{"id":9668,"date":"2011-03-17T00:00:00","date_gmt":"2011-03-16T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9668"},"modified":"2011-03-17T00:00:00","modified_gmt":"2011-03-16T23:00:00","slug":"zur-islam-debatte-in-deutschland-die-juedisch-christliche-tradition-ist-eine-erfindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9668","title":{"rendered":"Zur Islam-Debatte in Deutschland: Die \u201ej\u00fcdisch-christliche Tradition\u201c ist eine Erfindung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem derzeitigen Kampfplatz gibt es vor allem einen Gegner: den Islam. Dabei bedarf es einer neuen Liaison der j\u00fcdischen Intellektuellen mit den Muslimen dieses Landes, schreibt die Philosophin Almut Sh. Bruckstein Coruh in ihrem Essay. Dieser r\u00e4umt gr\u00fcndlich mit der L\u00fcge von der \u201echristlich-j\u00fcdischen Tradition des Abendlandes\u201c auf, der sich westliche Politiker und Denker heute gerne bedienen, und macht klar, dass die Wurzeln j\u00fcdischer Philosophie ganz woanders liegen. Im Folgenden wird er unver\u00e4ndert wiedergegeben. Die Republik spricht t\u00e4glich von der j\u00fcdisch-christlichen Tradition des Abendlandes. Gew\u00f6hnlich im Sinne der Verteidigung unseres Rechtsstaates und des Grundgesetzes, der freiheitlichen Werte unserer Gesellschaftsordnung, auch gern mit der &#8222;Gleichstellung der Geschlechter, Freiheit der Kunst, Meinungs- und Religionsfreiheit&#8220; bezeichnet. Ein Kampfplatz, auf dem es vor allem einen Gegner gibt, der zu gar keinem Bindestrich zu taugen scheint: der Islam.Oft wird er reflexhaft gleichgesetzt mit Religion \u2013 einer Religion, die ihre &#8222;kriegerisch-arabischen&#8220; Urspr\u00fcnge nicht verleugnen k\u00f6nne. Sie bestehe aus Scharia und Koran, erkl\u00e4ren uns die Experten, Moderatoren, P\u00e4dagogen, Politiker und Journalisten und beschw\u00f6ren dagegen die j\u00fcdisch-christliche Tradition.Sie alle hantieren ganz ohne Scham mit den Begrifflichkeiten einer ihnen fremden literarischen \u00dcberlieferung, die \u2013 ebenso wie die rabbinische \u2013 eine ganze Welt kasuistischer Urteilsfindungen umfasst, wobei ein bedrohlich belehrender Gestus der Eindeutigkeit vorherrscht: Im Koran steht dies, der Islam sagt jenes, die Scharia befiehlt dieses.Vieldeutige TraditionenUm das Jahr 2001 herum haben der Schriftsteller Navid Kermani und ich in Berlin ein mehrj\u00e4hriges Projekt zu den Verflechtungen europ\u00e4ischer, j\u00fcdischer, arabischer, islamischer, persischer literarischer Traditionen initiiert.Mit einer Gruppe von j\u00fcdischen und islamischen Gelehrten wollten wir zeigen, wie komplex, wie vieldeutig j\u00fcdische und islamische Traditionen sind, wie befl\u00fcgelnd \u2013 und wie sehr es nottut, zwischen religi\u00f6ser Tradition und soziopolitischer Realit\u00e4t zu unterscheiden. In der \u00f6ffentlichen Debatte hingegen endet doch alles immer wieder bei Terror, Ehrenmord, Kopftuch und Koran. Und der drohenden Kapitulation &#8222;unserer Kultur&#8220;.Begrenztes Verst\u00e4ndnisVor mehr als hundert Jahren gab es \u00e4hnliche Prozesse gegen den Talmud, in denen das gesamte rabbinische Judentum unter Anklage stand.J\u00fcdische Philosophen haben damals gegen die Eindeutigkeiten der \u00f6ffentlichen Zuschreibungen eine arabischsprachige Quelle aus dem 13. Jahrhundert zitiert, die \u00fcberraschend klare Worte findet: Die Moderatoren der Debatte &#8222;erkl\u00e4ren gar nichts, ber\u00fchren niemals etwas Tieferes in den Dingen, sie bewegen sich weit entfernt von den Wissenschaften, sie haben nicht einen Funken von jener menschlichen Begabung, die Dinge selbst\u00e4ndig zu durchdenken, daher missachten sie auch die Auslegungen der Weisen und lesen traditionelle Texte nach ihrem eigenen begrenzten Verst\u00e4ndnis&#8220;.Und falls die Kritiker sich gar als H\u00fcter der Aufkl\u00e4rung aufspielen, um die Tradition der anderen ver\u00e4chtlich