{"id":10563,"date":"2021-01-26T00:00:00","date_gmt":"2021-01-25T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10563"},"modified":"2021-01-26T00:00:00","modified_gmt":"2021-01-25T23:00:00","slug":"die-menschenrechte-der-gescheiterte-anspruch-zwischen-einhoernern-und-guillotinen-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10563","title":{"rendered":"Die Menschenrechte: Der gescheiterte Anspruch zwischen Einh\u00f6rnern und Guillotinen (Teil 2)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"zentriert wp-block-paragraph\"><strong>\u2026 zwischen Einh\u00f6rnern &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"zentriert wp-block-paragraph\"><strong>Das Scheitern moderner Moralphilosophie <em>alias<\/em> Die Unm\u00f6glichkeit der Universalit\u00e4t s\u00e4kular-liberaler Menschenrechte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anschluss an die Einsichten aus dem <a href=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10564\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10564\">ersten Teil<\/a> werden wir nun im zweiten Teil die Frage behandeln, ob die fehlende Universalit\u00e4t der s\u00e4kular-liberalen Menschenrechte nicht einfach nur die Konsequenz eines fehlerhaften\/unzureichenden Begr\u00fcndungsversuches, sondern auf Ausw\u00fcchse eines Grundproblems zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, welches der Misere der Moderne auf systematische Weise zugrunde liegt. Im Zentrum steht dabei die grunds\u00e4tzliche Frage nach den Ressourcen der s\u00e4kular-liberalen Gesellschaftsordnung zur Etablierung universeller Moral und Rechte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Explizit heben wir an dieser Stelle den Zusammenhang zwischen der Frage nach der Universalit\u00e4t von den aus der s\u00e4kular-liberalen Gesellschaftsordnung hervorgehenden Menschenrechten und der modernen moralphilosophischen Realisierbarkeit der rationalen Rechtfertigung von Moral hervor. Dies ist auf den besonderen vorjuridischen Geltungsanspruch der Menschenrechte zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Existenz der Menschenrechte beruht auf ihrer Begr\u00fcndbarkeit und nicht auf ihrer positiv-rechtlichen Setzung. Der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Geltung letzterer bleibt immer ihr vorjuridisch-moralischer Geltungsanspruch. Somit gr\u00fcndet die Grundlegung der Menschenrechte in der Moral, und insofern besteht ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Menschenrechten und philosophischer Ethik, genauer, zwischen den s\u00e4kular-liberalen Menschenrechten und der modernen Moralphilosophie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Teil haben wir zahlreiche Gr\u00fcnde daf\u00fcr geliefert, die Universalit\u00e4t der Menschenrechte mit einem fundamentalen Zweifel zu versehen. Unmittelbare Konsequenz des zuvor hervorgehobenen Zusammenhangs zwischen der Frage nach der Universalit\u00e4t der Menschenrechte und der Frage nach der Realisierbarkeit der rationalen Rechtfertigung von Moral w\u00e4re demnach ein fundamentaler Zweifel an der g\u00fcltigen moralphilosophischen Legitimation der Menschenrechte, oder aber noch allgemeiner an der grunds\u00e4tzlichen F\u00e4higkeit moderner Moralphilosophie, die rationale Rechtfertigung von Moral zu gew\u00e4hrleisten. Und eben genau diese grunds\u00e4tzliche Unf\u00e4higkeit ist jene, die wir im Folgenden behaupten und auch zu begr\u00fcnden suchen, was damit einhergehend nicht nur die fehlende Universalit\u00e4t der aktuell rechtlich-gesetzten Menschenrechte implizieren w\u00fcrde (was im ersten Teil bereits gezeigt wurde), sondern viel grunds\u00e4tzlicher die Unm\u00f6glichkeit der vorpositivistischen Universalisierung jeder erdenklichen Ausformulierung von s\u00e4kular-liberalen Menschenrechten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei werden wir die Unf\u00e4higkeit der modernen Moralphilosophie, eine rationale Rechtfertigung von Moral zu liefern, nicht einfach nur auf das Unverm\u00f6gen der modernen Moralphilosophen zur\u00fcckf\u00fchren, sondern werden noch viel grunds\u00e4tzlicher versuchen, zum eigentlichen Kern des Problems vorzudringen, das der s\u00e4kular-liberalen Gesellschaftsordnung und der Moderne im Allgemeinen auf systematische Weise zugrunde liegt. Dabei werden wir uns insbesondere auf die umfassenden Arbeiten von A. MacIntyre (<em>Verlust der Tugend<\/em>, 2006, &amp; <em>Whose Justice? Which Rationality?