{"id":10034,"date":"2016-03-28T00:00:00","date_gmt":"2016-03-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10034"},"modified":"2016-03-28T00:00:00","modified_gmt":"2016-03-27T22:00:00","slug":"psychoanalytischer-bumerang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10034","title":{"rendered":"Psychoanalytischer Bumerang"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was treibt einen jungen Menschen dazu, sich in der Bl\u00fctezeit seiner Jugend radikalen Ideen hinzugeben? Eine Frage, die derzeit vor allem die islamische Welt vor gro\u00dfen Herausforderungen stellt. M\u00f6gliche Ursachen f\u00fcr eine derartige Entwicklung haben in den vergangenen Jahren diverse wissenschaftliche Disziplinen akribisch herausgearbeitet, und so kann der oft komplexe Weg der Radikalisierung inzwischen recht genau beschrieben werden. Der folgende Fall portr\u00e4tiert das traurige Schicksal eines Jugendlichen, dem seine Unbedarftheit gegen\u00fcber radikalen Rattenf\u00e4ngern am Ende zum Verh\u00e4ngnis wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem kleinen Ort nahe Tel Aviv wuchs der 13-j\u00e4hrige Ahmad auf. Mit seinem wilden Lockenkopf galt er seit jeher als sch\u00fcchterner Junge, der mit seinen Freunden in diesem staubigen Nest mitten im besetzten Pal\u00e4stina gerne Fu\u00dfball spielte. Obwohl er in der Schule verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gute Leistungen vorwies, machte ihm seine Schamhaftigkeit zu schaffen, in der er keine Charaktertugend sondern vielmehr einen pers\u00f6nlichen Makel sah. Dennoch ging er seinem Alltag wie jeder andere Jugendliche nach. Gleichwohl lernte er mit den zum Teil widrigen Umst\u00e4nden seiner Zeit zu leben. Neben der Schule besuchte er regelm\u00e4\u00dfig die Moschee und engagierte sich sp\u00e4ter f\u00fcr die Muslimbruderschaft. Angesichts der angespannten politischen Lage, in der sich das von Israel besetzte Land befand, waren die Freizeitm\u00f6glichkeiten der Jugendlichen zwar begrenzt, f\u00fcr Ahmad reichte es zun\u00e4chst dennoch aus. Und so organisierte speziell die Moscheegemeinde in seinem Dorf zahlreiche Ausfl\u00fcge. Zuweilen besuchte er gemeinsam mit der Gruppe auch Seminare, in denen \u00fcber islamische Themen gesprochen sowie \u00fcber die brisanten Ereignisse im Nahen Osten diskutiert wurde. So weit so gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch mit der Zeit versp\u00fcrte Ahmad ein Gef\u00fchl der Entfremdung. Gewisse Verwerfungen, die er in der F\u00fchrungsriege der Muslimbruderschaft mitbekam, gaben ihm zu denken. Vor allem aber st\u00f6rte ihn sein Schamgef\u00fchl gegen\u00fcber dem weiblichen Geschlecht. Das harmonische Sexualleben innerhalb einer Ehe betrachtete er zunehmend als \u201eTabuisierung\u201c der Sexualit\u00e4t. Infolgedessen fing er an, den Wertekodex seiner Heimat allm\u00e4hlich in Frage zu stellen. Doch niemand machte sich zu dieser Zeit sorgen, dass Ahmad in ein fragw\u00fcrdiges Milieu abdriften k\u00f6nnte. Dies sollte sich jedoch schlagartig \u00e4ndern, als er sich nach seinem Abitur an der Universit\u00e4t Tel Aviv f\u00fcr ein Psychologiestudium einschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das neue Leben in der Gro\u00dfstadt \u00f6ffnete ihm die T\u00fcr zu einer Welt, die er bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Der erste Kontakt mit jenen Studenten, die eine freiz\u00fcgige Lebensweise an den Tag legten, wirkte auf Ahmad zun\u00e4chst befremdlich und irritierend, machte ihn aber gleichzeitig neugierig. Er begann die bizarre Literatur eines Sigmund Freud sowie dessen perverses Weltbild zu studieren und setzte sich mit westlichen Ideen auseinander. Doch