Wie lässt sich nun miteinander vereinbaren, dass das Gute wie auch das Schlechte von Allah stammt, wie es der erste Vers darlegt, während der zweite Vers erklärt, dass (allein) das Gute von Allah kommt, das Schlechte hingegen von einem selbst?
Im Namen Allahs, des Erbarmungsvollen, des Barmherzigen
Aus der Serie der Antworten von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta, des amīrs von Hizb-ut-Tahrir,
auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite / Rubrik fiqhī.
Antwort auf eine Frage
Das Konzept von Gutem (ḥasana) und Schlechtem (saiyiʾa)
in den Versen 78 und 79 von Sure an-Nisāʾ (4)
An Mahmoud Sinoqrot
Frage:
Im Namen Allahs, des Erbarmungsvollen, des Barmherzigen
Gepriesen sei Allah, der Herr der Welten. Friede und Segen auf den Gesandten Allahs, auf seine Familie, seine Gefährten und alle, die sich ihm angeschlossen haben. As-salāmu ʿalaikum wa raḥmatullāhi wa barakātuh. Möge Allah Euch bewahren und behüten, unser verehrter Scheich, Euch noch mehr von Seiner Huld zuteilwerden lassen und Euch zu dem führen, was Er liebt und womit Er zufrieden ist. Wir bitten Ihn, den Erhabenen, uns bald Sieg und Ermächtigung zu gewähren und beides in allernächster Zukunft durch Eure Hand Wirklichkeit werden zu lassen. Wahrlich, Er ist der Schutzherr darüber und hat die Macht dazu.
Der Erhabene sagt in Seinem edlen Buch in den Versen 78 und 79 der Sure an-Nisāʾ:
﴿أَيْنَمَا تَكُونُوا يُدْرِكْكُمُ الْمَوْتُ وَلَوْ كُنْتُمْ فِي بُرُوجٍ مُشَيَّدَةٍ وَإِنْ تُصِبْهُمْ حَسَنَةٌ يَقُولُوا هَذِهِ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ وَإِنْ تُصِبْهُمْ سَيِّئَةٌ يَقُولُوا هَذِهِ مِنْ عِنْدِكَ قُلْ كُلٌّ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ فَمَالِ هَؤُلَاءِ الْقَوْمِ لَا يَكَادُونَ يَفْقَهُونَ حَدِيثاً * مَا أَصَابَكَ مِنْ حَسَنَةٍ فَمِنَ اللَّهِ وَمَا أَصَابَكَ مِنْ سَيِّئَةٍ فَمِنْ نَفْسِكَ وَأَرْسَلْنَاكَ لِلنَّاسِ رَسُولاً وَكَفَى بِاللَّهِ شَهِيداً﴾
Wo immer ihr auch sein mögt – der Tod wird euch ereilen, selbst wenn ihr euch in fest gefügten Burgen befändet. Und wenn ihnen etwas Gutes widerfährt, dann sagen sie: „Das ist von Allah.“ Widerfährt ihnen jedoch etwas Schlechtes, dann sagen sie: „Das kommt von dir.“ Sprich: Alles kommt von Allah. Was ist mit diesen Leuten, dass sie kaum eine Aussage begreifen? Was dich an Gutem trifft, ist von Allah; und was dich an Schlechtem trifft, ist von dir selbst. Und Wir haben dich an die Menschen als Gesandten entsandt, und Allah ist als Zeuge genug.[4:78-79]
Wie lässt sich nun miteinander vereinbaren, dass das Gute wie auch das Schlechte von Allah stammt, wie es der erste Vers darlegt, während der zweite Vers erklärt, dass (allein) das Gute von Allah kommt, das Schlechte hingegen von einem selbst? Dies umso mehr, als der erste Vers jene tadelt, die über das Schlechte sagten: „Das kommt von dir“, worauf am Ende des Verses die Worte folgen: Was ist mit diesen Leuten, dass sie kaum eine Aussage begreifen? Ich bitte Euch um eine ausführliche Erläuterung dieser Frage. Denn obwohl ich mir einige Vorträge zeitgenössischer Gelehrter zu diesem Thema angesehen habe, fand ich darin nicht die Erklärung, nach der ich suche. Ihre Ausführungen blieben zumeist allgemein und zusammenfassend, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Möge Allah Euch hierfür reichlich belohnen.
