{"id":9683,"date":"2012-09-14T00:00:00","date_gmt":"2012-09-13T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9683"},"modified":"2012-09-14T00:00:00","modified_gmt":"2012-09-13T22:00:00","slug":"erdogans-sturm-auf-die-deutsche-leitkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9683","title":{"rendered":"Erdogans Sturm auf die deutsche Leitkultur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Artikel von Roberto J. De Lapuente wurde unver\u00e4ndert \u00fcbernommen. Er zeigt, dass es auch unter Nichtmuslimen noch Menschen gibt, die sich den Blick in die Tiefe erhalten haben und durch den Mainstream nicht vollkommen erblindet sind.<br>Erdogans Forderung nach t\u00fcrkischen Lehrern und Schulen entr\u00fcstet die Politik. Praktizieren es die Deutschen im Ausland anders?<br>Mit Unverst\u00e4ndnis hat die deutsche \u00d6ffentlichkeit den Vorschlag des t\u00fcrkischen Ministerpr\u00e4sidenten Erdogan aufgenommen, wonach mehr t\u00fcrkische Lehrer nach Deutschland entsendet werden sollten. Die Gr\u00fcndung t\u00fcrkischer Gymnasien, versteht man gar als Angriff auf die deutsche Leitkultur &#8211; nicht nur im Lager der christlichen Parteien. An diesem Punkt angelangt sieht man die geforderte Assimilation muslimischer Mitb\u00fcrger gef\u00e4hrdet.<br>Nicht der Sinn oder Unsinn dieses Vorschlags soll folgend behandelt werden, aber ein Blick ins Ausland lohnt sich allemal. Hinl\u00e4nglich bekannt ist, dass deutsche Touristen nichts von Zur\u00fcckhaltung halten. Mallorca steht als leuchtendes Beispiel touristischer Respektlosigkeit vor den Belangen der einheimischen Bev\u00f6lkerung. Neben deutschen Stra\u00dfen, Kneipen, Dienstleistungsunternehmen, neben einer Balearenausgabe der BILD-Zeitung, ist man zudem versucht, deutsche Feier- und Partyinteressen &#8211; mittels Einzug ins Inselparlament &#8211; durchzusetzen. Laute Musik, Saufgelage und Strandbelagerungen bis tief in die Nacht als Gegenstand politischer Willensbildung!<br>In den t\u00fcrkischen Touristenhochburgen sieht es nicht anders aus: Statt K\u00f6fte fordert man Bratwurst und Sauerkraut und auch wenn in der T\u00fcrkei religions- und damit konventionsbedingt Schweinefleisch nicht verzehrt wird: der Tourist m\u00f6chte nicht darauf verzichten m\u00fcssen. Die einheimischen Bewohner tr\u00f6sten sich damit, dass diese Vandalen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur\u00fcck in ihre Heimat gehen, wo sie sich in dieser Weise niemals benehmen w\u00fcrden.<br>Der Tourismus ist aber nicht das Zentrum deutschen Unwillens, sich diverser &#8222;anderer Leitkulturen&#8220; anzupassen. Wie handhaben es Deutsche, die im Ausland &#8211; in diesem Falle in der T\u00fcrkei &#8211; leben? &#8211; Integration findet auch dort nicht statt. Freilich, k\u00f6nnte man argumentieren, in der T\u00fcrkei leben &#8211; laut Sch\u00e4tzungen &#8211; nur etwa 25.000 Deutsche, w\u00e4hrend in Deutschland 1,7 Millionen T\u00fcrken leben.<br>Aber m\u00fcsste es einer kleinen Zahl &#8222;volksfremder Charaktere&#8220; nicht sogar leichter fallen, sich zu integrieren? &#8211; Scheinbar nicht. Es gibt deutsche B\u00e4ckereien und man habe den T\u00fcrken etwas &#8222;mehr Sauberkeit beigebracht&#8220;, so diverse Rentner, die ihren Lebensabend in Antalya verbringen. Unverbl\u00fcmt l\u00e4sst man Verachtung erkennen, tut gerade so, als habe die deutsche Pr\u00e4senz ein Land aus der Wildnis gehoben. Von der geistigen Gr\u00f6\u00dfe des Osmanenreiches, die lange Zeit Europa in den Schatten stellte, wissen solche Zeitgenossen wenig.<br>Gelesen werden deutsche Zeitungen, die da hei\u00dfen &#8222;Alanya Bote&#8220;, &#8222;Deutsche T\u00fcrkei Zeitung&#8220; oder &#8222;T\u00fcrkische Allgemeine&#8220;. Und auch &#8211; dies verwundert bei der Entr\u00fcstung zum Vorschlag Erdogans &#8211; deutsche Schulen existieren in der T\u00fcrkei. Die Ernst-Reuter-Schule in Ankara wurde bereits 1952 &#8211; damals unter anderem Namen: Deutsche Schule Ankara &#8211; gegr\u00fcndet. Anzumerken sei, dass es sich um Privatschulen handelt, die t\u00fcchtig in den Geldbeutel der Eltern greifen, um dem Spr\u00f6ssling eine gute deutsche Schulbildung zu vermitteln. Doch das Prinzip ist jenes, welches man in Erdogans Vorschlag zu sehen glaubt: Man h\u00e4lt sich separat, versucht nicht integriert zu leben, sondern die Herkunft zu bewahren.