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Westliche Konzeptionen Psychoanalytischer Bumerang

Was treibt einen jungen Menschen dazu, sich in der Blütezeit seiner Jugend radikalen Ideen hinzugeben? Eine Frage, die derzeit vor allem die islamische Welt vor großen Herausforderungen stellt. Mögliche Ursachen für eine derartige Entwicklung haben in den vergangenen Jahren diverse wissenschaftliche Disziplinen akribisch herausgearbeitet, und so kann der oft komplexe Weg der Radikalisierung inzwischen recht genau beschrieben werden.

Was treibt einen jungen Menschen dazu, sich in der Blütezeit seiner Jugend radikalen Ideen hinzugeben? Eine Frage, die derzeit vor allem die islamische Welt vor großen Herausforderungen stellt. Mögliche Ursachen für eine derartige Entwicklung haben in den vergangenen Jahren diverse wissenschaftliche Disziplinen akribisch herausgearbeitet, und so kann der oft komplexe Weg der Radikalisierung inzwischen recht genau beschrieben werden. Der folgende Fall porträtiert das traurige Schicksal eines Jugendlichen, dem seine Unbedarftheit gegenüber radikalen Rattenfängern am Ende zum Verhängnis wurde.

In einem kleinen Ort nahe Tel Aviv wuchs der 13-jährige Ahmad auf. Mit seinem wilden Lockenkopf galt er seit jeher als schüchterner Junge, der mit seinen Freunden in diesem staubigen Nest mitten im besetzten Palästina gerne Fußball spielte. Obwohl er in der Schule verhältnismäßig gute Leistungen vorwies, machte ihm seine Schamhaftigkeit zu schaffen, in der er keine Charaktertugend sondern vielmehr einen persönlichen Makel sah. Dennoch ging er seinem Alltag wie jeder andere Jugendliche nach. Gleichwohl lernte er mit den zum Teil widrigen Umständen seiner Zeit zu leben. Neben der Schule besuchte er regelmäßig die Moschee und engagierte sich später für die Muslimbruderschaft. Angesichts der angespannten politischen Lage, in der sich das von Israel besetzte Land befand, waren die Freizeitmöglichkeiten der Jugendlichen zwar begrenzt, für Ahmad reichte es zunächst dennoch aus. Und so organisierte speziell die Moscheegemeinde in seinem Dorf zahlreiche Ausflüge. Zuweilen besuchte er gemeinsam mit der Gruppe auch Seminare, in denen über islamische Themen gesprochen sowie über die brisanten Ereignisse im Nahen Osten diskutiert wurde. So weit so gut.

Doch mit der Zeit verspürte Ahmad ein Gefühl der Entfremdung. Gewisse Verwerfungen, die er in der Führungsriege der Muslimbruderschaft mitbekam, gaben ihm zu denken. Vor allem aber störte ihn sein Schamgefühl gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Das harmonische Sexualleben innerhalb einer Ehe betrachtete er zunehmend als „Tabuisierung“ der Sexualität. Infolgedessen fing er an, den Wertekodex seiner Heimat allmählich in Frage zu stellen. Doch niemand machte sich zu dieser Zeit sorgen, dass Ahmad in ein fragwürdiges Milieu abdriften könnte. Dies sollte sich jedoch schlagartig ändern, als er sich nach seinem Abitur an der Universität Tel Aviv für ein Psychologiestudium einschrieb.

Das neue Leben in der Großstadt öffnete ihm die Tür zu einer Welt, die er bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Der erste Kontakt mit jenen Studenten, die eine freizügige Lebensweise an den Tag legten, wirkte auf Ahmad zunächst befremdlich und irritierend, machte ihn aber gleichzeitig neugierig. Er begann die bizarre Literatur eines Sigmund Freud sowie dessen perverses Weltbild zu studieren und setzte sich mit westlichen Ideen auseinander. Doch aufgrund seiner einfältigen Denkweise und einer instabilen Persönlichkeitsstruktur gelang es ihm nicht, diese Inhalte kritisch zu reflektieren. Stattdessen fühlte er sich mit den soziokulturellen Verhältnissen seiner Heimat zusehends überfordert. Gegeißelt von einer bipolaren Persönlichkeitsstörung, die ihn unaufhörlich zwischen zwei Welten taumeln ließ, suchte Ahmad nach einfachen Antworten, die vor allem seinen gestörten Sexualvorstellungen entsprechen sollten. Und so suggerierte ihm die Idee der menschlichen Selbstbestimmung, dass es keine absoluten Standards gäbe und somit auch keine verbindliche Moralvorstellung. Geleitet von dieser eindimensionalen Sichtweise gab er sich nun einem ausschweifenden Leben hin, in dem selbst exzessiver Alkoholkonsum nur ein müdes Lächeln nach sich zog und promiskuitives Sexualverhalten zum guten Ton gehörte.