<\/em>, 1988) st\u00fctzen, der es wie kaum ein anderer geschafft hat, das Unverm\u00f6gen der modernen Moralphilosophie auf ein in der Moderne angelegtes Grundproblem zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um bis zu diesem Grundproblem vorzudringen, wird es zun\u00e4chst n\u00f6tig sein, die westliche Tradition, aus der der Versuch der Formulierung der Menschenrechte sowie ihrer ideologischen Rechtfertigung stammt, hinsichtlich der Frage nach dem Wesen von Moral genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Rahmen wird sich herausstellen, dass die moderne gesellschaftliche Situation sowie die der nach Legitimation f\u00f6rmlich schreienden Moralphilosophie auf Entwicklungen der Dimension einer historischen Katastrophe zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Dabei wird sich zeigen, dass die moralischen Ressourcen der Moderne ersch\u00f6pft und die heutigen Moral- und Rechtsbest\u00e4nde nichts weiter sind als die \u00dcberreste von Scheinbildern einer Moral, die aus ehemals christlich-j\u00fcdischen (theologischen) und aristotelischen (teleologischen) Verst\u00e4ndnissen \u00fcbernommen wurden. So schreibt MacIntyre, \u201edass die moderne moralische \u00c4u\u00dferung und Praxis nur als eine Reihe bruchst\u00fcckhafter \u00dcberreste einer \u00e4lteren Vergangenheit verstanden werden k\u00f6nnen, und dass die unl\u00f6sbaren Probleme, die sie den modernen Moraltheoretikern gestellt haben, so lange unl\u00f6sbar bleiben, bis das richtig erkannt ist.\u201c Falls der \u201edeontologische Charakter moralischer Urteile der Schatten der Konzeption des g\u00f6ttlichen Rechts\u201c und falls \u201eihr teleologischer Charakter [\u2026] der Schatten der Konzeption der menschlichen Natur und ihrer Handlungen\u201c sei, dann sollten wir damit rechnen, dass \u201edie Probleme, moralische Urteile zu verstehen und ihnen einen verstandesm\u00e4\u00dfig fassbaren Status zuzuweisen, sowohl st\u00e4ndig zunehmen als auch philosophischen L\u00f6sungen immer unzul\u00e4nglicher werden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese These werden wir, MacIntyre in der Darstellung Y. Kuhns (<em>\u00dcber Moral, Macht und Islam im unm\u00f6glichen Staat<\/em>, 2019) im Wesentlichen folgend, in den n\u00e4chsten Abschnitten deutlich machen und im Anschluss aufzeigen, auf welche Weise die Legitimation der Universalit\u00e4t der s\u00e4kular-liberalen Menschenrechte davon betroffen ist. Vielmehr, werden wir im Laufe des Nachvollziehens der westlichen Tradition sogar erkennen, in welch missliche Lage die Moderne sich durch die S\u00e4kularisierung und der damit einhergehenden sowie zum Teil ihr vorausgehenden Negation (des Zusammenspiels) von Teleologie und Theologie unumkehrbar hineinman\u00f6vriert hat und dass letzten Endes nur der Islam Ressourcen bieten kann, dieser Misere auf angemessene Weise Abhilfe zu schaffen, ganz im Sinne der Worte Allahs (t): \u201eEr ist es, der Seinem Diener klare Zeichen offenbart, damit Er<em><em>euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt<\/em><\/em>. Und Allah ist wahrlich mit euch gn\u00e4dig und barmherzig.\u201c (Koran 57:9)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historischen Vorl\u00e4ufer der heutigen westlichen Moralkonzeptionen gehen alle zur\u00fcck auf eine moralische Konzeption, die aristotelische Ethik, die in ihrer Grundstruktur dadurch gepr\u00e4gt ist, dass in ihr Moral und menschliches Handeln als teleologisch begriffen wurden. Dies im Sinne einer dreigliedrigen teleologischen Struktur: Diese bestand erstens aus dem unvollkommenen Naturzustand des Menschen, zweitens dem vollkommenen Wesen des Menschen als <em>telos<\/em> und drittens der Ethik als vernunftgeleiteter \u00dcbergang durch die moralische Praxis zur Verwirklichung des vollkommenen menschlichen Wesens. Durch Verbindung mit theistischen Vorstellungen im Laufe der westlichen Tradition, vor allem zur\u00fcckgehend auf die christlichen bzw. j\u00fcdischen Philosophen Thomas von Aquin und Moses Maimonides, wurde diese dreigliedrige teleologische Struktur zwar in dem Sinne erweitert, dass nun die Gebote Gottes als mit der Vernunft nachvollziehbar den \u00dcbergang zwischen dem unvollkommenen Naturzustand des Menschen und seines vollkommenen Wesens darstellten, jedoch einer grunds\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderung unterlag sie von ihrer Struktur her nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese dreigliedrige theologisch-teleologische Struktur hatte Bestand bis zum Eintreten der Aufkl\u00e4rung. Die Aufkl\u00e4rung stand unter dem Kantischen Motto: \u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes <em>ohne Leitung eines anderen<\/em> zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner <em>ohne Leitung eines anderen<\/em> zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.