Das Corona-Virus scheint für viele kein Problem darzustellen. Anders verhält es sich mit der sogenannten Risikogruppe, zu der mehrheitlich alte Menschen zählen, die nicht nur dadurch gefährdet sind, dass sie alt sind, sondern dass mit dem Alter meist auch Erkrankungen einhergehen.
Das Corona-Virus scheint für viele kein Problem darzustellen. Anders verhält es sich mit der sogenannten Risikogruppe, zu der mehrheitlich alte Menschen zählen, die nicht nur dadurch gefährdet sind, dass sie alt sind, sondern dass mit dem Alter meist auch Erkrankungen einhergehen. Laut Statistik ist diese Gruppe im Falle einer Infektion extrem gefährdet, an Covid-19 zu sterben. Aufgrund ihrer Anfälligkeit steht sie politisch, medial und gesellschaftlich im Fokus. Der allgemeine Konsens lautet inzwischen sogar, dass nicht die Pandemie als solche das Problem darstelle, sondern dass die Jungen zu Unrecht zugunsten der Alten verzichten müssten, um sie vor einer Infektion zu bewahren. Die alten und zum Teil pflegebedürftigen Menschen werden in der Corona-Pandemie als Hauptproblem wahrgenommen, und die Gesellschaft scheint nicht mehr bereit zu sein, diese Gruppe zu schützen. Es war vorherzusehen, dass der kapitalistischen Gesellschaft „die Puste“ so schnell ausgeht, ihre Alten und Schwachen zu schützen, die schon vor der Corona-Pandemie keinen sonderlichen Respekt und keine Anerkennung erfuhren. Und es war noch nie die Stärke des Kapitalismus, sich für die Schwächsten der Gesellschaft einzusetzen.
Wie soll man mit der Risikogruppe umgehen? Am besten, man verschwendet bei dieser Frage nicht zu viele Gedanken an die Würde des Menschen und das Recht auf Leben und Gesundheit. Solche Gedanken wären nur Steine in den Mühlen der Wirtschaft. Man könnte die Gefährdeten doch einfach wie Tiere einschläfern, um ihnen einen grausamen und qualvollen Covid-19-Tod zu ersparen, der ihnen droht, wenn Staaten sich entscheiden, sie zugunsten der Wirtschaft und des Freiheitsdrangs der Menschen zu opfern. Denn wenn man der Aussage des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Grüne) Glauben schenkt, lohnt sich die Rettung dieser Menschen nicht, weil sie in einem halben Jahr ohnehin tot wären. Andere wie der Journalist Jakob Augstein geben zwar „unseren Alten ein, zwei, drei Jahre mehr“, aber auch er stellt sich die Frage, ob sich der wirtschaftliche Aufwand dafür eigentlich lohnt. Wenn man bedenkt, dass in manchen Ländern Menschen ab einem Alter von 80 Jahren grundsätzlich das Beatmungsgerät verweigert wird oder dass man die Alten im Falle einer Triage ohne Beatmungsgerät krepieren lässt, so ist das Einschläfern im Vergleich dazu eine humane und schnelle Variante, sie loszuwerden. Man könnte ihnen auch im Schlaf ein Kissen auf das Gesicht drücken, ihnen Gift ins Essen mischen oder Ähnliches, um sich ihrer zu entledigen, damit die Jungen nicht weiter verzichten müssen und ihr normales Leben weiterleben können. Damit käme man dem Corona-Virus zuvor, wenn man der Meinung ist, zwischen der Wirtschaft und dem Leben alter und pflegebedürftiger Menschen abwägen und der Wirtschaft den Vorzug geben zu müssen. Dann kann es mit dem Flieger auch endlich wieder nach Mallorca gehen.
