{"id":10702,"date":"2021-12-14T16:33:00","date_gmt":"2021-12-14T15:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/test2021.kalifat.com\/?p=10702"},"modified":"2021-12-14T16:33:00","modified_gmt":"2021-12-14T15:33:00","slug":"mehr-als-nur-muslim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10702","title":{"rendered":"Mehr als nur Muslim!?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch m\u00f6chte nicht auf meine Religion reduziert werden!\u201c Eine Aussage, die gerade im Kontext identit\u00e4tspolitscher Debatten von einigen Muslimen immer wieder zu h\u00f6ren ist. Bedenklich erscheint sie vor allem deshalb, weil sie zunehmend von Personen getroffen wird, die nach au\u00dfen hin religi\u00f6s auftreten. Zudem suggeriert die Aussage, dass es neben dem Islam weitere identit\u00e4tsstiftende Merkmale g\u00e4be, durch die sich jene Personen wesentlich auszeichnen w\u00fcrden. Oder anders formuliert: Sie m\u00f6chten von der Mehrheitsgesellschaft nicht prim\u00e4r als Muslime wahrgenommen werden!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass in dieser Frage Unklarheit zu herrschen scheint, kann auf zwei Ursachen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Zum einen operieren noch immer viele Muslime mit einem verengten Religionsbegriff, der den Islam auf seine spirituelle Komponente reduziert. Auf diese Weise k\u00f6nne bei der Identit\u00e4tsbildung auch nur dieser Aspekt, der ja blo\u00df <em>eine<\/em> Facette des menschlichen Lebens bildet, ber\u00fccksichtigt werden. Zum anderen h\u00e4ngt die oben genannte Aussage mit der Definition des Begriffs Identit\u00e4t zusammen bzw. damit, woraus sich die Identit\u00e4t eines Menschen zusammensetzt. Gerade dieser Punkt ist ein zentrales Thema der sogenannten Identit\u00e4tspolitik und gleichzeitig das Abgrenzungsmerkmal zwischen linken und rechten Identit\u00e4tspolitiken. An dieser Stelle wird deutlich, warum ein korrektes Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis f\u00fcr die muslimische Gemeinschaft unverzichtbar ist und welche soziopolitischen Folgen das oben genannte Statement nach sich zieht. Mit der unreflektierten \u00dcbernahme einer bestimmten Definition werden in aller Regel auch die dahinterstehenden politischen Konzepte \u00fcbernommen. Oft ist Muslimen nicht bewusst, dass sie in ihrer politischen Arbeit beispielsweise von einem liberalen Menschen- oder Gesellschaftsbild ausgehen, wenn sie auf reaktive und unreflektierte Weise versuchen, f\u00fcr die eigenen Rechte einzutreten oder auf Diskriminierung aufmerksam zu machen. Die daraus resultierenden Widerspr\u00fcche spiegeln sich schlie\u00dflich in ihrer Argumentation und ihren Standpunkten wider. Die obige Aussage ist exemplarisch daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass einige Muslime es dennoch als Makel betrachten, wenn sie im \u00f6ffentlichen Diskurs lediglich auf den Islam <em>reduziert<\/em> werden, zeigt deutlich, dass hier von einem postmodernen Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis ausgegangen wird. Danach sei Identit\u00e4t kein festgeschriebenes Merkmal, sondern ein soziales Konstrukt und demzufolge wandelbar. Der renommierte US-Psychologe und Vertreter des postmodernen Ansatzes, Kenneth J. Gergen, fasst diese Position wie folgt zusammen: <em>In der postmodernen Welt gibt es keine individuelle Grundlage, der man treu bleibt oder verbunden ist. Die eigene Identit\u00e4t ersteht fortw\u00e4hrend neu, umgeformt und anders ausgerichtet, w\u00e4hrend man sich durch das Meer der st\u00e4ndig wechselnden Beziehungen fortbewegt. In der Frage des \u201cWer bin ich?