{"id":9979,"date":"2015-06-01T00:00:00","date_gmt":"2015-05-31T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9979"},"modified":"2015-06-01T00:00:00","modified_gmt":"2015-05-31T22:00:00","slug":"von-der-teilwahrheit-zur-wertediktatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9979","title":{"rendered":"Von der Teilwahrheit zur Wertediktatur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung jeglichem Absolutheitsanspruch den Kampf angesagt hat, werden ihre Apologeten nicht m\u00fcde, die eigenen historischen Erfahrungen und die daraus gezogenen Konsequenzen grenz\u00fcbergreifend auf alle Religions- und Kulturgemeinschaften zu \u00fcbertragen. In der Abwendung einer endg\u00fcltigen Wahrheit will der Westen die Strahlkraft seiner Ideen ausfindig gemacht haben und so versucht er das eigene Gedankengut als ultimative Richtschnur f\u00fcr einen modernen und fortschrittlichen Staat zu plakatieren. Der eigenen Einsch\u00e4tzung zur Folge sei die Koexistenz verschiedener Kulturen und Glaubensvorstellungen nur unter dem Primat von Laizismus, Demokratie und Freiheit m\u00f6glich. Das Anrecht auf die gedanklichen Errungenschaften dieser Geisteswende habe dabei nicht nur das Abendland. Vielmehr m\u00fcsse die gesamte Welt, ungeachtet ihrer kulturellen Unterschiede, das \u201eProjekt Aufkl\u00e4rung&#8220; \u00fcber sich ergehen lassen.<br>So mahnt der renommierte Historiker, Heinrich August Winkler, die Menschenrechte als normatives Projekt des Westens zu begreifen und auf seine weltweite Geltung zu bestehen. Zwar erkennt er an, dass der Menschenrechtsgedanke ein Produkt der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte ist und diesen Prozess auch nur \u201edas lateinische, nicht das orthodoxe Europa&#8220; erlebt hat. Dennoch m\u00fcssten auch die \u00fcbrigen Staaten auf der Welt ihre Politik an diesem Ma\u00dfstab ausrichten. Der Westen soll hierbei in die Rolle eines obersten Richters schl\u00fcpfen, der \u00fcber die Einhaltung der Menschenrechte wacht und jene mit seinem Zeigefinger tadelt, die ihnen zu wider handeln. Etwas sch\u00e4rfer formulierte es der politische Redakteur der \u201e<em>Weltgruppe<\/em>&#8220; Richard Herzinger, der sich angesichts aktueller Debatten \u00fcber eine neue Marschroute der deutschen Au\u00dfenpolitik dazu berufen f\u00fchlt, die Kulturrelativisten in den eigenen Reihen gedanklich so weit zurechtzuweisen, bis der universelle Geltungsanspruch der Menschenrechte nicht mehr infrage gestellt wird. Zudem fordert er den Westen auf, um die eigene Glaubw\u00fcrdigkeit zu wahren, seine Werte \u201e<em>offensiv in die Welt<\/em>&#8220; zu tragen. In einem k\u00fcrzlich erschienen Essay mit dem Titel \u201e<em>\u00dcberrumpelt, z\u00f6gerlich, lethargisch<\/em>&#8220; wettert der Apologet \u00e4gyptischer Staatsstreiche gegen jene Kulturrelativisten und radikalen Anh\u00e4nger des Posthistorismus, die durch ihre Ablehnung einer objektiven Wahrheit auf politischer Ebene und in letzter Konsequenz den Unterschied zwischen demokratischer und autorit\u00e4rer Macht aufzuweichen drohen. Herzinger teilt zwar den Grundsatz, dass es in einer Demokratie keine \u201e<em>einzige, letztg\u00fcltige Wahrheit<\/em>&#8220; geben darf. Vielmehr m\u00fcsse sich ganz im Sinne der vielgepriesenen Streitkultur aus den verschiedenen und zum Teil gegens\u00e4tzlichen gesellschaftlichen Positionen lediglich eine \u201eTeilwahrheit&#8220; durchsetzen, die allerdings stets hinterfragt und verworfen werden kann. Als gl\u00fchender Verfechter einer \u201e<em>Freien Welt<\/em>&#8220; bevorzugt Herzinger demnach ein Demokratiemodell, in dem er sich geistig austoben kann, dessen rei\u00dffester Rahmen jedoch unangetastet bleibt und keinerlei Hinterfragung zul\u00e4sst. So genie\u00dft die Demokratie als politisches Konzept das Privileg sich nicht von der mystischen Triebfeder der Aufkl\u00e4rung \u2013 n\u00e4mlich der vielgepriesenen kritischen Methode &#8211; untersuchen lassen zu m\u00fcssen und wird auf diese Weise zum Grundstein einer Wertediktatur, deren Geltungsanspruch selbst in den entlegensten Winkeln der Welt zu sp\u00fcren ist.