{"id":10610,"date":"2021-05-29T00:00:00","date_gmt":"2021-05-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10610"},"modified":"2021-05-29T00:00:00","modified_gmt":"2021-05-28T22:00:00","slug":"sulaiman-al-qanuni-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10610","title":{"rendered":"Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b (Teil 1)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Vorstellung, die die meisten von dem Kalifen Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b haben, setzt sich zusammen aus Dichtung und Wahrheit. Die historisch belegte Gr\u00f6\u00dfe der Muslime w\u00e4hrend seiner 46-j\u00e4hrigen Regierungszeit will man weitgehend aus dem Ged\u00e4chtnis der Umma streichen. Mit genau dieser Intention machte die t\u00fcrkische Serie \u201eDas pr\u00e4chtige Jahrhundert\u201c eine wertlose Seifenoper aus seiner Regentschaft, in der es nicht um historische Fakten geht, sondern darum, was das Publikum sehen will: Palastintrigen, Haremsfrauen, die freiz\u00fcgig gekleidet sind, Bauchtanz, Schlachtenszenen, ein Sultan, der Wein und Frauen zugeneigt ist, und Kost\u00fcme mit historischem Touch. Trotz der Verunglimpfung des historischen Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b lief die Serie in vielen islamischen L\u00e4ndern sehr erfolgreich. Wenn man aber ein richtiges Bild von jenem Kalifen gewinnen will, der das Kalifat auf den H\u00f6hepunkt seiner politischen und milit\u00e4rischen St\u00e4rke und seiner territorialen Ausdehnung brachte, kommt man nicht umhin, sich an die Geschichtsschreibung zu wenden. Drehb\u00fccher sind keine Geschichtsb\u00fccher und haben keinen historischen Wert, zumal Filmemacher kein Interesse an der Wahrheit haben, sondern nur an Publikumswirksamkeit. Sie d\u00fcrfen unsere Vorstellung von islamischen Pers\u00f6nlichkeiten, wie Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b eine war, und von der islamischen Geschichte nicht pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Westen kennt man Sulaim\u0101n I. als Sulaim\u0101n den Pr\u00e4chtigen. In der islamischen Geschichtsschreibung wird er jedoch als al-Q\u0101n\u016bn\u012b charakterisiert. \u00dcbersetzt wird dieser Zusatz mit \u201eder Gesetzgebende\u201c, was jedoch so nicht stimmt, denn der Kalif gilt aus islamischer Sicht nicht als Gesetzgeber \u2013 dies ist ausschlie\u00dflich Allah (t.). Der Kalif kann Gesetze im Rahmen des ihm islamisch Erlaubten erlassen und genau dies tat Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b in ausgepr\u00e4gter Form, etwa im Bereich Landrecht. Er lie\u00df ein umfassendes Gesetzeswerk ausarbeiten, das im gesamten Kalifat galt. Grundlage blieb hierbei die Scharia. Selbst im US-amerikanischen Kapitol in Washington ehrt man Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b neben 23 anderen Personen mit einem Relief als einen der gr\u00f6\u00dften \u201eGesetzgeber\u201c der Geschichte. Deshalb ist der Beiname \u201eal-Q\u0101n\u016bn\u012b\u201c treffender als die Bezeichnung \u201eder Pr\u00e4chtige\u201c. Der Name Sulaim\u0101n der Pr\u00e4chtige, der ihm von den Europ\u00e4ern gegeben wurde, suggeriert zu sehr eine auf Prunk ausgerichtete und oberfl\u00e4chliche Kalifengestalt aus einem orientalischen M\u00e4rchen. Sein politisches Wirken geht dadurch unter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sulaim\u0101n I. ist der Urenkel Mehmeds II., der f\u00fcr das erste gro\u00dfe Trauma Europas verantwortlich war. Vom Propheten (s.) als Mu\u1e25ammad al-F\u0101ti\u1e25 angek\u00fcndigt, er\u00f6ffnete dieser im Jahr 1453 Konstantinopel f\u00fcr den Islam und versetzte Europa in Schockstarre. Konstantinopel war das Zentrum der Christenheit und bedeutendste Stadt Europas, die durch gewaltige Mauern gesch\u00fctzt war. Die Hilfsgesuche des byzantinischen Kaisers an die M\u00e4chte Europas, ihn in der Verteidigung Konstantinopels zu unterst\u00fctzen, wurden ignoriert. Mu\u1e25ammad al-F\u0101ti\u1e25 er\u00f6ffnete