{"id":9562,"date":"2013-02-07T00:00:00","date_gmt":"2013-02-07T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9562"},"modified":"2013-02-07T00:00:00","modified_gmt":"2013-02-07T00:00:00","slug":"pragmatismus-und-sein-einfluss-auf-die-muslime-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=9562","title":{"rendered":"Pragmatismus und sein Einfluss auf die Muslime \u2013 Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><strong>4. &#8222;Muslimischer Pragmatismus&#8220;<\/strong><br \/>\n<strong>4.1 Die Maslaha als Rechtsquelle<\/strong><br \/>\nDer erste Versuch der Einf\u00fchrung der Maslaha (Nutzen) als Rechtsquelle des Islam wird zur\u00fcckgef\u00fchrt auf einen Gelehrten aus dem 14.Jahrhundert namens Najm ul-Din Al-Tufiy. Der erste Versuch in der Geschichte jedoch ist bereits vom Schaytan (Satan) ergangen; n\u00e4mlich, als er Adam und Eva mit der Maslaha ewig leben zu k\u00f6nnen, dazu brachte, vom verbotenen Baum zu essen und unsere Eltern somit von Allah (s.w.t.) aus dem Paradies verbannt wurden. Denn auch hier stand die vermutete Maslaha ewig zu Leben der tats\u00e4chlichen Maslaha, n\u00e4mlich Allah zu gehorchen, gegen\u00fcber.<br \/>\nUm jedoch auf Al-Tufiy zur\u00fcck zu kommen, kann folgendes gesagt werden:<br \/>\nAl-Tufiys Idee, die im Folgenden erl\u00e4utert werden soll, erlangte zu seiner Zeit kein gro\u00dfes Ansehen, nicht einmal gro\u00dfe Beachtung. Vielmehr wurde sie von den Gelehrten abgelehnt und als fremde Vorstellung bezeichnet. Sie hielten Al-Tufiys Ansichten f\u00fcr gef\u00e4hrlich und griffen seine Idee stark an. Zu diesen Gelehrten z\u00e4hlte z.B. Abu Sahra. Nur die pragmatischen Gelehrten der Neuzeit griffen seine Idee auf, da sie bestens ihren Zielen diente. Zu seinem Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Maslaha kann zusammengefasst gesagt werden, dass er die Maslaha als st\u00e4rkste Rechtsquelle sah, welche alle anderen Rechtsquellen annullieren kann, wenn sie der Maslaha zuwider stehen.<br \/>\nSeine Scheinargumente sind Folgende:<br \/>\n<strong>1.<\/strong> Allah h\u00e4tte durch etliche Verse aufgezeigt, dass das Ziel seiner Offenbarung die Verwirklichung der Maslaha f\u00fcr den Menschen sei.<br \/>\nUnd Allah will f\u00fcr euch die Erleichterung und nicht die Erschwernis <cite>(Sura 2, Aya 185)<\/cite><br \/>\n&#8230;und Er hat euch nichts auferlegt, was euch in der Religion bedr\u00fccken k\u00f6nnte (Sura 22, Aya 78)<br \/>\nund der Prophet (s.a.s.) sagte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Din ist Erleichterung.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>2.<\/strong> Dem Hadith \u201eLa Darara wa la Diraar&#8220; (\u201ekeinen Schaden zuf\u00fcgen und kein gegenseitiges Schaden&#8220;, \u00fcberliefert bei Muslim) zufolge habe der Prophet (s.a.s.) selbst angeordnet, Gesetze im Islam, die Schaden mit sich bringen, auszusetzen.<br \/>\n<strong>3.<\/strong> Offenbarungstexte seien widerspr\u00fcchlich und Meinungsunterschieden erlegen, die Maslaha jedoch nicht und deswegen vorzuziehen.<br \/>\n<strong>4.<\/strong> \u00dcber die Maslaha als Dalil (Beweis) sei man sich einig, \u00fcber den Konsens jedoch nicht, weshalb die Maslaha vorzuziehen sei.<br \/>\nAntworten auf die Scheinargumente:<br \/>\nDie angef\u00fchrten Verse sind keine Argumente f\u00fcr Al-Tufiys Ansicht sondern Argumente gegen ihn. Denn aus Ihnen kann nicht entnommen werden, dass sich die Shariah die Maslaha zum Ziel gesetzt hat und sich somit jedes islamische Gesetz der vermuteten Maslaha zu beugen hat. Vielmehr ist es ein Argument daf\u00fcr, dass dort, wo die Shariah angewendet wird, auch die Maslaha liegt und nicht umgekehrt.