Die islamische Geschichte bietet einen Reichtum an bewegenden Ereignissen, vor allem um den Propheten (s) und seine Gefährten (r) herum, die sich die Muslime immer wieder gerne vor Augen führen.
Die islamische Geschichte bietet einen Reichtum an bewegenden Ereignissen, vor allem um den Propheten (s) und seine Gefährten (r) herum, die sich die Muslime immer wieder gerne vor Augen führen. So manches Drehbuch hat sich von der islamischen Geschichte inspirieren lassen.
Jeder Muslim kennt beispielsweise den Film Muhammad – Der Gesandte Allahs (arab. Ar-Risala) aus dem Jahre 1976. Ein aktuelleres Beispiel ist die Verfilmung der Biographie von Khalid Ibn al-Walid, die während des Fastenmonats täglich auf mehreren arabischen Fernsehsendern über den Bildschirm lief und zahlreiche Zuschauer in der arabischen Welt begeisterte. Unabhängig von der Frage über Sinn oder Unsinn solcher Filme, sollte ernsthaft reflektiert werden, welches Bild vom Islam hier überhaupt vermittelt wird.
Die meisten Muslime kennen die Anfänge der islamischen Geschichte in groben Zügen. Die bekanntesten Begebenheiten sind etwa die Hidschra des Propheten (s) nach Medina, die Schlacht von Badr, die Schlacht von Uhud oder aber die Eröffnung Mekkas und die anschließende Zerstörung der Götzenfiguren in der Kaaba. Vor allem diese Ereignisse werden in den Filmen besonders in Szene gesetzt und ihre Dramatik ausgeschöpft. Ihre Realität und ihre eigentliche Relevanz werden jedoch vollständig ausgeblendet. Um dies zu erkennen, ist es nicht einmal notwendig, sich besonders detailliert in der islamischen Geschichte auszukennen. Es bedarf nur der logischen Schlussfolgerung.
Einer der wichtigsten Momente in der islamischen Geschichte, die Hidschra, wird in einem Film wie Ar-Risala regelrecht verstümmelt. Dem eigentlichen Sinn der Hidschra wird keinerlei Rechnung getragen und dem Zuschauer so ein völlig entstelltes Bild geboten: Die Muslime in Yathrib (Medina) sitzen auf Palmen und spähen nach dem Propheten (s), dessen Ankunft sie kaum erwarten können. Als er schließlich ankommt, gehen ihm die Menschen entgegen und singen das bekannte Ankunftslied, das auch heute noch fast jedes muslimische Kind singen kann. Dieses Bild von der Hischra des Propheten (s) bestimmt inzwischen das Bewusstsein der Muslime.
Völlig ausgeblendet wird jedoch die Tatsache, dass mit der Hidschra ein Wendepunkt in der islamischen Geschichte – genau genommen in der Weltgeschichte – stattgefunden hat, nämlich die Errichtung des islamischen Staates, mit welchem das eigentliche Wirken des Islam begann und die Welt die Existenz des Islam überhaupt erst wahrnahm. Nicht ohne Grund beginnt mit diesem Ereignis die islamische Zeitrechnung, womit man nicht nur den bloßen Ortswechsel des Propheten (s) von Mekka nach Medina kennzeichnet, sondern die Staatsgründung.
Yathrib wurde zu Medina, dem islamischen Staat, der nach nur kurzer Zeit über die Grenzen Medinas hinausging. Warum sonst hätte die Hidschra eine so wichtige Begebenheit darstellen sollen, dass die Muslime das Jahr 622 n. Chr. als das Jahr Null bezeichnen?
Der Gesandte Allahs (s) kam nicht nur als Prophet in Medina an, sondern als Staatsmann, der vor seiner Hidschra viele politisch notwendige Vorbereitungen traf, bis er nach Medina aufbrach, denn seine Ankunft dort war unweigerlich an die Staatsgründung gebunden. So hat er zunächst Muscab ibn cUmair nach Medina entsandt, um die Gesellschaft dort auf den Islam vorzubereiten und die Ideen des Islam in der Gesellschaft zu verbreiten. Vor dem Aufbruch des Propheten (s) musste gewährleistet sein, dass die Gesellschaft in Medina islamische Ideen vertrat und islamisch fühlte. Sonst wäre dem Gesandten Allahs (s) dieselbe Feindschaft entgegengetreten wie in Mekka, wo die Menschen hartnäckig am Götzentum festhielten und sich dem Islam gegenüber irrational verschlossen. Zudem ging der Hidschra die zweite Baica von Aqaba voraus, bei welcher die Muslime aus Medina dem Gesandten Allahs (s) als Staatsoberhaupt den Eid leisteten, denn an seine Prophetenschaft glaubten sie bereits und brauchten ihm hierfür kein Gelübde mehr abzugeben.
Der islamische Staat wird in Filmen wie Al-Risala oder in sonstigen Darstellungen von Teilen der Sira grundsätzlich vernachlässigt. Man assoziiert die Hidschra mit einem bestimmten Lied oder mit der Flucht vor Verfolgung, nicht aber mit der Gründung des islamischen Staates, der mehr als 1300 Jahre lang existierte und tiefe Spuren in der Welt hinterlassen hat. Dies liegt natürlich im Interesse der Politik in der islamischen wie in der nichtislamischen Welt. Dass die Nichtmuslime sich auch heute noch vor einem Kalifat und vor denen, die darauf hinarbeiten, fürchten und seine Wiedererrichtung zu unterbinden versuchen, bestätigt die bis in die Gegenwart anhaltende Wirkung dieses Staates, dessen Grundstein der Gesandte Allahs (s) persönlich legte, als er nach Medina auszog.
