{"id":15216,"date":"2023-04-14T18:32:42","date_gmt":"2023-04-14T16:32:42","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15216"},"modified":"2023-04-14T18:32:42","modified_gmt":"2023-04-14T16:32:42","slug":"steht-der-nahe-osten-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15216","title":{"rendered":"Steht der Nahe Osten am Abgrund?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Libyen st\u00fcrmten Anfang Juni vergangenen Jahres Hunderte Menschen das Parlamentsgeb\u00e4ude in der Hafenstadt Tobruk, um aufgrund der sich verschlechternden Lebensumst\u00e4nde die Abschaffung des politischen Systems zu fordern. Im Iran kommt es weiterhin zu Protesten und Streiks, die sich gegen die Regierung richten, da das Regierungssystem mit politischen wie auch wirtschaftlichen Ma\u00dfnahmen es zu einer grassierenden Inflation hat kommen lassen. Auch im Sudan ebben die Proteste gegen die Milit\u00e4rherrschaft, trotz etlicher Toter, nicht ab. Im Libanon gehen die regelm\u00e4\u00dfigen Proteste angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der Tatsache, dass bislang niemand f\u00fcr die Explosion am Beiruter Hafen im Jahr 2020 zur Verantwortung gezogen wurde, weiter. \u00c4hnliche Situationen lassen sich im Jemen, im Irak und in Algerien aufzeigen. Indessen f\u00fchrt die \u00f6konomische Misere \u00c4gyptens dazu, dass die Unzufriedenheit im Lande ihren H\u00f6henpunkt erreicht, w\u00e4hrend das Milit\u00e4rregime mit harter Hand versucht, die Stabilit\u00e4t aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ist es \u00fcber ein Jahrzehnt her, dass der Arabische Fr\u00fchling die B\u00fcrger aus der Region dazu bewegte auf die Stra\u00dfen zu gehen, um eine Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren. Dabei hat sich die Lage im gesamten Nahen Osten seither nur weitaus verschlimmert: Massenproteste, bewaffnete Aufst\u00e4nde und Streiks breiten sich in der gesamten Region aus. Nach einem Jahrzehnt haben sich die Probleme in dieser Region weitgehend verschlechtert, wobei die Ursachen daf\u00fcr aller Voraussicht nach eine weitere Serie von Aufst\u00e4nden zur Folge haben werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gr\u00f6\u00dfte Problem im Nahen Osten ist auf die lang bekannte Tatsache zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Politik, die aufeinanderfolgenden Regierungen, die Regime als auch die Politiker das Volk tats\u00e4chlich nie vertreten haben. Dies ist auch der Grund, warum es sich bei den meisten Regimen in der Region entweder um Polizeistaaten, Autokratien oder Monarchien handelt, die das Herrschaftsmonopol innehaben: Diese sind n\u00e4mlich eher daran interessiert, ihre Macht zu sichern und den Status quo zu bewahren. Im Jahr 2020 wurden in \u00c4gypten, im Iran und im Irak anl\u00e4sslich der COVID-19-Pandemie Ausgangssperren verordnet, um regimekritische Proteste zu unterdr\u00fccken. An Orten, an denen Wahlen abgehalten werden, wie im Irak und im Libanon, bestimmen Korruption und politische Streitigkeiten den Alltag in der Politik, indem die dortigen Systeme eine Fraktion gegen eine andere ausspielen. Ein Jahrzehnt nach dem Arabischen Fr\u00fchling gilt Tunesien hingegen, der Liebling des Westens, als das einzige Land, das nach den Aufst\u00e4nden einen demokratischen Wandel durchlebt hat. Seitdem hat das Land zw\u00f6lf verschiedene Regierungen erlebt, die allesamt gescheitert sind. Sie alle waren der Vielzahl an wirtschaftlichen Herausforderungen nicht gewachsen. Die politische Polarisierung und die Tatsache, dass die alte Garde wieder an der Macht ist, l\u00e4sst schlussendlich erkennen, dass sich in der Geburtsst\u00e4tte des Arabischen Fr\u00fchlings tats\u00e4chlich wenig ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wirtschaftliche Versagen, die Armut, der Autoritarismus und die Unterdr\u00fcckung der Massen waren alles Faktoren, die viele Menschen vor einem Jahrzehnt dazu animierten, auf die Stra\u00dfen zu gehen. Heute sind all diese Probleme nach wie vor pr\u00e4sent und in vielen F\u00e4llen sogar noch viel schlimmer als zuvor. So haben sich in \u00c4gypten Armut, Arbeitslosigkeit und Verm\u00f6gensungleichheit verschlimmert, weil die Milit\u00e4rjunta die Wirtschaft in den Ruin getrieben hat. Selbst in den L\u00e4ndern, in denen es vor einem Jahrzehnt noch keine Aufst\u00e4nde gab, kam es nun zu wiederkehrenden Protesten, da es diesen L\u00e4ndern bislang nicht gelungen ist, der