\u201c (<em>Was ist Aufkl\u00e4rung?<\/em>, 1784) Sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, war also das Motto der Aufkl\u00e4rung, was gleichbedeutend mit der v\u00f6lligen Verbannung jeder Autorit\u00e4t und jedes \u00e4u\u00dferen Referenzpunktes und der vollkommenen Insistenz auf die von Tradition und Religion befreite autonome Vernunft war. Konsequenz war das Streichen jedes teleologischen und kategorischen (theologischen) Gehaltes der dreigliedrigen theologisch-teleologischen Struktur, unter gleichzeitiger Beibehaltung der \u00fcbrigbleibenden Elemente, die nun im Rahmen des Projekts der Aufkl\u00e4rung eine v\u00f6llig neue Rolle einnahmen. Begleitet wurde dieser Prozess der Zerr\u00fcttung der dreigliedrigen theologisch-teleologischen Struktur durch eine gegenl\u00e4ufige Entwicklung innerhalb des Protestantismus, der die urspr\u00fcnglich doppelte Struktur eines jeden moralischen Satzes, der aus dem Gebot Gottes und dessen vern\u00fcnftigen menschlichen Nachvollziehens bestand, dadurch aufl\u00f6ste, dass die Vernunft aufgrund des S\u00fcndenfalls f\u00fcr unf\u00e4hig erkl\u00e4rt wurde, die Gebote Gottes nachzuvollziehen, und dementsprechend nur noch die Gnade Gottes \u00fcbrig blieb, um den Weg zum <em>telos<\/em>, dem vollkommenen menschlichen Wesen, einzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Implikation dieser beiden Entwicklungen, der der Aufkl\u00e4rung und der des Protestantismus, war eine Vorstellung von der Vernunft des Menschen, welche sie auf v\u00f6llige Autonomie (von Tradition und Religion) sowie auf ein lediglich berechnendes Denken und eine instrumentelle Rationalit\u00e4t im Dienste von Leidenschaften und Interessen reduzierte. Diese Vernunftautonomie bestand in enger Verbindung mit dem im Zuge der Aufkl\u00e4rung Einzug findenden Naturalismus als Metaphysik der modernen Welt, unter dessen Vorzeichen alles Werthafte, Moralische, Gute und alle immanenten Gr\u00fcnde aus der Welt herausgestrichen wurden und sie durch eine v\u00f6llige Entleerung und Entzauberung zu nicht mehr als stummer und toter Materie wurde, der die autonome Vernunft des Menschen nun zur Seite gestellt werden konnte. So betont C. Korsgaard (<em>Sources of Normativity<\/em>, 1996), dass \u201edie Ethik der Autonomie [\u2026] die einzige\u201c sei, \u201edie mit der Metaphysik der modernen Welt vereinbar ist.\u201c Ferner folgert Kuhn in seiner kommentierenden Zusammenfassung der Schlussfolgerungen von C. Larmore (<em>Vernunft und Subjektivit\u00e4t<\/em>, 2012): \u201eSoweit in dieser [naturalistischen] Welt \u00fcberhaupt Normatives zur Geltung kommt, muss es der neutralen Materie von der Vernunft von au\u00dfen auferlegt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Entwicklung hatte auch zur Folge, dass das Moralische zu einem eigenst\u00e4ndigen Gebiet wurde, es also zu einer Trennung von Moralischem und Theologischen, Rechtlichem sowie \u00c4sthetischem kam, bei der die autonome Vernunft als einzige Quelle zur Begr\u00fcndung und Rechtfertigung des Moralischen \u00fcbrig blieb. Dies ging so weit, dass das Wort <em>Moral<\/em> erst etwa zwischen 1630 und 1850 seine heutige Bedeutung bekommen hat. So schreibt MacIntyre, dass die Geschichte des Wortes Moral nicht richtig wiedergegeben werden k\u00f6nne, ohne \u00fcber die Versuche in diesem Zeitraum zu berichten, eine rationale Rechtfertigung von Moral zu liefern, als der Begriff eine gleichzeitig allgemeine und spezielle Bedeutung hatte. Moral wurde zur \u201eBezeichnung f\u00fcr jenen besonderen Bereich, in dem Verhaltensregeln, die weder theologisch noch gesetzlich noch \u00e4sthetisch waren, ein eigener kultureller Raum zugestanden wurde. Erst im sp\u00e4ten 17. und 18. Jahrhundert, als die Trennung des Moralischen vom Theologischen, Rechtm\u00e4\u00dfigen und \u00c4sthetischen zur anerkannten Lehre wurde, wurde der Plan einer unabh\u00e4ngigen, rationalen Rechtfertigung der Moral nicht nur zu einem Anliegen einzelner Denker, sondern zu einer zentralen Frage der nordeurop\u00e4ischen Kultur.