{"id":15066,"date":"2023-02-24T00:05:00","date_gmt":"2023-02-23T23:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15066"},"modified":"2023-02-24T00:05:00","modified_gmt":"2023-02-23T23:05:00","slug":"politisch-geeint-durch-den-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=15066","title":{"rendered":"<strong>Politisch geeint durch den Islam<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerne blicken die Muslime auf die islamische Geschichte zur\u00fcck. Auf eine Epoche, die sich im Vergleich zur heutigen Realit\u00e4t besonders dadurch auszeichnete, dass der Gro\u00dfteil der Muslime stets gemeinsam in einem Staat und unter einer Flagge lebte. Obgleich zu jener Zeit bereits eine Vielzahl an unterschiedlichen Auffassungen unter den Gelehrten existierten \u2013 sowohl in Fragen des <em>Fiqh<\/em> als auch in Zweigfragen der <em>Aqida<\/em> \u2013 mutierten diese Meinungsverschiedenheiten nicht zu einem gesellschaftlichen Spaltpilz, der die politische Einheit der <em>Umma<\/em> ernsthaft zu gef\u00e4hrden drohte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als das Kalifat Anfang des 20. Jahrhunderts im Begriff war unterzugehen, \u00e4nderte sich dies jedoch schlagartig. Die <em>Umma<\/em> war sich zun\u00e4chst nicht bewusst, welche Konsequenzen dieses hochpolitische Ereignis f\u00fcr ihren Zusammenhalt nach sich ziehen sollte. Im Zuge einer fundamentalen Neugestaltung der islamischen Welt, durch die Etablierung und Festigung nationalstaatlicher Strukturen, verstand die Umma dann, dass mit dem Untergang des Kalifats gleichzeitig der politische Rahmen abgeschafft wurde, welcher ihre Einheit bis dato gew\u00e4hrleistete. Der Wunsch, diesen islamrechtlich vorgeschriebenen Zustand wiederherzustellen, entstand unter den Muslimen zwar unmittelbar nach dieser historischen Z\u00e4sur und rei\u00dft seither nicht ab. Doch unter dem Einfluss westlicher Narrative schlich sich mit der Zeit unter vielen der Gedanke ein, dass ein derartiger Zustand aufgrund der neuen Rahmenbedingungen eine Utopie und somit als politisches Versprechen nicht einl\u00f6sbar sei. Ein wesentlicher Grund daf\u00fcr sind dieser Deutung zufolge etwa die zahlreichen Streifragen unter den Muslimen bis hin zu konfessionellen Differenzen, die gerade in den vergangenen Jahren zunehmend in blutige Konflikte ausarteten. Oft wird in diesem Kontext sogar die Frage in den Raum geworfen, ob in der langen islamischen Geschichte von einer einheitlichen <em>Umma<\/em> \u00fcberhaupt gesprochen werden k\u00f6nne und inwieweit das Konzept der Einheit nicht vielmehr ein Konfliktverst\u00e4rker sei, der immer wieder zu Blutvergie\u00dfen f\u00fchre. F\u00fcr den Islamwissenschaftler und Buchautor Rainer Hermann stellt die Einheit der <em>Umma<\/em> nicht nur eine <em>Fiktion <\/em>dar, sondern gar eines der Elemente im Islam, das einen ma\u00dfgeblichen Anteil an der gegenw\u00e4rtigen Gewalt h\u00e4tte. Aus seiner Sicht biete die Spaltung des Islam in diverse Denkrichtungen und Auslegungen gen\u00fcgend Potenzial f\u00fcr innere Konflikte. Beispielhaft f\u00fchrt Hermann das <em>islamische<\/em> <em>Schisma<\/em> an, das die Muslime schon in der Fr\u00fchzeit in Sunniten und Schiiten trennte und im weiteren Verlauf der Geschichte wiederholt Ursache von gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen war, welche bis heute anhielten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der innerislamische Diskurs wird heute unter anderem von dieser Pr\u00e4misse dominiert. Auf die politische Einheit in der islamischen Welt hinzuarbeiten wird von einigen bel\u00e4chelt und nach eben diesem Argumentationsmuster als politisch naiv abgetan. Denn wie soll die Einheit der Umma wiederhergestellt werden, wenn die Muslime sich in zahlreichen