{"id":9778,"date":"2013-11-12T00:00:00","date_gmt":"2013-11-12T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9778"},"modified":"2013-11-12T00:00:00","modified_gmt":"2013-11-12T00:00:00","slug":"schaf-im-wolfspelz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9778","title":{"rendered":"Schaf im Wolfspelz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir schreiben das Jahr 2003. Amerikanische Panzer rollen durch Bagdad, US-Marines treten T\u00fcren ein, zerren unschuldige Iraker aus ihren H\u00e4usern und verschleppen sie in ber\u00fcchtigte Foltergef\u00e4ngnisse. Nur zwei Jahre nach dem Beginn des Afghanistankrieges wird die islamische Welt erneut erniedrigt und zur Beute westlicher Geopolitik.<br>W\u00e4hrend sich die gesamte Welt\u00f6ffentlichkeit die Frage stellt, wo wohl Saddam Hussein steckt und ob er Teil des heroischen Widerstandes ist, spielen sich im Nordirak unbemerkt verhei\u00dfungsvolle Szenen ab. T\u00fcrkische Spezialkr\u00e4fte \u00fcberqueren inkognito \u00fcber Stock und Stein die gebirgige Grenze. Ihre Mission besteht darin \u2013 so die aberwitzige Behauptung t\u00fcrkischer Nationalisten jener Tage \u2013 auszukundschaften, wie viele Divisionen die glorreiche t\u00fcrkische Armee freimachen m\u00fcsse, um Bagdad aus den Klauen der Coca-Cola saufenden und Hamburger fressenden Kreuzz\u00fcgler zu befreien. Eine andere aber ebenso abenteuerliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Aussendung des Sp\u00e4htrupps handelt von der Verteidigung der Turkmenen vor kurdischen Peschmergamilizen, welche die Vertreibung anderer Ethnien forcieren, um mit zionistischer Unterst\u00fctzung einen Kurdenstaat zu errichten.<br>Nachdem die t\u00fcrkischen Pioniere, mehr schlecht als recht, ihre Kommandozentrale in der im Kurdengebiet gelegenen Stadt S\u00fcleymaniya eingerichtet hatten, bemerken US-Soldaten der 173d Airborne Brigade Ger\u00fcchten zufolge emsiges Treiben in einer H\u00fctte, die bis vor kurzem noch von Federvieh bewohnt wurde. Auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht sollen darin hochgewachsene und durchtrainierte H\u00fcnen logieren, die anstatt ihre Ernte einzuholen auf dem Gel\u00e4nde exerzieren und vor einer roten Flagge salutieren, welche die Marines noch aus ihrer Zeit in Incirlik kannten. Nachdem einige Tage sp\u00e4ter ein stadtbekannter Landstreicher und H\u00fchnerdieb auf seinen n\u00e4chtlichen Streifz\u00fcgen von den Bewohnern der besagten H\u00fctte \u00fcberrascht worden und Pr\u00fcgel kassiert haben soll und die US-Marines durch sein schmerzerf\u00fclltes Geschrei aufgewacht seien, ordnet Geheimdienstagent Sam William Marshall in der Nacht zum 4.Juli wutentbrannt eine Razzia an, um alle Beteiligten kurzerhand festzunehmen. Seine Truppen umzingeln den H\u00fchnerstall mit Humvees und Abrams-Panzern, st\u00fcrmen den von H\u00fchnerfedern verschmutzten Verschlag, knebeln die Randalierer und ziehen ihnen S\u00e4cke \u00fcber den Kopf, noch bevor sich die Verd\u00e4chtigen als t\u00fcrkische Elitesoldaten zu erkennen geben k\u00f6nnen, so die spektakul\u00e4re Darstellung verdutzter Anwohner.