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Westliche Konzeptionen Schuldbewusstsein à la carte

Der Terror hält die Welt in Atem! Nachdem sich am 29.06.2016 drei Attentäter am Istanbuler Atatürk-Flughafen in die Luft sprengten, dabei 42 Menschen töteten und über 200 weitere zum Teil schwer verletzten, ist der internationalen Staatengemeinschaft klar

Der Terror hält die Welt in Atem! Nachdem sich am 29.06.2016 drei Attentäter am Istanbuler Atatürk-Flughafen in die Luft sprengten, dabei 42 Menschen töteten und über 200 weitere zum Teil schwer verletzten, ist der internationalen Staatengemeinschaft klar: Es ist an der Zeit sich mit der Türkei zu solidarisieren, mit ihr zu Trauern und an ihrer Seite zu stehen. Es ist an der Zeit das Brandenburger Tor, den Eifelturm und das Kapitol in den rotweißen Farben der türkischen Flagge erstrahlen zu lassen. Es ist an der Zeit, dass sich Millionen von Zuschauern von ihren heimischen Sesseln und Couchgarnituren erheben, um der Opfer zu gedenken und sich der Schweigeminute ihrer sportlichen Idole der Fußball-EM anzuschließen. Es ist an der Zeit für Verbrüderung, für Menschlichkeit. Denn in einem sind sich doch alle einig: Terror kann niemals gerechtfertigt werden; Terror darf nicht relativiert werden; Terror kann weder moralisch noch sozio- oder geopolitisch er- oder begründet werden! Oder etwa doch?

Diese Frage muss sich unter anderem Leela Jacinto gefallen lassen, nachdem Foreign Policy am 30.06.2016 ihren Artikel „Blame Erdogan for the Istanbul Airport Attack“ veröffentlichte. Denn anstatt in den gewohnten Verurteilungs- und Solidarisierungstenor einzustimmen, betreibt die preisgekrönte Journalistin Ursachenforschung, an deren Ende der Schwarze Peter und die primäre Verantwortlichkeit der türkischen Regierung zugesteckt wird. „Erdogans Politik islamistische Gruppierungen zu unterstützen, um angrenzende Länder zu destabilisieren, läuft nicht gerade nach Plan. Die undankbaren Jihadisten sind wie Schlangen, die nun die Hand beißen, die sie jahrelang gefüttert hat – genau wie in Pakistan. Terroranschläge in der Türkei sind mittlerweile Normalität – genau wie in Pakistan.“ Die Antiterrormaßnahmen der AKP, welche sich laut Jacinto auf schärfere Sicherheitskontrollen und der Unterdrückung kritischer Journalisten beschränken, würden dieses Problem nicht lösen. Die Türkei habe sich längst zur Geisel der Jihadisten gemacht, da Erdogan 2,7 Millionen Syrer aufgenommen und die laizistisch-kemalistischen Grundwerte der Republik über Jahre hinweg systematisch ausgehöhlt hätte. Hierdurch sei die Anzahl von „Shari’ah-liebenden“ Muslimen im eigenen Land rasant gestiegen und die Verbreitung einer „Takfiri-Ideologie“ beschleunigt worden. Diese Form der Islamisierung – so Jacinto – sei eine wesentliche Ursache für die soziopolitische Instabilität des Landes, die die türkische Republik in ein zweites „Syrien zu verwandeln“ drohe. Doch auch die Kurdenpolitik des Staatspräsidenten führe zu gewaltsamem Widerstand. „Der wiederaufgeflammte Konflikt zwischen der Türkei und der PKK hat den kurdisch dominierten Südosten des Landes in die brutalen 1990er zurückgeworfen, Städte wie Suruc und Sanliurfa wurden in Kriegszonen verwandelt, in die sich nur wenige Journalisten hineintrauen.“ Während islamistisch motivierte Gewalttaten also selbst zu verantworten seien, müssten die Terroranschläge der TAK und PKK als Reaktion auf eine rassistisch-repressive Minderheitenpolitik begriffen und bewertet werden. Die methodische Konstante in Jacintos Erklärungsmodell: Blame Erdogan!