Fragen uneinig sind und ein Minimalkonsens unter diesen Voraussetzungen kaum m\u00f6glich erschein? Gel\u00e4nge es trotzdem die Einheit in staatliche Strukturen zu \u00fcberf\u00fchren, w\u00e4ren interne Machtk\u00e4mpfe verschiedener politischer und theologischer Fraktionen vorprogrammiert. Entgegen dieser Einw\u00e4nde stellt sich bei genauerer Betrachtung aber die Frage, inwieweit die vorhandenen Meinungsunterschiede die Muslime tats\u00e4chlich an ihrer politischen Einheit hindern w\u00fcrden und ob der Grund daf\u00fcr nicht eher an einer anderen Stelle zu suchen ist. Zun\u00e4chst ist festzuhalten, dass ein Gro\u00dfteil der innerislamischen Differenzen keineswegs erst nach dem Zerfall des Kalifats entstanden ist. Bekanntlich f\u00fchrten bereits die Prophetengef\u00e4hrten etliche Kontroversen zu verschiedenen Themen. Selbst die <em>Aqida<\/em>-Denkschulen entwickelten sich im Islamischen Staat bereits im 2. und 3. Jahrhundert nach der Hidschra und stellen somit kein neuartiges Ph\u00e4nomen dar, mit dem die Muslime nicht umzugehen w\u00fcssten. Mehr noch haben diese Differenzen die <em>politische<\/em> Einheit der Umma nie ernsthaft in Frage gestellt \u2013 trotz interner Spannungen, die es in den verschiedenen Epochen der islamischen Geschichte gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demzufolge geht es bei dem Konzept der <em>politischen<\/em> Einheit nicht darum, all die im Kalifat lebenden Muslime in ihrem Denken und Handeln gleichzuschalten. Genauso wenig soll das Ziel darin bestehen, die Muslime allesamt zu Anh\u00e4ngern einer bestimmten Denkrichtung werden zu lassen, die s\u00e4mtliche Zweigfragen des <em>Din<\/em> auf dieselbe Weise begreift und praktiziert. Um jedoch zu verhindern, dass die Muslime sich in zahllosen Widerlegungsdebatten gegenseitig aufreiben, w\u00e4hrend der Westen die islamische Welt weiterhin nach seinem Gusto gestaltet, muss die <em>Umma<\/em> vielmehr auf ihre Gemeinsamkeiten fokussieren und in der politischen Arbeit die sie verbindenden Elemente ins Zentrum setzen. Denn nur auf diese Weise wird es einerseits m\u00f6glich sein, den notwendigen politischen Konsens f\u00fcr eine fundamentale Ver\u00e4nderung herzustellen. Andererseits wird die <em>Umma<\/em> dadurch auch ihren tats\u00e4chlichen Feind erkennen \u2013 die kulturelle und politische Hegemonie des Westens. Denn sie ist der eigentliche Grund daf\u00fcr, dass der erneute Aufstieg der <em>Umma<\/em> verhindert und ihre politische Spaltung aufrechterhalten wird. Auf weltanschaulicher Ebene l\u00e4sst sich dies daran erkennen, dass der Westen mit der Abschaffung des Kalifats nicht einfach nur ein neues ordnungspolitisches System etablierte, sondern gleichzeitig einen kulturhistorischen Bruch vollzog. Die Oktroyierung des eurozentrischen Weltbildes sorgte daf\u00fcr, dass von nun an Ethnie und Sprache die wesentlichen Abgrenzungsmerkmale darstellen sollten. Auf soziopolitischer Ebene f\u00fchrte dieser Prozess neben der Schaffung s\u00e4kularer Staatsgebilde dazu, dass ein Teil der Bev\u00f6lkerung sich zunehmend \u00fcber seine ethnisch-nationale Identit\u00e4t definierte und sich damit von den religi\u00f6sen Schichten abgrenzte. Die hierdurch entstandene Bruchlinie f\u00fchrte schlie\u00dflich zu jenem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen dem s\u00e4kularen Staat und der religi\u00f6sen Bev\u00f6lkerung, der jeglichen Aufstieg der <em>Umma<\/em> zu verhindern sucht. Denn historisch betrachtet liegt die prim\u00e4re Funktion des Nationalstaates darin, den soziopolitischen Einfluss des Christentums zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und in eine wie auch immer geartete private Sph\u00e4re zu verbannen. Der Nationalstaat ist folglich eine politische Struktur, der