aufgrund seiner einf\u00e4ltigen Denkweise und einer instabilen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur gelang es ihm nicht, diese Inhalte kritisch zu reflektieren. Stattdessen f\u00fchlte er sich mit den soziokulturellen Verh\u00e4ltnissen seiner Heimat zusehends \u00fcberfordert. Gegei\u00dfelt von einer bipolaren Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung, die ihn unaufh\u00f6rlich zwischen zwei Welten taumeln lie\u00df, suchte Ahmad nach einfachen Antworten, die vor allem seinen gest\u00f6rten Sexualvorstellungen entsprechen sollten. Und so suggerierte ihm die Idee der menschlichen Selbstbestimmung, dass es keine absoluten Standards g\u00e4be und somit auch keine verbindliche Moralvorstellung. Geleitet von dieser eindimensionalen Sichtweise gab er sich nun einem ausschweifenden Leben hin, in dem selbst exzessiver Alkoholkonsum nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln nach sich zog und promiskuitives Sexualverhalten zum guten Ton geh\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich \u00e4nderten sich auch seine Argumentationsmuster. Pl\u00f6tzlich fehlte ihm die F\u00e4higkeit, gesellschaftspolitische Verh\u00e4ltnisse differenziert zu betrachten. Durch den \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Konsum an westlicher Berichterstattung, die h\u00e4ufig auf interessengeleitete und realit\u00e4tsverzerrende Inhalte setzt, entwickelte Ahmad eine einseitige und pauschalisierte Wahrnehmung s\u00e4mtlicher Konflikte, die sich in der islamischen Welt abspielten. So f\u00fchrte er die Missst\u00e4nde in seinem Land wie auch im gesamten Nahen Osten ausschlie\u00dflich auf das Verhalten der Muslime und ihr \u201earchaisches\u201c Weltbild zur\u00fcck. Einen m\u00f6glichen Zusammenhang zwischen den regionalen Verh\u00e4ltnissen und der westlichen Au\u00dfenpolitik blendete er hingegen aus. Er unterstellte den Muslimen, es sich in der ber\u00fcchtigten Opferrolle \u201egem\u00fctlich\u201c gemacht zu haben, um von den eignen Defiziten abzulenken. Auf diese Weise verfiel er in extreme Denkschemata und offenbarte gleichzeitig eine fehlende Ambiguit\u00e4tstoleranz, die letztlich dazu f\u00fchrte, dass er abweichende Meinungen nicht mehr akzeptierte und seine genuine Kultur von nun als \u201epatriarchalisch\u201c abwertete. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrde letztere durch ihre vermeintliche Tabuisierung der Sexualit\u00e4t ein Gewaltpotenzial bei jungen Menschen freisetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine abf\u00e4llige Haltung gegen\u00fcber der eigenen Gesellschaft und das Gef\u00fchl auf dem \u201erichtigen Weg\u201c zu sein, weckten in ihm den Wunsch auszuwandern; in ein Land, das ihm ein aus seiner Sicht wahrhaft \u201efreies\u201c Leben erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Im Jahre 2005 war es dann so weit. F\u00fcr sein Diplomstudium kam er nach Berlin an die Humboldt-Universit\u00e4t und konnte von nun an den freiheitlichen Lifestyle aus erster Hand erleben. Zudem sah er sich als radikaler Demokrat mit Exklusivit\u00e4tsanspruch dazu berufen, Andersdenkende zu missionieren und auf den heiligen Pfad der menschlichen Selbst\u00fcberh\u00f6hung zu f\u00fchren. Dabei geriet die muslimische Community in Deutschland rasch in das Fadenkreuz des selbsternannten Heilsbringers. Denn er sah sich mit einer Generation konfrontiert, die sich partout weigert, die in Deutschland herrschenden Wertvorstellungen anzunehmen. Um die Initiative zu ergreifen, schloss sich der leidenschaftliche Vork\u00e4mpfer extremistischen Vereinigungen an, die in der Verbreitung westlichen Gedankenguts ihren Lebensinhalt sehen. Seitdem ist Ahmad