{"id":14966,"date":"2023-01-08T08:15:00","date_gmt":"2023-01-08T07:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14966"},"modified":"2023-01-08T08:15:00","modified_gmt":"2023-01-08T07:15:00","slug":"gastkommentar-zwischen-dem-hijab-und-dem-iranischen-regime","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14966","title":{"rendered":"<strong>GASTKOMMENTAR: Zwischen dem Hijab und dem Iranischen Regime<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Tod einer 22-j\u00e4hrigen Kurdin, die von der iranischen Sittenpolizei (Ghast-e-Irshad) in Gewahrsam genommen wurde, hat massive Unruhen und Proteste ausgel\u00f6st. Die Ausschreitungen hatten zu Beginn innerhalb nur einer Woche mindestens 76 Menschenleben gefordert. Mahsa Amini war einigen nicht verifizierten Berichten zufolge im Zuge ihrer Vernehmung gefoltert worden. Dabei h\u00e4tte sie eine Kopfverletzung erlitten, an der sie wenige Tage nach ihrer Festnahme starb. W\u00e4hrend die Proteste urspr\u00fcnglich im Nordwesten des Iran ihren Anfang nahmen, haben sie sich inzwischen wie ein Lauffeuer \u00fcber das ganze Land ausgebreitet. Auch die iranische Hauptstadt Teheran und der schiitische Wallfahrtsort Ghom blieben von den Unruhen nicht verschont.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die iranische Regierung versuchte die Proteste durch den Einsatz von Wasserwerfern und Schusswaffen gewaltsam niederzuschlagen. Auch wurde eine Abschaltung des Internets angeordnet, um weitere Mobilisierungen zu verhindern. International wurde die Reaktion des iranischen Regimes scharf verurteilt. Der Regierung in Teheran wurde vorgeworfen, die Proteste gewaltsam unterdr\u00fcckt, ihrer Bev\u00f6lkerung den Hidschab aufgezwungen und das Internet abgeschaltet zu haben. Selbst die UNO hat eine Erkl\u00e4rung abgegeben, in der sie das Regime in Teheran kritisiert. Nach dem Tod von Mahsa Amini konzentrierte sich die westliche Berichterstattung darauf, selektive Bilder von den Demonstrationen in den Vordergrund zu r\u00fccken. Aufnahmen, die einige Demonstranten bei der Verbrennung des Hidschabs zeigen, wurden immer wieder ausgestrahlt und pr\u00e4gten somit das Narrativ im Westen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit \u00fcber vier Jahrzehnten wird der Iran von einem schiitischen Klerus regiert. Als das Pahlavi-Regime 1979 gest\u00fcrzt wurde, \u00fcbernahmen die Kleriker die Macht. Fortan schufen sie zahlreiche Mechanismen und staatliche Institutionen, um ihre Macht zu erhalten. So beriefen sie sich auf den Schiismus, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen, und propagierten den iranischen Nationalismus. Indem sie die Idee des Persischen Reiches wiederbelebten, gelang es ihnen, die Unterst\u00fctzung der breiten Masse im Iran zu gewinnen. Ihr gro\u00dfer Einfluss auf die Wirtschaft des Landes und die weit verbreitete Korruption im Iran, gepaart mit Verschwendung von Ressourcen, Misswirtschaft und Unterdr\u00fcckung haben dazu beigetragen, dass die iranische Bev\u00f6lkerung das Vertrauen in die Kleriker verloren hat. Mittlerweile lehnt ein Gro\u00dfteil der Iraner das religi\u00f6s begr\u00fcndete politische System ab. In den vier Jahrzehnten seit der \u201eIslamischen Revolution\u201c hat der Iran diverse Ver\u00e4nderungen erfahren. Betrug seine Einwohnerzahl im Jahr 1979 noch moderate 39 Millionen, hat sie sich inzwischen mehr als verdoppelt. Heute sind rund 80 % der 83 Millionen Iraner nach der Revolution von 1979 geboren, was bedeutet, dass sie das Regime von Schah Pahlavi nicht erlebt haben. Somit sieht der \u00fcberwiegende Teil der iranischen Bev\u00f6lkerung in den Klerikern nicht ihre gro\u00dfen Befreier. Diese Tatsache ist f\u00fcr die Kleriker zunehmend be\u00e4ngstigend. Doch seitdem die Hardliner im Parlament dominieren und Ebrahim Raisi im vergangenen Jahr zum iranischen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde, arbeiten