{"id":14826,"date":"2022-10-20T19:54:28","date_gmt":"2022-10-20T17:54:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14826"},"modified":"2022-10-20T19:54:28","modified_gmt":"2022-10-20T17:54:28","slug":"meinungsformung-4-es-war-einmal-in-biafra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14826","title":{"rendered":"Meinungsformung (4) \u2013 Es war einmal in Biafra"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1967 wurde Nigeria von einem blutigen B\u00fcrgerkrieg ersch\u00fcttert, bei dem es, wie so oft, um \u00d6l ging. Im Hintergrund dieses Krieges schwelten Herrschaftskonflikte zwischen der muslimischen F\u00fchrungsschicht aus Nordnigeria, die die Zentralregierung dominierte, und der christlichen F\u00fchrungsschicht aus der S\u00fcdostregion Biafra, in deren Boden ein Erd\u00f6lvorkommen neu entdeckt wurde. Nach dieser Entdeckung erkl\u00e4rte Biafra die Unabh\u00e4ngigkeit von Nigeria, was den Konflikt herbeif\u00fchrte. In genau jenem sogenannten Biafra-Krieg waren diverse PR-Agenturen aktiv. F\u00fcr die biafranische Regierung waren die Genfer Werbeagentur Markpress des US-Amerikaners H. William Bernhardt und die amerikanische PR-Agentur Ruder Finn aktiv. Demgegen\u00fcber stand die nigerianische Regierung, f\u00fcr die etwa vier britische PR-Agenturen engagiert wurden. Dass sich britische und US-Agenturen gegen\u00fcberstanden, war kein Zufall. Der Biafra-Krieg war ein Stellvertreterkrieg genau dieser beiden Regierungen. Es war erneut ein Krieg, der aus dem kolonialen Erbe entstand und den handfeste nachkoloniale Interessen anheizten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Dissertation \u201eDie Propagandastrategie Biafras im nigerianischen B\u00fcrgerkrieg\u201c analysiert Gernot Zieser die Rolle von PR-Agenturen, Kirchen und B\u00fcrgerinitiativen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Meinungsbildung. Ziesers Befunde sind in dem Zusammenhang eindeutig. Die Provinzregierung in Biafra hatte die Werbeagenturen damit beauftragt, gegen\u00fcber der US-amerikanischen und europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit ihre Interessen wahrzunehmen. F\u00fcr die Manipulation insbesondere des europ\u00e4ischen Pressemarktes wurde die Agentur Markpress im Februar 1968 beauftragt. In regelm\u00e4\u00dfigen Presseaussendungen an die europ\u00e4ische Presse hatte die Agentur in zwei Phasen mit zwei unterschiedlichen Themenkreisen \u201eagenda setting\u201c betrieben und so die Themenschwerpunkte festgesetzt. In einer ersten Phase bis Ende 1968 war das wesentliche Stichwort \u201eV\u00f6lkermord\u201c. Dann wurde dieser Stereotyp von der Formel \u201eHunger\u201c abgel\u00f6st. Wie Zieser in einem akribischen Vergleich zwischen den Presseaussendungen von Markpress und den Biafra-Berichten in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nachweisen konnte, \u00fcbernahm die FAZ die markanten Stichworte von Markpress. Dies war deshalb so augenscheinlich, weil es von Markpress entworfene Begriffe gab, die in der FAZ vorher nur am Rande erw\u00e4hnt wurden oder gar keine Erw\u00e4hnung fanden. Gleichzeitig kam es zu zahlreichen Aktivit\u00e4ten der katholischen Kirche und zur Bildung von sogenannten Biafra-Komitees, die seit dem Fr\u00fchjahr 1968 in vielen westlichen L\u00e4ndern in Erscheinung traten. In den USA gab es beispielsweise die von einer PR-Agentur gegr\u00fcndete NGO \u201eBiafran Students Association\u201c, die gegen Honorar vor dem UNO-Hauptquartier politische Demonstrationen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Biafras organisierte. In Deutschland tat sich die Hamburger \u00bbAktion Biafra-Hilfe\u00ab hervor, aus der sp\u00e4ter die \u00bbGesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker\u00ab (GfbV) hervorging. Gerade sie war es, die im Zusammenhang mit dem Biafra-Krieg Signalw\u00f6rter wie V\u00f6lkermord, Massenvernichtung, Massengr\u00e4ber, Rassenwahn, Liquidierung, Vertreibung, Konzentrationslager und Auschwitz einsetzte und Vergleiche zwischen den unterlegenen Biafranern und den Juden unter der faschistischen NS-Herrschaft zog.