zwangsl\u00e4ufig eine s\u00e4kulare und somit religionsfeindliche Weltanschauung zugrunde liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Funktion \u00fcbernahmen auch die Nationalstaaten in der islamischen Welt mit aller H\u00e4rte, wie zuletzt im arabischen Fr\u00fchling zu beobachten war. So wurden der Islam bzw. jene Bev\u00f6lkerungsteile und Gruppierungen bek\u00e4mpft, die das s\u00e4kulare Ordnungssystem ablehnen und eine fundamentale Neugestaltung der Region anstreben. Nicht selten haben sich die s\u00e4kularen Regierungen dabei sogar die Meinungsverschiedenheiten unter den einzelnen Gruppen zunutze gemacht, um ihre Dynamik wirkungsvoll zu unterdr\u00fccken. Doch eine fundamentale Neugestaltung im Sinne des Islam wird nur dann realisiert werden k\u00f6nnen, wenn die Muslime zun\u00e4chst die westlichen Ideen als das tats\u00e4chliche Hindernis f\u00fcr ihren erneuten Aufstieg identifizieren. Denn unterschiedliche Interpretationen und Auffassungen in den Zweigfragen des <em>Din<\/em> sind eine Realit\u00e4t, mit der auch k\u00fcnftig zu rechnen ist. Solange die politische F\u00fchrung in dieser Frage jedoch mit Weitsicht agiert und den gemeinsamen Nenner aller Muslime nicht aus den Augen verliert, werden innerislamische Differenzen die politische Einheit der <em>Umma<\/em> auch in einem zuk\u00fcnftigen Kalifat nicht gef\u00e4hrden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund muss die <em>Umma<\/em> begreifen, dass die westlichen Ideen, die sich in Staat und Gesellschaft manifestieren, das eigentliche Hindernis f\u00fcr ihren erneuten Aufstieg darstellen. Sie waren es schlie\u00dflich, die den Muslimen weisgemacht haben, dass sie sich in erster Linie als Araber, T\u00fcrken oder Kurden zu verstehen haben und als Nation erst in einem s\u00e4kularen Nationalstaat voll entfalten k\u00f6nnten. Auch sind es die westlichen Ideen, die den Muslimen bis heute vorgaukeln, dass der Islam keine dominante Rolle mehr im \u00f6ffentlichen Leben der Muslime zu spielen hat und als ordnungspolitische Struktur bestenfalls ein Relikt vergangener Zeiten sei. Die politische Einheit durch die Gr\u00fcndung des Kalifats anzustreben sei demzufolge eine Utopie, die allein schon an der innerislamischen Zerrissenheit der Muslime scheitere. Doch die islamische Geschichte f\u00fchrt deutlich vor Augen, dass gerade das Kalifat die <em>Umma<\/em><em>politisch<\/em> einte und der s\u00e4kulare Nationalstaat ihre Zerrissenheit und letztlich den Untergang ihrer politischen Struktur bewirkte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hindern die zahlreichen Meinungsunterschiede die Muslime tats\u00e4chlich daran, ihre politische Einheit wiederherzustellen? Ein einfacher Blick in die islamische Geschichte zeigt deutlich, dass verschiedene Auffassungen und Interpretationen nicht nur in nahezu jeder Epoche existierten, sondern im Islamischen Staat selbst entstanden sind. Liegt der Grund f\u00fcr die Spaltung der Umma also ganz woanders?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":15065,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[732,1303,1341,1735,2060],"class_list":["post-15066","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-einheit","tag-islam","tag-islamischer-staat","tag-meinungsunterschiede","tag-politische-einheit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15066","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15066"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15066\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/15065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15066"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15066"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15066"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}