{"id":15108,"date":"2023-03-19T00:05:00","date_gmt":"2023-03-18T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15108"},"modified":"2023-03-19T00:05:00","modified_gmt":"2023-03-18T23:05:00","slug":"zurueck-in-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15108","title":{"rendered":"<strong>Zur\u00fcck in die Zukunft<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der Europ\u00e4ischen Union w\u00fcrden sich sprichw\u00f6rtlich im Grabe umdrehen, wenn sie w\u00fcssten, dass sich Teile der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung die Abschaffung der EU w\u00fcnschen. Die Ablehnung geht dabei weit \u00fcber das Echauffieren \u00fcber genormte Gurken hinaus. Unl\u00e4ngst wird das Konstrukt der EU als Ganzes infrage gestellt, was indes dazu f\u00fchrt, dass Politiker die Wichtigkeit der Institution Europa umso deutlicher betonen und immer wieder ins Ged\u00e4chtnis rufen. So sagte die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2017: <em>\u201eWir haben oft Grund, nicht zufrieden mit Europa zu sein. Aber wenn wir uns mal umschauen, in welchen Regionen kein Frieden ist, dann sehen wir den Wert von Europa: dass Europa ein Friedensprojekt ist\u201c. <\/em>Merkel transportiert hier das Narrativ eines Sicherheits- und Friedensgaranten: Dank der EU gab es seit Hitlerdeutschland in Europa keine kriegerischen Auseinandersetzungen mehr und solange die EU existiert, wird es diese auch nicht geben. Die Europ\u00e4er h\u00e4tten schlie\u00dflich aus ihrer Geschichte die notwendigen Lehren gezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die historische und zeitgeschichtliche Realit\u00e4t Europas spiegelt diese Hypothese keineswegs wider. Viel eher zeigt sich, dass der europ\u00e4ische Kontinent schon immer Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen war und immer noch ein potenzieller Konfliktherd ist. Dabei h\u00e4tte es letztlich auch nicht Putins Einmarsch gebraucht, der laut Herfried M\u00fcnkler zur Folge hatte, dass<em> \u201edie Europ\u00e4ische Friedensordnung zertr\u00fcmmert wurde\u201c<\/em>. Denn die Zertr\u00fcmmerung der europ\u00e4ischen Friedensordnung war lediglich eine Frage der Zeit, die durch die Erstarkung des Nationalismus in Europa herbeigef\u00fchrt wird. Auch ging die Milchm\u00e4dchenrechnung <em>\u201eWandel durch Handel\u201c<\/em>, die als Friedensdividende verkauft wird, nicht auf, sondern sorgte lediglich daf\u00fcr, dass tiefsitzende Spannungen zwischen den europ\u00e4ischen Nationalstaaten kurzzeitig beiseitegestellt wurden \u2013 und das nur so lange, bis nationale Interessen soweit divergieren, dass die kooperativen Strukturen diese nicht mehr einhegen und Konflikte wegmoderieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dementsprechend zeichnet auch ein Blick in die europ\u00e4ische Geschichte ein \u00fcberwiegend d\u00fcsteres Bild. W\u00e4hrend die Gr\u00fcndung der EU (und ihrer Vorg\u00e4ngerstrukturen EGKS und EWG) gemeinhin als eine vernunftbasierte L\u00f6sung zum endg\u00fcltigen Beiseitelegen nationalstaatlicher Konflikte gesehen wird, wird v\u00f6llig au\u00dfer Acht gelassen, dass solche Versuche bereits hunderte Jahre zuvor gestartet wurden \u2013 und letztlich immer gescheitert sind. Prominent ist hier der Westf\u00e4lische Friede (1648), der als wichtiger Wendepunkt in der europ\u00e4ischen Geschichte gilt, da er den Beginn des modernen Systems von territorial fixierten Nationalstaaten und des Konzepts der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t markierte. Der Friedensschluss sollte zudem ein Machtgleichgewicht in Europa schaffen, bei dem die verschiedenen europ\u00e4ischen Staaten versuchen, ein Gleichgewicht der Kr\u00e4fte untereinander aufrechtzuerhalten, um zu verhindern, dass ein einzelner Staat zu m\u00e4chtig wird. Neben der Beendigung des innerchristlichen Religionskrieges legte der Westf\u00e4lische Friede zudem den Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer (europ\u00e4ischer) Staaten