Antwort:
Wa ʿalaikum as-salām wa raḥmatullāhi wa barakātuh!
Erstens: Bruder, Gegenstand deiner Frage sind die Worte des Erhabenen in den beiden edlen Versen:
Dem ersten:
﴿وَإِنْ تُصِبْهُمْ حَسَنَةٌ يَقُولُوا هَذِهِ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ وَإِنْ تُصِبْهُمْ سَيِّئَةٌ يَقُولُوا هَذِهِ مِنْ عِنْدِكَ قُلْ كُلٌّ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ فَمَالِ هَؤُلَاءِ الْقَوْمِ لَا يَكَادُونَ يَفْقَهُونَ حَدِيثاً﴾
Wo immer ihr auch sein mögt – der Tod wird euch ereilen, selbst wenn ihr euch in fest gefügten Burgen befändet. Und wenn ihnen etwas Gutes widerfährt, dann sagen sie: „Das ist von Allah.“ Widerfährt ihnen jedoch etwas Schlechtes, dann sagen sie: „Das kommt von dir.“ Sprich: Alles kommt von Allah. Was ist mit diesen Leuten, dass sie kaum eine Aussage begreifen?[4:78]
Und dem zweiten:
﴿مَا أَصَابَكَ مِنْ حَسَنَةٍ فَمِنَ اللَّهِ وَمَا أَصَابَكَ مِنْ سَيِّئَةٍ فَمِنْ نَفْسِكَ وَأَرْسَلْنَاكَ لِلنَّاسِ رَسُولاً وَكَفَى بِاللَّهِ شَهِيداً﴾
Was dich an Gutem trifft, ist von Allah; und was dich an Schlechtem trifft, ist von dir selbst. Und Wir haben dich an die Menschen als Gesandten entsandt, und Allah ist als Zeuge genug.[4:79]
Der erste Vers wurde hinsichtlich der Juden und Heuchler offenbart. Denn als der Gesandte Allahs ﷺ nach Medina kam, sagten sie: „Seit dieser Mann und seine Gefährten zu uns gekommen sind, stellen wir einen Rückgang der Erträge unserer Felder und Obstgärten fest.“ So schrieben sie den Ernteausfall und die Dürre – die sie als „Schlechtes“ bezeichneten – dem Gesandten Allahs ﷺ zu. Trat hingegen Fruchtbarkeit und reicher Ertrag bei den Feldern und Obstgärten ein – was sie als „Gutes“ bezeichneten –, schrieben sie dies Allah zu und sagten: „Das kommt von Allah.“ Daraufhin offenbarte Allah den edlen Vers, um klarzustellen, dass sowohl jede Fruchtbarkeit und jeder reiche Ertrag als auch jede Dürre und jeder Ernteausfall, die Felder und Obstgärten treffen, allesamt von Allah stammen. Sodann legte Allah ihre Ignoranz offen, indem Er, gepriesen sei Er, sagte:
﴿فَمَالِ هَؤُلَاءِ الْقَوْمِ لَا يَكَادُونَ يَفْقَهُونَ حَدِيثاً﴾
Was ist mit diesen Leuten, dass sie kaum eine Aussage begreifen?[4:78]
Der zweite Vers hingegen bezieht sich auf die Taten der Menschen. Verrichtet jemand eine gute Tat und erfährt daraufhin Gutes, Segen und Erfolg, so soll er Allah, den Erhabenen, dafür lobpreisen; denn dies ist Ausdruck Seiner Huld und Großzügigkeit ihm gegenüber. Begeht er jedoch eine schlechte Tat und erfährt infolgedessen Leid oder wird von einem Unglück (Schlechtes) getroffen, so soll ihm bewusst sein, dass dies auf sein eigenes Fehlverhalten zurückzuführen ist. Der Erhabene sagt an anderer Stelle:
﴿وَمَا أَصَابَكُمْ مِنْ مُصِيبَةٍ فَبِمَا كَسَبَتْ أَيْدِيكُمْ وَيَعْفُو عَنْ كَثِيرٍ﴾
Was immer euch an Unglück trifft, wird euch durch das beschieden, was eure Hände erworben haben; und vieles vergibt Er.[42:30]