erscheinen zu lassen, so seien diese wohl &#8222;noch gr\u00f6\u00dfere Idioten als die einf\u00e4ltigen Frommen, noch gr\u00f6\u00dfere Schw\u00e4tzer, die ihre Reden mit gro\u00dfem Einfluss und immensem Schaden unter der Intelligentsia losplatzen lassen&#8220;.Irrtum der Trennung von J\u00fcdischem und ArabischemDer Autor dieser scharfen Worte ist der judeo-arabische Philosoph Moses Maimonides (1135-1204). Er ist der gr\u00f6\u00dfte unter den rabbinischen Gelehrten, geh\u00f6rt zu den arabischsprachigen Juden des Maghreb, seine Philosophie ist Teil der arabischen Aufkl\u00e4rung. Rabbinisches und Islamisches ist f\u00fcr ihn in vielerlei Hinsicht eng verwoben.Gegen den Versuch, J\u00fcdisches von Arabischem zu trennen oder gar einer j\u00fcdisch-christlichen Geschichte zuzuordnen \u2013 gegen diesen Irrtum ist schon Jacques Derrida auf dem Skopusberg in Jerusalem in den sp\u00e4ten 1980er Jahren vor Studenten der Hebr\u00e4ischen Universit\u00e4t angetreten. Ich war dort, zu dieser Zeit, an der Universit\u00e4t in Jerusalem t\u00e4tig, in Jerusalem ans\u00e4ssig.Wie sein Vorg\u00e4nger fand Derrida klare Worte f\u00fcr die posttraumatische protestantische Konstruktion des j\u00fcdisch-christlichen Abendlandes, mitten in Jerusalem, mitten im Krieg: &#8222;Oh, wenn Maimonides dies nur gewusst h\u00e4tte!&#8220; Wie er und mit ihm die gesamte j\u00fcdische Tradition zum Gespann dieses fantastischen Galoppzugs durch die j\u00fcdisch-christlich-abendl\u00e4ndische Geschichte w\u00fcrde &#8211; was f\u00fcr eine abstruse Konstruktion!Ignorante GeschichtsvergessenheitHat nicht Henryk M. Broder uns gerade erst daran erinnert, unangenehm sicherlich, aber doch wahr, dass der Bindestrich der j\u00fcdisch-christlichen Geschichte vor allem eine Geschichte der Glaubenskriege, der Unterdr\u00fcckung, des Antisemitismus und der Gewalt war, von der Schoah ganz zu schweigen?Derridas Frage l\u00e4sst den Phantomschmerz des Verschwindens j\u00fcdisch-arabischer Allianzen sp\u00fcren: &#8222;Wenn Maimonides dies nur gewusst h\u00e4tte, dass man ihn und mit ihm die gesamte j\u00fcdische Tradition eines Tages f\u00fcr diesen seltsamen Kampf rekrutieren w\u00fcrde, dass er unwissentlich ein Abkommen mit dem postlutherischen Deutschland unterzeichnet haben w\u00fcrde, w\u00fcrde seine Seele dann in Frieden ruhen?&#8220;Es stockt einem der Atem bei so viel Geschichtsvergessenheit. Es ist gruselig, mit welchem Pathos der geistigen und moralischen \u00dcberlegenheit die selbst ernannten Vertreter des j\u00fcdisch-christlichen Abendlandes muslimischen Zeitgenossen, ganz egal welcher Nationalit\u00e4t und welcher kulturellen Pr\u00e4gung, die europ\u00e4ische Aufkl\u00e4rung vorhalten. Das Eis bleibt d\u00fcnn, nach gerade einmal siebzig Jahren.Keine j\u00fcdisch-christliche TraditionNein, es gab keine j\u00fcdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europ\u00e4ischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen. J\u00fcdisch-christlich ist eine Konstruktion, gepr\u00e4gt von einer Genese des Fortschritts, die in der Reformation und in der Franz\u00f6sischen Revolution gipfelt.Erst nach der Schoah hat in Deutschland ein j\u00fcdisch-christlicher Dialog begonnen. Dabei entsprachen die Trennlinien dieses Dialogs paradoxerweise ziemlich genau den Trennlinien zwischen muslimischen und christlichen \u00dcberzeugungen heute.Selten gibt es f\u00fcr die offensichtlichen Gemeinsamkeiten dieser beiden Traditionen auch ein \u00f6ffentliches Zeugnis, wie etwa zur Zeit, als die Republik \u00fcber Navid Kermanis \u00c4u\u00dferungen zum Kreuz in helle Aufregung geriet und F\u00fcrsprecher wie Micha Brumlik am Ende doch, wenn auch eher leise, darauf hinwiesen, dass auch f\u00fcr viele Juden \u2013 wie soll man es sagen \u2013 jede Form der Kreuzestheologie letztlich Blasphemie bleibt.Liaison von j\u00fcdischen und muslimischen DenkernZu Zeiten, als es in Deutschland