{"id":9573,"date":"2014-12-04T00:00:00","date_gmt":"2014-12-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9573"},"modified":"2014-12-04T00:00:00","modified_gmt":"2014-12-03T23:00:00","slug":"politischer-mythos-teil-1-demokratie-ist-eine-voraussetzung-fuer-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9573","title":{"rendered":"Politischer Mythos Teil 1: Demokratie ist eine Voraussetzung f\u00fcr Entwicklung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In\u00a0 allen Studien \u00fcber Entwicklung wird Demokratie als Voraussetzung f\u00fcr den Fortschritt erachtet, sei er \u00f6konomischer, technologischer oder wissenschaftliche Natur. Der weltbekannte Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson (Universit\u00e4t von Maryland), hat in seinem preisgekr\u00f6nten Buch \u201eMacht und Wohlstand\u201c (2000), dargelegt, dass Demokratien im Vergleich zu anderen Regierungssystemen generell Entwicklung und Fortschritt vorweisen. Olson argumentiert, dass es unter Anarchie lediglich den Anreiz zum Stehlen und Zerst\u00f6ren gebe, w\u00e4hrend ein Diktator bem\u00fcht sei, zu einem gewissen Grad wirtschaftlichen Erfolg zu f\u00f6rdern, sofern zu erwarten sei, dass er lange genug an der Macht bleibt, um selbst einen Anteil davon zu erhalten. In Demokratien beobachtet er (Olson), dass der Schutz der B\u00fcrger und des Eigentums zu gr\u00f6\u00dferem Wohlstand f\u00fchrt, da F\u00fchrer an der Wahlurne ausgetauscht werden k\u00f6nnen. Olson sah im Wechsel zur Demokratie die Saat der Zivilisation, die den Weg zum Wohlstand bereitet. Dies schaffe wiederum Anreize f\u00fcr gute Regierungen, sich eher an den W\u00fcnschen der Bev\u00f6lkerung zu orientieren.erfrEine andere Untersuchung hat Demokratie sogar als Voraussetzung f\u00fcr wirtschaftlichen Erfolg gesehen. Evan Rodrik, Politikwissenschaftler an der Universit\u00e4t von Illinois argumentiert: \u201eDemokratie ist die \u2019Meta-Institution\u2019, die hilft, andere Einrichtungen aufzubauen, und Demokratie ist die einzig geeignete Institution, um einen Erfolg zu erzielen.\u201c[i] Obwohl es keine allgemein anerkannte Definition von Demokratie gibt, gibt es zwei Prinzipien, die Voraussetzung f\u00fcr jede Definition einer Demokratie sind. Das erste Prinzip ist, dass alle Teile der Gesellschaft gleichen Zugang zur Macht haben, und, dass alle Mitglieder sich allgemeing\u00fcltiger, anerkannter Freiheiten und Freiz\u00fcgigkeiten euen.[ii]<br><strong>Einf\u00fchrung der Demokratie<\/strong> (Jahreszahlen, wann allgemeines\u00a0 Wahlrecht galt) <strong>Neuseeland<\/strong> <strong>1907<\/strong> <strong>D\u00e4nemark<\/strong> <strong>1915<\/strong> <strong>Schweden<\/strong> <strong>1918<\/strong> <strong>Gro\u00dfbritannien<\/strong> <strong>1928<\/strong> <strong>Frankreich<\/strong> <strong>1946<\/strong> <strong>Deutschland<\/strong> <strong>1946<\/strong> <strong>Italien<\/strong> <strong>1946<\/strong> <strong>Belgien<\/strong> <strong>1948<\/strong> <strong>USA<\/strong> <strong>1965<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Ein fl\u00fcchtiger Blick auf die Nationen, die weiterhin eine solchen Sicht bef\u00fcrworten und fortfahren, im Namen der Demokratie weltweit einzugreifen, zeigt auf, dass dieses Argument kein Gewicht hat. Tats\u00e4chlich entwickelten sich die gro\u00dfen Industrienationen (die sogenannte 1. Welt) durch anti-demokratische