{"id":18511,"date":"2026-10-23T08:52:21","date_gmt":"2026-10-23T06:52:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=18511"},"modified":"2026-10-23T09:44:45","modified_gmt":"2026-10-23T07:44:45","slug":"die-heuchelei-der-westlichen-erinnerungskultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=18511","title":{"rendered":"Die Heuchelei der westlichen Erinnerungskultur"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die westliche Erinnerungskultur stellt dabei keineswegs eine neutrale historische Rekonstruktion der Vergangenheit dar. Sie ist vielmehr von Auswahl, Gewichtung und hierarchischer Ordnung gepr\u00e4gt. Sie entscheidet dar\u00fcber, welche Ereignisse kontinuierlich reproduziert, welche Bilder tradiert, welche Opfer sichtbar gemacht und welche Geschehnisse an den Rand des kollektiven Bewusstseins gedr\u00e4ngt werden. Was regelm\u00e4\u00dfig erinnert wird, gewinnt Dauer, gesellschaftliche Pr\u00e4senz und politische Relevanz. Was kaum Erw\u00e4hnung findet, verliert eben diese. Auf diese Weise ordnet die westliche Erinnerungskultur die Vergangenheit so an, dass aus ihr ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis der Gegenwart hervorgehen soll. Sie beeinflusst, welche historischen Zusammenh\u00e4nge als selbstverst\u00e4ndlich erscheinen und welche politischen Handlungen als notwendig, legitim und gesellschaftlich akzeptabel gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahren 1904 bis 1908 fielen dem deutschen V\u00f6lkermord an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-S\u00fcdwestafrika 75 bis 80 Prozent der damaligen Herero-Bev\u00f6lkerung sowie ungef\u00e4hr 50 Prozent der damaligen Nama-Bev\u00f6lkerung zum Opfer. Insgesamt wurden etwa 100.000 Menschen get\u00f6tet. Am 6. und 9. August 1945 wurden Hiroshima und Nagasaki durch amerikanische Atombomben zerst\u00f6rt. Bis zum Ende desselben Jahres starben dort sch\u00e4tzungsweise 210.000 Menschen. Auch der Algerienkrieg, die britische Gewalt im kolonialen Kenia, die italienische Kolonialherrschaft in Libyen und der Vietnamkrieg geh\u00f6ren zu einer Geschichte westlicher Hegemonial- und Kolonialpolitik, in deren Verlauf unz\u00e4hlige Menschen get\u00f6tet, vertrieben oder ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden. Keines dieser Ereignisse besitzt jedoch eine vergleichbare Stellung innerhalb der westlichen Erinnerungskultur. Gerade in dieser punktuellen Gewichtung offenbart sich ihre heuchlerische Selektivit\u00e4t. W\u00e4hrend bestimmte Ereignisse dauerhaft als historische und moralische Bezugspunkte reproduziert werden, geraten andere Formen westlicher Gewalt weitgehend aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein. Darin liegen die Heuchelei und die politische Instrumentalisierung der Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 11. September 2001 gilt dabei als politisches Schl\u00fcsseldatum. Seine historische Bedeutung ersch\u00f6pft sich keineswegs in den Ereignissen dieses Tages. Der Anschlag wird vielmehr zum Ausgangspunkt einer neuen \u00c4ra amerikanischer und europ\u00e4ischer Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik. Der Begriff des \u201eWar on Terror\u201c etabliert sich als ideologischer Deutungs- und Legitimationsrahmen, innerhalb dessen milit\u00e4rische Interventionen, Geheimdienstoperationen und weitreichende sicherheitspolitische Ma\u00dfnahmen legitimiert werden. Dabei wird der 11. September zunehmend dekontextualisiert: Der konkrete Anschlag wird aus seinen historischen, politischen und geopolitischen Zusammenh\u00e4ngen herausgel\u00f6st und in ein vereinfachtes Narrativ eines grunds\u00e4tzlichen Gegensatzes zwischen einer vermeintlich bedrohten westlichen Welt und einem als islamistisch definierten Feindbild eingeordnet. Das zugrunde liegende Narrativ folgt dabei wiederholt einer \u00e4hnlichen Struktur: Am 11. September habe ein \u201eislamistisch\u201c motivierter Angriff die westliche Welt getroffen. Nicht lediglich amerikanische B\u00fcrger seien angegriffen worden, sondern die westlichen Werte selbst. Nicht lediglich New York und Washington seien zum Ziel geworden, sondern Freiheit, Demokratie und die gesamte westliche Lebensordnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wird aus einem konkreten Anschlag ein symbolischer Angriff auf einen gesamten politischen und kulturellen Raum. Der \u201eWar on Terror\u201c beginnt. Als Deckmantel f\u00fcr einen gegen die islamische Welt gerichteten politischen und milit\u00e4rischen Kurs, durch den die Terrorismusbek\u00e4mpfung als politische Rechtfertigung f\u00fcr eine umfassendere Agenda gegen\u00fcber der islamischen Welt und der muslimischen Umma eingesetzt wird. Am 7. Oktober 2001 fallen die USA in Afghanistan ein. Am 5. Februar 2003 pr\u00e4sentiert US-Au\u00dfenminister Colin Powell dem UN-Sicherheitsrat Geheimdienstinformationen, mit denen die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen begr\u00fcndet wird. Am 20. M\u00e4rz beginnt die Invasion. Die behaupteten Waffenbest\u00e4nde werden nie gefunden. Wesentliche Teile der damaligen Geheimdienstbewertungen erweisen sich sp\u00e4ter als falsch und erfunden. Die Zahl der Opfer der Post-9\/11-Kriege ist enorm. Das