\u201c Und auch K. Bayertz (<em>Warum \u00fcberhaupt moralisch sein?<\/em>, 2006) kommt zu der gleichen Schlussfolgerung, bei der er die Herausbildung der Moral zu einem eigenst\u00e4ndigen Bereich hervorhebt. Ihm nach sei die Verselbst\u00e4ndigung der Moral zu einem autonomen Bewertungssystem ein Produkt der fr\u00fchen Neuzeit gewesen, was auch zeige, dass der Begriff Moral erst in der Neuzeit seine heutige Bedeutung angenommen hat: \u201eWeder in der Antike noch im Mittelalter gab es einen Ausdruck, dessen Bedeutung unserem Begriff von \u00bbMoral\u00ab oder \u00bbmoralische\u00ab \u00e4quivalent war. Dies zeigt sich in der schwankenden Terminologie, die wir in den philosophischen Texten der griechischen und lateinischen Antike finden: Wo wir den Begriff \u00bbmoralisch gut\u00ab verwenden w\u00fcrden, finden sich hier Ausdr\u00fccke wie <em>fromm<\/em>, <em>sch\u00f6n<\/em>, <em>lobenswert<\/em>, <em>ehrenhaft<\/em> oder <em>gerecht<\/em>. Diese terminologische Unentschiedenheit kann als ein Indiz daf\u00fcr gelten, dass es die Moral als eigenst\u00e4ndiges, von Religion, Recht und Sitte unterschiedenes System von Normen und Werten in dieser Zeit noch nicht gab; und dass der Moralbegriff seine heutige (enge) Bedeutung erst in einem langen Differenzierungsprozess annahm, der im 17. Jahrhundert einsetzte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich blieben also zwei voneinander getrennte und unzusammenh\u00e4ngende Bereiche \u00fcbrig: zum einen der Bereich der Moral, der in gewissem Sinne noch mit aus der christlich-j\u00fcdischen Tradition stammenden Vorstellungen \u00fcbereinstimmte, zum anderen der Bereich der menschlichen Natur, die ma\u00dfgeblich auf das Verm\u00f6gen der autonomen Vernunft reduziert wurde. Ziel des Projekts der Aufkl\u00e4rung war infolgedessen die aus der christlich-j\u00fcdischen Tradition konservierten moralischen S\u00e4tze via autonome Vernunft auf die menschliche Natur zu gr\u00fcnden. Das war die Aufgabe, die sich die Moralphilosophen des 18. Jahrhundert gesetzt hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem bestand jedoch darin, dass diese beiden Bereiche aufgrund der Tatsache, dass sie unzusammenh\u00e4ngende Bruchst\u00fccke eines einst zusammenh\u00e4ngenden Denk- und Handlungssystems waren, so sehr im Widerspruch zueinander standen, dass sich in der modernen Moralphilosophie schlie\u00dflich eine Doppelbewegung ergab: Auf der einen Seite wurde der Versuch nicht aufgegeben, die Moral durch die autonome Vernunft zu begr\u00fcnden, auf der anderen Seite gab es aber immer wieder Eingest\u00e4ndnisse unterschiedlicher Moralphilosophen, dass es doch eigentlich keine schl\u00fcssigen und widerspruchsfreien Ans\u00e4tze g\u00e4be. Dies ist, was Kuhn mit Bezug auf MacIntyre in der folgenden Passage reflektiert: \u201eDie aufgekl\u00e4rten Vertreter des Projekts der rationalen Rechtfertigung der Moral zeigten also zugleich [\u2026] immer deutlicher eben seine Undurchf\u00fchrbarkeit auf. So kommt es, dass sich in Diderots <em>Rameaus Neffe <\/em>\u00bbeine sch\u00e4rfere und einsichtigere Kritik des gesamten Vorhabens der Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts als in jeder externen Kritik der Aufkl\u00e4rung\u00ab [&#8230;] findet. Kant wiederum kam in der <em>Kritik der praktischen Vernunft <\/em>zu der Einsicht, dass \u00bbdas gesamte Vorhaben der Moral ohne teleologischen Rahmen unverst\u00e4ndlich wird\u00ab [&#8230;]. Und Hume brachte noch als Zweifel zum Ausdruck, was sp\u00e4ter zum sogenannten <em>Humeschen Gesetz <\/em>erhoben wurde, n\u00e4mlich dass aus einem nicht-normativen \u00bbist\u00ab-Satz nicht logisch auf einen normativen \u00bbsoll\u00ab-Satz geschlossen werden kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich bildeten sich zwei ma\u00dfgebliche Hauptstr\u00f6mungen aus, in denen unabh\u00e4ngig voneinander versucht wurde, die Moral rational zu begr\u00fcnden: einerseits der Utilitarismus, andererseits die Kantische Deontologie. Der Utilitarismus trat den Versuch an, die Entfernung des