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Westliche Konzeptionen Die Heuchelei der westlichen Erinnerungskultur

Am 11. September 2026 jährte sich der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center zum fünfundzwanzigsten Mal. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen und dennoch besitzt dieses Datum im kollektiven Gedächtnis eine außerordentliche Präsenz. Die Bilder der einstürzenden Türme, des Rauchs und der verzweifelten Menschen sind längst mehr als bloße Dokumente eines vergangenen Tages. Sie haben sich zu politischen Symbolen verdichtet, an denen sich eine gesamte Epoche kondensiert und durch die bis heute maßgeblich bestimmt wird, wie gewisse Ereignisse wahrgenommen und eingeordnet werden.

Die westliche Erinnerungskultur stellt dabei keineswegs eine neutrale historische Rekonstruktion der Vergangenheit dar. Sie ist vielmehr von Auswahl, Gewichtung und hierarchischer Ordnung geprägt. Sie entscheidet darüber, welche Ereignisse kontinuierlich reproduziert, welche Bilder tradiert, welche Opfer sichtbar gemacht und welche Geschehnisse an den Rand des kollektiven Bewusstseins gedrängt werden. Was regelmäßig erinnert wird, gewinnt Dauer, gesellschaftliche Präsenz und politische Relevanz. Was kaum Erwähnung findet, verliert eben diese. Auf diese Weise ordnet die westliche Erinnerungskultur die Vergangenheit so an, dass aus ihr ein bestimmtes Verständnis der Gegenwart hervorgehen soll. Sie beeinflusst, welche historischen Zusammenhänge als selbstverständlich erscheinen und welche politischen Handlungen als notwendig, legitim und gesellschaftlich akzeptabel gelten.

In den Jahren 1904 bis 1908 fielen dem deutschen Völkermord an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika 75 bis 80 Prozent der damaligen Herero-Bevölkerung sowie ungefähr 50 Prozent der damaligen Nama-Bevölkerung zum Opfer. Insgesamt wurden etwa 100.000 Menschen getötet. Am 6. und 9. August 1945 wurden Hiroshima und Nagasaki durch amerikanische Atombomben zerstört. Bis zum Ende desselben Jahres starben dort schätzungsweise 210.000 Menschen. Auch der Algerienkrieg, die britische Gewalt im kolonialen Kenia, die italienische Kolonialherrschaft in Libyen und der Vietnamkrieg gehören zu einer Geschichte westlicher Hegemonial- und Kolonialpolitik, in deren Verlauf unzählige Menschen getötet, vertrieben oder ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden. Keines dieser Ereignisse besitzt jedoch eine vergleichbare Stellung innerhalb der westlichen Erinnerungskultur. Gerade in dieser punktuellen Gewichtung offenbart sich ihre heuchlerische Selektivität. Während bestimmte Ereignisse dauerhaft als historische und moralische Bezugspunkte reproduziert werden, geraten andere Formen westlicher Gewalt weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein. Darin liegen die Heuchelei und die politische Instrumentalisierung der Erinnerung.

Der 11. September 2001 gilt dabei als politisches Schlüsseldatum. Seine historische Bedeutung erschöpft sich keineswegs in den Ereignissen dieses Tages. Der Anschlag wird vielmehr zum Ausgangspunkt einer neuen Ära amerikanischer und europäischer Außen- und Sicherheitspolitik. Der Begriff des „War on Terror“ etabliert sich als ideologischer Deutungs- und Legitimationsrahmen, innerhalb dessen militärische Interventionen, Geheimdienstoperationen und weitreichende sicherheitspolitische Maßnahmen legitimiert werden. Dabei wird der 11. September zunehmend dekontextualisiert: Der konkrete Anschlag wird aus seinen historischen, politischen und geopolitischen Zusammenhängen herausgelöst und in ein vereinfachtes Narrativ eines grundsätzlichen Gegensatzes zwischen einer vermeintlich bedrohten westlichen Welt und einem als islamistisch definierten Feindbild eingeordnet. Das zugrunde liegende Narrativ folgt dabei wiederholt einer ähnlichen Struktur: Am 11. September habe ein „islamistisch“ motivierter Angriff die westliche Welt getroffen. Nicht lediglich amerikanische Bürger seien angegriffen worden, sondern die westlichen Werte selbst. Nicht lediglich New York und Washington seien zum Ziel geworden, sondern Freiheit, Demokratie und die gesamte westliche Lebensordnung.