Costs-of-War-Projekt der Brown University sch\u00e4tzt f\u00fcr die untersuchten Kriegsgebiete Millionen direkte und indirekte Tote und weist zugleich darauf hin, dass eine exakte Zahl aufgrund methodischer Schwierigkeiten nicht feststellbar ist. Das Ausma\u00df des Leids ist damit nicht einmal vollst\u00e4ndig quantifizierbar. Dennoch besitzen diese Opfer keine vergleichbare Stellung in der westlichen Erinnerungskultur. Ihre Anzahl, ihr Leid und ihr Blut werden relativiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau an diesem Punkt tritt der eigentliche Mechanismus der politischen Instrumentalisierung von Erinnerung hervor: Ein Ereignis wird zun\u00e4chst als Angriff auf die westliche Welt und ihre Werte gedeutet und anschlie\u00dfend durch die Erinnerungskultur dekontextualisiert. Aus dieser Deutung erw\u00e4chst die Legitimation eines umfassenden politischen und milit\u00e4rischen Vorgehens, das wiederum \u00fcber Jahre hinweg mit dem urspr\u00fcnglichen Anschlag verkn\u00fcpft wird. Auf diese Weise entsteht eine politische Kette, innerhalb derer der 11. September nicht mehr ausschlie\u00dflich f\u00fcr die beinahe 3.000 Menschen steht, die an diesem Tag get\u00f6tet wurden, sondern zugleich f\u00fcr den gesamten \u201eKrieg gegen den Terror\u201c, seine milit\u00e4rischen Interventionen und schlie\u00dflich auch f\u00fcr die dauerhafte Konstruktion des Islam als sicherheitspolitisches Feindbild. Der Anschlag liefert dabei die moralische Begr\u00fcndung, w\u00e4hrend die heuchlerisch selektive Erinnerung diese Begr\u00fcndung \u00fcber Jahrzehnte hinweg pr\u00e4sent h\u00e4lt. Das daraus hervorgegangene Bedrohungsbild kann schlie\u00dflich auf eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Gruppe \u00fcbertragen werden. Die Taten Einzelner werden nicht mehr ausschlie\u00dflich den konkreten T\u00e4tern zugerechnet, sondern in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung auf Muslime als Kollektiv projiziert. So wird aus individueller Schuld eine kollektiv zugeschriebene Verdachtsstruktur gegen\u00fcber der muslimischen Umma. Zugleich wird damit eine politische Wahrnehmung der Umma durch die Brille eines westlich konstruierten Feindbildes etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folgen sind f\u00fcr gro\u00dfe Teile der islamischen Welt verheerend. Nicht nur Menschen werden get\u00f6tet und vertrieben. Ganze Gesellschaften werden \u00fcber Jahrzehnte hinweg durch Krieg, Instabilit\u00e4t und zerst\u00f6rte Infrastruktur gepr\u00e4gt. Parallel dazu ver\u00e4ndert sich auch die Wahrnehmung von Muslimen innerhalb westlicher Gesellschaften. Die Europ\u00e4ische Grundrechteagentur stellt in ihrer bislang j\u00fcngsten gro\u00dfen Erhebung fest, dass 47 Prozent der befragten Muslime in 13 EU-Staaten innerhalb der vorangegangenen f\u00fcnf Jahre rassistische Diskriminierung erlebt hatten. In Deutschland lag dieser Anteil bei 68 Prozent. Auch Diskriminierung im Arbeits- und Wohnbereich sowie rassistische Bel\u00e4stigungen sind laut dieser Untersuchung weit verbreitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit endet der \u201eWar on Terror\u201c nicht dort, wo milit\u00e4rische Operationen enden. Seine Folgen reichen weit in das gesellschaftliche Bewusstsein hinein. Der Muslim wird bis heute allzu leicht nicht ausschlie\u00dflich als Individuum wahrgenommen, sondern zugleich unter dem Schatten einer politischen Erz\u00e4hlung betrachtet, die ihn mit Radikalisierung, Terrorismus und Sicherheitsbedrohung verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. September 2026 j\u00e4hrte sich der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center zum f\u00fcnfundzwanzigsten Mal. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen und dennoch besitzt dieses Datum im kollektiven Ged\u00e4chtnis eine au\u00dferordentliche Pr\u00e4senz. Die Bilder der einst\u00fcrzenden T\u00fcrme, des Rauchs und der verzweifelten Menschen sind l\u00e4ngst mehr als blo\u00dfe Dokumente eines vergangenen Tages. Sie haben sich zu politischen Symbolen verdichtet, an denen sich eine gesamte Epoche kondensiert und durch die bis heute ma\u00dfgeblich bestimmt wird, wie gewisse Ereignisse wahrgenommen und eingeordnet werden.<\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":18512,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[39,3088,3089,2705,3090,2866],"class_list":["post-18511","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-11-september","tag-erinnerungskultur","tag-heuchelei","tag-voelkermord","tag-war-on-terror","tag-westen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18511","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/54"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18511"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18511\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18514,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18511\/revisions\/18514"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/18512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18511"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18511"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18511"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}