<br>Erst nachdem die US-Truppen die auff\u00e4lligen St\u00f6renfriede w\u00e4hrend der Verh\u00f6re in Bagdad aus dem Sack lie\u00dfen, lie\u00dfen diese ihrerseits die sprichw\u00f6rtliche Katze aus dem Sack und gaben zu, sich im Auftrag der t\u00fcrkischen Armee in S\u00fcleymaniya aufgehalten zu haben. Nun verk\u00fcndete Marshall voller Stolz, er und seine Division h\u00e4tten die USA vor einem Desaster im Irak bewahrt. Wo noch vor kurzem H\u00fchner ihre Eier ausgebr\u00fctet hatten, br\u00fctete seinen Angaben zufolge die t\u00fcrkische Spezialeinheit den Plan aus, durch die Ermordung des Gouverneurs von Kirkuk den Nordirak ins Chaos zu st\u00fcrzen, um der T\u00fcrkei die Legitimation f\u00fcr eine Milit\u00e4rintervention zu liefern. Emp\u00f6rt \u00fcber die Erniedrigung seitens der USA, schickte die t\u00fcrkische Regierung umgehend eine Delegation, bestehend aus Mitgliedern des Generalstabs und des Au\u00dfenministeriums, nach S\u00fcleymaniya, um die Verantwortlichen zur Rede zu stellen. Zu ihrem Unmut fand sich die t\u00fcrkische Delegation jedoch vor verschlossenen T\u00fcren wieder, befanden sich anl\u00e4sslich der Feierlichkeiten zum amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitstag die Verantwortlichen noch im Urlaub. Als die T\u00fcrken unverrichteter Dinge den Heimweg antraten und, aus ihrer Sicht, mehr als genug Federn gelassen hatten, legte die t\u00fcrkische Regierung offiziell Protest ein. Tayyip Erdogan, der sich angesichts seines pers\u00f6nlichen Stalingrads im H\u00fchnerstall nicht der L\u00e4cherlichkeit preisgeben wollte, appellierte in einem privaten Telefongespr\u00e4ch an Dick Cheney, den Vorfall doch zumindest offiziell zu bedauern. Dieser lie\u00df sich nicht lange bitten und verk\u00fcndete, die T\u00fcrkei \u201eleiste gute Arbeit, jedoch NUR innerhalb ihrer Grenzen&#8220;; wohlwissend, dass falsches Lob sicherer Spott ist.<br>Nun war das Ma\u00df voll! Ministerpr\u00e4sident Erdogan und seine Milit\u00e4rattach\u00e9s machten sich unverz\u00fcglich an die Arbeit, um zu einem kolossalen Gegenschlag auszuholen. Nach einer kurzen Planungsphase sickerten nur wenige Monate sp\u00e4ter erneut t\u00fcrkische Spezialeinheiten mit der Lizenz zum T\u00f6ten in das Nachbarland ein und begannen einen Feldzug, der den US-Marines und allen anderen Akteuren im Irak das F\u00fcrchten lehren sollte. Seit den Eroberungen Alexander des Gro\u00dfen, Hannibals und Napoleons hatte die Welt so etwas nicht mehr gesehen. Die Synthese milit\u00e4rischen Geschickes auf der einen und selbstlosen Edelmutes auf der anderen Seite, stellte alle gro\u00dfen Feldherren der Geschichte in den Schatten. Aufopferungsvoll nahmen die t\u00fcrkischen Elitesoldaten einen Vierfrontenkrieg auf sich und machten kurzen Prozess mit ihren Feinden. W\u00e4hrend sie die von Zionisten finanzierte Organmafia mit einem Handstreich zerschlugen, verhinderten sie dar\u00fcber hinaus das geplante Blutbad an den Turkmenen. Der irakischen Jugend erkl\u00e4rten sie ihre Version des Islam, in welchem \u201eSelbstmordattentate&#8220; auf US-Soldaten verboten seien und so legten sie den N\u00e4hrboden f\u00fcr jeglichen religi\u00f6sen Extremismus trocken.