{"id":15069,"date":"2023-02-26T00:05:00","date_gmt":"2023-02-25T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15069"},"modified":"2023-02-26T00:05:00","modified_gmt":"2023-02-25T23:05:00","slug":"frau-leben-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15069","title":{"rendered":"<strong>Frau, Leben, Freiheit<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Slogan \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c, der nach dem Tod Mahsa Aminis auf den iranischen Stra\u00dfen bei den Demonstrationen gegen die Regierung skandiert wird, ist urspr\u00fcnglich eine politische Parole der kurdischen PKK. Inzwischen ist er jedoch eng verkn\u00fcpft mit den Demonstrationen im Iran. In den Medien und vor allem in den sozialen Medien werden Iranerinnen pr\u00e4sentiert, die sich auf den Stra\u00dfen Teherans demonstrativ den Schleier vor Wut auf das Regime von ihren H\u00e4uptern rei\u00dfen und verbrennen. Sie halten zudem Plakate mit dem Slogan hoch. Diese vermeintliche Geste der Befreiung der Frau wird in der westlichen \u00d6ffentlichkeit frenetisch gefeiert und erh\u00e4lt uneingeschr\u00e4nkte mediale Unterst\u00fctzung. Hier soll der Anschein erweckt werden, dass die Frauen der Islamischen Republik sich gegen ihren Glauben erheben w\u00fcrden, denn diesen verk\u00f6rpere der Iran.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass der Iran nichts anderes ist als eine kapitalistisch ausgerichtete korrupte Diktatur, die weder den Islam verk\u00f6rpert noch mit dem Islam regiert, spielt in den westlichen Medien so lange keine Rolle, solange man den Islam damit diffamieren kann. Kein westliches Medium w\u00fcrde zugeben, dass die iranische Regierung Muslime t\u00f6tet. Sie ermordet die Muslime im eigenen Land oder im Auftrag des Westens in Syrien. Diese Tatsache wird g\u00e4nzlich ignoriert. Der Protest &#8211; so der Tenor &#8211; sei lediglich ein Aufbegehren gegen die islamische Regierung, der von den iranischen Frauen ausgehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahrheit ist, dass der Iran seit inzwischen mehr als f\u00fcnf Jahren regelm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfere Proteste erlebt. In der ersten Jahresh\u00e4lfte 2022 verzeichnete er etwa 2.000 Proteste, bei denen es um unterschiedliche Belange ging: Wasserknappheit, enorme Preissteigerungen bei Lebensmitteln, nicht ausgezahlte Geh\u00e4lter, Korruption und Vetternwirtschaft. Bei jedem Protest greift die iranische Regierung zu massiver Gewalt, um die B\u00fcrger zum Schweigen zu bringen. Im Jahr 2019 gingen die B\u00fcrger auf die Stra\u00dfen, um gegen die exorbitanten Benzinpreiserh\u00f6hungen zu demonstrieren. Die Regierung schoss wahllos in die Menschenmenge, so dass bis zu 1.500 Menschen ihr Leben lie\u00dfen. Das Regime macht bei der Unterdr\u00fcckung seiner B\u00fcrger keine Unterschiede zwischen Geschlecht oder Religion. Es geht hart gegen jeden vor, der auf Missst\u00e4nde im Land aufmerksam macht. Bis zum 16. September 2022 interessierte sich die westliche Medienlandschaft kaum f\u00fcr die Proteste im Iran. Dies sollte sich mit dem Tod Mahsa Aminis \u00e4ndern, denn die vermeintlichen Umst\u00e4nde ihres Todes passen nur zu gut zum westlichen Bild der mutma\u00dflich unterdr\u00fcckten muslimischen Frau, die sich gegen ihre Religion auflehnt, um in Freiheit leben zu k\u00f6nnen. Die Frau im Islam ist in der westlichen Welt ohnehin die Personifizierung der Unfreiheit und R\u00fcckst\u00e4ndigkeit ihres Glaubens. Mahsa Amini wurde gewollt oder ungewollt zur Zeugin der Anklage. Die Geschichte ist simpel verfasst: Muslimische Frau will ihr Kopftuch nicht tragen und wird deshalb unterdr\u00fcckt und get\u00f6tet. Die Gesamtsituation des Iran l\u00e4sst sich dabei auf eine einzige Parole herunterbrechen: Frau, Leben, Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit der kolonialen Besetzung der islamischen Welt werden Muslime und die muslimische Frau im Speziellen wie