<br>Was zun\u00e4chst als innerer Widerspruch zur eigenen Geistesgeschichte gewertet werden kann, entpuppt sich bei n\u00e4herer Betrachtung als die wiederentdeckte Liebe zu dogmatischen Weltbildern. Der heimt\u00fcckische Versuch, im Sinne der Aufkl\u00e4rung religi\u00f6se, kulturelle oder weltanschauliche Alleingeltungsanspr\u00fcche abzulehnen, diese gleichzeitig auf das eigene Wertemodell anzuwenden und sich nach au\u00dfen hin in perfider Manier als \u201e<em>weltanschaulich-neutraler<\/em>&#8220; Staat zu pr\u00e4sentieren, ist mit \u201eheuchlerisch&#8220; sehr wohlwollend umschrieben. Dieses Attribut gewinnt aufgrund der seit Jahren kontrovers gef\u00fchrten Islam-Debatte umso mehr an Bedeutung. So pr\u00e4sentiert sich die hiesige Gesellschaft gerne als offen und tolerant, verweist dabei stolz auf seinen \u201e<em>weltanschaulich-neutralen<\/em>&#8220; Charakter, der niemandem eine verbindliche Wertvorstellung aufzuzwingen versucht und sich davor h\u00fctet, absolute moralische Standards zu setzen. Doch gilt dieser tolerante und weltoffene Diskurs scheinbar nur f\u00fcr den eigenen Kulturraum. Nachdem das vom Bundesverfassungsgericht k\u00fcrzlich ergangene Kopftuchurteil bundesweit f\u00fcr reichlich Z\u00fcndstoff sorgte, geriet nicht nur das Kopftuch selbst in die Schusslinie seiner Gegner, sondern gleich das gesamte islamische Frauenbild. Das Herzinger&#8217;sche Demokratiemodell geb\u00e4rdet sich hierbei zu einem ideologischen Zensurregiment, das die Betroffenen vor die Wahl zwischen Umerziehung oder Ausschlie\u00dfung aus dem \u00f6ffentlichen Leben stellt.<br>Neben dem innenpolitischen Schauplatz erweist sich ebenso die ausw\u00e4rtige Kulturpolitik der westlichen Staaten als geeignetes Terrain, den eigenen Ideen weltweite Geltung zu verschaffen. Die Bundesrepublik beispielsweise betreibt ein globales Netzwerk an geisteswissenschaftlichen Instituten, die hinter dem Schleier bizarrer Entwicklungsprojekte und dubiosen Deutschkursen verh\u00fcllt, das westliche Gedankengut in die gesamte Welt gratis zu exportieren versuchen. So unterhalten die Konrad-Adenauer-Stiftung und das Goethe-Institut zusammen \u00fcber 200 Niederlassungen im Ausland, von denen eine Vielzahl im Nahen und Mittleren Osten residieren. Aus ihren Publikationen ist unschwer zu erkennen, mit welcher Agenda im Schlepptau sie diese L\u00e4nder aufsuchen. Trotz dieses global agierenden Netzes an kulturpolitischen Einrichtungen, f\u00e4llt das Ergebnis insgesamt bescheiden aus. Gerade in der islamischen Welt bei\u00dfen derartige missionarische Vorhaben regelm\u00e4\u00dfig auf Granit. Nachdem der europ\u00e4ische Kolonialismus diese Weltregion einer Zwangss\u00e4kularisierung unterzog, neue Nationalstaaten regelrecht aus dem Boden stampfte und diese anschlie\u00dfend mit autorit\u00e4ren Herrschaftsstrukturen versah, muss sich der Westen angesichts aktueller Ereignisse eingestehen, den Kampf um die \u201e<em>Herzen und K\u00f6pfe<\/em>&#8220; in dieser Region verloren zu haben. Die Bereitschaft der Muslime in Syrien gemeinsam unter der islamischen Flagge gegen Despoten wie Baschar al-Assad zu k\u00e4mpfen, k\u00f6nnen bei aller rhetorischen Spitzfindigkeit nicht mehr weggeredet werden. Trotz zahlreicher politisch-ideeller Ans\u00e4tze in den vergangenen Jahrzehnten, blieb der islamische Kulturkreis insgesamt resistent gegen jegliche ideologische Aush\u00f6hlungen.