Dass westliche Kommentatoren bei der Beurteilung politischer Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten gerne zur eurozentrischen Brille greifen, ist gemeinhin bekannt. Gemäß dem Narrativ hiesiger Intellektueller wird die Rückständigkeit der islamischen Länder nicht zuletzt mit fehlenden demokratischen sowie zivilstaatlichen Strukturen begründet.
Dass westliche Kommentatoren bei der Beurteilung politischer Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten gerne zur eurozentrischen Brille greifen, ist gemeinhin bekannt. Gemäß dem Narrativ hiesiger Intellektueller wird die Rückständigkeit der islamischen Länder nicht zuletzt mit fehlenden demokratischen sowie zivilstaatlichen Strukturen begründet.
Jegliche Aufwärtsentwicklung scheitere zudem an der sturen Haltung der Muslime, ihr Verhältnis zur Religion nach europäischem Vorbild neu zu definieren. Gerade im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen in Syrien und im Irak scheinen externe Beobachter nur allzu gerne Analogien zur eigenen Kulturgeschichte zu ziehen, um sowohl die Bruchlinien dieses Konflikts zu erläutern als auch mögliche Szenarien zu prophezeien. Dass einige in diesem Zusammenhang über die Stränge schlagen, ist wohl der eigenen Wahnvorstellung geschuldet, wonach das westliche Gedankengut der universale Lebensnerv der irdischen Ordnung sei.
Auf diesen Zug aufgesprungen ist auch der politische Redakteur der „FAZ“, Rainer Hermann, der in seinem aktuellen Buch mit dem Titel „Endstation Islamischer Staat?“ eine Neuauflage europäischer Religionskriege im Nahen Osten ausgemacht haben will. Darin erklärt er die Levante zum „Schlachtfeld des Dreißigjährigen Kriegs der Araber in der Gegenwart“. Die Parallelen seien laut Hermann neben der beispiellosen Gewaltbereitschaft seiner Protagonisten hauptsächlich im konfessionellen Streit zwischen Sunniten und Schiiten eindeutig abzulesen, der die islamische Welt bis in die heutige Zeit verfolge. Zudem wurde der Konflikt zwischen Protestanten und der katholischen Kirche, unterstützt von den jeweiligen Regionalmächten, in Form eines Stellvertreterkrieges auf deutschem Boden ausgetragen. Übertragen auf die heutige Zeit „stehen sich als rivalisierende Regionalmächte Saudi-Arabien (…) und der schiitische Iran gegenüber“, die Syrien als ihr Aktionsgebiet auserkoren haben und wie die damaligen Mächte bereits vorgemacht, „Söldner und Waffen auf das Schlachtfeld, das nicht ihr Land war“ schickten. Der „zerstörerische Kampf zwischen dem wahhabitisch-sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran“ sei demzufolgeder eigentliche Grund für die Fortsetzung des Krieges, wobei Interessen globaler Akteure bei dieser Analyse geflissentlich ausgeklammert werden. Der Ausgang dieses Konflikts scheint für den selbsternannten Nahost-Experten noch ungewiss zu sein. In jedem Fall stellt Hermann fest, dass „Sunniten und Schiiten von ihrem ‚Westfälischen Frieden‘ und der Einsicht der Vorteile einer säkularen Ordnung noch weit entfernt“ zu sein scheinen.
Obwohl derartig verzerrte Deutungen keine Seltenheit in der westlichen Berichterstattung sind, drängt sich angesichts dieser wirren Argumentation die Frage auf, ob von einer ernstzunehmenden Unkenntnis der eigenen Geschichte die Rede sein muss oder der kühne Versuch unternommen werden soll, das Ursache-Wirkungs-Prinzip nach marxistischer Art „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Vielleicht ist es nach über einem halben Jahrtausend kontinuierlichem Blutvergießen auf europäischem Boden dem besagten Autor entgangen, dass der Ursprung des Dreißigjährigen Krieges hauptsächlich auf die Zerwürfnisse zwischen der katholischen Kirche und der protestantischen Bewegung zurückzuführen ist. Kernpunkt dieses Streits waren bekanntermaßen die Machtstellung des Papstes und seine alleinige Autorität über die Auslegung der Bibel, die von Martin Luther und Konsorten vehement abgelehnt wurde.Das Resultat dieses Prozesses und der anschließenden blutigen Auseinandersetzung war wie Hermann zunächst richtig konstatiert, die Einsicht, „Staat und Religion zu trennen, die Säkularisierung als Geisteshaltung und institutionell durchzusetzen“.