Zugleich änderten sich auch seine Argumentationsmuster. Plötzlich fehlte ihm die Fähigkeit, gesellschaftspolitische Verhältnisse differenziert zu betrachten. Durch den übermäßigen Konsum an westlicher Berichterstattung, die häufig auf interessengeleitete und realitätsverzerrende Inhalte setzt, entwickelte Ahmad eine einseitige und pauschalisierte Wahrnehmung sämtlicher Konflikte, die sich in der islamischen Welt abspielten. So führte er die Missstände in seinem Land wie auch im gesamten Nahen Osten ausschließlich auf das Verhalten der Muslime und ihr „archaisches“ Weltbild zurück. Einen möglichen Zusammenhang zwischen den regionalen Verhältnissen und der westlichen Außenpolitik blendete er hingegen aus. Er unterstellte den Muslimen, es sich in der berüchtigten Opferrolle „gemütlich“ gemacht zu haben, um von den eignen Defiziten abzulenken. Auf diese Weise verfiel er in extreme Denkschemata und offenbarte gleichzeitig eine fehlende Ambiguitätstoleranz, die letztlich dazu führte, dass er abweichende Meinungen nicht mehr akzeptierte und seine genuine Kultur von nun als „patriarchalisch“ abwertete. Darüber hinaus würde letztere durch ihre vermeintliche Tabuisierung der Sexualität ein Gewaltpotenzial bei jungen Menschen freisetzen.

Seine abfällige Haltung gegenüber der eigenen Gesellschaft und das Gefühl auf dem „richtigen Weg“ zu sein, weckten in ihm den Wunsch auszuwandern; in ein Land, das ihm ein aus seiner Sicht wahrhaft „freies“ Leben ermöglichen würde. Im Jahre 2005 war es dann so weit. Für sein Diplomstudium kam er nach Berlin an die Humboldt-Universität und konnte von nun an den freiheitlichen Lifestyle aus erster Hand erleben. Zudem sah er sich als radikaler Demokrat mit Exklusivitätsanspruch dazu berufen, Andersdenkende zu missionieren und auf den heiligen Pfad der menschlichen Selbstüberhöhung zu führen. Dabei geriet die muslimische Community in Deutschland rasch in das Fadenkreuz des selbsternannten Heilsbringers. Denn er sah sich mit einer Generation konfrontiert, die sich partout weigert, die in Deutschland herrschenden Wertvorstellungen anzunehmen. Um die Initiative zu ergreifen, schloss sich der leidenschaftliche Vorkämpfer extremistischen Vereinigungen an, die in der Verbreitung westlichen Gedankenguts ihren Lebensinhalt sehen. Seitdem ist Ahmad im Dienste der bundesrepublikanischen Wertediktatur unterwegs, um die muslimischen Jugendlichen dem staatlich verordneten Identitätswandel zu unterziehen.

Der Lebensweg von Ahmad zeigt exemplarisch auf, welchen Prozess junge Muslime auf ihrem Weg zum radikalen Demokraten durchlaufen. Jeder Fall ist natürlich individuell zu betrachten. Doch es sind ebenso eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten zu erkennen, an denen die Präventionsarbeit ansetzen muss.

Wer an dieser Stelle denkt, der Autor hätte die Bild-Zeitung rückwärts gelesen, der liegt gar nicht mal so falsch. Zwar beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit und ihr Hauptprotagonist ist in der Tat eine reale Person. Es handelt sich nämlich um den Psychologen und „Islamismus-Experten“ Ahmad Mansour. Doch die Darstellung seiner Biographie hätte in dieser Form niemals Einzug in die deutsche Öffentlichkeit erlangt. Denn nach der landläufigen Perspektive kann eine geistige Kehrtwende als „Radikalisierung“ nur dann bezeichnet werden, wenn sich die betreffende Person am Ende für den „Islamismus“ entscheidet. Fällt die Wahl dagegen auf die Demokratie, wird dieser Schritt als Erleuchtung gefeiert. Wie widersprüchlich dieses Narrativ jedoch ist, zeigt sich an Mansours offizieller Vita, die derzeit in den Medien aufzulesen ist. Obwohl sein radikaler Sinneswandel erst an jenem Punkt begonnen hat, als er sich mit dem westlichen Gedankengut auseinandersetzte, besteht Mansour dennoch darauf, seinen persönlichen „Radikalisierungsprozess“ in der jugendlichen Hinwendung zum „Islamismus“ zu verorten.