unm\u00fcndige Kinder behandelt. Noch so schlimme Kriege, Bombardierungen, zivile Opfer werden hinter einem Tarnmantel sch\u00f6ner W\u00f6rter wie Befreiung und Demokratisierung verborgen. Es stecken niemals strategische Interessen hinter den \u201eSpezialoperationen\u201c, sondern lediglich die Befreiung der R\u00fcckst\u00e4ndigen, die hingef\u00fchrt werden sollen zu einer modernen, zivilisierten, also westlichen und daher korrekten Lebensweise. Im kolonialen und heute im postkolonialen Diskurs dient der Hijab als Beweisst\u00fcck f\u00fcr die vermeintliche Minderwertigkeit des Islam. Der Islam unterdr\u00fccke die Frau und der Hijab sei letztendlich der Ausdruck dessen. W\u00e4hrend der Kolonialzeit wurden Musliminnen in den Kolonien auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen unter Zwang entschleiert. 1958 musste sich die damals 18-j\u00e4hrige Algerierin Monique Am\u00e9ziane in einem Massenspektakel als franz\u00f6sische Marianne ausstaffieren lassen. Ihre Geschichte ist im Pariser Milit\u00e4rarchiv dokumentiert, wo auch festgehalten wurde, dass sie sich auf das Theater einlie\u00df, weil ihr mit der Exekution ihres inhaftierten Bruders gedroht wurde. Die Botschaft hinter dem Schauspiel war die Darbietung der vermeintlich befreiten muslimischen Frau, die mithilfe der europ\u00e4ischen Kolonialherren im Zeitalter der Moderne angekommen sei. Jedoch waren vor allem jene europ\u00e4ischen Herren, die die Befreiung bzw. Entschleierung der Frau in Syrien und Algerien bef\u00fcrworteten, vehemente Gegner des Frauenwahlrechts in Frankreich und Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Westen galten Frauen immer schon als das schwache Geschlecht. Deshalb m\u00fcsse es auch das sogenannte starke Geschlecht sein, das die Musliminnen in Unfreiheit leben lasse, um die Z\u00fcgel in der Hand zu behalten. Eine andere Betrachtungsweise kommt in der westlichen Denkfabrik gar nicht vor, da ihr historisches Ged\u00e4chtnis keine andere Geschichte kennt. Es ist eine historisch belegte Tatsache, dass die Kirche im Mittelalter gebildete Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrennen lie\u00df und M\u00e4nner des Adels und des B\u00fcrgertums in Europa ihnen das Recht zu studieren, zu w\u00e4hlen und zu erben bis weit ins 20. Jahrhundert verwehrten. Deshalb kommt der westliche Denker nicht umhin, die eigene historische Erfahrung f\u00fcr allgemeing\u00fcltig zu erkl\u00e4ren und auf den Islam zu projizieren. Dass die islamische Geschichte diese Erfahrungen nicht teilt und die Unterdr\u00fcckung der muslimischen Frau ein koloniales Erbe ist, welches aus Europa in die islamische Welt importiert wurde, scheint in dem Zusammenhang keine Rolle zu spielen. Die muslimische Frau kann auf eine Geschichte zur\u00fcckblicken, in der sie nicht nur studieren und erben durfte, sondern gleich mit dem ererbten Geld eine Universit\u00e4t er\u00f6ffnete. Fatima al-Fihri er\u00f6ffnete bereits 859 mit ihrem Erbe eine Moschee und Bildungseinrichtung in F\u00e9s im heutigen Marokko. Diese Bildungseinrichtung, die sogenannte al-Qarawiy\u012bn-Universit\u00e4t, ist die \u00e4lteste der Welt und hat sich dadurch einen Platz im Guiness-Buch der Rekorde gesichert. In dieser Universit\u00e4t wurden namenhafte Gelehrte ausgebildet. Der Kartograf al-Idrisi beispielsweise, dessen Karten w\u00e4hrend der Renaissance von europ\u00e4ischen Entdeckern genutzt wurden, lernte an dieser Universit\u00e4t, die von einer Frau gegr\u00fcndet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der islamischen Welt wurde jedoch im Zuge des Kolonialismus das historische Bewusstsein mit dem Geschichtswissen aus Europa vermengt. Dieses wurde von vielen Muslimen einverleibt, als w\u00e4re es die eigene Biographie. Sogar das eigene Spiegelbild wurde nur noch mit den kolonialen Augen betrachtet, so dass die eigene Gr\u00f6\u00dfe im Zerrbild verblasste. Das Stockholmsyndrom breitete sich in der islamischen Welt aus. Obwohl die