Eine Einsicht, die unter Berücksichtigung der historischen Fakten im Falle des Nahen Ostens jedoch völlig realitätsfremd erscheint. Schließlich initiierten die europäischen Kolonialmächte nach der Zerschlagung des Osmanischen Kalifats bereits einen Säkularisierungsprozess in der islamischen Welt und sorgten neben der militärischen und politischen vor allem durch ihre kulturelle Invasion dafür, den Islam aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Gleichzeitig wurden jene autoritären Herrschaftsstrukturen herangezüchtet, die bis in die heutige Zeit in Kooperation mit den westlichen Staaten versuchen, die von der breiten Masse der Muslime verhasste postkoloniale Ordnung aufrechtzuerhalten.
Die „Vorteile einer säkularen Ordnung“ bekommen die Muslime demnach seit nahezu einhundert Jahren am eigenen Leib zu spüren. Der repressive Umgang im Zusammenspiel mit immer ausgeklügelteren Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber der eigenen Bevölkerung ist das Sinnbild einer von Despotie und Rückständigkeit gebeutelten Region. Ganz besonders die Unterstützung dieser säkularen Diktaturen seitens westlicher Staaten hat den Muslimen inzwischen deutlich vor Augen geführt, was vom westlichen Gesellschaftsmodell zu halten ist. Dass der Säkularismus angesichts dieser (Miss-)Erfolge ein „Comeback“ feiern soll, gleicht der irrsinnigen Vorstellung, der Faschismus sei ein Feind der europäischen Aufklärung gewesen. Dass ausgerechnet der Irak und Syrien, die wie kein anderes Land im Nahen Osten das laizistische Staatsmodell jahrzehntelang leidenschaftlich umsetzten, dem kompletten Staatszerfall immer näher kommen, dürfte Hermann in Erklärungsnot bringen. Dabei kann der Verweis auf die konfessionellen Streitigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten in diesem Kontext als verzweifelter Versuch gewertet werden, die tatsächlichen Konfliktlinien zu kaschieren. Denn obwohl in Ländern wie Tunesien, Libyen und Ägypten kaum Schiiten leben, lehnte sich die dortige Bevölkerung dennoch gegen die herrschende laizistische Ordnung auf. Der Westen mag hierbei einwenden, es handle sich nicht per se um eine Ablehnung des Laizismus oder der republikanisch-parlamentarischen Regierungsform. Vielmehr haben demokratische Defizite im politischen System und der autoritäre Regierungsstil die Massen auf die Straßen gezogen. Doch die Wahlerfolge islamischer Parteien und die Hinwendung zu „islamistischen“ Gruppen insbesondere im Syrien-Konflikt hinterlassen vielmehr den Eindruck, dass eine tatsächliche Identifikation mit dem Säkularismus fehlt. Diese fehlende Identifikation war ein wesentliches Motiv dafür, dass sämtliche Staaten im Nahen Osten zum autoritären Regierungsstil greifen mussten, um ihre Machtstellung einigermaßen zu festigen. Die Gegenpole in dieser Auseinandersetzung müssen folglich in ihrem regionalen Kontext untersucht werden und dürfen sich nicht auf ein bestimmtes Land beschränken. Trotz der von Politik und Medien überhöhten Darstellung der konfessionellen Spannungen im Irak, verläuft die eigentliche Bruchlinie zwischen den islamischen und den säkularen Kräften.