<br>Wie auch die t\u00fcrkischen Mitb\u00fcrger hierzulande, sind Deutsche im Ausland versucht, ihre Wurzeln zu bewahren. Diese Form des Herkunftsbewahrens f\u00fchrt nicht selten dazu, dass man sich sein Umfeld an die Heimat anpasst.<br>Die Deutschen vollziehen dies im Ausland, so wie es viele t\u00fcrkische Mitb\u00fcrger hier tun. Es ist auch nicht notwendig, integriert &#8211; was im Sinne der &#8222;deutschen Leitkultur&#8220; assimiliert bedeutet &#8211; zu sein, um friedlich mit seinem Nachbarn leben zu k\u00f6nnen. Frei nach Pispers: In D\u00fcsseldorf leben viele Japaner, kaum einer ist der deutschen Sprache m\u00e4chtig. Es gibt japanische L\u00e4den und Restaurants und Apotheken haben sogar japanisches Personal eingestellt, damit japanische Kunden beraten werden k\u00f6nnen. Liest man irgendwo etwas \u00fcber kulturelle Verwerfungen am Rhein? &#8211; Nein, sagt Pispers, man muss nicht dieselbe Sprache sprechen um sich zu verstehen. Man kann deswegen genauso ein Bier zusammen trinken &#8211; d.h. der eine trinkt Bier, der andere das, was er f\u00fcr Bier h\u00e4lt. Was Pispers humoristisch aufarbeitet, trifft den Nagel auf den Kopf. Und solange viele Deutsche (nicht alle) glauben, an ihrem Wesen m\u00fcsste die Welt genesen, sollte man auch den Menschen hier erm\u00f6glichen, ihren Wurzeln Ausdruck zu verleihen.<br>Das Monopol der Werte, Normen und Konventionen einer Volksgruppe innerhalb eines Nationalstaates, ist eine relativ junge Erscheinung in der Historie. Den Menschen war es vormals gleichg\u00fcltig, unter welchem Regenten sie ihr Leben zu fristen hatten. Vielen Bauern ging es &#8211; trotz dschizya (Steuer f\u00fcr Nichtmuslime) &#8211; viel besser, als unter christlicher Herrschaft. Erst mit Aufkommen nationalistischen Totalitarismus, der eine mal latente, mal offenkundige Gleichschaltung der Lebensentw\u00fcrfe mit sich brachte, verunm\u00f6glichte das Ausleben einer anderen Kultur innerhalb eines Staatenwesens.<br>Zu Zeiten Friedrichs II. &#8211; des Gro\u00dfen &#8211; sah man dies noch pragmatischer. Er lie\u00df die andernorts verfolgten Hugenotten nach Preu\u00dfen kommen, denn sie sollten den aufstrebenden Staat, der an Bev\u00f6lkerungsarmut litt, bereichern. Er h\u00e4tte, so sagte er einmal, auch Synagogen und Moscheen gebaut, wenn Juden und Muslime nach Preu\u00dfen gekommen w\u00e4ren.<br>Forciert durch die Befreiungskriege gegen Napol\u00e9on fand mehr und mehr eine Abgrenzung zu anderen Lebensentw\u00fcrfen statt. Der Lebensstil der Mehrheit, die sich als Nation proklamierte, schob kulturelle Unangepasstheiten zur Seite. Die Juden, gerade noch durch den Code Civil Napol\u00e9ons emanzipiert, wurden pl\u00f6tzlich zu Fremdk\u00f6rpern und St\u00f6renfriede.<br>Dies forcierte eine kopflose Assimilation, in welcher man doch immer &#8222;Deutscher zweiter Klasse&#8220; blieb. Hannah Arendt sieht in dieser Kopflosigkeit, in der man sich lieber stillschweigend anpasste, als um die Emanzipation der eigenen Kultur zu k\u00e4mpfen, die Wurzel der j\u00fcdischen Kampflosigkeit, als man sie zu den Schlachtb\u00e4nken der Shoa f\u00fchrte.<br>Erdogans Vorschlag mag unsinnig sein, zumal muttersprachlicher Unterricht schon jetzt (und seit Jahren) in deutschen Schulen praktiziert wird. Derart an den Haaren herbeigezogen, wie man es nun darzustellen versucht, ist ein solcher Vorschlag aber nicht.<br>Integration ist kein Wert, welchen Westeurop\u00e4er gerne im Ausland umsetzen. Zu assimilieren haben sich andere Kulturen, der in die K\u00f6pfe zementierte Eurozentrismus erlaubt keinem west- oder mitteleurop\u00e4ischen Menschen, in einer anderen Kultur zivilisatorische Kraft zu erkennen.<br>Nicht Erdogans Vorschlag ist vermessen; als vermessen wurde es verstanden, dass man aus einer niedrigen kulturellen Stellung heraus &#8211; die die T\u00fcrkei und der Islam in Augen der Europ\u00e4er einnimmt &#8211; solche Forderungen in den Raum stellt. Anders: Sowas d\u00fcrfen Europ\u00e4er fordern und umsetzen, aber nicht &#8222;geringwertigere Kulturkreise&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel von Roberto J. De Lapuente wurde unver\u00e4ndert \u00fcbernommen. 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