{"id":18492,"date":"2026-10-05T00:05:00","date_gmt":"2026-10-04T22:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=18492"},"modified":"2026-10-05T15:55:50","modified_gmt":"2026-10-05T13:55:50","slug":"1400-jahre-zu-spaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=18492","title":{"rendered":"1400 Jahre zu sp\u00e4t?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der wirksamsten Formen, den gesellschaftspolitischen Gestaltungsanspruch des Islam zur\u00fcckzuweisen, besteht in der heutigen Zeit darin, seine \u00dcbertragbarkeit auf die Gegenwart zu bestreiten. Texte aus dem 7. Jahrhundert, so lautet der Einwand, k\u00f6nnten unm\u00f6glich Grundlage f\u00fcr die Ordnung einer Welt sein, die von <em>komplexen<\/em> staatlichen Strukturen, globalen M\u00e4rkten, digitaler Kommunikation und k\u00fcnstlicher Intelligenz gepr\u00e4gt ist. Der Islam mag als individuelle Glaubensform fortbestehen; als umfassender Entwurf f\u00fcr Politik und Gesellschaft aber, so die Schlussfolgerung, habe er seine historische Berechtigung verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Bemerkenswert ist, dass diese Logik keineswegs nur von au\u00dfen an den Islam herangetragen wird. Sie kann auch im innerislamischen Diskurs auftreten \u2013 nicht unbedingt als offene Skepsis gegen\u00fcber der Zeitlosigkeit der <em>\u0161ar\u012b\u02bfa<\/em>, sondern in einer weitaus subtileren Form. So kann ein Muslim vor einem <em>\u1e25ukm \u0161ar\u02bf\u012b<\/em> stehen, dessen G\u00fcltigkeit er grunds\u00e4tzlich anerkennt, w\u00e4hrend sich ihm der tiefere Sinn dahinter zun\u00e4chst nicht erschlie\u00dft. Genau an diesem Punkt kann eine gedankliche Verschiebung beginnen: Aus der Frage, warum ein <em>\u1e25ukm<\/em> so lautet, wird allm\u00e4hlich die Frage, inwiefern wir ihn \u00fcberhaupt richtig erfasst haben \u2013 ob die zugrunde liegende <em>\u0101ya<\/em> tats\u00e4chlich so zu verstehen ist, der Sachverhalt zutreffend eingeordnet wurde oder die rechtliche Herleitung einen Fehler enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Besonders deutlich kann sich diese Unsicherheit bei neuaufkommenden Fragen zeigen, die ein Gelehrter durch den <em>i\u01e7tih\u0101d<\/em> islamrechtlich beurteilt. Hier ist eine kritische Pr\u00fcfung der Herleitung grunds\u00e4tzlich legitim: Ein <em>mu\u011ftahid<\/em> ist nicht unfehlbar, und ein durch <em>i\u01e7tih\u0101d<\/em> gewonnenes Urteil steht somit nicht auf derselben Stufe wie die Offenbarung selbst. Die entscheidende Frage lautet jedoch, was den Zweifel eigentlich ausl\u00f6st. Geht es tats\u00e4chlich um einen Fehler in der Herleitung \u2013 oder allein darum, dass man die <em>\u1e25ikma<\/em> im Ergebnis nicht erkennt bzw. ihr Erkennen f\u00fcr die G\u00fcltigkeit des islamischen Rechtsspruchs zwingend voraussetzt? Im zweiten Fall kann ein derartiges Verst\u00e4ndnis zu einer gravierenden Verschiebung f\u00fchren: dann liegt das Problem nicht nur an der begrenzten Erkenntnisf\u00e4higkeit des Menschen, sondern der <em>\u1e25ukm<\/em> selbst ger\u00e4t auf diese Weise unter Vorbehalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Welche weitreichenden Folgen eine solche Verschiebung haben kann, zeigt ein konkretes Beispiel aus der heutigen Rechtspraxis: die Verwendung von Videoaufnahmen als Beweismittel vor Gericht. In der islamrechtlichen Diskussion wird die blo\u00dfe Videoaufzeichnung nicht ohne Weiteres als zul\u00e4ssiger gerichtlicher Beweis anerkannt, weshalb der Islam ihre Verwendung als alleinstehendes Beweismittel vor Gericht untersagt. Dieses Urteil kann einen Muslim auf den ersten Blick irritieren. Eine Kamera zeichnet ein Geschehen auf. Sie vergisst nicht, wird nicht