\u201d handelt es sich um eine Welt, in der es von provisorischen M\u00f6glichkeiten wimmelt.<\/em> Dieser Beschreibung zufolge sei Identit\u00e4tsbildung ein Prozess, der den Menschen auf keine Kernidentit\u00e4t festlegt. Eine Alternative dazu sei Gergen zufolge eine <em>gemischte Pers\u00f6nlichkeit<\/em>, die sich fortw\u00e4hrend aus allen verf\u00fcgbaren Quellen gewisse Elemente leiht und auf dieser Basis eine eigene Identit\u00e4t zusammenschustert. Die besagten Elemente k\u00f6nnen dabei von sexueller Orientierung bis zum ausge\u00fcbten Beruf reichen, \u00fcber die sich der in der <em>Postmoderne<\/em> lebende Mensch definieren k\u00f6nne. Wichtig hierbei ist, dass die so <em>gew\u00e4hlte<\/em> Identit\u00e4t flexibel und von vor\u00fcbergehender Dauer ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Ansatz kommt heute in der gesellschaftlichen Realit\u00e4t deutlich zum Ausdruck und l\u00e4sst sich insbesondere bei verschiedenen Protestgruppen wie der LGBT-Bewegung oder <em>Black Lives Matter<\/em> beobachten. In beiden F\u00e4llen machen die betroffenen Personen nicht nur auf die Diskriminierung aufmerksam, die sie wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Hautfarbe erfahren haben. Vielmehr bilden diese beiden Aspekte die jeweils zentralen Identit\u00e4tsmerkmale, \u00fcber die sich die besagten Gruppen definieren und infolgedessen zu einer <em>Minderheit<\/em> formieren. Auf diese Weise kann jedes pers\u00f6nliche Merkmal \u2013 wie zum Beispiel sexuelle Orientierung oder Hautfarbe \u2013 zu einem identit\u00e4tsstiftenden Faktor erhoben werden, aus dem heraus sich politische Anspr\u00fcche ableiten lassen. Kritiker wenden hier ein, dass eine auf diesem Verst\u00e4ndnis fu\u00dfende Identit\u00e4tspolitik einen gesamtgesellschaftlichen Konsens verhindere und den Rechten damit in die H\u00e4nde spiele. F\u00fcr den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama h\u00e4ngt der Aufstieg populistischer bzw. rechter Parteien in den liberalen Demokratien mit eben diesem Ph\u00e4nomen zusammen. Im Vergleich zur Vergangenheit richte beispielsweise die Linke ihr Augenmerk nicht mehr prim\u00e4r darauf, weitestgehend \u00f6konomische Gleichheit herzustellen. Stattdessen konzentriere sie sich heute darauf, die Interessen einer Vielfalt von benachteiligten Gruppen zu unterst\u00fctzen, wie der von Schwarzen, der LGBT-Community oder von Frauen. In der Konsequenz entstehe kein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl zur Gesellschaft oder einer sozialen Schicht, sondern zu einer konstruierten Minderheitengruppe, mit der man ein spezifisches bzw. partikulares Interesse teilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Islam setzt mit Blick auf die Identit\u00e4t des Menschen an ganz anderer Stelle an. Weder die ph\u00e4notypischen Merkmale wie Hautfarbe, Ethnie oder Geschlecht noch bestimmte Pr\u00e4ferenzen in sexuellen Fragen spielen im Einzelnen f\u00fcr die Identit\u00e4tsbildung eine Rolle. Das wesentliche Merkmal des Menschen ist vielmehr seine im Leben erworbene Weltanschauung. Denn aus ihr geht eine bestimmte Denk- und Handlungsweise hervor, die sich auf praktischer Ebene bei nahezu jeder Entscheidung im Leben \u00e4u\u00dfert. Beispielhaft hierf\u00fcr kann die sexuelle Neigung herangezogen werden. Dominiert in einer Gesellschaf das liberale Menschenbild, so entscheidet das Individuum selbst, wie es seine sexuellen Bed\u00fcrfnisse befriedigen m\u00f6chte, ohne an irgendwelche moralischen Normen gebunden zu sein. Doch f\u00fcr welche Option sich der Einzelne am Ende entscheidet, die sexuelle Orientierung bleibt <em>ein<\/em> Aspekt