{"id":9989,"date":"2015-06-28T00:00:00","date_gmt":"2015-06-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9989"},"modified":"2015-06-28T00:00:00","modified_gmt":"2015-06-27T22:00:00","slug":"wie-ein-tuch-deutschland-herausfordert-oder-wie-der-westen-die-neutralitaet-erlernte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9989","title":{"rendered":"Wie ein Tuch Deutschland herausfordert, oder: Wie der Westen die Neutralit\u00e4t erlernte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ewigen Zerren an Deutschlands Kopft\u00fcchern ist das letzte Wort l\u00e4ngst nicht gesprochen. Erst k\u00fcrzlich wurde das Tuch durch Bloggerin und angehende Rechtsreferendarin Bet\u00fcl Ulusoy neu ausgerollt und von der deutschen Presse begierig als \u201eNeuk\u00f6llner Kopftuch-Posse&#8220; ausgebreitet. In der Berichterstattung wurde dar\u00fcber gestritten, ob Ulusoy der Referendariatsplatz am Bezirksamt Neuk\u00f6lln nun wegen ihres Kopftuchs verweigert werden sollte, der Leiter des Rechtsamts erst die Entscheidung des Bezirksamts-Kollegiums \u00fcber Ulusoys Einstellung abwarten wollte oder Ulusoy nun willentlich eine ganz andere Stelle antritt. Ihren Standpunkt zur schlussendlichen Entscheidung des Berliner Bezirksamts, den Referendariatsplatz an die muslimische Juristin nur unter Ausnahme aller hoheitlichen Aufgaben zu vergeben, machte Neuk\u00f6llns B\u00fcrgermeisterin Franziska Giffey jedenfalls klar: \u201eGerade in einem Bezirk wie Neuk\u00f6lln, der vielf\u00e4ltig ist, in dem vielf\u00e4ltigste Religionen zusammen kommen, ist die Neutralit\u00e4t der Vertreter des Staates ein hohes Gut, das aus meiner Sicht auch bewahrt werden muss.&#8220;<br>Ulusoys abf\u00e4llige Bezeichnung als \u201eKopftuchfrau&#8220; in den Medien, die Wertung ihres \u00f6ffentlichen Vorgehens als blo\u00dfe \u201eProvokation&#8220; und \u00fcberhaupt die Ablehnung oder eingeschr\u00e4nkte Annahme einer f\u00e4higen Juristin wegen ihres Kopftuchs d\u00fcrfen berechtigterweise die Wut und Entt\u00e4uschung der Muslime nach sich ziehen. Sollte es die muslimische Community allerdings bei dieser wutgespeisten Gegenhaltung belassen, h\u00e4tten wir einmal mehr bewiesen, dass au\u00dfer emotionaler Reaktionen bei uns nichts zu holen ist. Vielmehr muss die von Giffey aufgegriffene Formel der \u201eNeutralit\u00e4t der Vertreter des Staates&#8220; in unseren K\u00f6pfen kr\u00e4ftig widerhallen, bis uns die unterschwellige Botschaft wie der Blitz trifft: Der westliche Mensch ist neutral. Wir sind es nicht.<br>Z\u00f6ge unser Mangel an Neutralit\u00e4t allein die Konsequenz nach sich, keine hoheitlichen Aufgaben ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen, w\u00e4re das Ausma\u00df der Katastrophe recht begrenzt. Denn weder k\u00f6nnen noch wollen die meisten Muslime in Deutschland in den Staatsdienst treten. Das wahre Ausma\u00df trifft den, der sich klar macht: Der neutrale Mensch ist vern\u00fcnftig. Er l\u00e4sst sich in seinen Entscheidungen von seinem Verstand leiten. Gegen ideologische oder religi\u00f6se Entgleisungen ist er immun. Der Muslim ist nicht neutral. Also ist er all das nicht.