{"id":9993,"date":"2015-07-30T00:00:00","date_gmt":"2015-07-29T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9993"},"modified":"2015-07-30T00:00:00","modified_gmt":"2015-07-29T22:00:00","slug":"die-deutsche-aufklaerung-und-das-dritte-reich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9993","title":{"rendered":"Die deutsche Aufkl\u00e4rung und das Dritte Reich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Jahr gedenkt die Bundesrepublik zum siebzigsten Mal der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. Eine Zeitspanne, die der deutschen Gesellschaft in puncto Vergangenheitsbew\u00e4ltigung viel abverlangte. Denn keine Epoche der deutschen Geschichte erfuhr eine \u00e4hnlich gro\u00dfe Aufmerksamkeit, noch nie wurden Geschehnisse so \u00fcberh\u00f6ht dokumentiert wie die der Zeit des Nationalsozialismus. Ganz besonders die Person des F\u00fchrers geh\u00f6rt seit sieben Jahrzehnten nicht nur zum festen Bestandteil des abendlichen Fernsehprogramms, sondern zieht mit ihrer sagenumwobenen Aura vom Psychologen bis zum Esoteriker s\u00e4mtliche wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Disziplinen in ihren Bann. Allerdings war die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auch immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten. Insbesondere die Schuldfrage der Deutschen an den Verbrechen im Dritten Reich konnte bis heute nicht eindeutig gekl\u00e4rt werden. In einem sind sich die Zwangsdemokraten jedoch einig: Nie wieder d\u00fcrfe sich die \u201e<em>deutsche Katastrophe<\/em>&#8222;, die weite Teile des europ\u00e4ischen Kontinents in Flammen setzte, wiederholen. Beeindruckt von dieser Erkenntnis und animiert durch das Umerziehungsprogramm der Alliierten, erkl\u00e4rte die BRD kurz nach ihrer Gr\u00fcndung das Konzept der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung sowohl zur Staatsr\u00e4son als auch zur individuellen Pflicht aller B\u00fcrger. Grund genug eine Bilanz zu ziehen und die Fr\u00fcchte dieses geistigen Genesungsprozesses n\u00e4her zu beleuchten.<br>Auch nach siebzig Jahren historischer Aufarbeitung und einer kritischen Reflexion \u00fcber die Nazi-Verbrechen, bleibt die Geschichtsschreibung seinen Lesern nach wie vor die Antwort schuldig, weshalb sich ausgerechnet das \u201e<em>Volk der Denker und Dichter<\/em>&#8220; dazu hinrei\u00dfen lie\u00df, dem \u201e<em>Monster<\/em>&#8220; Adolf Hitler widerstandslos bis zum Untergang zu folgen. Ungeachtet der gro\u00dfen kulturellen Errungenschaften der deutschen Aufkl\u00e4rung, auf die mit Stolz verwiesen wird, war die Affinit\u00e4t zu rechtskonservativem Denken im deutschen Alltag stets die Regel. Besonders zu sp\u00fcren bekam dies die Weimarer Republik. Trotz einer \u00fcberdurchschnittlich gro\u00dfen Anzahl an politischen Parteien, entschied sich eine breite Masse der Deutschen dennoch f\u00fcr die NSDAP, die keinen Hehl daraus machte, nach ihrer Machtergreifung, die \u00fcbrigen \u201e<em>drei\u00dfig Parteien aus Deutschland hinauszufegen<\/em>&#8222;. Um nachzuvollziehen, wie es Hitler gelang, sich das deutsche \u201e<em>Kulturvolk<\/em>&#8220; mittels raffinierter Propaganda gef\u00fcgig zu machen, lieferten Historiker und Soziologen in den vergangenen sieben Jahrzehnten zahlreiche Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze. Neben den sozio\u00f6konomischen und gesellschaftspolitischen Schwierigkeiten, mit denen die Weimarer Republik zu k\u00e4mpfen hatte, wird zunehmend \u00fcber m\u00f6gliche geistige Dispositionen diskutiert, die innerhalb der deutschen