Der weltweite Kampf gegen den Islam ist offenkundig, aber er wird nicht unter dieser Bezeichnung geführt. Dafür hat man den Begriff „Islamismus“ eingeführt. Jede Maßnahme und jeder Krieg gegen Muslime wird der Öffentlichkeit als Kampf gegen den Islamismus verkauft. Man gehe also nicht gegen die Muslime und den Islam vor, sondern nur gegen Islamisten. Damit suggeriert man den Muslimen zwar, dass der Kampf sich nicht gegen sie richte – denn kein Muslim versteht sich als Islamist –, konfrontiert sie aber mit einer Definition für Islamismus, die zwangsläufig jeden Muslim zum Islamisten erklärt. Somit stellt der vermeintliche Kampf gegen den Islamismus letztlich einen Kampf gegen den Islam und die Muslime dar – für Muslime keine neue Erkenntnis.
Früher wurden „radikale“ Muslime als islamische Fundamentalisten bezeichnet, bevor der Ausdruck „Fundamentalismus“ vom Begriff „Islamismus“ abgelöst wurde. In seinem 2001 veröffentlichten Aufsatz „Der islamische Fundamentalismus heute – Strategiewechsel oder kopernikanische Wende?“ schreibt der Orientalist Udo Steinbach zum Begriff „Fundamentalismus“: „Nur noch wenige Beobachter der vom Islam geprägten Welt wollen sich des Begriffs ‚Fundamentalismus‘ bedienen.“ Orientalisten und Islamwissenschaftler begannen also Abstand davon zu nehmen. Weiter heißt es: „Die Alternativen waren freilich auch nicht völlig überzeugend. ‚Islamismus‘, ‚Integrismus‘, ‚politischer Islam‘ etc. waren nur Umschreibungen der Tatsache, daß der Islam selbst eine politische und eine gesellschaftliche Dimension in sich trägt.“ Inzwischen hat sich der Begriff „Islamismus“ gegen alle anderen Bezeichnungen durchgesetzt und birgt im Vergleich zum Begriff „Fundamentalismus“ das Problem, dass das Wort „Islam“ im Ausdruck steckt. Wenn Medien berichten, so berichten sie häufig nicht zu Informationszwecken über den Islam, sondern über Islamismus oder Islamisten. Für die meisten ist Islam und Islamismus daher das Gleiche und deshalb auch immer gefährlich. Wenn sie z. B. Überschriften lesen wie „Islamismus in den Sozialen Medien“, so bleibt am Ende „Islam in den Sozialen Medien“ im Bewusstsein hängen. Das führt zwangsläufig zu einem negativen Islambild, weil für die Mehrheit die Medien die wichtigste Informationsquelle sind, wenn es um das Thema „Islam“ geht. Die öffentliche Meinung über den Islam wird somit fast ausschließlich durch das Thema „Islamismus“ in den Medien bestimmt und natürlich durch eine Islampolitik, die den Medien die Grundlage liefert.
Islamismus ist keine Frage von Gewalt und Terror, wie es einst der Fundamentalismus war. Man muss als Muslim nicht dem IS oder al-Qaida angehören, um als Islamist zu gelten. So heißt es auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema „Islamismus“: „Bei ‚Islamismus‘ denken viele nur an Terror und Gewalt. Dabei gibt es auch Islamisten, die keine Gewalt einsetzen bei der Verfolgung ihrer Ziele. Ihre Vision eines islamischen Staats verfolgen sie dennoch hartnäckig.“ Islamismus wird als Teil des Islam hingestellt, wenn von der „Islamismuskompatibilität des Islam“ die Rede ist, weil „Islamisten zwar nicht die einzige, aber eine mögliche Deutung des Islam vertreten“, wie es heißt. Unter Islamismus versteht der Staat aber keineswegs nur das Streben nach einem islamischen Staat, den viele Muslime ja gar nicht anstreben, geschweige denn eine Vorstellung davon haben. Die Definition von Islamismus setzt vielmehr schon beim islamischen Glaubensbekenntnis an und der Frage nach dem Stellenwert Allahs und des Koran beim Muslim. Wem steht die Souveränität zu? Allah (t.) oder dem Menschen in Form der Volkssouveränität? Was hat Vorrang? Der Koran oder das Grundgesetz? Wenn der Muslim sich bei diesen Fragen zu Allah (t.) und dem Koran bekennt, gilt er schon als Islamist. Um das zu vermeiden, müsste er sich dazu bekennen, dass Allah (t.), der Schöpfer des Universums und des Menschen, dem Menschen untergeordnet ist. Der Muslim wird sozusagen vor die Wahl gestellt, sich für oder gegen den Islam zu entscheiden. Hierbei geht es nur um die Überzeugung und nicht um die Frage, ob man sich an das Grundgesetz hält oder nicht. Als Muslim kann man sich zu hundert Prozent an das Grundgesetz halten und trotzdem ein Islamist sein, wenn man an der Überzeugung festhält, dass Allah (t.) der Souverän ist, auch wenn man nicht erwartet oder anstrebt, dass in Deutschland oder einem anderen westlichen Land die Scharia eingeführt wird.