teleologischen Charakters der urspr\u00fcnglich dreigliedrigen theologisch-teleologischen Struktur der Moral durch die Etablierung einer neuen Teleologie \u2013 durch den Bezug auf den Nutzen \u2013 zu kompensieren. Die Kantische Deontologie dagegen versuchte, die Verbannung des theologisch-kategorischen Charakters eben jener urspr\u00fcnglich dreigliedrigen theologisch-teleologischen Struktur der Moral durch ein neues Gebotensein zu ersetzen, indem er den Versuch antrat, moralische S\u00e4tze entsprechend des Projektes der Aufkl\u00e4rung auf ein durch die autonome Vernunft abgeleitetes rationales Fundament zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anf\u00e4nge des Utilitarismus gehen auf J. Bentham zur\u00fcck, der das Streben nach Lust bei gleichzeitiger Vermeidung von Schmerzen als einziges Motiv f\u00fcr menschliches Handeln erachtete. Die neue Teleologie sei demnach durch die Maximierung von Lust bei gleichzeitiger Minimierung von Schmerz gegeben, welche im Sinne eines Abw\u00e4gungskalk\u00fcls gesamtgesellschaftlich zur Grundlage der Moral werde. Sein utilitaristischer Nachfolger J. S. Mill sah in dem Ansatz von Bentham eine der Hauptschwierigkeiten des Utilitarismus. Die menschlichen Empfindungen von Lust und Schmerz seien nicht einheitlich, zudem k\u00f6nne man sie weder quantitativ noch qualitativ messen, sodass die von Bentham eingef\u00fchrte Teleologie kein sinnvolles Kriterium f\u00fcr grundlegende moralische Entscheidungen sein k\u00f6nne. So \u00fcbte er eine Kritik an Bentham, obgleich er dem Utilitarismus treu blieb, indem er Benthams Ansatz in dem Sinne weiterentwickelte, dass Handlungen dann als moralisch zu bezeichnen seien, wenn sie die Tendenz haben, Gl\u00fcck zu bef\u00f6rdern, w\u00e4hrend Handlungen dann unmoralisch seien, wenn sie zu Leid f\u00fchren. Dabei versuchte er einen Unterschied zwischen h\u00f6heren und niedrigeren L\u00fcsten einzuarbeiten, was allerdings an einem fehlenden Kriterium daf\u00fcr scheiterte, tats\u00e4chlich h\u00f6here von niedrigeren L\u00fcsten rational und intersubjektiv g\u00fcltig unterscheiden zu k\u00f6nnen. MacIntyre kommt in seiner Darstellung deshalb zu dem Schluss, dass der Gedanke des gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Gl\u00fccks f\u00fcr die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Zahl tats\u00e4chlich ein \u201ePseudokonzept\u201c sei, \u201edas f\u00fcr eine Vielzahl ideologischer Verwendungen genutzt werden kann, aber mehr auch nicht.\u201c Wenn wir im t\u00e4glichen Leben auf seine Verwendung sto\u00dfen, so sei es stets notwendig zu fragen, \u201ewelches eigentliche Vorhaben oder Ziel durch seine Verwendung verschleiert wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H. Sidgwick setzte in der Nachfolge die utilitaristische Selbstkritik fort, indem er das Verm\u00f6gen der Psychologie, als Grundlage f\u00fcr die utilitaristische Teleologie zu dienen, einer grunds\u00e4tzlichen Kritik unterzog und zu dem Schluss gelangte, dass moralische Aussagen viel zu heterogen seien als dass sie utilitaristisch begr\u00fcndet werden k\u00f6nnten. Er ebnete so den Boden f\u00fcr einen Intuitionismus, der bald darauf von G. E. Moore zu einem Emotivismus umformuliert wurde \u2013 allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er diesen \u00dcbergang zum non-kognitivistischen Emotivismus, nach dem moralische Forderungen ohne Anspruch auf intersubjektive G\u00fcltigkeit zu Sachen des Gef\u00fchls und Geschmacks verkommen, als Befreiung von Sidgwick und dem Utilitarismus als Ganzem erachtete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wurde der Utilitarismus zum Intuitionismus, und der Intuitionismus schlie\u00dflich zum Emotivismus. Einige Moralphilosophen der analytischen Philosophie wollten sich mit dieser Entwicklung nicht zufriedengeben, weshalb sie sich wieder auf die Kantische Deontologie zur\u00fcckbezogen und versuchten, sie unter Ber\u00fccksichtigung ihrer Unzul\u00e4nglichkeiten neu aufzurollen und an wesentlichen Stellen neu zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor wir auf den bedeutendsten dieser Korrekturversuche zu sprechen kommen, werden wir jedoch zun\u00e4chst die urspr\u00fcngliche Kantische Deontologie vom Ansatz her erkl\u00e4ren: Im direkten Anschluss an das Projekt der Aufkl\u00e4rung, der rationalen Rechtfertigung der Moral, war