Und darin liegt eine tiefgründige Weisheit. So hat Allah, der Allmächtige und Allweise, den Sachverhalt im zweiten Vers verdeutlicht, um die Einflüsterungen des Satans aus den Herzen der Gläubigen zu vertreiben. Denn der erste Vers bringt zum Ausdruck, dass sowohl Fruchtbarkeit und Wohlstand als auch Dürre und Missernte von Allah, dem Erhabenen, stammen. Daraus könnte der Satan den Menschen einflüstern, sie hätten hinsichtlich ihrer guten oder schlechten Taten keine Wahl, sondern seien zu ihnen gezwungen, da sowohl ihre guten als auch ihre schlechten Handlungen von Allah stammten und sie deshalb dafür nicht zur Rechenschaft gezogen würden. Deshalb offenbarte Allah den zweiten Vers, um klarzustellen, dass der Mensch für die Taten, die er aus freiem Willen vollbringt, selbst verantwortlich ist. Verrichtet er Gutes und wird ihm deshalb Gutes im Diesseits oder Jenseits zuteil, so ist dies eine Gunst und Huld Allahs, des Erhabenen. Begeht er hingegen Schlechtes und wird deshalb im Diesseits oder Jenseits von einem Unglück oder einer Strafe getroffen, so geschieht dies aufgrund des Übels, das er selbst begangen hat.
Auf diese Weise fügt sich alles widerspruchsfrei zusammen: Fruchtbarkeit und Dürre – das heißt die Versorgung (rizq) – stammen allesamt von Allah, dem Erhabenen, gleichviel, ob die Versorgung gering oder reichlich ausfällt. Was den Menschen hingegen infolge einer Tat trifft, die er aus freiem Willen vollbracht hat, so gilt: Wird ihm deshalb Gutes zuteil und wird er dafür im Diesseits oder im Jenseits belohnt, so ist dies eine Huld, Großzügigkeit und Barmherzigkeit Allahs, die ihm widerfährt – das Gute stammt also von Allah. Trifft ihn hingegen etwas Schlechtes, etwa eine Strafe im Diesseits oder im Jenseits, so geschieht dies aufgrund des Übels, das er aus eigenem Antrieb begangen hat – das Schlechte stammt also von ihm selbst.
Zweitens: Zur weiteren Verdeutlichung gebe ich dir nachstehend wieder, was in einigen Koranexegesen zu den beiden edlen Versen ausgeführt wird:
1. Im tafsīr von Ibn Kaṯīr wird erwähnt:
[Sodann sagt der Erhabene: Was dich an Gutem trifft, ist von Allah, das heißt: Es ist Ausdruck der Huld, Gnade, Milde und Barmherzigkeit Allahs. Und was dich an Schlechtem trifft, ist von dir selbst, das heißt: Es geht von dir aus und ist auf dein eigenes Tun zurückzuführen. So sagt der Erhabene: Und was immer euch an Unglück trifft, wird euch durch das beschieden, was eure Hände erworben haben; und vieles vergibt Er. (42:30) As-Suddī, al-Ḥasan al-Baṣrī, Ibn Ǧuraiǧ und Ibn Zaid erklärten die Worte von dir selbst mit: „aufgrund deiner Sünde“.
Und Qatāda sagte zu den Worten Allahs: Was dich an Gutem trifft, ist von Allah; und was dich an Schlechtem trifft, ist von dir selbst: „O Sohn Adams, es ist eine Strafe aufgrund deiner Sünde.“ Ferner erklärte er: Uns wurde berichtet, dass der Prophet Allahs ﷺ zu sagen pflegte:
»لا يصيب رجلا خَدْش عود، ولا عثرة قدم، ولا اختلاج عِرْق، إلا بذنب، وما يعفو الله أكثر«
Keinen Menschen trifft der Kratzer eines Zweiges, das Straucheln eines Fußes oder das Zucken einer Ader, außer aufgrund einer Sünde; und was Allah vergibt, ist weitaus mehr.