Diese Tatsache lässt sich an der politischen Positionierung „schiitischer Autoritäten“ nach dem US-Einmarsch im Irak 2003 deutlich erkennen. Infolge des Sturzes von Saddam Hussein schlossen sich ihre Kräfte der Gründung einer Übergangsregierung unter der Aufsicht der USA an. Abgesegnet von höchster geistlicher Stelle legitimierten sie mit einem derartig symbolträchtigen Akt nicht nur die Besatzung, sondern bekundeten ihre tatkräftige Unterstützung für das säkulare System im Irak. Diese Entwicklung sollte sich wenige Jahre später im Syrien-Konflikt wiederholen, nachdem sich unter der syrischen Bevölkerung ein islamischer Widerstand gegen die Regierung formierte. Sowohl das iranische Regime als auch die im Libanon ansässige Hisbollah schlugen sich kurzerhand auf die Seite Baschar al-Assads. Dass sich die Rivalität zwischen Sunniten und Schiiten auch in diesem Fall nicht in erster Linie in den konfessionellen Unterschieden widerspiegelt, belegen insbesondere die kritischen Stimmen aus schiitischen Kreisen. So hat beispielsweise der ehemalige Führer der Hisbollah, Subhi at-Tufaili, zum Bürgerkrieg in Syrien und der Unterstützung des Assad-Regimes eindeutig Stellung bezogen. In einem Interview für den libanesischen Sender „MTV“ machte er unmissverständlich klar, dass die gefallenen Hisbollah-Kämpfer „keine Märtyrer sind“ und für ihren Kampf „in die Hölle kommen“.
Ungeachtet dieser politischen Komponente täte sich Hermann als ausgewiesener Kenner des „Vorderen Orients“ zudem selbst einen Gefallen, nochmals in die islamische Geschichte zurückzublättern und einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Schiitentums zu werfen. Zu seinem Erstaunen wird er feststellen müssen, dass der Ursprung dieses Konflikts ein politischer Disput war, der sich um die Frage nach der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten drehte und bei noch so viel Fantasie keinesfalls mit der Reformation gleichgesetzt werden kann. Weder war die Existenz der politischen Institution des Kalifats Streitpunkt, noch wurde der Koran als primäre Gesetzgebungsquelle in Frage gestellt. Speziell nach schiitischer Auffassung begründet die bewusste Ablehnung der „Imamatslehre“ den Abfall vom Glauben. Andererseits müssen die unterschiedlichen Interpretationen über gewisse Glaubensgrundlagen in ihrem historischen Kontext eingeordnet werden. Denn die in diesem Zusammenhang immer wieder vorgebrachte Behauptung, dass die Heiligenverehrung und der Personenkult innerhalb des Schiitentums von den Sunniten vehement abgelehnt wird, täuscht darüber hinweg, dass sich diese Differenzen im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt haben und nicht als Grund für die ursprüngliche Spaltung herhalten können. Insbesondere die Heiligenverehrung findet sich auch in sunnitischen Kreisen wieder, wie im vom Westen verklärten Sufismus. Obwohl auch diese Praxis von der islamischen „Orthodoxie“ strikt abgelehnt wird, ist weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart jemals ein konfessioneller Streit entbrannt, der das Ausmaß der heutigen Auseinandersetzung im Irak angenommen hätte. Dass diese feinen aber entscheidenden Unterschiede von Hermann nicht erkannt werden, ist angesichts seiner abenteuerlichen Erklärungsansätze zu erwarten.
Die Befürchtung der westlichen Staatengemeinschaft, dass die postkoloniale Ordnung im Nahen Osten im Begriff ist zu implodieren, erscheint vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen mehr als berechtigt. Doch der ewige Rückgriff auf Analogien aus der eigenen Kulturgeschichte belegt nicht nur die zunehmende Ideenarmut des Westens, internationale Konfliktherde konstruktiv zu befrieden. Ebenso zeugt dieses reflexartige Verhalten von mangelnder weltanschaulicher Empathie. Weder der Dreißigjährige Krieg noch der Wiener Kongress taugen als Blaupause für eine Neuordnung des Nahen Ostens.