<br>Doch der missionarische Griff nach entlegenen Kontinenten wirkt in diesem Zusammenhang unreflektiert, schafften es die abendl\u00e4ndischen Werte nicht einmal \u00fcber die Spree hinaus. Und dies ist auch nicht verwunderlich, wird der soziopolitische Kontext jener Zeit herangezogen, der f\u00fcr die weitere Entwicklung ausschlaggebend war. Denn die Reformation und die darauffolgende Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, die sich in der Spaltung des westlichen Christentums entlud, waren der eigentliche Funke der schlie\u00dflich einen halben Kontinent in Brand setzten sollte. Sie waren der N\u00e4hrboden auf dem sp\u00e4ter der Laizismus und die Idee der individuellen Selbstbestimmung gedeihen konnten. Von diesen tiefgreifenden Umw\u00e4lzungen unber\u00fchrt blieb jedoch das orthodoxe Europa. Denn der Konflikt mit der katholischen Kirche bezog sich neben diverser Korruptionsf\u00e4lle und ihrem Anspruch, alleinige Deutungsinstanz \u00fcber die Bibel zu sein, vor allem gegen die Machtstellung des Papstes. Diese zeichnete sich besonders durch das ihm zugesprochene Recht aus, das \u201e<em>von Gott verliehene weltliche Schwert<\/em>&#8220; dem Kaiser zu \u00fcbergeben und ihn als solchen zu ernennen. Die orthodoxe Kirche hingegen genoss einen anderen Status und begn\u00fcgte sich in Anlehnung an die \u201e<em>Symphonia-Lehre<\/em>&#8220; mit der Rolle eines Juniorpartners gegen\u00fcber den damaligen Herrschern. Bis in die heutige Zeit definieren Staaten wie Russland ihr Verh\u00e4ltnis zur Kirche auf dieser Grundlage und verleihen ihr dadurch eine wichtige identit\u00e4tsstiftende Rolle innerhalb der Gesellschaft. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es geradezu absurd, den westlichen Werten einen universellen Charakter zu verleihen und sie als Ma\u00df aller Dinge zu erheben. Denn obwohl der Kapitalismus in den ehemals kommunistischen Staaten Einzug genommen hat und ihre Verfassungen auf Laizismus, einer republikanischen Staatsform und gewissen Freiheitsrechten fu\u00dfen, schaffen es ihre B\u00fcrger bis heute nicht, auf dieser Basis eine stabile Identit\u00e4t zu begr\u00fcnden. Deutlich abzulesen ist diese Entwicklung an der aktuellen politischen Ausrichtung Russlands, die als Quelle der nationalen Identit\u00e4t auf die russische Geistesgeschichte zur\u00fcckgreift, die gespickt mit mystisch-religi\u00f6sen und nationalistischen Elementen, ihren Niederschlag in der \u201e<em>Russischen Idee<\/em>&#8220; findet.<br>Ungeachtet dieser historischen Faktenlage beharrt der Westen nach wie vor auf der eigenen Version seiner Kulturgeschichte und verkl\u00e4rt die Aufkl\u00e4rung zu einem nat\u00fcrlich gewachsenen Prozess, der sich als Urinstinkt im Menschen manifestiere und \u00fcberall auf der Welt nur angesto\u00dfen werden m\u00fcsse. Er ignoriert die Tatsache, dass die Entstehung seiner Werte ohne den Konflikt mit der katholischen Kirche niemals h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen. Insofern hat Winkler zun\u00e4chst recht, wenn er die Herausbildung der Menschenrechtsidee auf das \u201e<em>lateinische Europa<\/em>&#8220; beschr\u00e4nkt und den orthodoxen Teil au\u00dfen vor l\u00e4sst. Dennoch vermag er den eingeschr\u00e4nkten Charakter der eurozentrischen Weltanschauung nicht zu erkennen. Der Westen t\u00e4te gut daran, seine ideologischen Giftpfeile aus jenen L\u00e4ndern zur\u00fcckzuziehen, die sich au\u00dferhalb seiner kulturellen Hemisph\u00e4re befinden und seine Werte als das zu begreifen, was sie tats\u00e4chlich sind: Das Produkt seiner eigenen geschichtlichen Epoche, die ausschlie\u00dflich von ihm nachempfunden werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zen grenz\u00fcbergreifend auf alle Religions- und Kulturgemeinschaften zu \u00fcbertragen. 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