es Kants Vorhaben, die Moral tats\u00e4chlich durch den alleinigen Bezug auf die autonome Vernunft zu begr\u00fcnden. Faktisch war es jedoch so, dass Kant den Moralbestand aus dem christlichen Erbe \u00fcbernahm und versuchte, gerade diesen rational zu begr\u00fcnden. Im Mittelpunkt seines Versuches standen dabei zwei Hauptthesen: Erstens, wenn die Gesetze der Moral rational sind, dann m\u00fcssen sie f\u00fcr alle vern\u00fcnftigen Menschen gleich sein, und zweitens, wenn die Gesetze der Moral f\u00fcr alle bindend sind, dann ist der Wille der Menschen, sie auszuf\u00fchren, das entscheidende Kriterium daf\u00fcr \u2013 und eben nicht die F\u00e4higkeit der Menschen \u2013 diese Gesetze \u00fcberhaupt zu befolgen. So war das Kantische Projekt der rationalen Rechtfertigung der Moral ein Projekt der Entwicklung eines rationalen Tests \u2013 dem <em>Kategorischen Imperativ<\/em> \u2013, der die Maximen bestimmen sollte, nach der der menschliche Wille sich im Streben nach der Verwirklichung der Moralgesetze ausrichten sollte. Kants Kategorischer Imperativ galt dabei als Werkzeug mit der Funktion, die widerspruchsfreie Verallgemeinerbarkeit von Handlungsmaximen zu testen. Dieser Anspruch auf widerspruchsfreie Verallgemeinerbarkeit r\u00fchrte daher, dass Kant die Welt in die Sinnenwelt (<em>mundus sensibilis<\/em>) und Geisteswelt (<em>mundus intelligibilis<\/em>) aufteilte, in dessen Rahmen der Mensch durch seine autonome Vernunft an der Geisteswelt teilnehme und dort im Rahmen des abstrakten moralischen Diskurses die Pflicht auferlegt bekomme, bestimmte Maxime als gesamtweltlich moralisch richtig auszuweisen. Aus diesem Grund bezeichnet man die Kantische Deontologie, entgegen des auf der Nutzenethik beruhenden Utilitarismus, auch als Pflichtethik. Ganz wesentlich war f\u00fcr Kant mit R\u00fcckbezug auf das Wesen der autonomen Vernunft dabei, jeglichen Bezug auf eine teleologische Dimension (wie zum Beispiel das Streben nach Gl\u00fcck oder die Verwendung des Schadensprinzips) oder \u00e4u\u00dferen Referenzpunkt (g\u00f6ttliche Gebote) aus dem Diskurs um die Rechtfertigung von Moral auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kritik an der Kantischen Deontologie war einschneidend. Im Fokus der Kritik stand die fehlende Eignung des Kategorischen Imperativs, Maxime der Moral auf \u00fcberzeugende Art und Weise abzuleiten. So waren fehlerhafte Argumentation und der Moral offenkundig widersprechende Maxime die Konsequenz des Kategorischen Imperativs. So schreibt MacIntyre, dass Kants eigene Argumente nicht nur grobe Fehler enthalten, es sei auch ganz einfach zu erkennen, dass viele unmoralische und triviale, nicht moralische Maxime durch Kants Pr\u00fcfung ebenso \u00fcberzeugend und manchmal noch \u00fcberzeugender unterst\u00fctzt werden als die moralischen Maxime, die Kant unterst\u00fctzen will. \u201e\u00bbHalte dein ganzes Leben alle Versprechen, bis auf eines\u00ab, \u00bbVerfolge alle, die falsche religi\u00f6se \u00dcberzeugungen haben\u00ab und \u00bbIss im M\u00e4rz am Montag immer Muscheln\u00ab bestehen die Pr\u00fcfung Kants, denn sie alle k\u00f6nnen folgerichtig verallgemeinert werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ferner produzierte die strikte Trennung zwischen Sinnen- und Geisteswelt eine radikale Trennung der Rechtfertigung der Moral von der praktischen Vernunft, die sich zum Beispiel auf das Abwenden von Schaden oder den Gehorsam gegen\u00fcber des g\u00f6ttlichen Gebots ausrichten k\u00f6nnte, sodass Kant kaum sinnvolle Gr\u00fcnde daf\u00fcr liefern konnte, das entsprechende moralische Handeln \u00fcberhaupt zu motivieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der einflussreichste Korrekturversuch im Anschluss an die Kantische Moralphilosophie war die Diskursethik von K.