{"id":10551,"date":"2020-12-21T00:00:00","date_gmt":"2020-12-20T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10551"},"modified":"2020-12-21T00:00:00","modified_gmt":"2020-12-20T23:00:00","slug":"liberale-spaltungsversuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10551","title":{"rendered":"Liberale Spaltungsversuche"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den j\u00fcngsten Anschl\u00e4gen in Frankreich und \u00d6sterreich waren sich Politik und Medien in einem Punkt schnell einig. Das Ziel der <em>Terroristen<\/em> bestehe nach wie vor darin, durch Anschl\u00e4ge wie diese die liberalen Gesellschaften Europas zu spalten und Menschen entlang ethnischer und identit\u00e4rer Linien zu trennen. Es seien Angriffe <em>auf unsere liberale Demokratie.<\/em><em>Dieser Terror will die Art und Weise zerst\u00f6ren, wie wir zusammenleben<\/em>, so Bundesau\u00dfenminister Heiko Maas kurz nach den Ereignissen in Wien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Narrativ, das im \u00f6ffentlichen Diskurs inzwischen nach jedem Anschlag vehement forciert wird. Danach verfolgten <em>Islamisten<\/em> wie der Wiener Attent\u00e4ter oder auch eine Person wie Anis Amri die Strategie, einen Keil zwischen die Mehrheitsgesellschaft und die muslimische Community zu treiben; die Muslime haben sich fremd zu f\u00fchlen und dieses Gef\u00fchl der Fremdheit soll stetig wachsen. Schlie\u00dflich seien sie auf dem europ\u00e4ischen Kontinent ohnehin unerw\u00fcnscht, was insbesondere durch die Assimilationspolitik deutlich zum Ausdruck kommt. Ob das die tats\u00e4chlichen Beweggr\u00fcnde der Attent\u00e4ter waren, kann im Nachhinein nicht mehr gepr\u00fcft werden, da sie von den Sicherheitskr\u00e4ften an Ort und Stelle liquidiert wurden. Sie k\u00f6nnen somit nicht mehr zu Wort kommen. Dennoch steht dieses Narrativ auf \u00e4u\u00dferst wackeligen Beinen, da es von den Attent\u00e4tern ein recht widerspr\u00fcchliches Bild zeichnet. In den Medien ist einerseits die Rede davon, dass es sich um Personen handelt, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich eine kriminelle Vergangenheit haben, eine hohes Gewaltpotenzial besitzen und zu den Verlierern der Gesellschaft geh\u00f6ren. Andererseits muss man aus der oben beschriebenen Strategie schlie\u00dfen, dass die Beh\u00f6rden es hier offenbar mit Ideologen zu tun haben, welche die weltanschaulichen Diskrepanzen zwischen der islamischen und westlich-liberalen Lebensweise exakt verstanden und diese zum Dreh- und Angelpunkt f\u00fcr ihre militanten Aktionen gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ungeachtet dessen, ob dieses Narrativ die Motive der Attent\u00e4ter korrekt wiedergibt, stellt sich die viel interessantere Frage, was die liberalen Gesellschaften diesen vermeintlichen <em>Spaltungsversuchen<\/em> entgegensetzen k\u00f6nnen. Neben den \u00fcblichen Themen, die sich meist um sch\u00e4rfere Ma\u00dfnahmen und einer Ausweitung polizeilicher Befugnisse drehen, ist ein weiterer Schwerpunkt in der Diskussion zu beobachten. Wie k\u00f6nnen die hierlebenden Muslime f\u00fcr einen <em>gemeinsamen Kampf gegen den Islamismus<\/em> \u00fcberhaupt gewonnen werden. Eine derartige Kooperation w\u00fcrde nur dann stattfinden, wenn zun\u00e4chst ein <em>Wir-Gef\u00fchl<\/em> konstruiert werden k\u00f6nnte und die hierlebenden Muslime sich auf dieser Grundlage als Teil der Gesellschaft begreifen. Darin sieht der Journalist Ronen Steinke ein europ\u00e4isches Gegenprogramm zu <em>islamistischen Identit\u00e4ren<\/em>. In einem Kommentar f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung erkl\u00e4rt Steinke, dass ein politischer Raum geschaffen werden m\u00fcsse, in dem Menschen trotz ihrer verschiedenen Muttersprachen, ihren unterschiedlichen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen und nationalen Identit\u00e4ten dennoch <em>gemeinsam und gleichberechtigt eine politische Repr\u00e4sentanz w\u00e4hlen<\/em>. Mit anderen Worten soll ein Minimalkonsens hergestellt werden, der sich aus dem liberalen Menschenbild und den daraus abgeleiteten Grundwerten zusammensetzt. Sind diese gedanklichen Voraussetzungen einmal gegeben, m\u00fcssten in der Folge politische Ma\u00dfnahmen \u2013 wie heftig sie f\u00fcr das islamische Leben auch ausfallen m\u00f6gen \u2013 von Muslimen ebenso mitgetragen werden. Etwas deutlicher und konfrontativer beschreibt Innenminister Horst Seehofer die gesellschaftliche Rolle der muslimischen Gemeinschaft w\u00e4hrend der Er\u00f6ffnungsrede in der DIK-Videokonferenz zur Imamausbildung. Darin lobte er diejenigen <em>muslimischen Akteure<\/em>, die sich mit ihrem Engagement f\u00fcr Demokratie und gegen Extremismus einsetzten, indem er sagte: <em>Sie wollen diese Gesellschaft und dieses Land st\u00e4rken, statt mit Gewehren und Messern zu morden<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Versuch, die hierlebenden Muslime als Teil der Gesellschaft und somit auch f\u00fcr den <em>Kampf gegen