Kultur verankert seien. Hierbei betonen Historiker immer wieder den deutschen Untertanengeist, der mit Hilfe seiner militaristischen Mentalit\u00e4t preu\u00dfischer Pr\u00e4gung den notwendigen N\u00e4hrboden schuf, auf dem die Nazis ihren Gesinnungsmarsch er\u00f6ffnen konnten. Da die meisten Deutschen in der parlamentarischen Demokratie eine \u201e<em>schwere Ideologie<\/em>&#8220; sahen, bevorzugten sie ihrem politischen Naturell entsprechend eine autorit\u00e4re und diktatorische Herrschaftsform. Auf dieser Grundlage wurde die wenn auch strittige These des \u201e<em>deutschen Sonderwegs<\/em>&#8220; begr\u00fcndet, die sich in der Ablehnung b\u00fcrgerlich-liberaler Werte und demokratischer Staatsstrukturen \u00e4u\u00dferte. Dieses Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Tradition und Moderne und die Auflehnung gegen\u00fcber \u201e<em>westlichen Ideen<\/em>&#8220; sei exemplarisch f\u00fcr den anachronistischen Geist im Deutschland des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts.<br>Allerdings \u00fcbergehen derartige Deutungen, dass auch im deutschsprachigen Raum eine Geisteswende in der Tradition der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung stattfand, die fortan eine politische Kultur deutschen Typus herausbilden sollte und somit in der Bewertung der weiteren Ereignisse eine zentrale Rolle einnehmen muss. Diese Geisteswende, welche sich in der Philosophie des Deutschen Idealismus niederschlug, stellte das gedankliche Ger\u00fcst dar, auf dem sich nicht nur das preu\u00dfische K\u00f6nigreich und die Weimarer Republik, sondern auch das Dritte Reichs ein gesellschaftliches und politisches System konstituierte. Insofern kommt die Nachkriegsdemokratie nicht umhin, die Frage nach einem Zusammenhang zwischen der deutschen Philosophie und der nationalsozialistischen Weltanschauung aufzuwerfen. Erstaunlicherweise wird hierzulande ein gro\u00dfer Bogen um dieses Thema geschlagen. F\u00fcr gew\u00f6hnlich gleicht es einer blasphemischen Behauptung, philosophische Gr\u00f6\u00dfen wie Kant oder Hegel mit der Nazi-Ideologie in Verbindung zu setzen, lehnten doch die \u201e<em>braunen Schreih\u00e4lse<\/em>&#8220; die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution als \u201e<em>undeutschen Geist<\/em>&#8220; kategorisch ab. Doch hierbei handelt es sich um ein wahres Gaunerst\u00fcck deutscher Erinnerungskultur, schlie\u00dflich wird die Epoche der Aufkl\u00e4rung dabei auf geistig-ideeller Ebene als monolithischer Block dargestellt. Die dennoch vorhandenen Unterschiede werden bei dieser Gelegenheit rasch aufgel\u00f6st und das Dritte Reich als ein Fremdk\u00f6rper deutscher Geistesgeschichte pr\u00e4sentiert. Aufgrund dieser selektiven Wahrnehmung wird schlie\u00dflich das Bild eines jungen Hitlers konstruiert, der bis zu seinem drei\u00dfigsten Lebensjahr immun gegen jegliche geistig-kulturelle Einfl\u00fcsse gewesen sein soll und sich sein Weltbild im stillen K\u00e4mmerlein zusammenbastelte. Angesichts seiner dokumentierten Lesegewohnheiten und der Auswahl seiner Literatur, kann von einer hermetisch abgeriegelten Glaskuppel im Herzen Europas als Ort geistigen Schaffens allerdings keine Rede sein. Vielmehr lie\u00df er sich von der abendlichen Lekt\u00fcre Fichtes, Nietzsches und Schopenhauers gedanklich so weit inspirieren, dass er sich als Schutzpatron der europ\u00e4ischen Kultur berufen sah, die es vor einem erstarkenden Bolschewismus zu sch\u00fctzen galt. Es stimmt zwar, dass weder die franz\u00f6sischen noch die angels\u00e4chsischen Denker einen direkten