{"id":14572,"date":"2022-06-29T00:35:08","date_gmt":"2022-06-28T22:35:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14572"},"modified":"2022-06-29T00:35:08","modified_gmt":"2022-06-28T22:35:08","slug":"von-der-nationalen-identitaet-zur-politischen-selbstblockade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=14572","title":{"rendered":"Von der nationalen Identit\u00e4t zur politischen Selbstblockade"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl der Islam eine ganzheitliche Sicht auf die Welt postuliert und demzufolge auch dem politischen Blick des Menschen eine umfassende Perspektive verleiht, ist in der heutigen Zeit unter Muslimen h\u00e4ufig eine entgegengesetzte Tendenz zu beobachten. Bedingt durch die unreflektierte und unsensible \u00dcbernahme westlicher Ideen hat sich entgegen der Erwartung vieler Muslime ihr Blick in politischen Fragestellungen stark verengt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies wird besonders sichtbar, wenn es darum geht, den Status quo in der islamischen Welt von Grund auf zu ver\u00e4ndern. Vielen Muslimen f\u00e4llt es dabei schwer, L\u00f6sungsans\u00e4tze zu denken, die sich ausschlie\u00dflich aus dem Islam als weltanschaulichen Bezugspunkt ableiten lassen. Die Folge dessen ist, dass eine fundamentale Ver\u00e4nderung nicht mehr in Erw\u00e4gung gezogen wird. Der Fokus richtet sich vielmehr auf schrittweise <em>Reformversuche<\/em>, die lediglich den Status quo zementieren. Doch unabh\u00e4ngig davon, ob es um die Entwicklung einer langfristigen Strategie geht oder um die Bew\u00e4ltigung aktueller Herausforderungen; die grunds\u00e4tzliche Problematik besteht darin, dass auf jene ideologischen Konzepte zur\u00fcckgegriffen wird, welche urs\u00e4chlich sind f\u00fcr die politischen, \u00f6konomischen und sozialen Probleme, mit denen die Muslime bis heute zu k\u00e4mpfen haben. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die noch immer verbreitete Vorstellung, dass der s\u00e4kulare Nationalstaat als Vehikel verstanden werden k\u00f6nnte, durch den sich die islamischen Interessen transportieren und verwirklichen lassen. Statt dieses Staatskonzept radikal abzulehnen, wird der Gang durch seine Institutionen als alternativlos betrachtet, um politische Ver\u00e4nderungen einzuleiten. Aus Sicht vieler Muslime scheint somit der Einzug ins Parlament oder die \u00dcbernahme von Regierungst\u00e4tigkeiten die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, um den Einfluss des Islam zu st\u00e4rken und die politischen Rahmenbedingungen auf lange Sicht zu ver\u00e4ndern. Obgleich die politische Partizipation an den unislamischen Systemen nie die erw\u00fcnschten Resultate brachte bzw. die Missst\u00e4nde sogar noch versch\u00e4rfte, ist eine durch den Islam gedeckte Alternative zu dieser pragmatischen Herangehensweise nicht erkennbar. Interessanterweise fehlt es insbesondere den muslimischen Denkern keineswegs an der theoretischen \u00dcberzeugung, dass der Islam aufgrund seines holistischen Weltbildes auch den gesellschaftspolitischen Rahmen definiert. Dennoch werden Entscheidungen in realpolitischen Fragen nicht auf Basis der islamischen Prim\u00e4rtexte getroffen. Ebenso wenig ziehen die relevanten Akteure diese heran, um eine langfristige Strategie zu entwickeln. Auf diese Weise wird nicht nur die Existenz der s\u00e4kularen Nationalstaaten sanktioniert. Vielmehr f\u00fchrt der pragmatische Ansatz letztlich zur L\u00e4hmung der eigenen politischen Handlungsf\u00e4higkeit. Denn er verhindert, dass die muslimische Gemeinschaft aus dem Gedankenkorsett