fest. Dass bereits binnen weniger Jahre dieser heroische Versuch in die Br\u00fcche ging und daraufhin erneut zahlreiche und blutige Kriege ausbrachen, die eine nationale Souver\u00e4nit\u00e4t nach der n\u00e4chsten \u00fcber Bord warfen, zeigt die Fragilit\u00e4t solcher Konstrukte, die in letzter Konsequenz nicht in der Lage sind, staatliche Konflikte dauerhaft einzuhegen. In diesem Sinne half auch der Neuversuch durch den Wiener Kongress im Jahre 1815 nichts \u2013 so folgten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts der Deutsch-D\u00e4nische Krieg, der Preu\u00dfisch-\u00d6sterreichische Krieg, der Italienische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg sowie der Deutsch-Franz\u00f6sische Krieg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen die Europ\u00e4er schlie\u00dflich vor der n\u00e4chsten Katastrophe, ausgel\u00f6st durch die Deutschen: Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 zog sich wie ein Schatten durch die europ\u00e4ische Geschichte und hinterlie\u00df eine Spur der Zerst\u00f6rung nie dagewesenen Ausma\u00dfes. W\u00e4hrend sich der US-Pr\u00e4sident Woodrow Wilson zur Endzeit des Ersten Weltkrieges mit seinen ber\u00fchmten Worten <em>\u201ea war to end all wars\u201c<\/em> in Sicherheit wog und selbstbewusst einen 14-Punkte-Plan aufstellte, um nachhaltigen Frieden und die Sicherung der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4ten herzustellen, war es nur zwei Jahre sp\u00e4ter der US-Kongress selbst, der verhinderte, dass die Vereinigten Staaten Teil des V\u00f6lkerbundes wurden. Letzterer konnte auch nicht den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 verhindern, der mit 50 Millionen Toten selbst den <em>\u201eGro\u00dfen Krieg\u201c<\/em> von 1914 bei weitem in den Schatten stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Europa zwar eine Zeit des relativen Friedens und der Stabilit\u00e4t. Dies gelang insbesondere durch die aktive F\u00f6rderung zwischenstaatlicher Dialog- und Abstimmungsprozesse und allen voran durch die wirtschaftliche Verflechtung, die zu wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten ehemals verfeindeter Nationalstaaten f\u00fchrte. Gleichwohl m\u00fcssen selbst EU-Verfechter der bitteren Wahrheit ins Auge blicken, dass in Europa und seiner Peripherie immer noch zahlreiche Konflikte herrschen. Diese Tatsache l\u00e4sst sich auch nicht durch rhetorische Floskeln aufl\u00f6sen, wie die des ehemaligen UN-Generalsekret\u00e4rs Kofi Annan, der die Europ\u00e4ische Union als <em>\u201eeine einzigartige und bemerkenswerte Errungenschaft\u201c<\/em> lobpreiste und sie f\u00fcr <em>\u201eein Modell f\u00fcr andere Regionen der Welt\u201c<\/em> betrachtete. Denn bereits 1946 entfachte in Griechenland ein dreij\u00e4hriger B\u00fcrgerkrieg zwischen der Regierung und kommunistischen Rebellen. 1956 sorgte der ungarische Volksaufstand f\u00fcr Unruhen innerhalb der Sowjetunion. Nach dem von der griechischen Milit\u00e4rjunta unterst\u00fctzten Putsch in Zypern und der darauffolgenden Verfolgung t\u00fcrkischer Bev\u00f6lkerungsteile, kam es 1974 zur Milit\u00e4rintervention der T\u00fcrkei und zur Teilung des Inselstaates. Hinzu kommen die Jugoslawienkriege, die in dem Zeitraum von 1991 bis 2001 zum Schauplatz einer Reihe von ethnischen Konflikten, Unabh\u00e4ngigkeitskriegen, Aufst\u00e4nden und Milit\u00e4rinterventionen wurden. Ihren schrecklichen H\u00f6hepunkt erreichten sie w\u00e4hrend des Bosnienkrieges (1992-1995), in dessen Zuge tausende muslimische Bosniaken vor den Augen der UN-Blauhelme Opfer ethnischer S\u00e4uberungen wurden. Nur drei Jahre sp\u00e4ter brach indes der Kosovokrieg (1998-1999) aus, bei dem Deutschland unter Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der und Au\u00dfenminister Joschka Fischer erhebliche logistische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die NATO-Kampagne leistete, einschlie\u00dflich der Nutzung seiner Luftwaffenst\u00fctzpunkte