Alte und Pflegebedürftige als Teil der Risikogruppe sind dem Kapitalismus hilflos ausgeliefert. Sie sind Menschen ausgeliefert, deren Handlungsmaßstab der eigene Nutzen ist. Dieser Handlungsmaßstab rechtfertigt natürlich nicht den schlimmen Verlauf in Alten- und Pflegeheimen während der Corona-Krise, sondern erklärt nur das inhumane Verhalten, das jedes Vorstellungsvermögen sprengt. In Kanada starben beispielsweise in einem Altenheim 31 Menschen, weil fast alle Pflegekräfte aus Angst, sich mit dem Corona-Virus anzustecken, nicht mehr zur Arbeit gingen. Am Ende blieben nur zwei Pflegekräfte, die sich um 130 Bewohner des Altenheims kümmern mussten. Man muss kein Rechengenie sein, um sich angesichts dieses Zahlenverhältnisses die Zustände, die herrschten, vorzustellen: dehydrierte alte Menschen, die in ihren Fäkalien lagen. Nur eine Ausnahme? In Spanien boten sich Spezialeinheiten der Armee, die eingesetzt wurden, um Altenheime zu desinfizieren, mindestens so schlimme Bilder. Armeeangehörige fanden Bewohner vor, die vollständig sich selbst überlassen waren, weil in manchen Altenheimen das Pflegepersonal nicht mehr erschienen war, nachdem es Fälle von Corona-Infektionen gab. Zum Teil lagen Menschen schon längere Zeit tot in ihren Betten, ohne dass es überhaupt bemerkt wurde. Wie viele Altenheime betroffen waren, gab die spanische Regierung nicht bekannt, was vermuten lässt, dass es keine Einzelfälle waren. In Italien war die Sterberate in Altenheimen so erschreckend hoch, dass es in Mailand Ermittlungen und Razzien gab, da es Vorwürfe der schuldhaften Ausbreitung des Corona-Virus gab und Totschlag im Raum stand. In Ländern wie Deutschland ist es wahrscheinlich nur deshalb nicht zu solchen Szenen gekommen, weil das Corona-Virus sich nicht so rasant ausbreiten konnte wie etwa in Spanien oder Italien. Aber Deutschland ist eher die Ausnahme. In Großbritannien starben bislang etwa 10.000 Menschen in Altenheimen. Und in Schweden, das den sogenannten Sonderweg einschlug und einen Lockdown ablehnte, waren fast 90 Prozent der Toten über 70 Jahre alt und überwiegend in häuslicher oder stationärer Pflege. Nicht nur Europa ist betroffen. Eine US-Studie zeigt, dass auch in den USA die Zahl der Corona-Todesfälle in den Alten- und Pflegeheimen enorm hoch ist. Während der Corona-Pandemie findet also ein regelrechtes Massensterben in den Alten- und Pflegeheimen statt.
Die Vorerkrankungen können keine Rechtfertigung dafür sein, dass sich so viele alte und pflegebedürftige Menschen in Alten- und Pflegeheimen mit dem Corona-Virus infiziert haben. Die kapitalistischen Staaten haben es schlichtweg versäumt, die Menschen in den Heimen zu schützen, denn diese sind für die Wirtschaft irrelevant. Sie haben es den Altenheimen, wo die Zustände schon unter Normalbedingungen katastrophal sind, überlassen, sich um den Schutz der Schwächsten zu kümmern. Trotz der frühen Erkenntnis, dass das Corona-Virus hochgefährlich für alte Menschen ist, gab es kein Schutzkonzept in Alten- und Pflegeheimen. Der Weltärztebund wirft selbst einem Land wie Deutschland völliges Versagen in Bezug auf den Schutz alter Menschen vor dem Corona-Virus vor. Dessen Vorstandsvorsitzende Frank Ulrich Montgomery beschuldigt die Politik, nur Krankenhäuser mit Masken und Kitteln versorgt zu haben, Altenheime hingegen nicht. Das heißt, die Pflegekräfte konnten das Virus ohne irgendwelche Schutzvorkehrungen einschleppen und achtlos in Altenheimen verbreiten. In Italien war dem Pflegepersonal mancherorts beispielsweise das Tragen eines Mundschutzes verboten, und zwar zu einer Zeit, als sich das Virus in der Lombardei längst ausgebreitet hatte. Das Pflegepersonal wurde auch nicht auf das Corona-Virus getestet. Selbst minimale Schutzmaßnahmen wurden oftmals nicht ergriffen. Die hohe Sterberate in europäischen Alten- und Pflegeheimen und der mangelnde Schutz dort wurde auch von der Menschenrechtskommissarin des Europarats Dunja Mijatovic kritisiert. „Älteren Personen wurde möglicherweise auch die Behandlung in Krankenhäusern zweckwidrig verweigert, selbst wenn noch Plätze verfügbar waren“, legte Mijatovic offen. Das heißt, es gab nicht nur kein Schutzkonzept, sondern der Zugang zu medizinischer Versorgung in Krankenhäusern wurde alten Menschen verwehrt, etwa in Frankreich, Spanien oder Schweden. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass das Leben der Alten im Kapitalismus keinerlei Wert hat und deshalb von Staaten keine echten Anstrengungen unternommen wurden, sie zu schützen.
Die Frage, ob man die Risikogruppe auf Kosten der Wirtschaft schützen soll oder nicht, stellt sich eigentlich gar nicht mehr. Denn die alten Menschen wurden von Anfang an geopfert. Statt sie ausreichend zu schützen, hat man sie in den Heimen isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten, so dass nicht einmal mehr die Angehörigen noch einen Einblick hatten, wie es ihnen geht. Eine Isolation ohne Schutzkonzept zeigt, wie gleichgültig den kapitalistischen Staaten ihre Alten in Wahrheit sind. Die Regierung in Großbritannien forderte sogar alle alten Menschen auf, für drei Monate ihre Häuser nicht zu verlassen. Wie selbstverständlich sollen alte Menschen ihre Freiheit opfern und ihre häufig eingeschränkten Möglichkeiten aufgeben, damit der Rest sein normales Leben weiterführen kann und die Wirtschaft nicht leidet. Natürlich ist die Corona-Pandemie schwer für alle, aber mit welchem Recht sollte man sie den Alten und Schwachen schwerer machen als den Jungen?