<br \/>\nDer erw\u00e4hnte Hadith &#8222;La Darara wa la Diraar&#8220; ist eher ein weiterer Beleg gegen Al-Tufiys Ansicht, denn er impliziert, dass der Islam durch seine Gesetze selbst den Schaden verhindert. Der Schaden liegt also in der Abweichung von dem, womit der Prophet (s.a.s.) kam.<br \/>\nEin Blick auf die Realit\u00e4t beweist, dass es keine Einigkeit \u00fcber die Masalih (Mehrzahl von Maslaha) gibt, andernfalls w\u00e4ren sich alle Menschen \u00fcber ihre Gesetze und Lebensordnungen einig.<br \/>\nBei den Scheinargumenten Al-Tufiys wird ersichtlich, dass es sich hier um einen Angriff im Namen der Maslaha auf den Islam und seine Rechtsquellen handelt. Deren Gebrauch als Rechtsquelle bedeutet nichts anderes, als seine Neigung zum Herren zu machen, um allerlei Handlungen zu legitimieren und den Islam g\u00e4nzlich auszuhebeln bzw. f\u00fcr nichtig zu erkl\u00e4ren.<br \/>\n<strong>4.2 Die Falschheit der muslimischen Pragmatisten in ihrer Betrachtung der Ziele des Islam<\/strong><br \/>\nDen muslimischen Pragmatisten zufolge liegen hinter der Saria gewisse Ziele (arab. Maqasid), die es zu verwirklichen gilt. Diese Maqasid gilt es mittels geeigneter Gesetze zu verwirklichen. Hierbei stellt f\u00fcr sie der Fiqh, also die detaillierten Gesetzesanordnungen, nur die erste Stufe in der Praktizierung der Shariah da, welcher mit Beginn der zweiten Stufe verf\u00e4llt.<br \/>\nDiese Maqasid hinter der Shariah sind tats\u00e4chlich existent, doch sie sind als das Ziel oder das Produkt zu sehen, welches sich durch die Praktizierung des Islam in seiner Gesamtheit ergibt und nicht als seine Rechtsbegr\u00fcndungen (arab. &#8218;Ilal), mittels derer sich nach Belieben Gesetze schaffen und existierende annullieren lassen. Das Resultat dieser fehlerhaften Betrachtung kommt im Thema Al-Masalih Al-Mursalah zur Geltung, wo ihre Propagandisten aufbauend auf ihrem falschen Verst\u00e4ndnis der Maqasid eine Rechtsquelle zur Schaffung neuer Gesetze schufen.<br \/>\n<strong>4.3 \u201eDa wo die Maslaha liegt, dort befindet sich die Shariah Allahs&#8220;<\/strong><br \/>\nDiese derzeit oft verwendete Redewendung ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf einen Artikel, welcher Mitte des 20. Jhd. in der Zeitschrift Al-Manar vom ehemaligen Scheich Al-Azhars erschienen ist. Al-Schaltut schrieb Ibn ul-Qayim f\u00e4lschlicherweise diese Redewendung zu, um ihr Nachdruck zu verleihen. Er zitierte in seinem Text aus dem Buch Ibn ul-Qayims I&#8217;lam Al-Muwaqi&#8217;iyn und schlussfolgerte aus diesem zitierten Abschnitt, dass Ibn ul-Qayim dasselbe Verst\u00e4ndnis gehabt haben m\u00fcsse. Problematischer Weise kennt die Ummah allerdings den Stellenwert Ibn ul-Qayims und wei\u00df, dass dieses Verst\u00e4ndnis nicht zu ihm passen w\u00fcrde. Ein weiteres Problem ist, dass Al-Schaltut absichtlich falsch aus diesem Buch zitierte. So zitierte er die Aussage eines Sch\u00fclers Ibn ul-Qayims, den Ibn ul-Qayim in seinem Buch erw\u00e4hnt hatte und schrieb diese Aussage Ibn ul-Qayim selbst zu. Des Weiteren unterlie\u00df er es, den Abschnitt Ibn ul-Qayims vollst\u00e4ndig zu zitieren, aus dem klar ersichtlich wird, dass Ibn ul-Qayim unm\u00f6glich diese Ansicht vertreten haben konnte.