Extremismus<\/em> zu gewinnen scheitert nicht nur an politischen Statements wie diesem. Die tats\u00e4chliche Problematik liegt in der grunds\u00e4tzlichen Auffassung dar\u00fcber, wie der Umgang mit weltanschaulichen Minderheiten auszusehen hat. Den g\u00e4ngigen Integrationsans\u00e4tzen zufolge k\u00f6nne nur ein gesamtgesellschaftliches Wertebekenntnis den sozialen Frieden sicherstellen, und dieser m\u00fcsse auch von Minderheiten ausnahmslos eingefordert werden. L\u00f6sen die Minderheiten diese Bekenntnisforderung nicht ein, wird dieser Zustand als existenzgef\u00e4hrdend f\u00fcr Staat und Gesellschaft verstanden. Seehofers martialischer Vergleich spiegelt ein solches B\u00fcrgerkriegsszenario deutlich wider, da er den Muslimen lediglich zwei Optionen offenh\u00e4lt. Entweder krempeln sie ihre \u00c4rmel hoch und arbeiten an der demokratischen Optimierung der Gesellschaft mit oder sie stehen ihr feindlich und bewaffnet gegen\u00fcber und wirken auf ihren Untergang hin. Demzufolge soll die Identifikation mit der Mehrheitsgesellschaft und ihren Werten als Gradmesser dienen, um die Muslime in einer dieser beiden Kategorien verorten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Unf\u00e4higkeit, ein alternatives Modell jenseits von weltanschaulichen Bekenntniszw\u00e4ngen zu konzipieren, darf man allerdings nicht auf das blo\u00dfe Versagen einer bestimmten Politik bzw. der Integrationspolitik reduzieren. Vielmehr l\u00e4sst sich diese Unf\u00e4higkeit auf die historischen Entwicklungen im Zuge der Religionskriege in Europa sowie der darauffolgenden Entstehung des <em>modernen Nationalstaates<\/em> zur\u00fcckf\u00fchren. Denn diese Ereignisse bildeten die Grundlage f\u00fcr einen Gesellschaftsentwurf, der nicht nur das Religi\u00f6se neu definierte, sondern auch den Umgang mit unterschiedlichen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Auf der Suche nach einer neuen Legitimationsquelle f\u00fcr Staat und Gesellschaft entstand die Vorstellung einer kulturellen und sprachlichen Homogenit\u00e4t, die f\u00fcr die Schaffung der sp\u00e4teren Nationalstaaten von konstituierender Bedeutung sein sollte. Die nationale Einheit erm\u00f6glichte es, religi\u00f6se \u00dcberzeugungen und religi\u00f6sen Aktivismus auf eine bestimmte Art zu formen und somit kontrollierbar zu machen. Homogenit\u00e4t und S\u00e4kularit\u00e4t im Rahmen des Nationalstaates waren demzufolge die Voraussetzungen f\u00fcr die Neutralisierung religi\u00f6ser Str\u00f6mungen einerseits. Und andererseits wurde auf dieser Grundlage die sp\u00e4tere Forderung nach einem gesamtgesellschaftlichen Wertebekenntnis formuliert, das seitdem als Garant f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt erachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau diese gesellschaftliche Betrachtung ist der Grund daf\u00fcr, weshalb es bislang nicht m\u00f6glich ist, eine vern\u00fcnftige Basis f\u00fcr ein friedliches und konstruktives Zusammenleben mit der muslimischen Gemeinschaft zu schaffen. Sie ist ebenso ein wesentlicher Grund f\u00fcr die Unf\u00e4higkeit seitens Politik und Medien, sich mit Ereignissen, wie sie zuletzt in Frankreich und \u00d6sterreich stattfanden, n\u00fcchtern und sachlich zu befassen. Denn wird eine weltanschauliche Minderheit vor die Wahl gestellt, sich zu entscheiden, ob sie lieber <em>Freund <\/em>oder<em> Feind<\/em> der Mehrheitsgesellschaft sein m\u00f6chte, ohne dabei eine dritte Option zwischen diesen beiden Extremen in Betracht zu ziehen, sind soziale Konflikte vorprogrammiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund m\u00fcsste das anfangs erw\u00e4hnte Narrativ vielmehr lauten: die liberale Gesellschaft spaltet und trennt die Menschen entlang eines <em>Freund-Feind-Schemas.<\/em> In welcher dieser beiden Kategorien die muslimische Gemeinschaft letztlich verortet werden kann, h\u00e4ngt von ihrer Bereitschaft ab, sich zu den herrschenden Werten zu bekennen. Auf diese Weise wird im Vorfeld jede M\u00f6glichkeit ausgeschlossen, einen dritten gangbaren Weg einzuschlagen; ein Modell das die weltanschauliche Andersartigkeit der Muslime anerkennt, ohne sie gleichzeitig als <em>Feinde der Gesellschaft<\/em> zu brandmarken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den j\u00fcngsten Anschl\u00e4gen in Frankreich und \u00d6sterreich waren sich Politik und Medien in einem Punkt schnell einig.<\/p>\n","protected":false},"author":109,"featured_media":2646,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[1633,335,2446],"class_list":["post-10551","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-liberale","tag-oesterreich","tag-spaltungsversuche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10551","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/109"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10551"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10551\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kalifat1.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}