Konstantinopel mit einer Kriegsmaschinerie, die weltweit einzigartig war, wozu eine acht Meter lange und tonnenschwere Kanone z\u00e4hlte, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Die Er\u00f6ffnung Konstantinopels bedeutete nicht nur das Ende des Byzantinischen Reichs, sondern auch die Wahrnehmung des islamischen Staates als ebenb\u00fcrtige Gro\u00dfmacht, von der Europa geographisch nicht mehr durch ein Meer getrennt war. Sulaim\u0101n trat in die Fu\u00dfstapfen seines Urgro\u00dfvaters und versetzte Europa mit der Belagerung Wiens im Jahr 1529 das zweite gro\u00dfe Trauma, das der Westen nie verarbeitet hat und das bis heute nachwirkt. Die T\u00fcrken vor Wien lassen noch immer Angstschwei\u00df auf die Stirn Europas treten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Sulaim\u0101n im Jahr 1520 das Kalifenamt \u00fcbernahm, wiegte sich Europa in Sicherheit. Er wurde von den Europ\u00e4ern v\u00f6llig untersch\u00e4tzt. Der zeitgen\u00f6ssische Historiker Paolo Giovio charakterisierte ihn wie folgt: \u201eAlle Menschen sind sich dar\u00fcber einig, dass ein sanftes Lamm einem wilden L\u00f6wen gefolgt ist.\u201c In einem Geheimbericht an Rom beschrieb ein Gesandter Venedigs den neuen Kalifen wie folgt: \u201eEr ist nicht \u00e4lter als f\u00fcnfundzwanzig Jahre, gro\u00df und sehnig, er hat einen langen Hals und ein mageres, sehr bleiches Gesicht. Er hat nur den Anflug eines Schnurrbartes und bemerkenswert angenehme Umgangsformen. Man sagt von ihm, dass er ein weiser Herrscher ist, sehr den Wissenschaften ergeben, und Menschen aller Art erhoffen sich von seiner Regierungszeit viel Gutes.\u201c Papst Leo X. dankte Gott und war erfreut \u00fcber diese Botschaft, die eine v\u00f6llige Fehleinsch\u00e4tzung war, und er ahnte nicht, dass das vermeintlich sanfte Lamm seinen Vater Sal\u012bm I. \u00fcbertreffen und Europa noch Jahrhunderte das F\u00fcrchten lehren sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Zustand des islamischen Staates ist mit jenem europ\u00e4ischer Staaten nicht vergleichbar, als Sulaim\u0101n 1520 Kalif wurde. W\u00e4hrend in Europa die Untertanen der grausamen Willk\u00fcr ihrer Regenten und des Adels ausgeliefert waren, die niemandem Rechenschaft schuldeten und sich ihre eigenen Gesetze machten, existierte im islamischen Staat auf der Grundlage des islamischen Systems eine feste gesetzliche Ordnung, an die sich nicht nur die B\u00fcrger des Kalifats halten mussten, sondern auch der Kalif selbst. Das islamische System sch\u00fctzt die Menschen grunds\u00e4tzlich vor der Willk\u00fcr der Herrscher. Jeder B\u00fcrger konnte im Osmanischen Reich Beschwerde einlegen und sich direkt an den Gro\u00dfherrlichen Diwan wenden, wenn er seine Rechte durch den Staat und seine Vertreter beschnitten sah. Es war also keineswegs ein Barbarenstaat, wie ihn sich manch ein Europ\u00e4er vorstellt. Sulaim\u0101n \u00fcbernahm bei seinem Amtsantritt einen gut funktionierenden islamischen Staatsapparat mit einer starken Armee und einer guten Wirtschaft. Auch den nichtmuslimischen B\u00fcrgern ging es unter islamischer Herrschaft gut. Vor allem ging es ihnen besser als in den europ\u00e4ischen Staaten. Sie konnten ihre Konfession ausleben und hatten als Ersatz f\u00fcr den Kriegsdienst, zu dem sie nicht verpflichtet waren, eine Abgabe (\u011eizya) zu zahlen, deren H\u00f6he keine Belastung darstellte und nur f\u00fcr M\u00e4nner galt. Sie konnten nicht nur unbehelligt im Osmanischen Reich leben, sondern waren Schutzbefohlene des Staates.