Damit wird aus einem konkreten Anschlag ein symbolischer Angriff auf einen gesamten politischen und kulturellen Raum. Der „War on Terror“ beginnt. Als Deckmantel für einen gegen die islamische Welt gerichteten politischen und militärischen Kurs, durch den die Terrorismusbekämpfung als politische Rechtfertigung für eine umfassendere Agenda gegenüber der islamischen Welt und der muslimischen Umma eingesetzt wird. Am 7. Oktober 2001 fallen die USA in Afghanistan ein. Am 5. Februar 2003 präsentiert US-Außenminister Colin Powell dem UN-Sicherheitsrat Geheimdienstinformationen, mit denen die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen begründet wird. Am 20. März beginnt die Invasion. Die behaupteten Waffenbestände werden nie gefunden. Wesentliche Teile der damaligen Geheimdienstbewertungen erweisen sich später als falsch und erfunden. Die Zahl der Opfer der Post-9/11-Kriege ist enorm. Das Costs-of-War-Projekt der Brown University schätzt für die untersuchten Kriegsgebiete Millionen direkte und indirekte Tote und weist zugleich darauf hin, dass eine exakte Zahl aufgrund methodischer Schwierigkeiten nicht feststellbar ist. Das Ausmaß des Leids ist damit nicht einmal vollständig quantifizierbar. Dennoch besitzen diese Opfer keine vergleichbare Stellung in der westlichen Erinnerungskultur. Ihre Anzahl, ihr Leid und ihr Blut werden relativiert.

Genau an diesem Punkt tritt der eigentliche Mechanismus der politischen Instrumentalisierung von Erinnerung hervor: Ein Ereignis wird zunächst als Angriff auf die westliche Welt und ihre Werte gedeutet und anschließend durch die Erinnerungskultur dekontextualisiert. Aus dieser Deutung erwächst die Legitimation eines umfassenden politischen und militärischen Vorgehens, das wiederum über Jahre hinweg mit dem ursprünglichen Anschlag verknüpft wird. Auf diese Weise entsteht eine politische Kette, innerhalb derer der 11. September nicht mehr ausschließlich für die beinahe 3.000 Menschen steht, die an diesem Tag getötet wurden, sondern zugleich für den gesamten „Krieg gegen den Terror“, seine militärischen Interventionen und schließlich auch für die dauerhafte Konstruktion des Islam als sicherheitspolitisches Feindbild. Der Anschlag liefert dabei die moralische Begründung, während die heuchlerisch selektive Erinnerung diese Begründung über Jahrzehnte hinweg präsent hält. Das daraus hervorgegangene Bedrohungsbild kann schließlich auf eine wesentlich größere Gruppe übertragen werden. Die Taten Einzelner werden nicht mehr ausschließlich den konkreten Tätern zugerechnet, sondern in der öffentlichen Wahrnehmung auf Muslime als Kollektiv projiziert. So wird aus individueller Schuld eine kollektiv zugeschriebene Verdachtsstruktur gegenüber der muslimischen Umma. Zugleich wird damit eine politische Wahrnehmung der Umma durch die Brille eines westlich konstruierten Feindbildes etabliert.

Die Folgen sind für große Teile der islamischen Welt verheerend. Nicht nur Menschen werden getötet und vertrieben. Ganze Gesellschaften werden über Jahrzehnte hinweg durch Krieg, Instabilität und zerstörte Infrastruktur geprägt. Parallel dazu verändert sich auch die Wahrnehmung von Muslimen innerhalb westlicher Gesellschaften. Die Europäische Grundrechteagentur stellt in ihrer bislang jüngsten großen Erhebung fest, dass 47 Prozent der befragten Muslime in 13 EU-Staaten innerhalb der vorangegangenen fünf Jahre rassistische Diskriminierung erlebt hatten. In Deutschland lag dieser Anteil bei 68 Prozent. Auch Diskriminierung im Arbeits- und Wohnbereich sowie rassistische Belästigungen sind laut dieser Untersuchung weit verbreitet.

Damit endet der „War on Terror“ nicht dort, wo militärische Operationen enden. Seine Folgen reichen weit in das gesellschaftliche Bewusstsein hinein. Der Muslim wird bis heute allzu leicht nicht ausschließlich als Individuum wahrgenommen, sondern zugleich unter dem Schatten einer politischen Erzählung betrachtet, die ihn mit Radikalisierung, Terrorismus und Sicherheitsbedrohung verbindet.