die Kleriker verst\u00e4rkt daran, die revolution\u00e4ren Ideale und Grunds\u00e4tze in der iranischen Bev\u00f6lkerung zu st\u00e4rken. So wird unter anderem die Lehre der revolution\u00e4ren Ideologie in Schulen, Hochschulen und Universit\u00e4ten gelehrt, aber es erfolgt auch eine verst\u00e4rkte Rekrutierung von Personen f\u00fcr die paramilit\u00e4rischen Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dar\u00fcber hinaus hatte die iranische Sittenpolizei neuen Auftrieb erfahren und die Anweisung erhalten, hart gegen diejenigen vorzugehen, die gegen die revolution\u00e4ren Ideen versto\u00dfen. Dabei sind es vor allem die iranischen Frauen, gegen die sich die Hauptlast der Aggression richtet, weil sie den Hidschab nicht ordnungsgem\u00e4\u00df tragen. W\u00e4hrend das iranische Volk mit zahlreichen Problemen konfrontiert ist, versucht ihm die Regierung die revolution\u00e4re Ideologie gewaltsam aufzust\u00fclpen. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Funke (Mahsas Tod) eine weitere Protestwelle ausl\u00f6ste, die sich gegen das iranische Regime und sein Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei richtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der prominente iranische Soziologe Mohammad Fazeli von der Universit\u00e4t Teheran sagte, die Proteste seien nicht einfach eine Reaktion auf die j\u00fcngsten Ereignisse, sondern das Ergebnis von mehr als 40 Jahren schlechter Regierungsf\u00fchrung im Iran. Fazeli erkl\u00e4rte, dass es viele ungel\u00f6ste Probleme gebe, die sich in den letzten vier Jahrzehnten angesammelt h\u00e4tten, ohne dass die Regierung versucht habe, sie zu l\u00f6sen. Auch sagte er: \u201eWenn Pr\u00e4sident Raisi sagt, er werde den Tod von Mahsa Amini untersuchen, k\u00f6nnen die Menschen ihm nicht vertrauen, weil \u00e4hnliche F\u00e4lle in der Vergangenheit ungel\u00f6st blieben.\u201c Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schwindet allm\u00e4hlich, da der Iran seit mehreren Jahrzehnten unter hoher Inflation, einem Wirtschaftswachstum nahe Null und einem Verfall des Verwaltungssystems leidet. Diese und viele andere Faktoren haben zu einer Wut auf das iranische Regime gef\u00fchrt. Inzwischen haben viele Iraner keine Angst mehr zu protestieren und sich offen gegen die gescheiterte Herrschaft der Kleriker zu wenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei den Protesten kam es immer wieder vor, dass Hidschabs demonstrativ verbrannt wurden. Diese Szenen wurden von den westlichen Medien aufgegriffen, um die islamischen Verordnungen des iranischen Regimes anzugreifen. W\u00e4hrend eines Interviews mit der New York Times unterzeichnete die iranische Aktivistin Minoo, deren Tochter an den Protesten teilnimmt, eine Online-Petition, in der die Abschaffung der Sittenpolizei gefordert wird. Minoo erkl\u00e4rte, dass sie das Kopftuch aus freien St\u00fccken tragen w\u00fcrde. In dem Interview sagte sie: \u201eIch bin religi\u00f6s, aber ich habe die Heuchelei und die L\u00fcgen dieses Regimes satt, das uns einfache Menschen wie Dreck behandelt.\u201c Wie viele andere Iraner hat auch Minoo erkannt, dass das iranische Regime den Islam als Legitimation benutzt. W\u00e4hrenddessen verfolgt es sowohl im Inland als auch im Ausland eine Politik, die nur darauf abzielt, das eigene Fortbestehen zu sichern. Dass Vertreter der iranischen Regierung mit ihren Familien regelm\u00e4\u00dfig westliche Hauptst\u00e4dte bereisen und dabei Kleidung tragen, die keineswegs islamisch ist, empfinden viele Menschen im Iran als Heuchelei, von der sie die Nase voll haben. Ihre Wut richtet sich gegen ein Regime, durch das sie sich nicht repr\u00e4sentiert f\u00fchlen. Somit sollen die Vorf\u00e4lle mit dem Hidschab eher dazu dienen, ihre Missbilligung des Regimes zu demonstrieren, als die islamische Kleidung in Frage zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl es aus islamischer Sicht falsch und unangemessen ist, den Hidschab abzulegen und zu verbrennen, machen iranische Frauen dadurch ihrem \u00c4rger \u00fcber das iranische Regime Luft. Durch diesen symbolischen Akt greifen sie einen Grundpfeiler der iranischen Revolution an &#8211; das erzwungene Tragen des Hidschabs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch anstatt die islamische Atmosph\u00e4re in der iranischen Gesellschaft zu st\u00e4rken und ein Bewusstsein f\u00fcr die Kultur des Islam bei den Demonstranten zu wecken, hat das iranische Regime eine andere Taktik gew\u00e4hlt, um das Problem zu l\u00f6sen. Unter dem Deckmantel der Sittenpolizei ziehen nun Schl\u00e4gertruppen durch Irans Stra\u00dfen, um mit staatlicher Genehmigung auf iranische Frauen einzuschlagen. Es ist nicht verwunderlich, dass Frauen w\u00fctend werden und provokant reagieren, wenn ihnen Gewalt angetan wird. Das Verbrennen des Hidschabs ist bestimmt keine angemessene Reaktion und stellt nicht den richtigen Weg zur Erreichung der Ziele dar. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Proteste eine Anti-Regime-Haltung eingenommen haben. Die Demonstranten wollen sich im Grunde von der Kleptokratie der Kleriker befreien und sie f\u00fcr ihre Verbrechen und Ungerechtigkeiten zur Rechenschaft ziehen. Die iranische Bev\u00f6lkerung hat den Tod von Mahsa genutzt, um ihre Wut, die sich direkt gegen das iranische Regime richtet, zum Ausdruck zu bringen. Die Protestwelle hat Araber aus der Ahwaz-Region auf die Stra\u00dfe gezogen, ebenso wie Belutschen in Sistan-Belutschistan und Kurden im Norden des Iran. Denn aufgrund der Unterdr\u00fcckung und Misshandlungen, die sie in den letzten Jahrzehnten erfahren haben, und der massiven Milit\u00e4reins\u00e4tze in ihren Gebieten hegen diese Volksgruppen einen tiefen Groll gegen das Regime in Teheran. Im Zuge dieser Proteste wird es entweder zu noch mehr roher Gewalt oder zu Zugest\u00e4ndnissen seitens des Regimes kommen. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Proteste das Regime zu Fall bringen k\u00f6nnen, da es keine zentrale Figur gibt, die als Protestf\u00fchrer fungiert. Obendrein haben sich die l\u00e4ndlichen Gebiete, die die Unterst\u00fctzungsbasis der Kleriker bilden, von der Protestbereitschaft nicht anstecken lassen. Dar\u00fcber hinaus blieben die Armee und die iranischen Revolutionsgarden (IRGC), die ja die Machtbasis des Regimes bilden, in ihrer Struktur intakt. Bislang gab es auch keine Nachrichten \u00fcber Abspaltungsbestrebungen, doch sollte es zu diesen kommen, w\u00fcrde sich wahrscheinlich eine Situation \u00e4hnlich wie in Syrien ergeben, mit der Gefahr eines B\u00fcrgerkriegs. Im Moment ist ein derartiges Szenario aber sehr unwahrscheinlich. Das selbsternannte \u201eBollwerk der Menschenrechte\u201c, die Vereinigten Staaten von Amerika, \u00e4u\u00dfern sich relativ zur\u00fcckhaltend zu den Geschehnissen im Iran. Die USA sind im Moment mehr daran interessiert, das iranische Atomabkommen wiederzubeleben, um ihren Fokus auf China lenken zu k\u00f6nnen. Den Frauen im Iran bzw. dem iranischen Volk im Allgemeinen muss bewusstwerden, dass die Ursache ihrer Probleme nicht der Islam ist, sondern das korrupte iranische Regime, das den Mantel des Islam benutzt hat, um seine wahren Motive und Absichten zu verbergen. Die Menschen im Iran brauchen mehr Islam &#8211; nicht weniger. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn diese Einsicht in ihren Slogans und ihrer Rhetorik ebenso zum Ausdruck k\u00e4me, wie ihre berechtigte Unzufriedenheit mit dem Regime in Teheran und seiner klerikalen Klasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tod einer 22-j\u00e4hrigen Kurdin, die von der iranischen Sittenpolizei in Gewahrsam genommen wurde, hat massive Unruhen und Proteste ausgel\u00f6st. 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