Freies Feedback

Was können wir auf unserer Webseite noch verbessern?

Beiträge zum Kalifat Das rechtgeleitete Kalifat als Vorbild

Die rechtgeleiteten Kalifen haben unmittelbar nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.) gezeigt, dass der Islam nicht vom Kalifat zu trennen ist und die Herrschaft allein auf Basis des Islam erfolgt. Ihr Attribut, rechtgeleitet zu sein, bedeutet, dass ihre Regierungszeit Vorbildfunktion hat. Somit stellt das rechtgeleitete Kalifat in Bezug auf Regentschaft einen Leitfaden für die Muslime dar.

Die Europäer brauchten Staatsphilosophen wie John Locke oder Thomas Hobbes, weil sie keine Offenbarung hatten wie die Muslime, auf die sie bei der Staatsbildung hätten zurückgreifen können. Der Westen hat keine unfehlbaren und geschützten Texte, auf denen ein Staat aufbauen könnte, und auch kein Zeitalter der idealen Umsetzung, das beispielhaft wäre und sich als Vorbild eignen würde. Die westliche Philosophie entwickelte Staatstheorien, von denen sie immer nur annehmen konnte, dass sie sich in der Praxis bewähren – mit der Option, sie zu verwerfen und zu ersetzen, wenn ihre Eignung mit der Zeit verlorenging. Wenn ein Staatsphilosoph Ideen und Ansichten entwickelt, weiß er zunächst gar nicht, ob sie in der Praxis taugen. Anders verhält es sich mit dem Kalifat, das nicht das Ergebnis staatstheoretischer Überlegungen ist, sondern von Allah (t.) als Staatsform festgelegt wurde, so dass dessen Eignung verbürgt ist. Sein ideales Zeitalter, das den Muslimen als Vorbild dienen muss, ist die Zeit des rechtgeleiteten Kalifats.

Das rechtgeleitete Kalifat ist das Ideal eines islamischen Staates, an dem sich die Muslime orientieren müssen – ja das Ideal eines Staates überhaupt. So sagte der Gesandte Allahs (s.): Denn wahrlich, wer immer unter euch lebt, wird viel Uneinigkeit erleben. So haltet euch an meine Sunna und an die Sunna der rechtgeleiteten Kalifen – der Rechtgeführten. Beißt euch mit den Backenzähnen daran fest. (at-Tirmiḏī). Der Gesandte Allahs (s.) erwähnte neben seiner Sunna explizit die Sunna der rechtgeleiteten Kalifen. Mit der Sunna der rechtgeleiteten Kalifen ist die politische Praxis der ersten vier Kalifen gemeint, mit der sie die Scharia im islamischen Staat umgesetzt haben. Die Muslime sollen sich an der Regentschaft der rechtgeleiteten Kalifen orientieren und an diesem politischen Vorbild festhalten bzw. sich daran festbeißen, wie es in der Überlieferung heißt.