Bev\u00f6lkerung Wohlstand zu bringen. So gab es im Jahr 2019 in L\u00e4ndern wie Algerien, im Sudan, im Irak, im Libanon und im Iran immer wieder Unruhen. H\u00e4tte es vor dem Hintergrund der Pandemie keine Ausgangssperren gegeben, w\u00e4re es mit Sicherheit zu weitaus mehr Protesten gekommen. Seit den Ausgangssperren gab es in diesen L\u00e4ndern weder eine wirtschaftliche Umstrukturierung noch ein Umdenken seitens der Milit\u00e4rmachthaber und Monarchen. Stattdessen halten sie nach wie vor mit eiserner Hand an ihrer Macht fest, w\u00e4hrend sie bei der Befriedigung der grundlegenden Bed\u00fcrfnisse ihres Volkes versagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indes setzt Sisi in \u00c4gypten den Bau von Infrastrukturen und neuen St\u00e4dten fort und verschuldet das Land, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung mitansehen muss, wie die Inflation steigt und die Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten schwinden. Gleichzeitig weigert sich das Milit\u00e4r, Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um den Massen zu helfen; Dies w\u00fcrde n\u00e4mlich voraussetzen, dass sie bereit w\u00e4ren, die Kontrolle \u00fcber die Wirtschaft aufzugeben. Schlie\u00dflich wird davon ausgegangen, dass das \u00e4gyptische Milit\u00e4r \u00fcber mehr als die H\u00e4lfte des \u00e4gyptischen BIP verf\u00fcgt. Zwischenzeitig beschreibt die Weltbank die katastrophale Lage im Libanon wie folgt: <em>\u201eDas Ausma\u00df und die Tragweite der vors\u00e4tzlich herbeigef\u00fchrten Wirtschaftskrise im Libanon lassen die wesentlichen Pfeiler der libanesischen Volkswirtschaft (in der Nachb\u00fcrgerkriegszeit) einbrechen. Dies offenbart sich durch den Zusammenbruch der grundlegendsten \u00f6ffentlichen Dienstleistungen, die anhaltende und l\u00e4hmende Uneinigkeit der Innenpolitik und die massive Abwanderung der Fachkr\u00e4fte. Unterdessen tragen die Armen und die Mittelschicht \u2013 die mit diesem Modell von vornherein nicht gut bedient waren \u2013 die Hauptlast der Krise.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ausl\u00e4ndische Einflussnahme auf die Region hat ebenfalls eine wesentliche Rolle gespielt. Die Struktur des Nahen Ostens wurde n\u00e4mlich von europ\u00e4ischen Kolonialisten geschaffen, wobei die USA mittlerweile einen Gro\u00dfteil des europ\u00e4ischen Einflusses ersetzt haben und der Region ihr Recht auf Unabh\u00e4ngigkeit verweigern. Die Einmischung vonseiten der USA sowie zahlreicher anderer Nationen hat zu B\u00fcrgerkriegen gef\u00fchrt, da die jeweiligen M\u00e4chte \u2013 getrieben durch ihre eigenen Interessen \u2013unterschiedliche Gruppierungen unterst\u00fctzten. So sind beispielsweise Libyen und der Jemen im Chaos versunken, als Gro\u00dfbritannien und die USA Stellvertreterkriege initiierten, mit dem Ziel, die Kontrolle \u00fcber diese L\u00e4nder f\u00fcr sich zu entscheiden. Die in Syrien beteiligten L\u00e4nder haben sich \u00f6ffentlich zwar f\u00fcr den R\u00fccktritt Bashar al-Assads ausgesprochen, aber in Wirklichkeit dem entgegengehandelt. So haben die L\u00e4nder, die sich einmischten, die Widerstandsbewegung ausgebremst und das Land in einen B\u00fcrgerkrieg verwickelt, der sich zwischen den Vertretern regionaler und internationaler M\u00e4chte abspielte. Viele in diesen L\u00e4ndern wandten sich an das Ausland, in der Hoffnung das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis gegen\u00fcber ihren Herrschern zu ihren Gunsten beeinflussen zu k\u00f6nnen. Dieser \u201eHilferuf\u201c wurde von ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten allerdings ausgenutzt, um zu intervenieren und sicherzustellen, dass kein Wandel stattfindet. Als vor \u00fcber zwei Jahren Massenproteste im Sudan begannen, sorgten die USA daf\u00fcr, dass das Milit\u00e4r auch weiterhin die Z\u00fcgel in der Hand beh\u00e4lt. W\u00e4hrenddessen unterst\u00fctzten Gro\u00dfbritannien und Frankreich das Milit\u00e4r in Algerien, das, seit dem R\u00fccktritt des Pr\u00e4sidenten Abdelaziz Bouteflika, der Forderung des Volkes nach einer umfassenden Reform nicht nachkam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Verlauf der demografischen Entwicklung im Nahen Osten l\u00e4sst keinen stabilen Verlauf <strong>erwarten<\/strong>. Die Zukunft der dortigen Regime ist ungewiss. Obwohl die Fertilit\u00e4tsrate in der Region abnimmt, ist derzeitig ein Anstieg des Bev\u00f6lkerungswachstums zu verzeichnen. Nur