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der islamische Staat erstreckte sich bereits \u00fcber ein riesiges Gebiet, doch Sulaim\u0101n ruhte sich nicht auf den Lorbeeren seiner Vorg\u00e4nger aus, sondern setzte die Ausdehnung fort und brachte sie auf einen H\u00f6hepunkt, so dass das Kalifat eine Weltmacht wurde. Das Kalifat wurde zu einem entscheidenden europ\u00e4ischen Machtfaktor und bestimmte die europ\u00e4ische Politik des 16. Jahrhunderts. Im gleichen Jahr, als Sulaim\u0101n die Regentschaft \u00fcbernahm, wurde der Habsburger Karl, der K\u00f6nig von Spanien war, zum m\u00e4chtigsten Herrscher Europas, als er 1520 als Karl V. zum Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reichs ernannt wurde. Die Auseinandersetzungen spielten sich daher haupts\u00e4chlich zwischen dem Kalifat und den Habsburgern ab. Zehn seiner dreizehn Feldz\u00fcge unternahm Sulaim\u0101n nach Europa, womit er schon am Anfang seiner Regierungszeit begann. Er f\u00fchrte die Feldz\u00fcge in der Regel pers\u00f6nlich an, was bedeutete, dass er dann \u00fcber Monate nicht in Konstantinopel war. Feldz\u00fcge, d.&nbsp;h. der <em>\u011fih\u0101d<\/em>, pr\u00e4gten seine gesamte Zeit als Kalif, die er bis zu seinem letzten Atemzug durchf\u00fchrte. Im Jahr 1566 brach er mit \u00fcber 70 Jahren ein letztes Mal nach Ungarn auf und starb bei der Belagerung von Szigetv\u00e1r im Lager seiner Armee. Die Festung dort diente den Habsburgern als Bollwerk gegen die Muslime. Bis zuletzt hatte Sulaim\u0101n die Intention, noch einmal nach Wien vorzudringen und es einzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sulaim\u0101n kannte so gut wie keine Niederlagen. Die gescheiterte Belagerung Wiens 1529 war eine Ausnahme. Die islamische Streitmacht, die zur Zeit Sulaim\u0101ns die weltweit st\u00e4rkste war, war gewohnt zu siegen. Dies wussten auch die Europ\u00e4er. Ogier Ghislain de Busbecq war Gesandter Karls V. und lebte mehrere Jahre im Osmanischen Reich, um einen Waffenstillstand mit diesem auszuhandeln. Er beschrieb in seinen \u201eT\u00fcrkenbriefen\u201c die hoffnungslose Lage der Europ\u00e4er wie folgt: \u201eSo k\u00e4mpfen die T\u00fcrken gegen die \u00e4u\u00dfersten Schwierigkeiten mit Geduld, N\u00fcchternheit und Sparsamkeit an und erhalten sich durch das Nahrhafteste; ganz anders als unsere Soldaten, die im Lager mit ihrem t\u00e4glichen Essen herumtr\u00f6deln, die weichliche Speisen, Amseln, Drosseln, Schnepfen und verschwenderische Gelage verlangen. Bekommen sie das nicht, so machen sie Aufruhr und gehen zugrunde. Bekommen sie es aber, gehen sie dennoch zugrunde. Denn jeder ist sich selbst der gewisseste Feind und hat keinen gef\u00e4hrlicheren Widersacher als sein Unma\u00df. Wenn der Feind es nicht tut, bringt das ihn um. Dies bedenkend und diese Weise mit jener vergleichend, erschrecke ich vor der Zukunft. Notwendig m\u00fcssen die einen siegen, die anderen untergehen; gewiss k\u00f6nnen nicht beide unversehrt bleiben. Auf jener Seite stehen die unendlichen Mittel des T\u00fcrkenreiches, ungebrochene Kr\u00e4fte, Waffenkunst und -\u00fcbung, langgediente Soldaten, Siegesgewohntheit, Ausdauer, Eintracht, Ordnung, Disziplin, Anspruchslosigkeit, Wachsamkeit. Auf unserer Seite Armut des Staates, Verschwendung des Privatmannes, verminderte Kr\u00e4fte, gebrochener Mut, mangelnde Gew\u00f6hnung an Anstrengung und Waffen, trotzige Soldaten, habgierige Offiziere, Verachtung der Disziplin, Ausschweifung, Leichtsinn, Trunkenheit, V\u00f6llerei. Und das Schlimmste ist: sie sind gewohnt zu siegen, wir besiegt zu werden.\u201c Der Ruf der islamischen Armee eilte ihr immer voraus. Auch wenn die Habsburger es geschafft hatten, die Erst\u00fcrmung Wiens abzuwenden, mussten sie eine dauerhafte Pr\u00e4senz des islamischen Staates an ihren Grenzen hinnehmen, nachdem Sulaim\u0101n den gr\u00f6\u00dften Teil Ungarns er\u00f6ffnet hatte und so weit in Europa vorgedrungen war, wie es kein Kalif vor ihm geschafft hatte. Doch der Blick europ\u00e4ischer Herrscher auf Sulaim\u0101n war nicht nur durch Hass und Angst gepr\u00e4gt. Sie bewunderten den Kalifen auch. Diese Bewunderung schwingt bis heute mit, wenn es um die Darstellung seiner Person geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellung, die die meisten von dem Kalifen Sulaim\u0101n al-Q\u0101n\u016bn\u012b haben, setzt sich zusammen aus Dichtung und Wahrheit. 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