f\u00fcr Tank- und Aufkl\u00e4rungsflugzeuge. Letztlich ist hier der Russisch-Georgische Krieg im Jahre 2008 zu erw\u00e4hnen, gefolgt von der Krimannexion 2014 und schlie\u00dflich der Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufz\u00e4hlung der eben erw\u00e4hnten Konflikte bildet lediglich eine grobe Darstellung und verdeutlicht, dass der Kontinent samt seiner Institutionen und Regelwerke immerw\u00e4hrend Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen war \u2013 inklusive V\u00f6lkerrechtsverletzungen und Grenzverschiebungen. Daher scheint die Behauptung eines seit jeher sicheren, europ\u00e4ischen Kontinents fernab jeglicher Realit\u00e4t. Aber nicht nur die <em>\u201eeurop\u00e4ische Sicherheitsordnung\u201c<\/em> entpuppt sich auf diese Weise als Luftschloss, auch das Konzept des territorial definierten und souver\u00e4nen Nationalstaates droht sich im Kontext des Ukraine-Konflikts in Rauch aufzul\u00f6sen. Das Beispiel der Ukraine aber auch die irakisch-syrische Grenze, die w\u00e4hrend der Revolution nahezu vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht wurde, zeigen, dass durch die Festlegung staatlicher Grenzen und der Erschaffung k\u00fcnstlicher Nationalstaaten kein Zustand erzeugt wird, der bis in alle Ewigkeit Bestand hat. Im Gegenteil l\u00e4sst sich daraus ablesen, dass die v\u00f6lkerabgrenzenden Linien nur so lange un\u00fcberwindbar sind, bis die Gesellschaft und politisch handelnde Akteure diese nicht l\u00e4nger akzeptieren und mit entschlossener Kraft und Willensst\u00e4rke durchbrechen. Die Historie und die Gegenwart haben der Menschheit dies immer wieder eindr\u00fccklich vor Augen gef\u00fchrt. Es entspricht folglich nicht der Realit\u00e4t, dass von Menschenhand erschaffene Staaten und Nationen samt ihrer Grenzen unantastbare Strukturen sind, die nicht ersch\u00fcttert werden k\u00f6nnen. Binnen k\u00fcrzester Zeit \u2013 und dies trifft insbesondere auf die fragilen nationalstaatlichen Konstrukte in der islamischen Welt zu \u2013 lassen sich nicht nur Grenzen, sondern ganze Staaten umgestalten, aufl\u00f6sen oder v\u00f6llig neu konstituieren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dieser Perspektive sollte der Konflikt in der Ukraine und die damit einhergehende <em>\u201eZertr\u00fcmmerung der europ\u00e4ischen Friedensordnung\u201c<\/em> der <em>Umma<\/em> eine zentrale Erkenntnis ins Ged\u00e4chtnis rufen: der territoriale Nationalstaat ist eine kontingente Struktur, die mit einem entsprechenden politischen Willen \u00fcberwunden werden kann. Schlie\u00dflich muss sich nun selbst der vermeintlich omnipotente Westen die Frage stellen, ob die Europ\u00e4ische Union samt ihrer Nationalstaaten \u2013 um es erneut mit Annans Worten zu formulieren \u2013 <em>\u201eeine einzigartige und bemerkenswerte Errungenschaft\u201c<\/em> ist, die <em>\u201eein Modell f\u00fcr andere Regionen der Welt\u201c<\/em> darstellt, oder, ob das Verfallsdatum nationalstaatlicher Konstrukte nicht doch schon l\u00e4ngst abgelaufen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin seine Drohungen am 24. Februar 2022 wahr machte und Truppen in Bewegung setzte, fiel es nicht nur westlichen Politikern wie Schuppen von den Augen: Die europ\u00e4ische Friedensordnung und das ihr zugrundeliegende V\u00f6lkerrecht entpuppten sich als liberale Luftschl\u00f6sser, deren Fassade eine historische Konstante verbirgt, die nie wirklich verschwunden war.<\/p>\n","protected":false},"author":70,"featured_media":15107,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[800,2132,2269,2627],"class_list":["post-15108","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-eu","tag-putin","tag-russland","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15108","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/70"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15108"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15108\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}