nerv\u00f6s und muss sich Jahre sp\u00e4ter nicht an Einzelheiten erinnern. Warum sollte eine solche Aufnahme vor Gericht nicht als Beweis gelten? Und genau an dieser Stelle kann die zuvor beschriebene Problematik einsetzen: Weil die <em>\u1e25ikma<\/em> dieses <em>\u1e25ukm<\/em> nicht unmittelbar erkennbar ist, erscheint irgendwann sogar seine Richtigkeit selbst fragw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Besonders die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre machen das Ganze noch anschaulicher. Was geschieht n\u00e4mlich, wenn das, was eine Videoaufnahme zeigt, gar nicht stattgefunden hat? Mit dem Aufkommen und der rasanten Weiterentwicklung von K\u00fcnstlicher Intelligenz haben sich vor allem durch sogenannte Deepfakes M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet, die in dieser Form noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren: Gesichter lassen sich austauschen, Stimmen t\u00e4uschend echt nachahmen und ganze Szenen erzeugen, ohne dass das aufgezeichnete Geschehen jemals stattgefunden hat. Die technische Aufzeichnung ist damit nicht automatisch mit der Wirklichkeit identisch. Aus islamrechtlicher Sicht ist dabei nicht die Technologie als solche ausschlaggebend, sondern vielmehr der Zweck und die Art ihrer Verwendung. Wird einer realen Person eine Aussage oder Handlung zugeschrieben, die sie nie get\u00e4tigt hat, verbindet sich die technische M\u00f6glichkeit mit T\u00e4uschung, falscher Zuschreibung und m\u00f6glicherweise mit einer Verletzung der Ehre eines Menschen. Aus diesem Grund ist der Einsatz von Deepfakes zu solchen Zwecken <a href=\"https:\/\/kalifat3.com\/?p=18153\">islamrechtlich untersagt<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Damit gewinnt die Frage nach der Beweiskraft technischer Aufzeichnungen eine neue Perspektive \u2013 nicht, weil das Ph\u00e4nomen des Deepfakes nachtr\u00e4glich seine Begr\u00fcndung liefert, sondern weil die technische Entwicklung eine weitere Dimension des Problems sichtbar macht. Was fr\u00fcher wie eine nahezu unmittelbare Dokumentation eines Geschehens erscheinen konnte, erweist sich heute als etwas, dessen Wahrheitsgehalt selbst gepr\u00fcft werden muss. Die neue technische M\u00f6glichkeit begr\u00fcndet den <em>\u1e25ukm<\/em> nicht. Sie kann uns aber vor Augen f\u00fchren, wie eng diese Frage mit der grundlegenden Unterscheidung zwischen Wahrheit und T\u00e4uschung verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Daraus l\u00e4sst sich die besondere St\u00e4rke des islamischen Rechts erkennen: Die Offenbarung muss nicht jede technische Erscheinung der Zukunft vorwegnehmen, um auf sie eine Antwort geben zu k\u00f6nnen. Ein Sachverhalt mag neu sein, seine rechtlich relevanten Elemente m\u00fcssen es hingegen nicht sein. Die Deepfake-Technologie ist daf\u00fcr exemplarisch. Dass sich ein Mensch durch ein k\u00fcnstlich erzeugtes Video zu einer Aussage oder Handlung <em>bringen<\/em> l\u00e4sst, die er nie get\u00e4tigt hat, ist technisch neu. T\u00e4uschung, falsche Zuschreibung und die Verletzung der Ehre eines Menschen sind es jedoch keinesfalls. Der neue Sachverhalt tritt damit nicht au\u00dferhalb des islamischen Rechts. Seine rechtlich relevanten Eigenschaften k\u00f6nnen vielmehr anhand der bestehenden islamrechtlichen Methodik erfasst und beurteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Hinter diesem konkreten Fall steht eine weit gr\u00f6\u00dfere Frage, die vor allem von Kritikern aufgeworfen wird: Wie kann ein Text oder <em>\u1e25ukm<\/em> aus dem 7. Jahrhundert ein Problem behandeln, dessen konkrete Erscheinungsform erst viele Jahrhunderte sp\u00e4ter entsteht? Die Antwort liegt in der Natur der <em>a\u1e25k\u0101m \u0161ar\u02bf\u012bya<\/em> selbst. Sie sind nicht an die technischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse einer bestimmten Epoche gefesselt. Vielmehr regeln sie menschliches Handeln und soziale Beziehungen unabh\u00e4ngig davon, in welcher historischen Gestalt diese auftreten. Der Islam erl\u00e4sst daher nicht f\u00fcr jede Generation ein g\u00e4nzlich neues Regelwerk von Normen, sondern wendet bestehende Rechtsspr\u00fcche auf immer neue Erscheinungsformen menschlichen Handelns an. Ihr Adressat ist also der Mensch in seiner Eigenschaft als Mensch \u2013 nicht das 7. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Unterscheidung zwischen <em>\u1e25a\u1e0d\u0101ra <\/em>und <em>madan\u012bya<\/em> an Bedeutung. W\u00e4hrend <em>madan\u012bya<\/em> die materielle Zivilisation und ihre technischen Errungenschaften bezeichnet, umfasst <em>\u1e25a\u1e0d\u0101ra <\/em>die geistigen, weltanschaulichen und kulturellen Vorstellungen, die eine Gesellschaft pr\u00e4gen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sowie technische Errungenschaften geh\u00f6ren zun\u00e4chst zur <em>madan\u012bya<\/em>. Ihre Neuartigkeit oder ihre Entstehung in einem anderen kulturellen Umfeld machen sie daher nicht automatisch verboten oder w\u00fcnschenswert. Entscheidend ist vielmehr, wie sie sich in das jeweilige normative Gesamtgef\u00fcge einbetten lassen. Der Islam begegnet wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Errungenschaften demzufolge weder mit pauschaler Ablehnung noch mit unkritischer Begeisterung. Er fragt vielmehr danach, was eine Technologie erm\u00f6glicht, welchem Zweck sie dient und ob ihre konkrete Nutzung mit den islamischen Normen vereinbar ist. Gerade hier liegt die entscheidende Funktion der Unterscheidung von <em>madan\u012bya<\/em> und <em>\u1e25a\u1e0d\u0101ra<\/em>: Was technisch m\u00f6glich ist, besitzt noch keinen eigenen normativen Wert. Erst die Einbettung in das weltanschauliche System des Islam entscheidet dar\u00fcber, ob und unter welchen Bedingungen es genutzt werden darf. So erl\u00e4utert \u02bfAbd al-Qad\u012bm Zall\u016bm (rh) in seinem Werk <em><a href=\"https:\/\/kalifat3.com\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Der-islamische-Rechtsspruch-1-Seite-1.pdf\">Der islamische Rechtsspruch<\/a><\/em>: <em>Auch wenn der wissenschaftliche Aspekt globaler Natur ist und nicht spezifisch f\u00fcr eine bestimmte Weltanschauung gilt, so m\u00fcssen die Ergebnisse, zu denen die Wissenschaft gelangt, gem\u00e4\u00df den Gesetzen des islamischen Rechts angewandt werden. Hat das islamische Recht eine Anwendung erlaubt, wird sie \u00fcbernommen. Hat es diese verboten, ist deren \u00dcbernahme untersagt. Dementsprechend muss unsere Sichtweise sein und unser Umgang mit allem, was die Wissenschaft hervorbringt<\/em>.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die technische Entwicklung damit neue rechtliche Fragen aufwirft, ist auch im westlichen Diskurs l\u00e4ngst bekannt. Gerade die gegenw\u00e4rtigen Debatten \u00fcber den Umgang mit Deepfakes zeigen jedoch, dass die eigentliche Schwierigkeit tiefer reicht: Die Herausforderung besteht nicht allein darin, eine neue technische Erscheinungsform juristisch einzuordnen. Vor allen Dingen stellt sich die Frage, nach welchem \u00fcbergeordneten Ma\u00dfstab eine Rechtsordnung dar\u00fcber entscheidet, was gesch\u00fctzt, was begrenzt und was erlaubt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Im s\u00e4kular-liberalen Rechtsverst\u00e4ndnis tritt dabei ein grundlegendes Spannungsverh\u00e4ltnis hervor. Die Pers\u00f6nlichkeit soll gesch\u00fctzt werden, ohne Meinungs- und