu verinnerlichen um letztendlich dem Titel des Aufopfernden bei Allah (s.w.t.) gerecht zu werden. Denn nur dann sind wir fähig, unser Versprechen Allah gegenüber wahr zu machen und den herrschenden Weltmächten die Stirn zu bieten; nur dann sind wir in der Lage, die Ehre und die Würde der Ummah wiederherzustellen und zu beschützen – nämlich durch die Wiedererrichtung des Islamischen Staates. Die Sahaba hatten viele edle Eigenschaften, erleuchtete Verständnisse und vorbildliche Charakterzüge. Doch ihr hervorstechendes Merkmal war die Aufopferungsbereitschaft für den Islam, denn sie wussten, welche Bedeutung sie bei Allah (s.w.t.) hat.
Betrachten wir abschließend noch folgenden ehrwürdigen Hadith des Gesandten (s.a.s.): „Das Prophetentum wird unter euch weilen, solange Allah will, dass es weilt. Dann wird Allah es aufheben, wenn Er es aufheben will. Sodann wird ein Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums entstehen. Es wird weilen, solange Allah will, dass es weilt. Dann wird Allah es aufheben, wenn Er es aufheben will. Sodann wird eine bevorrechtete Herrschaft folgen. Sie wird weilen, solange Allah sie weilen lässt. Dann wird Allah sie aufheben, wenn Er sie aufheben will. Sodann wird eine Gewaltherrschaft folgen. Sie wird weilen, solange Allah sie weilen lässt. Dann wird Allah sie aufheben, wenn er sie aufheben will. Sodann folgt ein Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums.“ (überlliefert bei Ahmad)
Im Schlussteil heißt es: „Sodann folgt ein Kalifat, gemäß dem Plan des Prophetentums.“
Dies bedeutet einerseits, dass das Kalifat gemäß der Tariqah bzw. der Methode des Propheten (s.a.s.) von neuem entstehen wird. Andererseits bedeutet dies aber auch, dass die Muslime, die sich an der Wiedererrichtung beteiligen, ebenfalls die Eigenschaften der Gefährten Muhammads (s.a.s.) aufweisen müssen. Und sollten wir jene Eigenschaften der Sahaba nicht in uns tragen – allen Eigenschaften voran die Aufopferungsbereitschaft -, dann wird uns Allah (s.w.t.) womöglich nicht mit dem Kalifat ehren; und womöglich gehören wir im Jenseits nicht zu jenen, die sich an der Errichtung des Kalifats beteiligt hatten, obwohl wir die Ideen in uns tragen. Es reicht nämlich nicht aus, einfach nur Befürworter des Kalifats zu sein. Vielmehr entscheiden die Handlungen gemäß den Verständnissen und Konzeptionen. Vielmehr wird Allah (s.w.t.) eine Generation hervorbringen, die Er liebt und die ihn liebt und die sich gänzlich für seine Sache aufopfert. Er (s.w.t.) wird sie im Diesseits mit dem Islamischen Staat ehren und im Jenseits mit Seinem Paradies. Bitten wir Allah (s.w.t.) darum, uns zu dieser erlauchten Generation gehören zu lassen.