Das Menschenbild, das jemand verinnerlicht hat, hängt von seiner Ideologie ab. Sowohl das widersprüchliche westliche als auch das konstante islamische Menschenbild spiegelt die Ideologie wider, aus der es hervorgegangen ist. Ersteres basiert auf dem Kapitalismus, Letzteres auf dem Islam. Die Frage, welches Menschenbild das richtige ist, kann somit nur über die Frage geklärt werden, welche Ideologie richtig ist.
Die Vorstellung, die der Westen heute vom Menschen hat, ist das Ergebnis einer historischen und politischen Entwicklung sowie einer langen philosophischen Auseinandersetzung, die bis in die Antike zurückreicht. Dabei ging es nicht nur um die Frage, was der Mensch von Natur aus ist, sondern auch, wer als vollwertiger Mensch gilt. Als Meilenstein wird die Aufklärung betrachtet, die die Gleichheit aller Menschen betonte und das vernunftbegabte, selbstbestimmte Individuum in den Fokus rückte. Die zentrale Aussage der Aufklärung lautet, dass alle Menschen von Natur aus gleich seien und universelle unveräußerliche Rechte besäßen, wozu das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum gehört.
Der Westen beruft sich noch immer auf das Menschenbild der Aufklärung und hat damit zwangsläufig die Widersprüche dieses Menschenbildes mit übernommen. Entgegen den Parolen von Gleichheit und Brüderlichkeit haben die Aufklärer die Menschen nämlich nie als gleich oder gleichwertig betrachtet – allen voran die Ikone der Aufklärungsphilosophie Immanuel Kant. Mit seiner Rassenlehre wollte er vielmehr eine Ungleichheit der Menschen „wissenschaftlich“ fundieren. Überhaupt ist die Aufklärung jene Epoche, in der die ersten pseudowissenschaftlichen Rassenlehren entstanden sind. Rassismus ist Teil des aufklärerischen Menschenbildes und steht in absolutem Widerspruch zum Gleichheitspostulat der Aufklärung. Dieser Widerspruch haftet dem heutigen westlichen Menschenbild an und kommt z. B. in der Migrationspolitik westlicher Staaten zum Ausdruck. Wenn der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz das Stadtbild wegen des Migrantenanteils kritisiert oder der US-amerikanische Präsident Donald Trump Jagd auf Migranten macht, so zeugt das von einem Menschenbild der Ungleichheit und Menschenverachtung, genau wie das euphorische Skandieren der Parole „Send them back“ aus den Mündern von EU-Abgeordneten, nachdem das EU-Parlament der Errichtung von Abschiebezentren in Drittstaaten zugestimmt hat. Beim Aspekt der Wertigkeit klaffen Theorie und Praxis Lichtjahre auseinander. Die Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller Menschen ist also lediglich fingiert, während in der politischen und gesellschaftlichen Realität eine Ungleichbehandlung und -bewertung der Menschen stattfindet, die selbst im internationalen Sport zu finden ist. So sagte der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler Bastian Schweinsteiger in seiner Rolle als Kommentator während des WM-Spiels der Deutschen gegen die Elfenbeinküste über die ivorische Fußballmannschaft: „Ein bisschen afrikanischer Fußball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, so ein bisschen wild ist, vielleicht manchmal auch nicht ganz so von der Taktik geprägt ist.“ Mit diesem Kommentar machte Schweinsteiger eins deutlich: Noch immer werden Afrikaner als Wilde betrachtet, deren Niveau nicht an das westliche heranreicht. Das westliche Menschenbild ist eben auch ein koloniales Menschenbild der Zeit der Aufklärung und wird es immer bleiben.
Spätestens mit dem Ukraine- und dem Gazakrieg ist die Lüge von der Gleichheit der Menschen und den universellen Menschenrechten aufgeflogen. Beide Kriege bieten der Weltöffentlichkeit den direkten Vergleich und entlarven die Doppelmoral des westlichen Menschenbildes. Zunächst einmal legte der Ukrainekrieg im Jahr 2022 die Verlogenheit westlicher Werte und den Rassismus offen, als es um die Flüchtlinge ging. Es wurde ganz unverhohlen zwischen europäischen und nichteuropäischen Flüchtlingen differenziert und betont, dass die Ukrainer kulturell „wie wir“ seien, so dass sie privilegiert behandelt wurden. Während Europa seit Jahren nichteuropäische Flüchtlinge im Meer ertrinken oder in unmenschlichen Lagern vegetieren lässt, aktivierten die EU-Innenminister direkt nach Ausbruch des Ukrainekrieges erstmals in der Geschichte die Massenzustrom-Richtlinie, die es ukrainischen Flüchtlingen ermöglichte, ohne Asylverfahren einzureisen und Zugang zu Arbeit, Bildung, Sozialleistungen und medizinischer Versorgung zu erhalten. Die Richtlinie galt ausschließlich für Flüchtlinge aus der Ukraine. Sie mussten zudem keine lebensgefährlichen Fluchtwege auf sich nehmen, sondern wurden zusammen mit ihren Haustieren teilweise mit Bussen abgeholt und in Sicherheit gebracht, während gleichzeitig die toten Körper ertrunkener nichteuropäischer Flüchtlinge an europäische Strände gespült wurden.