Kolonialm\u00e4chte mit harter Hand die ehemaligen B\u00fcrger des Kalifats misshandelten und sie ihrer W\u00fcrde beraubten, wurden die Menschen vom eigenen Minderwertigkeitskomplex geblendet und wollten pl\u00f6tzlich so sein wie ihre Besatzer. Da sich nicht alle Muslime blenden lie\u00dfen und den Mythen glauben wollten, brauchte man Marionetten, die mit harter Hand die Kolonialm\u00e4chte in der islamischen Welt vertraten und bis heute vertreten. Vor dieser kolonialen Drohkulisse verbot Schah Reza am 7. Januar 1936 das Tragen des Kopftuches in der \u00d6ffentlichkeit. Zwei Jahre zuvor hatte der Schah auf einem Staatsbesuch gesehen, wie Atat\u00fcrk die T\u00fcrkei ver\u00e4nderte. Das Tragen religi\u00f6ser Kleidung war verboten, Fes und Turban aus dem \u00f6ffentlichen Leben der St\u00e4dte verschwunden. Nach dem Vorbild Atat\u00fcrks veranlasste Schah Reza letztendlich, dass die Kaiserin und die Frauen der Staatsm\u00e4nner in der \u00d6ffentlichkeit ihre Haare zeigen m\u00fcssen. Auf der Stra\u00dfe wurde den Frauen der Schleier vom Kopf gerissen. F\u00fcr die meisten Frauen im Iran bedeutete das Kopftuchverbot in der Praxis eine komplette Einschr\u00e4nkung der Bewegungsfreiheit. Der Autor Javad Kermani erinnert sich an seine Tante, die 15 Jahre lang nicht aus dem Haus gegangen sei. \u201eSie wollte eben ihr Kopftuch nicht abnehmen. Und sie wollte gegen die Zwangsentschleierung protestieren. Eine meiner anderen Tanten ging immer nur nachts, heimlich, mit Kopftuch aus dem Haus\u201c, so der Autor. Als der Schah Reza Pahlevi 1941 zugunsten seines Sohnes abdanken musste, legten die Frauen ihre Schleier demonstrativ wieder an, so dass das Verbot nicht mehr zu halten war. Diese Frauen, die an ihrer islamischen Lebensweise mit aller Willenskraft festhalten wollen, erhalten aus dem Westen weder ein m\u00fcdes L\u00e4cheln noch ein Schulterzucken. Sie kommen in der Erz\u00e4hlung von der Unterjochung der muslimischen Frau gar nicht oder nur am Rande vor. Dies erkl\u00e4rt auch, warum uighurische Frauen, die in chinesischen Konzentrationslagern zur Strafe gefoltert werden, weil sie ihre islamische Lebensweise ausleben wollen, leider keinen so griffigen Slogan bekommen. Sie sind dessen erst w\u00fcrdig, wenn sie glaubhaft vermitteln, dass sie sich befreien wollen, aber nicht von der repressiven chinesischen Regierung, sondern von der islamischen Lebensweise. Bis dahin bleiben sie Gefangene im Konzentrationslager, ohne Namen, ohne Aufmerksamkeit und ohne Parole. Vielleicht ist das der Ma\u00dfstab, den Frau Baerbock auf dem Parteitag in ihrer Rede meint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Bundesparteitag der Gr\u00fcnen erkl\u00e4rte die Bundesau\u00dfenministerin Annalena Baerbock am 15. Oktober 2022: \u201eFrau, Leben, Freiheit. Das ist der Ma\u00dfstab unserer Politik, das muss der Ma\u00dfstab f\u00fcr alle Regierungen weltweit sein.\u201c Mit dieser Aussage wollte die gr\u00fcne Au\u00dfenministerin nicht nur ihre feministische Haltung zum Ausdruck bringen, sondern auch ihre Solidarit\u00e4t mit den Frauen im Iran nach dem Tod Mahsa Aminis hervorheben.<\/p>\n","protected":false},"author":95,"featured_media":15068,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[610,914,1293,1677,1716,2120],"class_list":["post-15069","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausland","tag-demonstrationen","tag-frau","tag-iran","tag-mahsa-amini","tag-medien","tag-proteste"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15069","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/95"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15069"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15069\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15068"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15069"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15069"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15069"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}