Kunstfreiheit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einzuschr\u00e4nken. T\u00e4uschung und Rufsch\u00e4digung sollen bek\u00e4mpft, zugleich aber journalistische und politische Kommunikation gesch\u00fctzt werden. Missbrauch soll verhindert werden, ohne technische Innovation und individuelle Freiheit unn\u00f6tig zu beschneiden. Die Rechtsordnung muss damit fortw\u00e4hrend unterschiedliche Interessen miteinander in Einklang bringen, die sich in konkreten F\u00e4llen nicht selten widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Wie schwierig dieser Ausgleich in der Praxis ist, zeigt beispielhaft die gegenw\u00e4rtige deutsche Rechtsdebatte. So begr\u00fc\u00dft die Bundesrechtsanwaltskammer in ihrer <a href=\"https:\/\/www.brak.de\/fileadmin\/05_zur_rechtspolitik\/stellungnahmen-pdf\/stellungnahmen-deutschland\/2026\/stellungnahme-der-brak-2026-30.pdf\">Stellungnahme zum Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt<\/a> das Ziel eines wirksameren Schutzes, warnt zugleich aber vor zu weitgehenden Eingriffen und fordert einen sorgf\u00e4ltigen Ausgleich mit der Meinungsfreiheit. Ein \u00e4hnliches Spannungsverh\u00e4ltnis zeigt sich in den Vereinigten Staaten, wo die Regulierung von Deepfakes ebenfalls mit der durch den <em>First Amendment<\/em> gesch\u00fctzten Meinungsfreiheit in Konflikt geraten kann. Auch dort m\u00fcssen Gesetzesvorhaben daher sicherstellen, dass der Schutz vor Deepfake-Missbrauch nicht selbst zu einer unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Beschr\u00e4nkung der Redefreiheit f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Damit wird sichtbar, dass die Schwierigkeit nicht allein darin liegt, einzelne Rechtsverletzungen zu erfassen. Vielmehr muss eine Rechtsordnung unterschiedliche, teilweise miteinander kollidierende Interessen und Freiheitsrechte zugleich sch\u00fctzen und gegeneinander abw\u00e4gen. Je mehr unterschiedliche Interessen eine Rechtsordnung gleichzeitig sch\u00fctzen muss, desto schwieriger wird jedoch die Bestimmung eines \u00fcbergeordneten Ma\u00dfstabs, anhand dessen sich im konkreten Fall entscheiden l\u00e4sst, welches Interesse Vorrang besitzt. An diesem Punkt st\u00f6\u00dft die Freiheitsidee, als alleiniger normativer Ausgangspunkt, an eine grundlegende Grenze. Sie formuliert zun\u00e4chst einen Anspruch: Der Einzelne soll m\u00f6glichst frei und selbstbestimmt handeln k\u00f6nnen. Doch sobald die Freiheit des einen in die Rechte des anderen eingreift, reicht der blo\u00dfe Verweis auf Freiheit nicht mehr aus. Dann muss entschieden werden, welche Freiheit Vorrang besitzt, welche Grenze gezogen werden soll und nach welchem Ma\u00dfstab diese Entscheidung getroffen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Der islamische Ansatz setzt an einer anderen Stelle an. Er macht die individuelle Freiheit nicht zum normativen Ausgangspunkt, von dem aus f\u00fcr jede neue Technologie ihre Grenzen neu ausgehandelt werden m\u00fcssten. Sein Ausgangspunkt sind vielmehr die <em>a\u1e25k\u0101m \u0161ar\u02bf\u012bya<\/em> bzw. die Ansprache des Gesetzgebers: Welche Handlung ist erlaubt? Welches Recht wird verletzt? Welches Rechtsgut muss gesch\u00fctzt werden? Wahrheit, Ehre, Eigentum, Privatsph\u00e4re und die Rechte anderer erhalten ihre Bedeutung nicht erst, wenn solche Technologien sie bedrohen. Sie sind Teil einer \u00fcbergeordneten normativen Ordnung, die aus den Offenbarungstexten hervorgeht. Der technische Wandel f\u00fchrt daher nicht automatisch zu einer neuen rechtlich-moralischen Bewertung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die <em>a\u1e25k\u0101m \u0161ar\u02bf\u012bya<\/em> beurteilen vielmehr, was der Mensch mit neuen technischen Mitteln tun darf. Dabei