Endgültig an die Oberfläche trat das wahre westliche Menschenbild mit dem Genozid in Gaza, den Europa und die USA finanzieren und mit Waffen unterstützen. Obwohl kein Zweifel daran besteht, dass „Israel“ seit 2023 einen Völkermord in Gaza begeht und seine Kriegsverbrechen auf den Libanon und den Iran ausgeweitet hat, werden keinerlei Sanktionen verhängt. Gegen Russland werden die massiven Sanktionen hingegen immer weiter ausgedehnt. Die Palästinenser in Gaza haben für den Westen keinen Wert. Hunderttausende müssen sterben, damit zumindest ein Teil der westlichen Bevölkerungen aufmerksam wird und den Völkermord verurteilt. Die überwiegende Gleichgültigkeit, die man den Palästinensern in Gaza entgegenbringt, sind eine direkte Folge des westlichen Menschenbildes, das in Wahrheit von einer Hierarchie der Menschen ausgeht.
Das islamische Menschenbild hebt sich vom westlichen vollständig ab und baut auf der Tatsache auf, dass der Mensch ein Geschöpf ist, das von Allah (t.) erschaffen wurde und – ungeachtet seiner Rasse oder Hautfarbe – einem einzigen Stammvater entspringt. Dies ist der entscheidende Aspekt, der das islamische Menschenbild prägt. Das grundlegende Problem des westlichen Menschenbildes ist, dass der Kapitalismus diese Verbindung des Menschen zum Schöpfer gekappt hat. Die Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer ist aber entscheidend für die Sicht auf den Menschen, sowohl was dessen wahre Natur angeht als auch dessen Wert. Wenn man weiß, dass Allah (t.) alle Menschen aus einem einzigen Wesen erschaffen hat, folgt daraus zwangsläufig die Überzeugung von der Gleichheit der Menschen, ganz unabhängig von Hautfarbe, Sprache und anderen Merkmalen, in denen sich die Menschen aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit unterscheiden. Daran geknüpft ist auch das Verhalten gegenüber anderen Menschen, das Allah (t.) festlegt und nicht der Mensch. Was ihre Natur anbelangt, wurden alle Menschen ohne Unterschied mit denselben Instinkten und physiologischen Bedürfnissen erschaffen wie Adam (a.), von dem sie alle abstammen. Die Vorstellung der Aufklärer von vollwertigen und minderwertigen Menschen existiert im Islam nicht. Rassismus gilt vor allem als Merkmal der ǧāhiliyya, des Heidentums, und ist verboten.
Die Gleichheit der Menschen musste im Islam nicht erst durch eine Revolution erkämpft werden. Sie geht aus dem Islam selbst hervor und wurde von Anfang an umgesetzt. So war der Prophetengefährte Bilāl ibn Rabāḥ (r.) ein freigekaufter Sklave. Zwischen ihm und anderen Gefährten wie Abū Bakr (r.) oder ʿUmar ibn al-Ḫattāb (r.) gab es keine gesellschaftliche Gleichheit, denn diese gehörten zu den Edlen der Quraiš. Doch der Islam hob alle gesellschaftlichen Unterschiede zwischen ihnen auf, so dass der niedrige Status eines freigekauften Sklaven keine Rolle mehr spielte genau wie das hohe Ansehen eines Edlen in seinem Stamm. Deshalb bestand für Muslime nie ein Anlass für eine Aufklärung, die vielmehr einen Rückschritt bedeutet hätte. Die Aufklärung war nur die Folge von Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Menschen in Europa, die man im Islam nicht vorfindet. Im Gegenteil, erst der Islam hob Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf und gab dem Menschen Würde.
Das westliche Menschenbild ist an das Konzept von den Menschenrechten geknüpft. Menschenrechte existieren im Islam nicht, weil es keine Rechte gibt, die der Mensch per se besitzt, nur weil er Mensch ist. Die Geschichte zeigt, dass Menschenrechte zu keiner Zeit und an keinem Ort existiert haben. Ausgerechnet die USA, also jener Staat, der im Zuge seiner Entstehung die Menschenrechte ausrief, hielten lange an der Sklaverei fest und unterdrücken bis heute weite Teile der Welt mit ihrer räuberischen Kolonialpolitik. Auch Europas Kolonialgeschichte beweist, dass es keine unveräußerlichen Rechte des Menschen gibt. Wenn jeder Mensch automatisch Anspruch auf solche Rechte hätte, müssten Menschen in Bangladesch oder China nicht zu einem Hungerlohn und unter unmenschlichen Bedingungen Kleidung für die Welt herstellen. Europa und die USA würden außerdem keinen Genozid in Gaza unterstützen und aufrechterhalten. Mit den Menschenrechten kaschiert der Westen in Wahrheit das Recht des Stärkeren, etwa unter dem Deckmantel der Entwicklungspolitik.