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Durch die PR-Manipulation von oben, verbunden mit einer scheinbar spontanen Emp\u00f6rung von unten, entwickelte sich ein in sich geschlossenes Kommunikationssystem. Dessen Verst\u00e4rkerwirkung konnte sich zu jener Zeit kaum jemand entziehen. Dadurch wurde die Kriegsberichterstattung im Sinne der Regierung von Biafra ganz eindeutig beeinflusst und ver\u00e4ndert. Das neu entdeckte \u00d6l und die Interessen des Shell-Konzerns wurden in dem Zusammenhang in der gesamten Berichterstattung komplett ausgeklammert. Stattdessen versorgte Markpress die Presse mit immer schlimmeren Gr\u00e4uelmeldungen wie die v\u00f6llig verst\u00f6rende Nachricht, Nigerianer h\u00e4tten in einem Biafra-Krankenhaus zw\u00f6lf Kinder am Spie\u00df gebraten und verspeist, tollw\u00fctige Tiere auf Menschen gehetzt und die Lebensmittel vergiftet. Der \u201eStern\u201c ver\u00f6ffentlichte eine Titelgeschichte \u00fcber die \u201everhungernden Kinder von Biafra\u201c, \u201eDer Spiegel\u201c sprach auf seinem Cover von einem &#8222;Todesurteil f\u00fcr ein Volk&#8220;. Die Hungersnot erwies sich als praktisches Thema und es wurde im zweiten Schritt ein verheerendes &#8222;Hungergespenst&#8220; an die Wand gemalt. Nun schaffte es der Biafra-Krieg auf nahezu alle Titelseiten. Aber Biafra blieb nicht lange in den Schlagzeilen, denn die Medien wandten sich einem geopolitisch wichtigeren Thema zu \u2013 am 21. August 1968 waren die Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei einmarschiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jim Harff, der fr\u00fchere Direktor der Agentur Ruder Finn, die f\u00fcr Biafra arbeitete, betonte immer wieder, dass kein moderner Krieg ohne PR-Agentur noch durchf\u00fchrbar sei. Er antwortet einmal in einem Interview, wie er einen Auftrag angeht, mit den Worten: \u201eDas ist ganz einfach. Unser Arbeitsger\u00e4t besteht im Wesentlichen aus einer Kartei, einem Computer und einem Fax. Die Kartei enth\u00e4lt die Namen von einigen Hundert Journalisten, Politikern, Repr\u00e4sentanten, humanit\u00e4ren Organisationen und Universit\u00e4tsorganisationen\u201c. Die PR-Branche ist die einzige Branche weltweit, die von der Finanzkrise unber\u00fchrt blieb und j\u00e4hrlich um 20 % w\u00e4chst. In den USA gibt es doppelt so viele Mitarbeiter in der Branche, wie es Journalisten im Land gibt. Insbesondere in den USA sind Politik und Werbegesellschaften personell eng verzahnt. Regierungsvertreter, Senatoren und Abgeordnete sitzen im Vorstand von PR-Agenturen und sind honorierte Lobbyisten. Umgekehrt wurden Manager der bekanntesten Werbegesellschaften in den Staatsdienst geholt. Die Produktmanagerin von Uncle Ben`s Rice beispielsweise arbeitete sp\u00e4ter unter der Regierung Bush jun. f\u00fcr Uncle Sam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist also nur ratsam, bei der eigenen Meinungsbildung als verst\u00e4ndiger Konsument von Medien immer wieder die Presse bedacht zu durchforsten. Jeder sollte versuchen, alte Informationen wieder in den Lichtkegel zu r\u00fccken und sie mit der Gegenwart abzugleichen. Denn nur der kindliche Verstand agiert im Hier und Jetzt ohne ein Verst\u00e4ndnis von gestern und morgen. Die PR-Branche verl\u00e4sst sich darauf, dass man vergisst, und platziert immer wieder Informationen, die nur im Heute einen Effekt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es steht au\u00dfer Frage, dass Kriege Medienereignisse sind. Deshalb in-vestieren Konfliktparteien viel Zeit und Geld in die \u00f6ffentliche Mei-nungsbildung. Die \u00d6ffentlichkeit in einen rausch\u00e4hnlichen Hurrapatrio-tismus zu versetzen, ist f\u00fcr die Kriegsf\u00fchrung so wichtig wie die poli-tisch-milit\u00e4rische Planung. Wie effektiv PR-Agenturen bei der Schaf-fung von Konsens im Krieg sind, kann anhand eines konkreten Beispiels dargestellt werden. <\/p>\n","protected":false},"author":95,"featured_media":14825,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23],"tags":[1733],"class_list":["post-14826","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-westliche-konzeptionen","tag-meinungsformung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/95"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14826"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14826\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14825"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14826"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14826"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}