wird ein bislang unbekannter Sachverhalt zun\u00e4chst hinsichtlich seiner rechtlich relevanten Eigenschaften erfasst und islamrechtlich eingeordnet; gerade darin liegt die Aufgabe des <em>i\u01e7tih\u0101d<\/em>, sodass bei neuen Fragestellungen auch unterschiedliche rechtliche Beurteilungen m\u00f6glich sein k\u00f6nnen. Der Deepfake ist damit mehr als ein Beispiel f\u00fcr die Aktualit\u00e4t islamischer Normen. Er zeigt, worin ihre Zeitlosigkeit liegt: Sie sind nicht an die technischen Erscheinungsformen einer bestimmten Epoche gebunden, sondern r\u00fccken die menschlichen Handlungen und Beziehungen, die hinter diesen Erscheinungsformen stehen, ins Zentrum. Was sich ver\u00e4ndert, sind die Mittel und M\u00f6glichkeiten des Menschen \u2013 nicht die Offenbarung und ihre normativen Ma\u00dfst\u00e4be, anhand derer ihr Gebrauch beurteilt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Damit stellt sich die eigentliche Herausforderung f\u00fcr die <em>Umma<\/em>: nicht jede Norm so lange an den Zeitgeist anzupassen, bis sie dem heutigen Empfinden entspricht, sondern der g\u00f6ttlichen Offenbarung zu vertrauen. Der Muslim darf nach der <em>\u1e25ikma<\/em> fragen und eine rechtliche Herleitung pr\u00fcfen. Neue Sachverhalte beurteilt er dabei anhand der islamrechtlichen Methodik und der einschl\u00e4gigen <em>a\u1e25k\u0101m<\/em>. Entscheidend bleibt jedoch, wer hier wen beurteilt: Nicht die Offenbarung muss sich dem jeweiligen Verst\u00e4ndnis des Menschen f\u00fcgen. Vielmehr muss der Mensch pr\u00fcfen, ob sein Verst\u00e4ndnis der Offenbarung gerecht wird. Wenn sich uns die Weisheit oder Tragweite eines <em>\u1e25ukm <\/em>nicht unmittelbar erschlie\u00dft, sagt das daher zun\u00e4chst nichts \u00fcber seine G\u00fcltigkeit oder seine Anwendbarkeit auf unsere Zeit aus. Es legt vielmehr die Grenzen unserer eigenen Urteilsf\u00e4higkeit offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Die Welt wird sich auch zuk\u00fcnftig ver\u00e4ndern, Technologien werden neue M\u00f6glichkeiten und neue Konflikte hervorbringen. Der Mensch aber bleibt Mensch. Und genau darin liegt die Zeitlosigkeit des Islam: Er richtet sich nicht an das 7. Jahrhundert, sondern an den Menschen \u2013 in welchem Jahrhundert er auch leben mag. Die Frage ist daher nicht, ob die Offenbarung 1400 Jahre zu sp\u00e4t kommt. Die Frage ist, ob die <em>Umma<\/em> bereit ist, ihr zuzutrauen, dass sie die Probleme der Menschen von heute ebenso l\u00f6sen wird k\u00f6nnen wie f\u00fcr den Menschen von gestern.<br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcnstliche Intelligenz, Deepfakes und der Koran aus dem 7. Jahrhundert \u2013 wie soll das zusammenpassen? Wer jedoch genauer hinsieht, st\u00f6\u00dft auf eine \u00fcberraschende Erkenntnis.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":18493,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1303,3081,1608,2104,2638,3083,3082],"class_list":["post-18492","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-islam","tag-jahrhundert","tag-loesung","tag-probleme","tag-umma","tag-zeitlos","tag-zeitlosigkeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18492","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18492"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18492\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18494,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18492\/revisions\/18494"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/18493"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18492"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18492"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18492"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}