Das islamische Menschenbild ist frei von irgendwelchen konstruierten Menschenrechten, die der Mensch von Natur aus haben soll. Die einzigen Rechte, die der Mensch besitzt, sind jene, die Allah (t.) ihm gibt. So gilt z. B. das Recht auf Eigentum, das wir für so selbstverständlich halten, nicht automatisch, sondern wird von Allah (t.) gewährt, da Er der Eigentümer der gesamten Existenz und somit der ursprüngliche Eigentümer aller Dinge ist, die der Mensch besitzt. Allah (t.) sagt im Koran:
﴿وَآتُوهُم مِّن مَّالِ اللَّهِ الَّذِي آتَاكُمْ﴾
Und gebt ihnen vom Vermögen Allahs, das Er euch gegeben hat.[24:33]
﴿وَأَنفِقُوا مِمَّا جَعَلَكُم مُّسْتَخْلَفِينَ فِيهِ﴾
Und gebt aus von dem, worüber Er euch zu Statthaltern eingesetzt hat.[57:7]
Im Islam herrscht ein völlig anderes Verständnis von den Rechten des Menschen. Das Recht auf Freiheit, das im Westen so heilig ist, verursacht die größten Probleme für die menschliche Gemeinschaft und widerspricht dem islamischen Menschenbild vollkommen. Es gehört zu den Hauptunterschieden zwischen dem westlichen und dem islamischen Menschenbild. Im Islam geht es nicht um Freiheit, sondern um die Einhaltung der Gesetze Allahs. Das westliche Konzept von Freiheit setzt die Würde des Menschen herab und lässt ihn sein Leben ohne tieferen Sinn und Verantwortung instinktgeleitet führen. Allah (t.) vergleicht diese Menschen mit Nutztieren:
﴿وَالَّذِينَ كَفَرُوا يَتَمَتَّعُونَ وَيَأْكُلُونَ كَمَا تَأْكُلُ الْأَنْعَامُ﴾
Diejenigen aber, die ungläubig sind, genießen und essen gleich dem Fressen des Viehs.[47:7]
Vor so einer leeren Existenz will der Islam den Menschen bewahren und lenkt seinen Intellekt auf den wahren Sinn des Lebens. Der Islam ordnet die Instinkte und physiologischen Bedürfnisse des Menschen mit seinen Rechtssprüchen, statt dem Menschen zu suggerieren, er hätte die Freiheit, sie auf jedwede Art zu befriedigen. Er schützt damit nicht nur das einzelne Individuum, sondern die ganze Gesellschaft. Ein Blick auf die US-amerikanische Gesellschaft, in welcher der Freiheitsglaube besonders dominant ist, zeigt, welche zerstörerischen Folgen dieses Konzept haben kann. Ganze Viertel mancher Städte sind geprägt vom Drogenkonsum und bieten einen erschreckenden Anblick, als wären sie von Zombies besiedelt, weil der exzessive Konsum von Drogen wie Fentanyl – auch bekannt als Zombie-Droge – dazu führt, dass die Betroffenen völlig benommen sind, sich langsam bewegen oder bewegungslos verharren. Ein Drogenverbot kommt gegen den Freiheitsgedanken nicht an. Denn es besteht ein Unterschied, ob man in Wahrnehmung seiner Freiheit ein staatliches Verbot umgeht oder ob man weiß, dass Allah (t.) einen zur Rechenschaft zieht, wenn man Seine Verbote missachtet. Woanders auf der Welt sind es vielleicht nicht die Drogen, sondern etwas scheinbar Banaleres und sogar Legales, das Ausdruck von Freiheit ist. In Deutschland ist es der Alkohol, der inzwischen zu einer der führenden Todesursachen geworden ist. Trotz dieser Tatsache käme der deutsche Staat niemals auf die Idee, Alkohol zu verbieten, da er damit die Freiheit seiner Bürger einschränken würde. Freiheit ist eine Fata Morgana, die die Menschen ihre leere Existenz vergessen lässt, um nicht nach dem wahren Sinn des Lebens zu suchen.
Das westliche Menschenbild hat inzwischen an Glaubwürdigkeit in der Welt verloren. Es ist ein Menschenbild der Ungleichheit und Doppelmoral, weil es aus der kapitalistischen Ideologie hervorgeht, die den Wohlstand der einen auf der Ausbeutung und dem Elend der anderen aufbaut. Das Menschenbild kann nicht danach beurteilt werden, wie viel Freiheit es dem Menschen gewährt, sondern nach der Richtigkeit seiner Grundlage. Das islamische Menschenbild mag vielleicht nicht jedem gefallen, gerade weil es das verdorbene Konzept von Freiheit nicht enthält, aber es ist das richtige Menschenbild, da es aus dem Islam, der wahren Glaubensordnung, hervorgeht. Entscheidend bei diesem Menschenbild ist, dass eine Verbindung zwischen dem Menschen und Allah (t.) besteht, Der ihn zur Rechenschaft fordern wird.