ausbricht, das aus nationalstaatlichen Ordnungsvorstellungen und dem s\u00e4kular-liberalen Gesellschaftsbild besteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Situation der Muslime auf dem Westbalkan kann exemplarisch f\u00fcr dieses <em>Dilemma<\/em> herangezogen werden. Gerade in Bosnien-Herzegowina wird man zumindest in religi\u00f6sen Kreisen kaum jemanden finden, der den Islam als einzig funktionierenden ordnungspolitischen Rahmen ernsthaft in Zweifel ziehen w\u00fcrde. Doch bei der Frage, wie dies in der Praxis umgesetzt werden soll, wird gerne argumentiert, dass die Bosniaken als muslimische Minderheit es nicht schaffen k\u00f6nnten, die politischen Strukturen im Sinne des Islam nachhaltig zu ver\u00e4ndern, etwa mit dem langfristigen Ziel, dort das Kalifat zu retablieren. Die nationalstaatlichen Rahmenbedingungen lie\u00dfen den Bosniaken demzufolge keine andere Wahl, als sich in die bestehenden politischen Strukturen einzuf\u00fcgen und innerhalb dieser L\u00f6sungen auch f\u00fcr die derzeitigen Herausforderung zu finden. Zudem wird eine gewisse Un\u00fcberwindbarkeit suggeriert, denn die Bev\u00f6lkerungsmehrheit auf dem Balkan, die bekanntlich nicht aus Muslimen besteht, k\u00f6nne nur schwerlich vom islamischen Staatskonzept \u00fcberzeugt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch diese Einw\u00e4nde offenbaren einen grunds\u00e4tzlichen Denkfehler, der in erster Linie auf die Frage zur\u00fcckgeht, wor\u00fcber die Muslime sich als politische Akteure definieren. Die Beantwortung dieser Frage bestimmt n\u00e4mlich die politischen Ziele und legt damit den Grundstein f\u00fcr die konkreten politischen Handlungen. Je nach dem also, an welchem ideologischen Anker die Muslime ankn\u00fcpfen, entscheidet sich dadurch am Ende die politische Sto\u00dfrichtung. Erfolgt die prim\u00e4re Selbstverortung in der Praxis \u00fcber die ethnische statt \u00fcber die religi\u00f6s-weltanschauliche Zugeh\u00f6rigkeit, k\u00f6nnen politische L\u00f6sungen auch nur einen ethnisch-nationalen Charakter besitzen und bleiben daher regional begrenzt. Bezogen auf den Westbalkan ist eine fundamentale Ver\u00e4nderung der Lage nicht m\u00f6glich, solange die Muslime <em>politisch<\/em> als Bosniaken oder Albaner auftreten. Geht man von dieser Grundpr\u00e4misse aus, dann w\u00e4re der obige Einwand durchaus zutreffend; als <em>nationale<\/em> Minderheit k\u00f6nnen die Bosniaken die Verh\u00e4ltnisse nur soweit \u00e4ndern, wie es den nationalstaatlichen Rahmen nicht sprengt. Vor allem aber k\u00f6nnten dadurch auch nur die Angelegenheiten der <em>Bosniaken<\/em> ber\u00fccksichtigt werden. Sich hingegen der Probleme aller Muslime ungeachtet ihrer ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit anzunehmen, scheitert auf politischer Ebene an den nationalen Identit\u00e4ten. Analog dazu kann der <em>Pal\u00e4stinenser<\/em>-Konflikt gesehen werden. Dass das Besatzungsproblem in den vergangenen Jahrzehnten nicht gel\u00f6st werden konnte, ist schlicht der Tatsache geschuldet, dass der Konflikt stets in einen ethnisch-nationalen Kontext gesetzt wurde. Die Besatzung stellt dieser Deutung zufolge keine islamische Angelegenheit dar, die alle Muslime weltweit betrifft, sondern einen Konflikt, den lediglich die <em>Araber<\/em> respektive die <em>Pal\u00e4stinenser <\/em>beilegen m\u00fcssten. Unter diesem Gesichtspunkt kann es konsequenterweise auch keine islamische L\u00f6sung f\u00fcr die Akteure geben, die diesen Konflikt unter ethnisch-nationalen Vorzeichen betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz aller Beteuerungen, dass die Muslime im Allgemeinen und ganz besonders auf dem Westbalkan ohne eine nationale Identit\u00e4t politisch nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig seien, beweist die Realit\u00e4t doch genau das Gegenteil; gerade die ethnisch-nationalen Zugeh\u00f6rigkeiten haben einen Keil zwischen die muslimischen V\u00f6lker getrieben und sie in eine politische Selbstblockade versetzt, die jeglichen Versuch \u2013 aus diesen Strukturen herauszubrechen \u2013 bislang scheitern lie\u00df. Diese Blockade aufzul\u00f6sen, kann nur funktionieren, wenn die Muslime einen grundlegenden Perspektivwechsel vollziehen und sich nicht nur auf <em>spiritueller<\/em>, sondern auch auf <em>politischer<\/em> Ebene als Teil der <em>Umma<\/em> verstehen. Ist dieses Bewusstsein einmal geschaffen, sind die Weichen gestellt, um einerseits eine politische Zukunftsvision zu entwickeln, die auf Basis der islamischen Quelltexte gr\u00fcndet. Andererseits w\u00fcrden sich daraus neue Handlungsoptionen ergeben, um auch den aktuellen Herausforderungen Herr zu werden. Denn die politische Verbundenheit mit der <em>Umma<\/em>, welche sich im Kalifat manifestierte, war in der gesamten Geschichte des Islam ein Garant daf\u00fcr, dass vor allem auch jene Muslime, die an der Peripherie der islamischen Welt leben, vor \u00dcbergriffen gesch\u00fctzt waren. Schlie\u00dflich waren die Massaker an den Muslimen in Bosnien-Herzegowina oder im Kosovo in diesem Ausma\u00df nur m\u00f6glich, weil die <em>politische<\/em> Verbindung zur <em>Umma<\/em> gekappt war und sich demzufolge kein Staat in der islamischen Welt verantwortlich f\u00fchlte, den Muslimen milit\u00e4risch, politisch und wirtschaftlich zur Hilfe zu eilen. Vor diesem Hintergrund h\u00e4ngt die politische \u00dcberlebensf\u00e4higkeit der Muslime keineswegs von der Herausbildung ethnisch-nationaler Identit\u00e4ten ab. Vielmehr kommt es darauf an, ob und inwieweit sich die Muslime auf den Islam als ihren origin\u00e4ren weltanschaulichen Bezugspunkt besinnen und ihr gesamtes Denken und Handeln \u2013 vor allem in politischen Fragen \u2013 danach ausrichten. Nur unter diesen Voraussetzungen wird es m\u00f6glich sein, das nationalstaatliche Denken zu \u00fcberwinden und den Status quo von Grund auf zu ver\u00e4ndern. Sowohl in den westlichen Balkanstaaten als auch im Rest der islamischen Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das nationalstaatliche Ordnungssystem hat nicht nur einen blutigen Keil zwischen die muslimischen V\u00f6lker getrieben. Es schr\u00e4nkte zugleich ihren politischen Blick soweit ein, dass das Vertrauen in eine islamische L\u00f6sung zur Ver\u00e4nderung des Status quo verloren gegangen ist. Doch wie k\u00f6nnen die Muslime das nationalstaatliche Gedankenkorsett ablegen und zu einer islamischen Perspektive wechseln?<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":14571,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1231,1303,1879],"class_list":["post-14572","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen","tag-identitaet","tag-islam","tag-nationalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14572","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14572"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14572\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14571"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14572"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14572"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14572"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}