Einfluss auf die nationalsozialistische Geistesbildung hatten, dennoch war der Bezugspunkt der Intellektuellen im Dritten Reich stets die Philosophie des Deutschen Idealismus. So bekundete der promovierte Philosoph und SS-Sturmbannf\u00fchrer Dr. Otto Dietrich in seiner bekannten Schrift\u201eEin Ruf zu den Waffen deutschen Geistes&#8220; das Bekenntnis des Nationalsozialismus zur klassischen deutschen Philosophie Kants und Fichtes. Darin erkannte er besonders in Kants Sittengesetz die \u201e<em>klassische Formulierung nationalsozialistischer Ethik<\/em>&#8220; und erhob Fichte zugleich zum \u201e<em>Prediger und Propheten der Nation<\/em>&#8222;. Philosophen wie Martin Heidegger, der neben seiner Liaison mit Hannah Arendt bis 1945 NSDAP-Mitglied war, schm\u00fcckten ebenso die intellektuelle Landschaft des Dritten Reiches. Heideggers Kritik der abendl\u00e4ndischen Philosophie und der Versuch ein neues Weltverst\u00e4ndnis zu formulieren, machen ihn bis heute zu einer festen Geistesgr\u00f6\u00dfe unter den deutschen Philosophen. Doch an seiner r\u00e4tselhaften Hinwendung zum Nationalsozialismus bei\u00dfen sich die demokratischen Geister ihre Z\u00e4hne aus. Die in den 1930er Jahren einsetzende geistige Kehrtwende Heideggers wird gerne als Charakterschw\u00e4che und Bed\u00fcrfnis nach Karriere und Anerkennung abgetan.<br>Dieses immer wieder zu beobachtende Ph\u00e4nomen, den Bef\u00fcrwortern und Unterst\u00fctzern der NS-Diktatur die abenteuerlichsten Motive f\u00fcr ihre Loyalit\u00e4t unterzujubeln, offenbart das gesamte Ausma\u00df einer undifferenzierten und kritiklosen Beurteilung der eigenen Geschichte. Statt sich mit der M\u00e4r von der vermeintlichen Verf\u00fchrung des deutschen Volkes durch Hitler zu begn\u00fcgen, sollte das begnadetet \u201e<em>Kulturvolk<\/em>&#8220; vern\u00fcnftigerweise Farbe bekennen und den offensichtlichen Zusammenhang zwischen der deutschen Philosophie und dem Dritten Reich nicht l\u00e4nger leugnen.<br>M\u00f6chte die Nachkriegsgeneration der vielzitierten Vergangenheitsbew\u00e4ltigung tats\u00e4chlich gerecht werden, bedarf es folglich mehr, als sich in den nahezu st\u00fcndlich ausgestrahlten Dokumentationen von zweifelhaften Thesen \u00fcber den psychisch labilen Zustand Hitlers und seiner fragw\u00fcrdigen Mundhygiene berieseln zu lassen. Eine historische Aufarbeitung, die ihren Namen verdient, w\u00e4re nur dann produktiv, wenn der \u201e<em>Schrecken<\/em>&#8220; des Nationalsozialismus im Kontext der eigenen kulturphilosophischen Entwicklung und der deutschen Aufkl\u00e4rung untersucht w\u00fcrde. Sp\u00e4testens wenn es dann in zwei Generationen hei\u00dft: Der Deutsche hat aus der Geschichte gelernt, dass der Deutsche aus der Geschichte nichts lernt, werden die Urenkel die entstellte Vergangenheitsbew\u00e4ltigung als Betrug begreifen und sich der tats\u00e4chlichen Schuldfrage stellen m\u00fcssen. Doch bevor das deutsche Volk bereit w\u00e4re das Dritten Reich als eine zeitgem\u00e4\u00dfe Interpretation der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung zu erkennen, w\u00fcrde es wohl eher dazu neigen durch einen strammen Griff zur Zyankali-Kapsel die Volksseele aus ihrem kulturhistorisch gesch\u00e4ndeten Corpus zu befreien und der Volksgemeinschaft auf diese Weise einen ehrw\u00fcrdigen Abgang in deutscher Tradition zu bescheren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Jahr gedenkt die Bundesrepublik zum siebzigsten Mal der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. 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