<br \/>\nDoch nun zur Redewendung selbst; die Shariah ist bekannt. Sie wird den Offenbarungstexten entnommen. Die Maslaha ist jedoch nicht bekannt, denn sie entspringt dem engen Verst\u00e4ndnis des Menschen \u00fcber ihre Realit\u00e4t. Des Weiteren sind die Masalih von Personen zu Personen und von V\u00f6lkern zu V\u00f6lkern oft gegens\u00e4tzlich. Welche Maslaha ist nun gemeint? Und was sollte noch dem Zani (Unz\u00fcchtiger) und der Zania (Unz\u00fcchtige) entgegnet werden, wenn sie ihre Maslaha in dieser Tat sehen? Oder dem Zinsgeber und Zinsnehmer? Soll etwa auch hier die Shariah Allahs liegen?<br \/>\nWenn nun Al-Schaltut sagen w\u00fcrde, dass er mit der Maslaha nur jene Masalih, die nicht der Religion widersprechen, meinte, so m\u00fcsste ihm die Frage gestellt werden, ob denn Allah in seinem Buche etwas ausgelassen hat?<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Nichts haben Wir in dem Buch ausgelassen.&#8220; <cite>(Sura 6, Aya 38)<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>4.4 Die Anpassung der Gesetze (Ahkam) an der Ver\u00e4nderung der Zeit und des Ortes<\/strong><br \/>\nZu den angeblichen Beweisen, die zu diesem Thema angef\u00fchrt werden, z\u00e4hlt das Verhalten Umars (r.a.) w\u00e4hrend seiner Regentschaftszeit. So setzt er die Strafe des Abschlagens der Hand des Diebes aus, da starke Armut herrschte. Es handelt sich jedoch um eine allgemein bekannte Bedingung, damit der Hadd (festgesetzte Strafe) des Abschlagens der Hand vollzogen werden darf, dass nicht aus Armut gestohlen wurde. Dies hat nichts damit zu tun, dass ein Gesetz des Islam ausgesetzt wurde, da Omar es f\u00fcr nicht zeitgem\u00e4\u00df gehalten h\u00e4tte. Vielmehr handelte er rein nach dem islamischen Gesetz und h\u00e4tte eher unislamisch gehandelt, wenn er die Strafe f\u00fcr diesen Zeitraum nicht eingestellt h\u00e4tte.<br \/>\nDie pragmatischen Muslime f\u00fchren noch einige andere Beispiele an, welche jedoch alle kein Argument f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Ahkam (Mehrzahl von Hukm, Gesetz) mit Ver\u00e4nderung der Zeit und des Ortes darstellen.<br \/>\n<strong>4.5 Ihre Argumentation mit dem alten und neuen Fiqh Al-Shafi&#8217;is<\/strong><br \/>\nDie Pragmatisten f\u00fchren zur Anwendung des Prinzips situationsabh\u00e4ngiger Anpassung von Gesetzen gerne das Beispiel von Al-Shafi&#8217;i an. Hierbei behaupten sie, Al-Shafi&#8217;i h\u00e4tte bei seinem Aufenthalt in \u00c4gypten seine Rechtsmeinungen ge\u00e4ndert, um sie der ver\u00e4nderten Situation in \u00c4gypten anzupassen \u2013 also exakt nach dem Prinzip der Anpassung der Ahkam mit der Ver\u00e4nderung von Zeit und Ort. Merkw\u00fcrdig ist hierbei jedoch, dass sie nicht er\u00f6rtern, welche Ver\u00e4nderungen der Situation sich von Bagdad zu Kairo denn ergeben h\u00e4tten.<br \/>\nAl-Shafi&#8217;i hat seine Idschtihadat (Rechtsableitungen) in B\u00fcchern festgehalten und sp\u00e4ter Wert darauf gelegt, dass seine alten, \u00fcberholten Werke vernichtet werden, dies berichtet u.a. Al-Baiyhaqiy. Es hatte also nichts mit der ver\u00e4nderten Situation zu tun, denn sonst w\u00fcrden heute seine Idschtihadat aus dem Irak genauso G\u00fcltigkeit besitzen wie die aus \u00c4gypten. Vielmehr weist seine Bem\u00fchung im Zerst\u00f6ren der \u00fcberholten Werke darauf hin, dass sein Wissen gestiegen ist und seine Beweise st\u00e4rker geworden sind und er seine \u00e4lteren Aussagen daraufhin als falsch betrachtete.