Was Allah (t.) und Sein Gesandter (s.) missbilligen, das missbilligt auch der Muslim – für Muslime eine Selbstverständlichkeit. Aber genau das gilt als islamistische Haltung, weil sie zur Ablehnung von Konzepten führt, die in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft vertreten werden, wie etwa die Vorstellung von den Geschlechtern und das LGBTQ-Konzept. Obwohl es auch unter Nichtmuslimen Gegner gibt, ist bei Muslimen die Ablehnung von LGBTQ ein Indiz für Radikalität und Islamismus. Einem Nichtmuslim steht es als Ausdruck der freien Meinungsäußerung zu, Homosexualität und alles, wofür LGBTQ steht, abzulehnen. Ein Muslim hingegen darf es nicht, wenn er kein Islamist sein will. Die sogenannte Queerfeindlichkeit wird auf der Internetseite des deutschen Verfassungsschutzes ganz klar als ein Kriterium für Islamismus hervorgehoben. Da heißt es unter der Überschrift „Queerfeindlichkeit im Islam“: „Die Ablehnung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, die in modernen demokratischen Gesellschaften zum Alltag gehört, insbesondere der Homosexualität und Transidentität, ist fester Bestandteil aller islamistischen Ideologien.“ Dass der Verfassungsschutz nicht zwischen Islam und Islamismus differenziert, geht bereits aus der Überschrift hervor, wo der Ausdruck „Islam“ statt „Islamismus“ gebraucht wird. Wenn es heißt „Queerfeindlichkeit im Islam“, dann bezieht sich der Vorwurf des Islamismus zwangsläufig auf alle Muslime. Hierbei geht es gar nicht darum, ob ein Muslim Propaganda gegen LGBTQ betreibt oder Gewalt gegen Personen aus dieser Szene anwendet oder dazu aufruft, sondern nur, welche Einstellung er zu diesem Thema hat. Es geht allein um das Bekenntnis. Das Thema „LGBTQ“ ist zentral für die Islamismusfrage und nötigt den Muslim, sich zwischen Allah (t.) und Seinem Gesandten (s.) auf der einen Seite und den Werten, die Menschen willkürlich festgelegt haben, auf der anderen Seite zu entscheiden, weil der Islam eine klare und eindeutige Meinung zu diesem Thema hat. So beschreibt Allah (t.) im Koran, wie Er ein ganzes Volk vernichtet hat, weil es die Homosexualität eingeführt und praktiziert hat. Welche Meinung könnte ein Muslim also diesbezüglich haben als die, dass er das missbilligt und verabscheut, was Allah (t.) verabscheut hat? Eine solche Ablehnung von Homosexualität wertet der Verfassungsschutz aber nicht als „islamisch“, sondern als „islamistisch“. Da heißt es: „Damit ist islamistisch motivierte Queerfeindlichkeit für den Verfassungsschutz relevant.“ Queerfeindlichkeit bedeutet hier nicht, dass sie mit Gewalt verbunden ist, sondern meint bereits die grundsätzliche Ablehnung. An Fragen wie diesen wird deutlich, dass Muslime gezwungen werden sollen, sich vom Islam zu distanzieren und sich zu assimilieren. Denn die Antwort, die einem Muslim abverlangt wird, besteht in einer Entscheidung zwischen Halal und Haram. Er soll trotz des klaren Verbots im Islam Homosexualität gutheißen und befürworten. Der Begriff „Islamismus“ ist deshalb auch ein Instrument, um Muslime zur Assimilation zu zwingen – denn wer möchte schon als Islamist gelten.
Als Islamist gilt im Grunde jeder Muslim, der sich der Meinungsfreiheit bedient und eine Meinung äußert, die der allgemein propagierten widerspricht. Das Paradoxe daran ist, dass man ihm keine eigene Meinung zugesteht und er bei jeder nichtkonformen Meinungsäußerung Gefahr läuft, als Islamist stigmatisiert zu werden. Es ist eine klare Form der Einschüchterung von Muslimen, ihre Meinung frei zu äußern, wie es beim Thema Homosexualität er Fall ist. Dieser Umstand führt die Idee der Meinungsfreiheit ad absurdum. Denn Meinungsfreiheit gilt nur so lange, wie die Meinung, die man vertritt, zur freiheitlichen demokratischen Gesellschaft passt. Alles andere wird als Bedrohung gesehen und unerbittlich bekämpft.