im Dienste der bundesrepublikanischen Wertediktatur unterwegs, um die muslimischen Jugendlichen dem staatlich verordneten Identit\u00e4tswandel zu unterziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Lebensweg von Ahmad zeigt exemplarisch auf, welchen Prozess junge Muslime auf ihrem Weg zum radikalen Demokraten durchlaufen. Jeder Fall ist nat\u00fcrlich individuell zu betrachten. Doch es sind ebenso eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten zu erkennen, an denen die Pr\u00e4ventionsarbeit ansetzen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer an dieser Stelle denkt, der Autor h\u00e4tte die Bild-Zeitung r\u00fcckw\u00e4rts gelesen, der liegt gar nicht mal so falsch. Zwar beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit und ihr Hauptprotagonist ist in der Tat eine reale Person. Es handelt sich n\u00e4mlich um den Psychologen und \u201eIslamismus-Experten\u201c Ahmad Mansour. Doch die Darstellung seiner Biographie h\u00e4tte in dieser Form niemals Einzug in die deutsche \u00d6ffentlichkeit erlangt. Denn nach der landl\u00e4ufigen Perspektive kann eine geistige Kehrtwende als \u201eRadikalisierung\u201c nur dann bezeichnet werden, wenn sich die betreffende Person am Ende f\u00fcr den \u201eIslamismus\u201c entscheidet. F\u00e4llt die Wahl dagegen auf die Demokratie, wird dieser Schritt als Erleuchtung gefeiert. Wie widerspr\u00fcchlich dieses Narrativ jedoch ist, zeigt sich an Mansours offizieller Vita, die derzeit in den Medien aufzulesen ist. Obwohl sein radikaler Sinneswandel erst an jenem Punkt begonnen hat, als er sich mit dem westlichen Gedankengut auseinandersetzte, besteht Mansour dennoch darauf, seinen pers\u00f6nlichen \u201eRadikalisierungsprozess\u201c in der jugendlichen Hinwendung zum \u201eIslamismus\u201c zu verorten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass er dieses Paradoxon nicht erkennt, l\u00e4sst ernsthaft an seiner Qualifikation als Diplom-Psychologe zweifeln. Zwar r\u00fchmt sich Mansour gerne damit, das Ph\u00e4nomen des \u201ereligi\u00f6sen Extremismus\u201c unter dem Gesichtspunkt der Individual- sowie der Sozialpsychologie zu bewerten, was ihn von der hysterischen Meute \u00e0 la Hamed Abdel-Samad und Konsorten abheben soll. Doch von einer intellektuellen Brillanz kann in diesem Fall keine Rede sein. Besonders deutlich wird dies an der von ihm vorgeschlagenen Pr\u00e4ventionsarbeit bei jungen Muslimen, denen er eine Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr \u201eradikale\u201c Ideen attestiert. Aus seiner Sicht fehlt es ihnen vor allem am kritischen Denken, das sie aufgrund der <i>\u201epatriarchalischen Erziehungsmethoden\u201c<\/i> ihrer Eltern nie entwickelt h\u00e4tten. Daher bestehe f\u00fcr Mansour die L\u00f6sung zu aller erst darin, die muslimischen Jugendlichen mit dieser \u201eKernkompetenz\u201c auszustatten, um sie im Anschluss f\u00fcr eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur zu begeistern. Scheinbar ist dem Vorzeigedemokraten jedoch entgangen, dass es gerade die \u201eRadikalen\u201c sind, die vor allen anderen \u00fcber einen ausgepr\u00e4gten kritischen Geist verf\u00fcgen. Schlie\u00dflich geben sie sich den herrschenden Verh\u00e4ltnissen innerhalb einer Gesellschaft nicht ohne weiteres hin, was sich in erster Linie dadurch ausdr\u00fcckt, dass sie von der Mehrheitsgesellschaft mit unterschiedlichen Attributen \u2013 wie \u201eradikal\u201c oder \u201eextremistisch\u201c \u2013 gebrandmarkt werden. Und so haben auch die in Deutschland aufgewachsenen und sozialisierten \u201eIslamisten\u201c die hiesigen Werte grundlegend hinterfragt und sind zu einem f\u00fcr Mansour niederschmetterndem Urteil