<br \/>\n<strong>4.6 Ihr Aufruf zur Reform des Usul ul-Fiqh<\/strong><br \/>\nDiejenigen, die als starke Verfechter des &#8222;muslimischen Pragmatismus&#8220; gelten, forderten in der Regel ebenso die Reformierung der Grundlagen des islamischen Rechts, des Usul ul-Fiqh. Dieser m\u00fcsse gem\u00e4\u00df ihren Ansichten den modernen Zeiten angepasst werden und angeblich nicht mehr zeitgem\u00e4\u00dfe Aspekte abwerfen. Einer der Verfechter dessen ist Tariq Ramadan, der diesem Thema sogar ein Buch mit dem Titel Radical Reform gewidmet hat. Folgende Zitate aus seinem Buch illustrieren ein eindeutiges Bild hierzu:<br \/>\n&#8222;Shariah ist heute nicht aktuell, wir leben in Europa im 21. Jahrhundert, und wir m\u00fcssen die Shariah an diese Zeit anpassen.&#8220;<br \/>\n\u201eGewiss, Jahrhunderte, Jahrzehnte und Jahre von Idschtihad haben zu einem gewissen Fortschritt beigetragen, aber dabei kann man es noch nicht belassen. Schlie\u00dflich kommt es fortw\u00e4hrend zu immer neuen Krisen und diese versch\u00e4rfen sich sogar. Wenn es um ein Gesamtkonzept, um Vorhaben f\u00fcr die Gegenwart und Zukunft geht, wissen die Muslime offenbar nicht so recht weiter.&#8220;<br \/>\n\u201eDaher m\u00fcssen wir weitergehen und uns der Frage nach den Grundlagen des Rechts und der Jurisprudenz (us\u00fbl al-fi qh) zuwenden.&#8220; (Tariq Ramadan, \u201eRadical Reform&#8220;)<br \/>\n<strong>5. Schlusswort<\/strong><br \/>\nMit ihrer pragmatischen Denk- und Handlungsweise widersprechen diese Muslime nicht nur dem gesamten Fundament des Islam, der verlangt, sich dem islamischen Rechtsspruch zu ergeben. Nein, vielmehr f\u00fchrt diese Handlungsweise auch nicht zu den erkl\u00e4rten Zielen. Denn anstatt sich wie alle Propheten klar von dem Fasad (Verwerfliches) zu distanzieren und somit f\u00fcr den Haqq (Wahrheit) zu stehen, wird das herrschende System nur bekr\u00e4ftigt, gefestigt und erlangt seine Daseinsberechtigung. Sie erlangen somit nicht die vom Islam beabsichtigten erhabenen Ziele, sondern nur kurzfristige Ziele \u2013 und diese sind bei n\u00e4herer Betrachtung ebenso fragil.<br \/>\n&#8222;Der Mensch ist voller Eile erschaffen.&#8220; (Sura 21, Aya 37)<br \/>\nZiel dieser Abhandlung war es, aufzuzeigen, dass das pragmatische Verhalten in Europa nur entstehen konnte, weil der Westen nicht an absolute Wahrheiten glaubt. F\u00fcr die Ummah darf dies aber keineswegs gelten, denn der Zweck heiligt im Islam eben nicht die Mittel, denn Mittel, Zweck und Ziele werden ausschlie\u00dflich vom Islam selbst definiert.<br \/>\nSprich: \u201aMein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod geh\u00f6ren Allah, dem Herrn der Welten. Er hat niemanden neben Sich. Und so ist es mir geboten worden, und ich bin der Erste der Gottergebenen&#8216; (Sura 6, Ayat 162-163)<br \/>\nAlles andere, als Allah zum einzigen Gesetzesgeber und Wegweiser seines Lebens zu machen, f\u00fchrt zur Befolgung, ja gar Anbetung seiner eigenen Begierden, Gel\u00fcste und somit zum eindeutigen Irrgang.<br \/>\nUnd wenn die Wahrheit sich nach ihren Begierden gerichtet h\u00e4tte; wahrlich, die Himmel und die Erde und wer darin ist, w\u00e4ren in Unordnung gest\u00fcrzt worden. Nein, Wir haben ihnen ihre Mahnung gebracht, doch von ihrer eigenen Mahnung kehren sie sich ab. (Sura 23, Aya 71)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Versuch der Einf\u00fchrung der Maslaha (Nutzen) als Rechtsquelle des Islam wird zur\u00fcckgef\u00fchrt auf einen Gelehrten aus dem 14.Jahrhundert namens Najm ul-Din Al-Tufiy. 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