Dass er dieses Paradoxon nicht erkennt, lässt ernsthaft an seiner Qualifikation als Diplom-Psychologe zweifeln. Zwar rühmt sich Mansour gerne damit, das Phänomen des „religiösen Extremismus“ unter dem Gesichtspunkt der Individual- sowie der Sozialpsychologie zu bewerten, was ihn von der hysterischen Meute à la Hamed Abdel-Samad und Konsorten abheben soll. Doch von einer intellektuellen Brillanz kann in diesem Fall keine Rede sein. Besonders deutlich wird dies an der von ihm vorgeschlagenen Präventionsarbeit bei jungen Muslimen, denen er eine Anfälligkeit für „radikale“ Ideen attestiert. Aus seiner Sicht fehlt es ihnen vor allem am kritischen Denken, das sie aufgrund der „patriarchalischen Erziehungsmethoden“ ihrer Eltern nie entwickelt hätten. Daher bestehe für Mansour die Lösung zu aller erst darin, die muslimischen Jugendlichen mit dieser „Kernkompetenz“ auszustatten, um sie im Anschluss für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur zu begeistern. Scheinbar ist dem Vorzeigedemokraten jedoch entgangen, dass es gerade die „Radikalen“ sind, die vor allen anderen über einen ausgeprägten kritischen Geist verfügen. Schließlich geben sie sich den herrschenden Verhältnissen innerhalb einer Gesellschaft nicht ohne weiteres hin, was sich in erster Linie dadurch ausdrückt, dass sie von der Mehrheitsgesellschaft mit unterschiedlichen Attributen – wie „radikal“ oder „extremistisch“ – gebrandmarkt werden. Und so haben auch die in Deutschland aufgewachsenen und sozialisierten „Islamisten“ die hiesigen Werte grundlegend hinterfragt und sind zu einem für Mansour niederschmetterndem Urteil gekommen: die Ablehnung der freiheitlichen Demokratie und das kompromisslose Festhalten an ihrer islamischen Identität. Dass Mansour ihnen das kritische Denken trotz dessen abspricht, offenbart die wahren Absichten seiner Präventionsarbeit, die sich in der Agitation westlicher Ideen widerspiegelt. Die muslimischen Jugendlichen hätten nicht nur diese Ideen zu akzeptzieren, sondern darüber hinaus sein „Islamverständnis“ anzunehmen, welches „keine politische Dimension“ besitzt und „offen für Kritik“ ist. Andernfalls will Mansour die ideologischen Geschütze auffahren: „Was uns als Gesellschaft verbinden sollte, sind die Gesetze der Demokratie und der Menschenrechte. Wer sich dem verweigert und Werte propagiert, die verfassungsfeindlich sind, gegen den muss vorgegangen werden.“ Trotz dieser Kampfansage wird sich der Populärpsychologe dennoch eingestehen müssen, dass die demokratischen Werte kontinuierlich darin versagen, den Menschen in dieser Gesellschaft ein attraktives Sinnangebot zum Leben anzubieten.

Es mag sein, dass Mansour mit seinen debilen Geistesblitzen so manchen Wutbürger in freudige Ekstase versetzt. Unter dem Strich ist seine gesamte Argumentation jedoch ein einziges Armutszeugnis. Denn durch seine dilettantischen Ausführungen hat er lediglich an die gedanklichen Ergüsse seiner Vorgänger angeknüpft, ohne einen inhaltlichen Mehrwert geschaffen zu haben. Selbst dem eigenen Anspruch ist der „Gegner“ monokausaler Erklärungen nicht einmal ansatzweise gerecht geworden. Sein waghalsiger Versuch, den „Radikalisierungsprozess“ junger Menschen aus psychologischer Sicht zu beleuchten, entpuppt sich für Mansour als psychoanalytischer Bumerang, der nicht mehr als eine Projektion seiner geistigen Entwicklung auf andere ist. So verlagert Mansour seinen innerpsychischen Konflikt auf junge Muslime, denen er ein gestörtes Verhältnis zum anderen Geschlecht unterstellt, ohne zu bemerken, dass er sich in einem introspektiven Zustand befindet und sein eigenes Dilemma beschreibt.

Hier wird deutlich, wie flexibel sich das offizielle Radikalismus-Modell auf andere übertragen lässt. Dabei demonstriert das Beispiel von Ahmad Mansour auf kuriose Weise, dass nicht einmal die Verfechter derartiger Erklärungsmuster vor der Diagnose einer dissozialen Persönlichkeitsstörung gefeit sind. Falls es in der Mehrheitsgesellschaft in puncto „Radikalisierung“ zu keinem nennenswerten Umdenken kommt, könnte sich das besagte Problem für die BRD in Zukunft noch dramatisch zuspitzen. Denn statt sich mit der islamischen Community endlich an einen Tisch zu setzten, werden zweifelhafte Personen aus dem Dunstkreis ehemaliger Muslime angeheuert, die den bereits existierenden Vorurteilen lediglich ein neues Gewand verleihen. Solange aber ihresgleichen die Deutungshoheit zu diesem Thema vorbehalten bleibt, werden sich die Bürger hierzulande auch in Zukunft regelrecht die Zähne ausbeißen, wenn es nach einem weiteren Anschlag in Europa wieder heißt: Warum radikalisieren sich junge Menschen?