Doch nicht nur im angelsächsischen Diskurs entdecken Politiker und Journalisten ihre Liebe zur kontextualisierten Problemanalyse. Auch in deutschen Landen melden sich – vornehmlich linke – Welterklärer und selbsternannte Nahostexperten zu Wort. So gesehen bei Anne Will am 29.05.2016 in der Sendung „Erdogans Durchmarsch – Wer stoppt den Boss vom Bosporus?“. Auf die Frage, wie sehr die Angst vor Terror die Türkei verändert habe, antwortet der Politikwissenschaftler Burak Copur in beeindruckender Dialektik: „Naja enorm […]. Das heißt es gibt dort sozusagen enorme Rückschritte sozusagen auch im Tourismus und das hat natürlich mit der Angst zu tun der Touristen, die einfach nicht mehr diese Touristenorte besuchen und auch ihre Reisen stornieren und der Grund warum das ganze sozusagen im Moment sich so entwickelt hat in den Touristengebieten, ist natürlich eben der Terror und verantwortlich ist natürlich die Regierung, die einerseits eine aggressive Außenpolitik betrieben hat – Stichwort Syrien.“ Auf die Nachfrage Anne Wills, warum die türkische Regierung für den Terror verantwortlich sei und nicht die Terroristen, die ihn ausüben, entgegnet Copur unbeirrt: „Naja ganz einfach, weil die Regierung mit einer aggressiven Außenpolitik versucht beispielsweise in Syrien den Sturz von Assad herbeizuführen und sich zu einer Kriegspartei gemacht hat und auf der anderen Seite mit einer repressiven Innenpolitik versucht die Kurden zu bekämpfen, sozusagen auch in den Kurdenstädten, und das wird die Gewaltspirale, die Gewaltspirale wird sich sozusagen weiter drehen“. In dasselbe Horn stößt selbstverständlich auch Genossin Wagenknecht, selbst wenn das Istanbuler Attentat nicht von der „verbotenen kurdischen Arbeiterpartei“ sondern den ultrabösen „IS-Faschisten“ ausgeführt wurde: „Die türkischen Behörden vermuten, dass der IS für die Attentate verantwortlich ist. Der Terror in Istanbul wäre damit die Saat, die Erdogan selbst gesät hat. Über Jahre hat die Türkei islamistische Terrorgruppen in Syrien bewaffnet und unterstützt und so den Krieg im Nachbarland angeheizt. […] Die Bundesregierung darf Erdogan nicht länger gewähren lassen. Terror-Paten gehören unter Druck gesetzt und nicht hofiert.“ Die argumentative Konstante Copurs und Wagenknechts: Blame Turkey! No matter if it’s ISIS, TAK or PKK!

Abgesehen von der demagogischen Undifferenziertheit und der fehlenden Evidenz linker sowie rechtspopulistischer Verschwörungstheorien, sei Jacinto und Konsorten gegönnt, dass politisch motivierte Gewalttaten selbstverständlich im Kontext betrachtet und begriffen werden müssen. Dies gilt für die Türkei, ebenso jedoch für die USA, Frankreich, Großbritannien und alle anderen Staaten. Wird allerdings die Grande Nation ins Visier genommen findet merkwürdigerweise weder the Blame Game, noch eine differenzierte Ursachenanalyse statt. Stadtessen erfolgt etatistisch angeordneter und supranational durchgepeitschter Solidarisierungszwang, kombiniert mit einer auf Muslime zugeschnittenen Verurteilungs- und Distanzierungspflicht. Fragen nach Ursachen? Pietätlos! Kontext? Unwichtig! Fragen nach Zusammenhängen zur französischen Außenpolitik? Blaulicht, Handschellen, Gerichtstermin! Selbst in der Schule, der Universität oder auf dem Arbeitsplatz sieht sich der Muslim einem hysterischen Mob gegenüber, der nur wenige Stunden nach dem jeweiligen Anschlag eine uneingeschränkte Verurteilung seiner Glaubensbrüder und die gleichzeitige Loyalitätserklärung zur säkularen Wertediktatur verlangt. Kommt er diesen Forderungen nicht umgehend nach, riskiert er Beschimpfungen, Jobverlust oder Schulverweis – kurz: die totale soziale Ausgrenzung.

Jacinto, Copur und Wagenknecht seien daher gebeten den Muslimen zu erklären, weshalb Erdogan an den Pranger gehört, Francois Hollande und seine Regierung jedoch unschuldige Opfer des „unsäglichen und unfassbaren IS-Terrors“ sein sollen. Ist die unterschiedliche Wahrnehmung der westlichen Öffentlichkeit auf politische Opportunität zurückzuführen? Oder haben wir es mit einer kollektiven dissozialen Persönlichkeitsstörung zu tun, bei der das Schuldbewusstsein nachhaltig beschädigt ist? Natürlich kann es sich auch um eine Komorbidität handeln, bei der sich dissoziale Störungen mit machiavellistischer Empathilosigkeit verbinden, um ein Schuldbewusstsein à la carte zu kreieren, bei dem der Westen je nach Gemütslage darüber entscheiden kann, ob ihm der Gaumen nach Ursachenanalyse oder platter Verurteilungspolitik steht. Die Antwort auf diese Fragen – meine Damen und Herren – überlassen wir Ihnen, schließlich sind Sie ja die Experten.