<br>Wie sollte der neutrale Mensch auch anders sein? Immerhin wurde er im Westen sozialisiert, dem Teil der Welt, \u00fcber den die Aufkl\u00e4rung ihre intellektuellen und gesellschaftlichen Segnungen ausgoss. Wenn die Aufkl\u00e4rung etwas hervorgebracht hat, dann sind dies vor allem zwei herausragende Erscheinungen: das Abschaffen der ewig kriegstreibenden Wahrheit und die Erfindung der Neutralit\u00e4t. Diese Erscheinungen muss man dabei nicht als echte Errungenschaft verstehen, sondern als echte Scheinheiligkeiten. Denn genauso wenig, wie sich Wahrheit und Wahrheitsanspruch abschaffen lassen, ist die Erfindung der Neutralit\u00e4t etwas Anderes als eben \u201efrei erfunden&#8220;. Trotz aller Verkl\u00e4rungsversuche und des Geredes vom menschlichen Naturzustand bleibt klar, dass das Menschengeschlecht nicht mit der F\u00e4higkeit zur Neutralit\u00e4t gesegnet wurde. Jeder, allen voran die Aufkl\u00e4rungsphilosophen, ist in seinem Denken, Erkennen und Werten beeinflusst von seiner historischen und kulturellen Umwelt sowie seiner Erfahrung und Sozialisation. Niemand begegnet den Geschehnissen dieser Welt als Tabula rasa, vielmehr wird sie jeden Tag aufs Neue nach den eigenen \u00dcberzeugungen betrachtet und gewertet sowie ihre Protagonisten unweigerlich in Schubladen gesteckt. Der Forderung nach Neutralit\u00e4t kann eigentlich nur nachkommen, wer sich aus dem Weltgeschehen auszuklinken und in der Vogelperspektive \u00fcber ihm zu schweben in der Lage ist. Der Ausgangspunkt dieser Diskussion, auch jener um Ulusoy, ist somit der zur Neutralit\u00e4t unf\u00e4hige Mensch, der sich in Gesellschaften und Staaten organisiert, in denen sich seine unumg\u00e4ngliche konzeptionelle und damit auch ideologische Voreingenommenheit fortsetzt.<br>Die scheinbare Neutralit\u00e4t des westlichen Menschen behauptet Objektivit\u00e4t, also die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Sie appelliert, allein nach dem Nutzen-Prinzip zu handeln, so wie es schon in der Tierwelt praktiziert wird. Auf politischer Ebene ruft sie danach, ein Real-Politiker zu sein, der den wirtschaftlichen Nutzen seiner Nation \u00fcber jedes Menschenrecht stellt. Neutralit\u00e4t muss hei\u00dfen, einzugestehen, dass der Mensch im Kern nichts Anderes will als frei zu sein, sich auszuleben, seinen Neigungen zu fr\u00f6nen. Um es kurz zu fassen: Muslime tragen eine ideologisch verschmierte Brille, durch die sie die Welt betrachten. Neutrale Menschen nicht.<br>W\u00e4re die neutrale Tarnung der westlichen Ideologie nicht so niedertr\u00e4chtig, k\u00f6nnte man \u00fcber all diese Absurdit\u00e4ten vielleicht sogar schmunzeln. Sich in das Gewand der Neutralit\u00e4t zu kleiden bedeutet aber, unangreifbar zu sein, sich nicht rechtfertigen zu m\u00fcssen und auf den Rest der Welt bestenfalls wohlwollend hinabzuschauen. Es hei\u00dft auch, seine eigenen Werte und kulturellen Verfehlungen universalisieren zu k\u00f6nnen und schlie\u00dflich zur Rasse der latent arroganten Herrenmenschen zu geh\u00f6ren.<br>Dass Ulusoy wegen ihres Kopftuchs keine hoheitlichen Aufgaben ausf\u00fchren darf, ist die zu erwartende, kleinkarierte Reaktion deutscher Beh\u00f6rden. Dass sie \u2013 solange sie besagtes Tuch auf dem Kopf tr\u00e4gt \u2013 eine Klasse unter dem aufgekl\u00e4rten Menschen angesiedelt wird, ist der echte Skandal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kopft\u00fcchern ist das letzte Wort l\u00e4ngst nicht gesprochen. Erst k\u00fcrzlich wurde das Tuch durch Bloggerin und angehende Rechtsreferendarin Bet\u00fcl Ulusoy neu ausgerollt und von der deutschen Presse begierig als \u201eNeuk\u00f6llner Kopftuch-Posse&#8220; ausgebreitet. In der Berichterstattung wurde dar\u00fcber gestritten, ob Ulusoy der Referendariatsplatz am Bezirksamt Neuk\u00f6lln nun wegen ihres Kopftuchs verweigert werden sollte, der Leiter des Rechtsamts erst die Entscheidung des Bezirksamts-Kollegiums \u00fcber Ulusoys Einstellung abwarten wollte oder Ulusoy nun willentlich eine ganz andere Stelle antritt. 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