Der Regisseur Mustafa Akkad prägte durch seinen Film Al-Risala – absichtlich oder unabsichtlich – jedoch ein falsches Bild von der Sira des Propheten (s).Bereits mit der ersten Szene von Al-Risala sollte bei tiefgründiger Betrachtung klar sein, dass der islamische Staat das Geschehen bestimmt, auch wenn sich der Film der expliziten Darstellung des Kalifats entzieht. Drei Männer reiten durch die Wüste; sie trennen sich, und jeder von ihnen trägt die Botschaft des Islam zu einem der großen Herrscher – dem byzantinischen, dem ägyptischen und dem persischen. Die Männer sind Boten des islamischen Staates, der die Aufgabe hat, weltweit zum Islam einzuladen. Nicht die Muslime als Individuen, sondern der Staat als politisches Gebilde nahm Kontakt zu anderen Reichen und Herrschern auf. Dass es sich hier auch um einen politischen Akt handelte und die Stärke des Islam, der nun an die großen Herrscher herangetragen werden konnte, das Ergebnis der Stärke des Staates war, geht aus dem Film nicht hervor.
Nicht anders verhält es sich mit der Serie Khalid ibn ul-Walid, in der sich ein Kampf an den nächsten reiht und die Zeit hauptsächlich mit Khalids militärischen Unternehmungen ausgefüllt wird. Vor allem die islamische Armee kommt hier zur Geltung. Dass in der Realität aber hinter dieser Armee eine staatliche Macht des Islam stand, wird im Film nicht zum Ausdruck gebracht. Khalid (r) unternahm seine Feldzüge nicht aus einer Eigeninitiative heraus, sondern handelte auf Befehl des Kalifen, wie auch die gesamte Armee dem Kalifen unterstand.
Jeder große Feldherr hat einen Staat hinter sich, und bei Khalid ibn al-Walid (r) verhielt es sich nicht anders. So wurde ihm beispielsweise vom Kalifen Abu Bakr (r) der Oberbefehl für den irakischen Feldzug übertragen. Wenn er Siege davontrug, so hieß das, dass er zur Erweiterung des Kalifats beitrug. Seine Aufgabe bestand darin, eine Armee zu führen, die Gebiete eröffnen und unter islamische Herrschaft stellen sollte.
Ein Heerführer wie Khalid (r) war eine Stütze des noch jungen islamischen Staates. Seine militärischen Erfolge waren militärische Erfolge des Kalifats und können nicht davon losgelöst werden. Was er als Heerführer tat, geschah somit im Namen des islamischen Staates und nicht in seinem eigenen Namen. Die Serie Khalid ibn al-Walid blendet jedoch den wichtigsten Aspekt, die Staatsmacht des Islam, völlig aus, um die Menschen nicht an die Pflicht des Kalifats als Staatsform zu erinnern. Der Zusammenhang zwischen Staat und militärischer Macht wurde gekappt. Khalid (r) hätte genau genommen ohne das Kalifat gar keine islamische Armee zur Verfügung gehabt. Nur das Kalifat ermöglichte ihm seine Karriere als Feldherr. Was er war, war er ausschließlich durch den islamischen Staat und nicht durch die bloße Konversion zum Islam.
Nicht sein Übertritt zum Islam war historisch, sondern sein Wirken für den Staat. Der gesamte Kontext wird im Grunde unterschlagen, in welchem Khalids Biographie eingebettet ist. Das Kalifat, in dessen Diensten Khalid (r) stand, macht die islamische Geschichte überhaupt erst aus. Nur deshalb waren die Erfolge Khalids (r) von solch weittragender Bedeutung, denn durch ihn wuchs das Kalifat und konnte der Islam immer mehr Menschen erreichen. Ohne den Staat im Rücken hätte sich das Wissen um seine Heldentaten nicht bis heute bewahrt, weil diese ohne einen Staat keine politische Relevanz gehabt hätten. Khalid (r) wäre dann nur der Held einiger Schlachten gewesen, nicht aber eine der größten Stützen des Kalifats in seiner Anfangszeit.
Die islamische Geschichte kann nicht abgeschnitten vom Kalifat betrachtet werden. Das Kalifat ist die Geschichte der Muslime, und zwar über 1300 Jahre lang. Wer einen Teil der islamischen Geschichte in irgendeiner Form darstellen will, kommt nicht umhin, das Kalifat darzustellen, will man die historischen Fakten nicht verfälschen. Ansonsten müsste man sich auf die Zeit vor der Hidschra beschränken, denn alles, was danach kommt, steht vor dem Hintergrund des islamischen Staates.
Jede Begeisterung für die einstmalige Stärke der Muslime und ihre Verherrlichung sollte zu der Einsicht führen, dass sie durch die Existenz des Kalifats bedingt wurde. Verschweigt man jedoch diese Seite der islamischen Geschichte, bleiben die Erfolge der Muslime in der Vergangenheit ein unbegreifliches Mysterium und unwiederholbar.