Diese von Qatāda als mursal tradierte Aussage wird im Ṣaḥīḥ auch mit vollständig geschlossener Überliefererkette wiedergegeben:
»والذي نفسي بيده، لا يصيب المؤمن هَمٌّ ولا حَزَنٌ، ولا نَصَبٌ، حتى الشوكة يشاكها إلا كَفَّر الله عنه بها من خطاياه«
Bei Dem, in Dessen Hand meine Seele liegt: Den Gläubigen treffen weder Sorge noch Trauer noch Erschöpfung, nicht einmal der Stich eines Dorns, ohne dass Allah ihm dadurch einen Teil seiner Sünden tilgt.]
2. In der Exegese al-Qurṭubīs heißt es [Sure an-Nisāʾ 4, Vers 78]:
﴿أَيْنَما تَكُونُوا يُدْرِكْكُمُ الْمَوْتُ وَلَوْ كُنْتُمْ فِي بُرُوجٍ مُشَيَّدَةٍ وَإِنْ تُصِبْهُمْ حَسَنَةٌ يَقُولُوا هذِهِ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ وَإِنْ تُصِبْهُمْ سَيِّئَةٌ يَقُولُوا هذِهِ مِنْ عِنْدِكَ قُلْ كُلٌّ مِنْ عِنْدِ اللَّهِ فَمالِ هؤُلاءِ الْقَوْمِ لَا يَكادُونَ يَفْقَهُونَ حَدِيثاً﴾
[Wo immer ihr auch sein mögt – der Tod wird euch ereilen, selbst wenn ihr euch in fest gefügten Burgen befändet. Und wenn ihnen etwas Gutes widerfährt, dann sagen sie: „Das ist von Allah.“ Widerfährt ihnen jedoch etwas Schlechtes, dann sagen sie: „Das kommt von dir.“ Sprich: Alles kommt von Allah. Was ist mit diesen Leuten, dass sie kaum eine Aussage begreifen?[4:78]
Zu den Worten des Erhabenen: Und wenn ihnen etwas Gutes widerfährt, sagen sie: „Das ist von Allah.“ Das bedeutet: Wenn den Heuchlern Fruchtbarkeit und reicher Ertrag zuteilwerden, sagen sie: „Das kommt von Allah.“ Widerfährt ihnen jedoch etwas Schlechtes, also Dürre und Trockenheit, so sagen sie: „Das kommt von dir.“, und meinen damit: „Dies hat uns aufgrund eines bösen Vorzeichens getroffen, das von dir und deinen Gefährten ausgeht.“
Der Vers wurde hinsichtlich der Juden und Heuchler offenbart. Denn als der Gesandte Allahs ﷺ zu ihnen nach Medina kam, sagten sie: „Seit dieser Mann und seine Gefährten zu uns gekommen sind, stellen wir einen Rückgang der Erträge unserer Obstgärten und Felder fest.“ Ibn ʿAbbās erklärte die Worte „Das kommt von dir“ mit: „aufgrund deiner schlechten Führung“. Nach einer anderen Erklärung bedeuten sie, wie bereits erwähnt: „aufgrund des bösen Vorzeichens, das von dir ausgeht“, das heißt aufgrund des Unheils, das uns durch dich ereilt hat. Sie äußerten dies aus abergläubischer Unheilsdeutung. Daraufhin sagt der Erhabene: Sprich: Alles kommt von Allah, das heißt: Bedrängnis und Wohlergehen, Sieg und Niederlage kommen von Allah, mit anderen Worten: aufgrund Seiner Bestimmung und Vorsehung. Was ist mit diesen Leuten, gemeint sind die Heuchler, dass sie kaum eine Aussage begreifen? – Im Sinne von: Was ist mit ihnen, dass sie nicht begreifen, dass all dies von Allah kommt?
Ich hoffe, dass diese Erläuterungen ausreichend sind. Allein Allah weiß es am besten und ist der Weiseste.
Euer Bruder ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta
04. Ṣafar al-Ḫair 1448 n. H.
18.07.2026 n. Chr.