-O. Apel und J. Habermas, bei der sie zur\u00fcckgehend auf den von L. Wittgenstein ausgehenden sprachpragmatischen Paradigmenwechsel innerhalb der Philosophie versuchten, die Moral \u00fcber die sogenannte sprachpragmatische Transzendentalphilosophie rational zu begr\u00fcnden. Doch auch dieser Versuch muss heute vor dem Hintergrund, dass sich kaum Anh\u00e4nger \u00fcber den engen Kreis der Verfechter hinaus gefunden haben, faktisch als gescheitert gelten. So fasst Kuhn zusammen, dass alle Versuche einer Vernunftbegr\u00fcndung der Moral bislang zumindest in dem Sinne faktisch gescheitert sind, dass sie sich alle gegenseitig bek\u00e4mpfen und keine Anh\u00e4nger \u00fcber den engsten Kreis ihrer jeweiligen Verfechter hinaus gefunden haben. In Bezug auf die Diskursethik f\u00fcgt er hinzu: \u201eUnd dies gilt \u00fcbrigens gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Diskursethik in ihren verschiedenen Versionen. Diese Vorhaben sind und bleiben allesamt im besten Fall eben Projekte, ohne bereits berechtigten Anspruch auf eine erfolgreiche Durchf\u00fchrung erheben zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzten Endes kam es durch das Scheitern der beiden Hauptstr\u00f6mungen der Moralphilosophie, des Utilitarismus sowie der Kantischen Deontologie sowie der ihr anschlie\u00dfenden Korrekturversuche, die Moral auf ein rationales Fundament zu stellen, dazu, dass eine Kultur entstand, die als ma\u00dfgeblich emotivistisch zu bezeichnen ist. So war es zwar so, dass einzelne Moralphilosophen ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nach nicht-emotivistische Positionen vertraten, die Inkommensurabilit\u00e4t unterschiedlicher Ans\u00e4tze zur Begr\u00fcndung der Moral und ihre gegenseitigen Widerlegungen aber so zunahmen, dass hinter den einzelnen Begr\u00fcndungsversuchen notwendigerweise nichts weiter als nach au\u00dfen hin verborgene Gef\u00fchls- und Geschmacksurteile steckten. MacIntyre fasste diese ausweglose Begebenheit mit Bezug auf D. Hume, Kant und S. Kierkegaard auf bemerkenswerte Weise zusammen: \u201eSo wie Hume die Moral auf die Leidenschaften zu gr\u00fcnden sucht, weil seine Argumentation die M\u00f6glichkeit ausgeschlossen hat, sie auf die Vernunft zu gr\u00fcnden, so gr\u00fcndet Kant sie auf die Vernunft, weil seine Argumentation die M\u00f6glichkeit ausgeschlossen hat, sie auf die Leidenschaften zu gr\u00fcnden, und Kierkegaard gr\u00fcndet sie auf die kriterienlose, absolute Wahl aufgrund dessen, was er f\u00fcr das zwingende Wesen der \u00dcberlegungen h\u00e4lt, die sowohl die Vernunft wie die Leidenschaften ausschlie\u00dfen. So beruhte die Best\u00e4tigung der jeweiligen Position in wesentlichen Teilen auf dem Scheitern der beiden anderen, und die wirksame Kritik jeder Position durch die anderen erwies sich unter dem Strich als Scheitern aller. Das Projekt der rationalen Rechtfertigung der Moral war eindeutig gescheitert; und seitdem fehlte der Moral der uns vorausgegangenen Kultur \u2013 und anschlie\u00dfend auch unserer eigenen \u2013 jede \u00f6ffentliche, gemeinsame logische Grundlage oder Rechtfertigung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Konsequenz war die Inkoh\u00e4renz und die Verwahrlosung des moralischen Diskurses, welcher nichts anderes als die Selbstzerst\u00f6rung von Moral und Ethik zur Folge hatte, die wir heute an allen Ecken und Enden der Welt mit gar nicht allzu gro\u00dfer Verwunderung erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dieser zutiefst emotivistischen und folglich gespaltenen modernen Moralphilosophie entstand ein gespaltener gesellschaftlicher Bewusstseinszustand, vor dessen Hintergrund alle so tun, als w\u00e4re das Projekt der Aufkl\u00e4rung, die Begr\u00fcndung der Moral durch die autonome Vernunft, gegl\u00fcckt, wohingegen die Art des zumeist doppelmoralischen Gebrauches vollkommen emotivistisch abl\u00e4uft. Dieses ist ein sowohl den theoretischen moralischen Diskurs als auch die gesellschaftliche Praxis durchziehendes Merkmal, bei dem sich eine enorme Kluft zwischen moralischen Ausdr\u00fccken, die so formuliert werden, als w\u00e4re die rationale Rechtfertigung vollzogen, und der Art ihres Gebrauches, der zumeist emotivistisch und unter Vorzeichen h\u00f6herer Interessen und instrumentellen Nutzens abl\u00e4uft, auftut. So geht aus dieser der modernen Moralphilosophie zugrunde liegenden Inkoh\u00e4renz eine Unstimmigkeit zwischen der moralischen Autonomie des Individuums und der systematischen Manipulation der die gesellschaftliche Ordnung bestimmenden Instanzen hervor, die die Paradoxie der modernen politischen Kultur auszeichnet. Konsequenz sind endlose Debatten mit unvereinbaren Standpunkten im Rahmen eines Gegensatzes zwischen einem auf Rechte gegr\u00fcndetem Individualismus und der auf Nutzen, Machtinteressen und Willk\u00fcr ausgerichteten sozialen Ordnungssysteme. Gerade dieses Verh\u00e4ltnis steht