Man kann den Hadith nur befolgen, wenn man weiß, wie die rechtgeleiteten Kalifen regiert haben. Dieses Wissen ist deshalb so wichtig, weil mit dem Tod des Propheten (s.) für die Muslime eine Zeit anbrach, in welcher der islamische Staat mit Angelegenheiten und Situationen konfrontiert war, die sich erst aus der Abwesenheit des Gesandten Allahs (s.) ergaben. So musste unmittelbar nach seinem Tod geklärt werden, wer ihm als Regent folgt. Denn er sagte: Nach mir wird es keinen Propheten mehr geben, doch es werden Kalifen kommen und es werden viele sein. (al-Buḫārī). Während der Prophet (s.) von Allah (t.) eingesetzt wurde, erfolgt die Wahl des Kalifen durch die Menschen. Das war eine völlig neue Situation bezüglich der Regentschaft für die Muslime. Wenn wir wissen wollen, wie die Wahl des Kalifen vollzogen wird, so orientieren wir uns an der Wahl der rechtgeleiteten Kalifen, deren islamische Rechtsquelle der Konsens der Prophetengefährten (iǧmāʿ aṣ-ṣaḥāba) ist. Zu Lebzeiten des Propheten (s.) finden wir darauf keine Antwort. Erst als der Fall eintrat, trat das Wissen der ṣaḥāba in dieser Frage in der Praxis in Erscheinung und legte einen islamischen Rechtsspruch offen. Wichtige Rechtssprüche entnehmen wir aus dieser Zeit, etwa dass die Aufstellung des Kalifen absolute Priorität hat und sogar der Beerdigung des Propheten (s.) vorgezogen wurde. Da zur Zeit des Propheten (s.) eine solche Situation nie eintreten konnte, musste eine Phase existieren, in welcher die Muslime von Menschen regiert wurden, an deren Regentschaft sie sich orientieren können. So sagte der Gesandte Allahs (s.): Die besten Menschen sind die meiner Generation, dann die, die nach ihnen kommen, und dann die, die nach ihnen kommen, und nach ihnen werden Menschen kommen, deren Zeugnis ihren Eiden vorausgeht und deren Eide ihrem Zeugnis vorausgehen. Die rechtgeleiteten Kalifen gehörten zur Generation des Propheten (s.) und somit zu den besten Menschen mit Vorbildfunktion für alle Generationen danach.

Aus dem letztgenannten Hadith geht hervor, dass das goldene Zeitalter der Muslime die Zeit des rechtgeleiteten Kalifats war. Die Blüte des Islam besteht nicht in prachtvollen Bauwerken und Palästen, in Wissenschaft und Fortschritt oder in der Pflege von Künsten. All das gab es im rechtgeleiteten Kalifat nicht. Das Zeitalter des rechtgeleiteten Kalifats, das 30 Jahre währte, ist vor allem eine Zeit, in welcher die Menschen mit Gerechtigkeit regiert wurden in einem Gebiet, das ein Drittel der damals bekannten Welt umfasste, mit Menschen unterschiedlicher Ethnien, Sprachen und Religionen. Das ist der Maßstab, wenn es um die Frage nach der goldenen Zeit der Muslime geht. Der Islam hat den Menschen im Fokus und nicht irgendwelche Bauwerke oder die Regenten. So konnte jeder den Regenten zur Rechenschaft ziehen, ohne fürchten zu müssen, um sein Recht gebracht und bestraft zu werden. Die Menschen können auf alles, was viele mit der Blüte des Islam assoziieren, verzichten, nicht jedoch auf Gerechtigkeit, die mit einer rechtgeleiteten Regentschaft einhergeht. Wenn die Muslime auf eine Zeit zurückgreifen wollen, dann auf die Zeit des rechtgeleiteten Kalifats.

Ist vom rechtgeleiteten Kalifat als goldenem Zeitalter die Rede, bedeutet das nicht, dass das rechtgeleitete Kalifat keine Krisen und inneren und äußeren Konflikte kannte. Im Gegenteil, die Zeit des rechtgeleiteten Kalifats umfasste sämtliche Schwankungen, Vorfälle, Situationen und Veränderungen, die in einem Staat auftreten können. Die Muslime können lernen, wie die rechtgeleiteten Kalifen mit diesen Situationen umgegangen sind. Abū Bakr (r.) regierte in einer Phase der Etablierung des Staates, ʿUmar (r.) und ʿUṭmān (r.) herrschten in einer Phase der Stärke, der Expansion, der Blüte und des Wohlstands und ʿAlī (r.) in einer Phase der Fitna und inneren Konflikte, die bereits in der Regierungszeit ʿUṭmāns (r.) begannen. Diese Phasen umfassen alle Zustände eines Staates, so dass sich die Muslime an den rechtgeleiteten Kalifen orientieren können, wie sie mit verschiedenen Phasen umgehen sollen. In den rechtgeleiteten Kalifen haben wir das beste Beispiel und im rechtgeleiteten Kalifat das Ideal eines islamischen Staates in Bezug auf die Anwendung der Scharia. Dementsprechend soll auch das künftige Kalifat ein rechtgeleitetes sein.