Der Krieg des US-israelischen Bündnisses gegen den Iran entwickelt sich zum Fallbeispiel für den Widerstand schwächerer Mächte gegen überlegene Gegner.
Vor sechs Monaten, am 28. Februar 2026, startete die US-israelische Allianz ihren Krieg gegen den Iran. Washington erwartete, die Fähigkeiten des Irans mittels überlegener Militärmacht schnell zu degradieren und Teheran zur Annahme amerikanischer Bedingungen zu zwingen. Ein halbes Jahr später hat der Iran nicht kapituliert: Die Regierung hält sich an der Macht, verfügt über signifikante militärische Fähigkeiten, und die Straße von Hormus bleibt das Zentrum der Auseinandersetzung.
Militärisch hat der Iran Amerika nicht besiegt. Die USA sind weiterhin haushoch überlegen und in der Lage, enorme Zerstörung anzurichten. Doch in der Geopolitik geht es letztlich darum, politische Ziele zu realisieren, und nicht bloß darum, militärische Ziele zu zerstören. Bislang ist es Washington nicht gelungen, seine militärische Überlegenheit in ein entscheidendes politisches Ergebnis umzumünzen. Schwerer wiegt jedoch, dass der Krieg vier Grundannahmen untergraben hat, auf denen die amerikanische Macht im Nahen Osten ruht.
Amerikas Sicherheitsgarantien sind in Frage gestellt
Jahrzehntelang beruhte die Position Amerikas im Nahen Osten auf einem einfachen Versprechen: Wer sich an Washington bindet, wird von Amerika beschützt. Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bauten enge Sicherheitsbeziehungen zu Washington auf. Amerikanische Truppen, Flugzeuge und Seestreitkräfte verteilten sich über die gesamte Region, Bahrain wurde zum Heimathafen der Fünften Flotte der US-Marine und Katar beherbergt die riesige Al Udeid Air Base. Der Iran-Krieg hat diese Logik jedoch in Frage gestellt.
Denn Teheran hat erkannt, dass sich die Infrastruktur, die Amerika zur Machtprojektion benötigt, in der eigenen Reichweite befindet. Die US-Stützpunkte verleihen Washington zwar Offensivkapazitäten, bieten dem Iran gleichzeitig jedoch leichte Angriffsziele.
Während der jüngsten Kämpfe attackierte der Iran amerikanische Einrichtungen im Golf und warnte die Regierungen der Region, dass auch jene Infrastruktur zum Ziel werden kann, die für US-Angriffe genutzt wird. Dies stellt Washingtons arabische Partner vor eine unbequeme Frage: Schützt der Aufenthalt amerikanischer Truppen sie eigentlich – oder macht er ihre Länder zur Zielscheibe?
Das amerikanische Versprechen lautete eigentlich: Folgt uns und wir schützen euch vor dem Iran. Doch zunehmend droht daraus zu werden: Folgt uns und der Iran betrachtet euch als Kriegspartei. Es ist unwahrscheinlich, dass die Golfstaaten mit Amerika brechen, da dessen militärische Fähigkeiten weiterhin kaum zu ersetzen sind. Allianzen hängen jedoch letztlich von ihrer Glaubwürdigkeit ab. Jedes Mal, wenn ein amerikanischer Partner zu dem Schluss kommt, dass Washington ihn nicht vor den Folgen der US-Politik schützen kann, verliert diese Sicherheitsgarantie an Wert.
Amerikas Militärmacht erweist sich als unzureichend
Die zweite Grundannahme betrifft die US-Militärmacht. Die USA sind zwar in der Lage, iranische Radaranlagen, Kommandozentralen, Raketeneinrichtungen und Infrastrukturen zu vernichten. Der Krieg belegt jedoch, dass militärische Überlegenheit nicht automatisch zum Sieg führt. Der Iran muss die USA nicht militärisch schlagen, sondern lediglich deren politische Zielerreichung verhindern. Teheran setzt Raketen, Drohnen, dezentrale Verbände, gehärtete Anlagen und die Geographie des Persischen Golfs ein, um dem technologisch überlegenen Gegner Verluste zuzufügen. Auch nach monatelangem Bombardement verfügt der Iran über erhebliche Raketenkapazitäten.
Der Schlüssel besteht in asymmetrischer Kriegsführung: Eine kostengünstige Drohne muss keinem amerikanischen Kampfjet überlegen sein. Eine ballistische Rakete muss nicht die US-Armee besiegen. Es reicht aus, wenn sie einen Flugplatz, eine Radaranlage, einen Hafen, eine Ölraffinerie oder ein Logistikzentrum bedroht, die für die US-Operationen essenziell sind. Amerika besitzt die weitaus größere Militärmacht. Der Iran jedoch besitzt genug Macht, um die Umsetzung dieser Überlegenheit in einen politischen Sieg extrem teuer zu machen.
Was ist ein Abkommen mit Amerika noch wert?
Die dritte Erschütterung betrifft ein Gut, das potenziell noch schwerer wiegt: die diplomatische Glaubwürdigkeit der USA.
Im Juni vereinbarten Washington und Teheran eine Absichtserklärung zur Beendigung der Kämpfe, um innerhalb von 60 Tagen eine dauerhafte Lösung auszuhandeln. Das Abkommen scheiterte jedoch. Beide Seiten warfen sich gegenseitig Vertragsbrüche vor, sodass die Verhandlungsfrist ohne Ergebnis auslief. Laut Washington hat der Iran seine Verpflichtungen nicht erfüllt. Teheran wirft den USA vor, eigene Zusagen ignoriert und die Gespräche nur zur Entlastung genutzt zu haben, um danach wieder auf Zwangsmaßnahmen zu setzen.