noch eine j\u00fcdische Gelehrsamkeit gab, die in ihrer kosmopolitischen und kritischen Geistesart einzigartig war und der klassischen j\u00fcdisch-arabischen Tradition im Geiste nah verwandt, da wussten die j\u00fcdischen Gelehrten um die Liaison der Juden und Muslime.Bis in die fr\u00fchen drei\u00dfiger Jahre haben sich j\u00fcdische Gelehrte in der Verteidigung ihrer universalen Vernunftstradition und ihrer Kritik der Christologie R\u00fcckendeckung geholt bei den Denkern der arabischen Aufkl\u00e4rung.Kaum einer erinnert daran, dass Moses Mendelssohns politische Aufkl\u00e4rungsschrift &#8222;Jerusalem&#8220; (1789) vor allem da, wo sie von Kant abweicht, auf Argumente arabischer Aufkl\u00e4rungstraditionen zur\u00fcckgreift. Und erinnern wir uns daran: Im 19. Jahrhundert waren es die Juden, deren Tradition unter dem Generalverdacht verweigerter Integration, doppelter Loyalit\u00e4ten, primitiver Spiritualit\u00e4t und pathologischer Abgrenzung gegen\u00fcber ihren deutschen Mitb\u00fcrgern stand.Debatte \u00fcber &#8222;j\u00fcdische Parallelgesellschaften&#8220;W\u00e4hrend heute Karikaturisten, die eine Bombe in den Turban des Propheten zeichnen, Auszeichnungen erhalten, erhob das Marburger Landgericht 1888 Anklage gegen einen Volksschullehrer, der 1886 \u00e4hnlich Brisantes ins Herz der rabbinischen Tradition platzierte.Inmitten der durch den Berliner Antisemitismus-Streit aufgeheizten Diskussion \u00fcber j\u00fcdische Parallelgesellschaften und \u00fcber die Unvereinbarkeit der Halakha mit den Werten der deutschen Mehrheitsgesellschaft hatte dieser Lehrer behauptet, der Talmud erlaube den Juden unmoralisches Verhalten gegen\u00fcber Nichtjuden.Die j\u00fcdische Gemeinde hatte dies als eine Beleidigung der gesamten Judenheit verstanden und den Lehrer verklagt. Daraufhin legte das Gericht zwei Sachverst\u00e4ndigen die Frage vor, &#8222;ob eine Beschimpfung des Talmud auch eine Beschimpfung der gesamten j\u00fcdischen Religion und also straff\u00e4llig sei&#8220;.Auch die assimiliertesten unter den j\u00fcdischen Intellektuellen haben damals verstanden: &#8222;Es ist Zeit, dass wir wieder bekennen m\u00fcssen.&#8220; In jenem Prozess \u00fcbernahm der j\u00fcdische Neukantianer Hermann Cohen die Verteidigung des talmudischen Judentums. Der Angeklagte wurde zu 14 Tagen Gef\u00e4ngnis verurteilt. Heute wissen wir: Gewaltsame Ausgrenzung, Mord und Totschlag konnte auch dieser Prozess nicht stoppen.&#8220;Wo Muslime Fremde sind, sind wir es auch&#8220;Die Fronten haben gewechselt. Was lesen wir heute? &#8222;Beim Islam handelt es sich um einen militanten Monotheismus, der seine Herkunft aus der Welt kriegerisch-arabischer Nomaden nicht verleugnen kann&#8220; \u2013 und &#8222;sechs Millionen Muslime in der Bundesrepublik werfen Assimilations- und Integrationsprobleme auf&#8220;.In Zeiten, in denen muslimische Traditionen unter Generalverdacht stehen, bedarf es einer erneuten Liaison der j\u00fcdischen Intellektuellen mit den Muslimen dieses Landes. Es ist wieder Zeit, dass wir bekennen m\u00fcssen. Wo Muslime Fremde sind, sind wir es auch.&nbsp;Almut Sh. Bruckstein Coruh\u00a9 Tagesspiegel 2010Almut Shulamit Bruckstein Coruh ist Fellow am K\u00e4te-Hamburger-Kolleg in Bonn und Professorin f\u00fcr j\u00fcdische Philosophie mit zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen im In- und Ausland. 2009 kuratierte sie die Ausstellung &#8222;Taswir \u2013 Islamische Bildwelten und Moderne&#8220; im Martin-Gropius-Bau.Quelle: http:\/\/de.qantara.de\/webcom\/show_article.php\/_c-469\/_nr-1270\/i.htmlRedaktion: Nimet Seker\/Qantara.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem derzeitigen Kampfplatz gibt es vor allem einen Gegner: den Islam. Dabei bedarf es einer neuen Liaison der j\u00fcdischen Intellektuellen mit den Muslimen dieses Landes, schreibt die Philosophin Almut Sh. 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