wenige Orte auf der Welt werden den zahlreichen Herausforderungen, die durch die wachsende Anzahl von Menschen entstehen, k\u00fcnftig noch standhalten k\u00f6nnen. Diese wachsende Bev\u00f6lkerung muss schlie\u00dflich mit Wasser versorgt und untergebracht werden. Mehr Menschen bedeuten mehr Nachfrage nach fortschrittlicher Infrastruktur und Arbeitsm\u00e4rkten. Der Wettbewerb um Wohnr\u00e4ume und Arbeitspl\u00e4tze auf der einen Seite, insbesondere im \u00f6ffentlichen Dienst, und die schlechte Qualit\u00e4t der \u00f6ffentlichen Dienstleistungen sowie deren unzureichende Bereitstellung auf der anderen Seite sind prim\u00e4re Faktoren f\u00fcr die tiefe Unzufriedenheit mit dem gegenw\u00e4rtigen System, die viele der Gesellschaften im Nahen Osten pr\u00e4gt. Eben dieser demografische Druck und die F\u00e4higkeit seitens der Regierungen diesen abzumildern, werden eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, den k\u00fcnftigen Kurs der Region bestimmen zu wollen. \u00c4gypten, eines der gr\u00f6\u00dften L\u00e4nder dieser Region, stellt seine Politiker hierbei vor ein h\u00f6chst interessantes Dilemma: Die Population des Landes liegt derzeitig bei \u00fcber 100 Millionen und wird bis 2050 voraussichtlich bei etwa 160 Millionen liegen! Das bedeutet, dass fortan jedes Jahr \u00fcber eine Million Jugendliche das 16. Lebensjahr erreichen und sich auf die Suche nach einer Arbeitsstelle begeben werden, die es nicht gibt. Diese wachsende Population muss untergebracht, ausgebildet und versorgt werden, ein Sachverhalt, der einer sorgf\u00e4ltigen Planung bedarf. Das \u00e4gyptische Regime scheint von solchen Herausforderungen jedoch nichts zu wissen. Stattdessen scheint die Sisi-Administration nur damit besch\u00e4ftigt zu sein, die Kontrolle zu wahren. Algerien und der Sudan stehen vor \u00e4hnlichen Herausforderungen. Die aktuellen Proteste in all diesen Gebieten sind also sehr wahrscheinlich nur der Anfang. Die Situation in den genannten L\u00e4ndern wird sich zunehmend verschlechtern, wenn die Regenten in der islamischen Welt die L\u00f6sung dieser Probleme weiterhin aufschieben. W\u00e4hrend des Arabischen Fr\u00fchlings versuchten die Menschen, sich von den Ketten zu befreien, die ihnen vor langer Zeit angelegt wurden. Die Menschen hatten die Angst, die sie in Schach hielt, f\u00fcr einen kurzen Moment \u00fcberwunden, was dazu f\u00fchrte, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Die Herrscher dieser Regionen haben bewiesen, dass sie ebenso inkompetent wie brutal sind, wobei sie annehmen, dass letzteres ein Garant daf\u00fcr sei, dass sie ihre Macht behalten. Vor einem Jahrzehnt ersch\u00fctterte ein Beben die Region und jedem Erdbeben folgen bekanntlich weitere Ersch\u00fctterungen. W\u00e4hrend alle Augen auf Europa und den Krieg zwischen Russland und der Ukraine gerichtet und die USA auf Chinas wirtschaftlichen Aufstieg konzentriert sind, gilt es insbesondere die Geschehnisse im Nahen Osten mitzuverfolgen. Denn in Anbetracht der Umst\u00e4nde handelt es sich bei der Frage bez\u00fcglich eines erneuten Arabischen Fr\u00fchlings nicht um ein \u201eob\u201c sondern vielmehr um ein \u201ewann\u201c. \u00a0Schlie\u00dflich sind die Umst\u00e4nde, die der Region abermals anhaften und die die Massen damals auf die Stra\u00dfen trieb, um einen Wandel zu fordern, heute deutlich schlimmer als vor einem Jahrzehnt. Die entscheidende Frage ist nur, was dieses Mal das Fass zum \u00dcberlaufen bringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle: <a href=\"https:\/\/thegeopolity.com\/2022\/07\/07\/is-the-middle-east-on-the-brink\/\">https:\/\/thegeopolity.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die seit einem Jahrzehnt immer schlimmer werdenden Probleme im Nahen Osten geben Grund zur Annahme, dass eine weitere Serie von Aufst\u00e4nden auszubrechen droht, ein weiterer \u201eArabischer Fr\u00fchling\u201c also. Jedoch d\u00fcrfte die Welle der Entr\u00fcstung dieses Mal weitaus mehr Regime in der Region erfassen.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":15215,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[156,227,1293,1637,1869,2502],"class_list":["post-15216","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-algerien","tag-arabischer-fruehling","tag-iran","tag-libyen","tag-naher-osten","tag-sudan"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15216\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}