Politik, und hier gilt das Argument, dass das Fehlen von Demokratie bei der Entwicklung geholfen hat. Als Wahlen urspr\u00fcnglich in der westlichen Welt eingef\u00fchrt wurden, waren diese beschr\u00e4nkt auf eine kleine Minderheit von Land-und Eigentumsbesitzern, mit einer ungleichen Zahl an Stimmen, abh\u00e4ngig von einer Aufstellung \u00fcber Eigentum, Bildung und Alter. In den USA wurden schwarzen M\u00e4nnern erst auf Grund der B\u00fcrgerrechtsbewegung Stimmrechte im Wahlrechtsgesetz von 1965 einger\u00e4umt. Obwohl ihnen bereits durch die 15. Verfassungserg\u00e4nzung von 1870 \u2013 die es verbietet, jemandem auf Grund von Rasse oder Hautfarbe das Wahlrecht vorzuenthalten &#8211; erlaubt war zu w\u00e4hlen, waren die s\u00fcdlichen Staaten durch Festlegung von Wahlsteuern und Eigentumsvoraussetzungen seitens der Zentralregierung davon ausgeschlossen.\u00a0 Frankreich gab 1830 das Wahlrecht nur denjenigen \u00fcber 30 Jahren, die 300 Francs als direkte Steuer entrichteten, was ungef\u00e4hr 0,02 % der Bev\u00f6lkerung von 32 Millionen entsprach. 1848 kam das allgemeine Wahlrecht f\u00fcr M\u00e4nner und erst nach dem 2. Weltkrieg war es Frauen in Frankreich erlaubt zu w\u00e4hlen \u2013 also weit nach der Industrialisierung. Japan f\u00fchrte erst nach der Milit\u00e4rherrschaft das allgemeine Wahlrecht ein, und sogar dann gab es eine von den USA gestellte Bedingung, die eine Machtverteilung weg vom urspr\u00fcnglichen Regime forderte. Die USA sahen, dass es richtig war, 1952 Japan das volle Wahlrecht zu geben, brauchte aber weitere 13 Jahre, um seiner eigenen Bev\u00f6lkerung die gleichen Rechte einzur\u00e4umen!\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Im Jahr 1800, das als H\u00f6hepunkt der britischen kolonialen \u00dcberlegenheit angesehen wird, hatten nur 3 % der britischen Bev\u00f6lkerung das Recht zu w\u00e4hlen. Nur solche Personen, die in einem bereits im Mittelalter angelegten \u201eFlickenteppich von Distrikten\u201c nennenswerte L\u00e4ndereien besa\u00dfen, konnten Mitglieder des Unterhauses w\u00e4hlen. Dieses System verweigerte somit H\u00e4ndlern, Handwerkern und Facharbeitern, die kein Land besa\u00dfen, das Wahlrecht. Regionen, die seit Hunderten von Jahren wohlhabend waren, wurden im Parlament \u00fcberrepr\u00e4sentiert, w\u00e4hrend viele neue, st\u00e4dtische Gebiete \u00fcberhaupt keine Repr\u00e4sentanten hatten. Einige Sitze im Parlament waren praktisch im Besitz von Einzelpersonen. Gegen 1867 konnten 13 % der Bev\u00f6lkerung w\u00e4hlen. Es sollte bis 1928 (weitere 61 Jahre) dauern, bevor M\u00e4nner und Frauen das gleiche Wahlrecht erhielten. Demokratie kam demzufolge erst nach dem Aufstieg Gro\u00dfbritanniens und spielte keine Rolle bei dessen Entwicklung.\u00a0 Die Entwicklungsl\u00e4nder geben heute ihren Bev\u00f6lkerungen mehr Wahlrechte, verglichen zu den bereits entwickelten L\u00e4ndern, als diese durch die gleiche Stufe gingen. Daher sollte man vorsichtig sein, bevor man die Aussage in die Wirtschaftslehre einflie\u00dfen l\u00e4sst, dass Demokratie Wirtschaftswachstum beg\u00fcnstige.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>China, Russland (fr\u00fcher die UdSSR) und Deutschland haben klar bewiesen, dass Demokratie nicht die Grundvoraussetzung f\u00fcr wirtschaftliche Entwicklung ist, und sind ein klarer Beweis daf\u00fcr, dass vieles auch ohne Demokratie erreicht werden kann. Russland und China scheinen sogar besser damit zu fahren, nicht dem Beispiel der westlichen, liberalen Demokratie zu folgen, und in der Tat fordern sie das Modell mit Verachtung heraus. So muss die Frage gestellt werden: Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung?<br>Wirtschaftsentwicklung ben\u00f6tigt eine Reihe von Richtlinien, um ein Land zu industrialisieren, damit es seine Bev\u00f6lkerung ern\u00e4hren kann, und um Verh\u00e4ltnisse zu schaffen, mit denen es seine Interessen verwirklicht. Dies bedarf einer konsequenten Politik, welche die gesamte Bev\u00f6lkerung in ihre Richtung mitnimmt, weil sie sonst kontraproduktiv w\u00e4re. Der Ursprung der Entwicklung in Gro\u00dfbritannien lag in der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Kirche und der \u00dcbernahme liberaler Ziele, welche die Nation einten. Die M\u00f6glichkeit des Adels, Eigentum und Land zu vererben und deren Einfluss auf den Kolonialismus, brachten die Nation voran. Die UdSSR bekam ihre Stimulation durch den Untergang des Zarenreichs und wurde dann angetrieben durch die Vereinigung im Kommunismus und durch erfolgreiche F\u00fchrer, die die Wirtschaftspolitik von der kommunistischen Ideologie herleiteten. Die Vereinigten Staaten entwickelten sich nach der Selbstbefreiung aus dem W\u00fcrge\u00adgriff der Briten, die \u00fcber Leben und Freiheit bestimmten, und bildeten eine Union. Japan wurde wachger\u00fcttelt, als es merkte, wie weit es hinter der Weltentwicklung zur\u00fccklag, und zettelte einen Wirtschaftskrieg an, um sich vorw\u00e4rts zu bringen. China ist die einzige Nation, deren Entwicklung nicht vollkommen ideologisch war, sondern sich zun\u00e4chst durch die Vereinigung seiner Gebiete zu einer \u201egro\u00dfen Nation\u201c entwickelt hat. Deutschland war [was seinen Vereinigungsprozess betrifft] vergleichbar, wobei es sogar den Rassismus f\u00fcr seine Entwicklung benutzte [aber seinen Aufstieg grunds\u00e4tzlich auf der s\u00e4kular-kapitalistischen Ideologie aufbaute].\u00a0<br>Demzufolge hat die Demokratie bei der Entwicklung einer Wirtschaft praktisch keine Rolle gespielt. Keine der erw\u00e4hnten Nationen k\u00fcmmerte sich bei ihrer Entwicklung um ein demokratisches Mandat von seiner Bev\u00f6lkerung.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die Verbindung zwischen Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung ist bestenfalls marginal. Die Nationen, die Demokratie bef\u00fcrworten, sind alle erst zum Ende ihrer Entwicklung demokratisch geworden und das chinesische Modell zeigt, dass Demokratie f\u00fcr wirtschaftlichen Erfolg \u00fcberhaupt nicht gebraucht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In  allen Studien \u00fcber Entwicklung wird Demokratie als Voraussetzung f\u00fcr den Fortschritt erachtet, sei er \u00f6konomischer, technologischer oder wissenschaftliche Natur.<\/p>\n","protected":false},"author":20,"featured_media":568,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[606,760,898,2067],"class_list":["post-9573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-demokratie","tag-entwicklung","tag-fortschritt","tag-politischer-mythos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/20"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9573"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9573\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}