der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit, die aus dem resultiert, was den Menschen tats\u00e4chlich ausmacht: seiner Vorstellung \u00fcber die Welt, das Leben sowie seiner Rolle als Mensch darin. Die sexuelle Neigung zu einem oder gar <em>dem zentralen<\/em> Identit\u00e4tsmerkmal zu erheben, w\u00fcrde dagegen zu der absurden Vorstellung f\u00fchren, dass sie ein ma\u00dfgeblicher Einflussfaktor daf\u00fcr w\u00e4re, die eigene Wahrnehmung der Welt zu ordnen und diese entsprechend zu deuten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau an diesem Punkt unterscheidet sich das islamische Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis vom dem, postmoderner Anschauungen. Einerseits betrachtet der Islam den Menschen in all seinen Facetten, ohne ihn dabei auf einen einzelnen Aspekt zu reduzieren. Andererseits nimmt der Islam eine bedeutsame Unterscheidung vor: so wird der Mensch nicht hinsichtlich seiner Hautfarbe, seines ethnischen Hintergrundes oder seines Geschlechts bewertet. Ausschlaggebend ist der weltanschauliche Standpunkt, den der Mensch in dieser Welt einnimmt und den er sich selbst aneignet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insofern erscheint die zu Anfang erw\u00e4hnte Aussage unter islamischen Gesichtspunkten nicht nur bedenklich. Neben einem postmodernen Begriff von Identit\u00e4t transportiert sie zudem das eurozentrische Religionsverst\u00e4ndnis, das im v\u00f6lligen Widerspruch steht zur ganzheitlichen Sicht des Islam auf den Menschen und das Leben. Im Grunde genommen schafft es gerade die Postmoderne nicht, eine umfassende Identit\u00e4t zu bieten, die s\u00e4mtliche Dimensionen des Menschen ber\u00fccksichtigen w\u00fcrde \u2013 und dies ist auch nicht ihr Anspruch. Der einzige Impuls, den postmoderne Anschauungen in dieser Frage bieten k\u00f6nnen, ist ein zugespitzter Individualismus; er versetzt das Individuum in die Situation, aus der Vielzahl an teilweise sich widersprechenden Sinnangeboten eine eigene Identit\u00e4t zusammen zu basteln. Dass diese folgerichtig nur von vor\u00fcbergehender Dauer sein kann, sehen Verfechter des postmodernen Ansatzes zudem als gro\u00dfe Errungenschaft und nicht etwa als Makel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Muslime hingegen muss eines klar sein: ein einfacher Blick in die islamischen Quelltexte gibt Aufschluss dar\u00fcber, dass der Islam ein ganzheitlicher Lebensentwurf ist und dar\u00fcber hinaus einen gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch erhebt! Er ist somit kein Puzzlest\u00fcck, das sich neben einer Vielzahl an partikularen und optional gedachten Identit\u00e4tsangeboten einreihen oder als einzelner Baustein ein einem gr\u00f6\u00dferen Identit\u00e4tskonstrukt verwenden l\u00e4sst. Dieser Gedanke muss der Ausgangspunkt der politischen Arbeit sein. Denn wie m\u00f6chten Muslime hierzulande f\u00fcr ihre <em>islamischen Interessen<\/em> einstehen, wenn sie auf eben diesen Islam nicht reduziert werden wollen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch m\u00f6chte nicht auf meine Religion reduziert werden!\u201c Eine Aussage, die gerade im Kontext identit\u00e4tspolitscher Debatten von einigen Muslimen immer wieder zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":10703,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-10702","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-konzeptionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10702"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10702\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10703"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}