gekommen: die Ablehnung der freiheitlichen Demokratie und das kompromisslose Festhalten an ihrer islamischen Identit\u00e4t. Dass Mansour ihnen das kritische Denken trotz dessen abspricht, offenbart die wahren Absichten seiner Pr\u00e4ventionsarbeit, die sich in der Agitation westlicher Ideen widerspiegelt. Die muslimischen Jugendlichen h\u00e4tten nicht nur diese Ideen zu akzeptzieren, sondern dar\u00fcber hinaus sein \u201eIslamverst\u00e4ndnis\u201c anzunehmen, welches <i>\u201ekeine politische Dimension\u201c<\/i> besitzt und <i>\u201eoffen f\u00fcr Kritik\u201c<\/i> ist. Andernfalls will Mansour die ideologischen Gesch\u00fctze auffahren: <i>\u201eWas uns als Gesellschaft verbinden sollte, sind die Gesetze der Demokratie und der Menschenrechte. Wer sich dem verweigert und Werte propagiert, die verfassungsfeindlich sind, gegen den muss vorgegangen werden.\u201c<\/i> Trotz dieser Kampfansage wird sich der Popul\u00e4rpsychologe dennoch eingestehen m\u00fcssen, dass die demokratischen Werte kontinuierlich darin versagen, den Menschen in dieser Gesellschaft ein attraktives Sinnangebot zum Leben anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es mag sein, dass Mansour mit seinen debilen Geistesblitzen so manchen Wutb\u00fcrger in freudige Ekstase versetzt. Unter dem Strich ist seine gesamte Argumentation jedoch ein einziges Armutszeugnis. Denn durch seine dilettantischen Ausf\u00fchrungen hat er lediglich an die gedanklichen Erg\u00fcsse seiner Vorg\u00e4nger angekn\u00fcpft, ohne einen inhaltlichen Mehrwert geschaffen zu haben. Selbst dem eigenen Anspruch ist der \u201eGegner\u201c monokausaler Erkl\u00e4rungen nicht einmal ansatzweise gerecht geworden. Sein waghalsiger Versuch, den \u201eRadikalisierungsprozess\u201c junger Menschen aus psychologischer Sicht zu beleuchten, entpuppt sich f\u00fcr Mansour als psychoanalytischer Bumerang, der nicht mehr als eine Projektion seiner geistigen Entwicklung auf andere ist. So verlagert Mansour seinen innerpsychischen Konflikt auf junge Muslime, denen er ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zum anderen Geschlecht unterstellt, ohne zu bemerken, dass er sich in einem introspektiven Zustand befindet und sein eigenes Dilemma beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird deutlich, wie flexibel sich das offizielle Radikalismus-Modell auf andere \u00fcbertragen l\u00e4sst. Dabei demonstriert das Beispiel von Ahmad Mansour auf kuriose Weise, dass nicht einmal die Verfechter derartiger Erkl\u00e4rungsmuster vor der Diagnose einer dissozialen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung gefeit sind. Falls es in der Mehrheitsgesellschaft in puncto \u201eRadikalisierung\u201c zu keinem nennenswerten Umdenken kommt, k\u00f6nnte sich das besagte Problem f\u00fcr die BRD in Zukunft noch dramatisch zuspitzen. Denn statt sich mit der islamischen Community endlich an einen Tisch zu setzten, werden zweifelhafte Personen aus dem Dunstkreis ehemaliger Muslime angeheuert, die den bereits existierenden Vorurteilen lediglich ein neues Gewand verleihen. Solange aber ihresgleichen die Deutungshoheit zu diesem Thema vorbehalten bleibt, werden sich die B\u00fcrger hierzulande auch in Zukunft regelrecht die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen, wenn es nach einem weiteren Anschlag in Europa wieder hei\u00dft: Warum radikalisieren sich junge Menschen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was treibt einen jungen Menschen dazu, sich in der Bl\u00fctezeit seiner Jugend radikalen Ideen hinzugeben? Eine Frage, die derzeit vor allem die islamische Welt vor gro\u00dfen Herausforderungen stellt. 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