stellvertretend f\u00fcr den Gegensatz zwischen dem individuellen Anspruch der Menschenrechte auf der einen und der Art ihres gesellschaftspolitischen Gebrauches auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00f6chten diesen zweiten Teil mit einem l\u00e4ngeren Zitat von MacIntyre abschlie\u00dfen, welches es sich im Sinne einer Reflexion des bisher Gesagten lohnt, auf der Zunge zergehen zu lassen: \u201edass dem Menschen einfach in seiner Eigenschaft als Mensch solche Rechte [(Menschenrechte)] zu eigen sein sollten, erscheint im Licht der Tatsache nat\u00fcrlich etwas seltsam [&#8230;], dass es n\u00e4mlich bis fast zum Ende des Mittelalters in keiner alten oder mittelalterlichen Sprache einen Ausdruck gibt, der genau unserem \u00bbRecht\u00ab entspr\u00e4che; dieser Vorstellung fehlt vor etwa 1400 im Hebr\u00e4ischen, Griechischen, Lateinischen und Arabischen, klassisch wie mittelalterlich, jede Ausdrucksm\u00f6glichkeit, ebenso im Altenglischen, im Japanischen sogar bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Daraus folgt selbstverst\u00e4ndlich nicht, dass es keine Natur- oder Menschenrechte gibt; es folgt daraus nur, dass niemand hatte wissen k\u00f6nnen, dass es welche gab. Und zumindest das wirft einige Fragen auf. Aber wir brauchen uns nicht durch die Suche nach Antworten aus dem Konzept bringen zu lassen, denn die Wahrheit ist einfach: es gibt keine solchen Rechte, und der Glaube daran entspricht dem Glauben an Hexen und Einh\u00f6rner. Der beste Grund f\u00fcr die forsche Behauptung, es g\u00e4be keine solchen Rechte, ist von genau der gleichen Art wie der beste Grund, den wir f\u00fcr die Behauptung besitzen, es g\u00e4be keine Hexen, und wie der beste Grund, den wir f\u00fcr die Behauptung besitzen, es g\u00e4be keine Einh\u00f6rner: alle Versuche, stichhaltige Gr\u00fcnde f\u00fcr die \u00dcberzeugung zu liefern, dass es solche Rechte <em>gibt<\/em>, sind gescheitert. Die philosophischen Verfechter der Naturrechte des 18. Jahrhunderts erkl\u00e4ren an einigen Stellen, dass Behauptungen, dass der Mensch solche Rechte besitze, selbstverst\u00e4ndliche Wahrheiten seien; aber wir wissen, dass es keine selbstverst\u00e4ndlichen Wahrheiten gibt. Moralphilosophen des 20. Jahrhunderts haben sich gelegentlich auf ihre und unsere Intuitionen berufen; aber wir sollten aus der Geschichte der Moralphilosophie doch wenigstens das gelernt haben, dass die Einf\u00fchrung des Wortes \u00bbIntuition\u00ab durch einen Moralphilosophen immer ein Zeichen daf\u00fcr ist, dass bei der Beweisf\u00fchrung etwas gr\u00fcndlich danebengegangen ist. In der UN-Deklaration der Menschenrechte von 1949 wird rigoros eingehalten, was seither zur g\u00e4ngigen UN-Praxis geworden ist \u2013 es werden f\u00fcr welche Erkl\u00e4rung auch immer <em>keine<\/em> guten Gr\u00fcnde mehr geltend gemacht. Und der letzte F\u00fcrsprecher dieser Rechte, Ronald Dworkin [&#8230;], r\u00e4umt ein, dass das Bestehen solcher Rechte nicht nachgewiesen werden kann, bemerkt zu diesem Punkt jedoch, dass aus der Tatsache, dass eine Behauptung nicht nachgewiesen werden kann, nicht folgt, dass sie nicht zutrifft [&#8230;]. Was zwar richtig ist, aber genauso gut f\u00fcr die Verteidigung der Behauptung, es g\u00e4be Einh\u00f6rner und Hexen, verwendet werden kann.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Anschluss an die Einsichten aus dem ersten Teil werden wir nun im zweiten Teil die Frage behandeln, ob die fehlende Universalit\u00e4t der s\u00e4kular-liberalen Menschenrechte nicht einfach nur die Konsequenz eines fehlerhaften\/unzureichenden Begr\u00fcndungsversuches<\/p>\n","protected":false},"author":50,"featured_media":2666,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[1031,1118,1743],"class_list":["post-10563","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","tag-gescheiterte","tag-guillotinen","tag-menschenrechte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10563","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/50"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10563"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10563\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10563"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10563"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10563"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}