Das Kernproblem ist das schwindende Vertrauen. Bisher profitierten die USA davon, dass Vertragspartner in Abkommen mit Washington einen echten Nutzen sahen: Schutz, Wirtschaftskooperationen, den Abbau von Sanktionen oder das Ende politischen Drucks. Wenn Gegner jedoch zu dem Schluss kommen, dass Abkommen mit Washington nur temporäre Instrumente statt dauerhafter Regelungen sind, schwindet der Anreiz für Kompromisse und tatsächliche Verständigungen.
Im Iran haben die Hardliner diesen Schluss bereits gezogen. Teheran setzt verstärkt auf offensive Abschreckung, um den USA zu signalisieren, dass jeder neue Angriff sofort hohe Kosten verursacht. Dies erzeugt eine gefährliche Dynamik: Bieten Verhandlungen keine Sicherheit, wird militärische Abschreckung zum primären Mittel. Glauben Staaten, dass nur die Fähigkeit zu massiver Vergeltung ihr Überleben sichert, verliert die US-Diplomatie an Einfluss. Amerikas Macht basierte aber nie nur auf Flugzeugträgern, sondern immer auch auf der Verlässlichkeit amerikanischer Versprechen.
Irans wahre Atomwaffe
Die wichtigste Lektion des Krieges zeigt sich jedoch in der Straße von Hormus. Der Iran kann weder mit der US-Navy, noch mit dem globalen Netz an US-Stützpunkten mithalten. Aber der Iran hat einen entscheidenden Vorteil: die Geographie.
Etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Volumens and Erdöl, Mineralölprodukten und Flüssigerdgas wird durch die Straße von Hormus transportiert. Durch seine direkte Lage an dieser Meerenge verfügt der Iran über einen strategischen Hebel, der seine konventionelle Militärmacht weit übertrifft. Teheran muss die Meerenge nicht komplett kontrollieren. Es reicht, die Durchfahrt so gefährlich zu machen, dass Reedereien, Versicherungen, Energiehändler und Regierungen reagieren müssen. Minen, Raketen und Drohnen oder auch nur die glaubhafte Androhung von Angriffen erhöhen die Versicherungskosten und blockieren den zivilen Schiffsverkehr.
Dass der Schiffsverkehr im August weiterhin stark beeinträchtigt war, liefert die zentrale Erkenntnis dieses Krieges: Selbst die stärkste Marine der Welt kann Geographie nicht durch militärische Überlegenheit wettmachen. Der Iran hat gezeigt, dass die Kontrolle über ein strategisches Nadelöhr konventionelle Unterlegenheit ausgleichen kann.
Den Krieg nur nach iranischen Verlusten oder zerstörten Anlagen zu bewerten, greift geopolitisch zu kurz. Die USA haben zwar deutlich mehr Ziele neutralisiert als der Iran. Doch was hat Washington erreicht? Das iranische Regime sitzt fest im Sattel, Teheran hat nicht kapituliert, die Straße von Hormus ist weiter umkämpft, US-Basen in der Region bleiben vulnerabel und das MoU ist kollabiert.
Die Partner der USA müssen nun ihre bisherigen Gewissheiten hinterfragen. Reicht die Militärmacht Washingtons aus, um einen regionalen Krieg zu managen und einzuhegen? Sind Verträge mit den USA verlässlich? Sichert die US-Marine die globalen Handelswege ab? Diese Fragen sind entscheidend, da Hegemonie auf Psychologie basiert. Staaten ordnen sich einer Supermacht unter, weil sie Widerstand für aussichtslos und Kooperation für vorteilhaft halten. Ändert sich diese Dynamik, wird die Sicherung der Vormachtstellung für die Supermacht erheblich teurer.
Sechs Monate, die den Nahen Osten verändert haben
Nichts von alldem bedeutet, dass der Iran als Sieger oder unbeschadet aus diesem Konflikt hervorgegangen ist. Die iranische Infrastruktur ist schwer beschädigt, die Wirtschaft leidet und das Militär war enormen Angriffen ausgesetzt. Die weitaus größeren wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen Amerikas bleiben eine gewaltige Machtkomponente.
Doch sechs Monate nach Kriegsbeginn lautet die Frage nicht mehr, ob Amerika im Iran enorme Zerstörung anrichten kann. Diese Fähigkeit ist unbestritten. Die Frage ist vielmehr, ob diese Zerstörung das von Washington angestrebte politische Ergebnis erzielen kann. Bislang lautet die Antwort: Nein.
Der Iran hat stattdessen gezeigt, wie ein militärisch unterlegener Staat einer Supermacht standhalten kann: durch die Dezentralisierung militärischer Kapazitäten, Angriffe auf die Infrastruktur des Gegners, Druck auf dessen Verbündete und die strategische Nutzung der Geographie. Die Straße von Hormus ist damit nicht mehr nur das Zentrum des Iran-Krieges, sondern wird zum Musterbeispiel dafür, wie schwächere Mächte sich gegen stärkere behaupten können.
Jahrzehntelang ruhte der amerikanische Einfluss im Nahen Osten auf vier Säulen: Die USA garantieren Sicherheit, sind militärisch weit überlegen, bieten verlässliche Abkommen und sichern strategische Seewege.
Sechs Monate Krieg haben alle vier Säulen erschüttert. Die USA bleiben zwar die unangefochtene Supermacht. Doch der Iran hat einen entscheidenden Unterschied offengelegt: den zwischen materieller Macht und der Fähigkeit, diese Macht in politische Ergebnisse umzumünzen. Sobald andere Staaten diesen Unterschied erkennen, hat das für die USA Folgen, die weit über diesen Konflikt hinausgehen. Der Krieg gegen den Iran wird somit zu einem Lehrstück über erfolgreichen asymmetrischen Widerstand.