<br>Nachdem die Spezialeinheit auf diesen Nebenschaupl\u00e4tzen f\u00fcr Recht und Ordnung gesorgt hatte, konnte sie sich nun ihrem Hauptziel widmen. Nur mit dem Blut des Geheimdienstagenten Marshall konnte die beschmutzte Ehre der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte reingewaschen werden und so machte sich das Killerkommando auf, um ihn zur Strecke zu bringen. Nach kurzer Zeit konnten sie die Zielperson lokalisieren und lockten diese in einen Hinterhalt, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Dort konfrontierten sie Marshall mit seiner Schandtat, gaben ihm zu verstehen, dass die t\u00fcrkische Armee f\u00fcr Schabernack dieser Art nicht zu haben ist und hielten ihm demonstrativ das Corpus Delicti in Form eines Baumwollsacks vor Augen. Mit einem Dolchsto\u00df mitten ins Herz bef\u00f6rderten sie die Gei\u00dfel der t\u00fcrkischen Nation ein f\u00fcr alle Mal ins Jenseits.<br>Die gefeierten Helden bew\u00e4hrten sich damit unter der Regie von Tayyip Erdogan als die anatolische Version der Navy Seals. Jeder Provokateur musste von nun an mit einem Besuch jener Einheit rechnen, so auch die bittere Erkenntnis Israels, nachdem es im Jahre 2010 die Mavi Marmara auf internationalen Gew\u00e4ssern kaperte und dabei neun t\u00fcrkische Staatsb\u00fcrger ermordete. Ohne Furcht und Tadel st\u00fcrzte sich die ber\u00fcchtigte Spezialeinheit ins Gefecht, eliminierte auch unter Anwendung fern\u00f6stlicher Kampfk\u00fcnste die zionistischen Aggressoren und l\u00f6ste damit frenetischen Jubel in den Kinos\u00e4len aus. Denn Tayyip Erdogan war nicht der einzige Regisseur der zuvor erz\u00e4hlten Geschichten, sondern nur in den realen und zugleich schmachvollen Kapiteln federf\u00fchrend. Der r\u00fchmliche, jedoch fiktive Teil der Erz\u00e4hlung fand unter Regie Serdar Akars statt, welcher durch seine Filmreihe \u201eTal der W\u00f6lfe&#8220; einen eigent\u00fcmlichen Ersatz f\u00fcr die t\u00fcrkische Au\u00dfenpolitik schuf. Wonach in der wirklichen Welt vergeblich gesucht wurde, konnte nun nach den Hauptnachrichten auf den heimischen TV-Ger\u00e4ten in Form eines Actionfilmes bewundert werden.<br>Als vorl\u00e4ufiger Gipfel der Verh\u00f6hnung der leidtragenden Muslime muss derzeit die bevorstehende Ver\u00f6ffentlichung des Films \u201eTal der W\u00f6lfe \u2013 Syrien&#8220; gewertet werden, in dem die T\u00fcrkei voraussichtlich erneut die Welt vor b\u00f6sen Kr\u00e4ften retten wird. Anstatt die \u00fcber eine halbe Million Mann starke t\u00fcrkische Armee endlich in Gang zu setzen, um ihrer islamischen Pflicht nachzukommen und die Muslime Syriens vor der internationalen Verschw\u00f6rung und den Massakern syrischer Regierungstruppen zu besch\u00fctzen, scheint die einzige Antwort aus Ankara in der Neuauflage eines ohnehin l\u00e4cherlichen Filmes zu bestehen. So unterhaltsam die genannten Ereignisse auch erscheinen m\u00f6gen, so traurig ist die Tatsache, dass die amerikanischen \u00dcbelt\u00e4ter und ihre Handlanger nur auf der Leinwand der Gerechtigkeit zugef\u00fchrt werden. Die Diskrepanz der tats\u00e4chlichen t\u00fcrkischen Au\u00dfenpolitik und ihrer filmischen Darstellung ist so gewaltig wie die verlogene Behauptung Assads, die Speerspitze des antiisraelischen Widerstandes zu sein. Tayyip Erdogan, welcher sich selbst gerne in der Rolle eines neo-osmanischen Herrschers sieht, entpuppt sich in der Syrienfrage einmal mehr als Schaf im Wolfspelz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir schreiben das Jahr 2003. Amerikanische Panzer rollen durch Bagdad, US-Marines treten T\u00fcren ein, zerren unschuldige Iraker aus ihren H\u00e4usern und verschleppen sie in ber\u00fcchtigte Foltergef\u00e4ngnisse. 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