{"id":10011,"date":"2015-11-03T00:00:00","date_gmt":"2015-11-02T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10011"},"modified":"2015-11-03T00:00:00","modified_gmt":"2015-11-02T23:00:00","slug":"saekulare-blaupause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kalifat1.com\/?p=10011","title":{"rendered":"S\u00e4kulare Blaupause"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass westliche Kommentatoren bei der Beurteilung politischer Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten gerne zur eurozentrischen Brille greifen, ist gemeinhin bekannt. Gem\u00e4\u00df dem Narrativ hiesiger Intellektueller wird die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der islamischen L\u00e4nder nicht zuletzt mit fehlenden demokratischen sowie zivilstaatlichen Strukturen begr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jegliche Aufw\u00e4rtsentwicklung scheitere zudem an der sturen Haltung der Muslime, ihr Verh\u00e4ltnis zur Religion nach europ\u00e4ischem Vorbild neu zu definieren. Gerade im Hinblick auf die j\u00fcngsten Entwicklungen in Syrien und im Irak scheinen externe Beobachter nur allzu gerne Analogien zur eigenen Kulturgeschichte zu ziehen, um sowohl die Bruchlinien dieses Konflikts zu erl\u00e4utern als auch m\u00f6gliche Szenarien zu prophezeien. Dass einige in diesem Zusammenhang \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen, ist wohl der eigenen Wahnvorstellung geschuldet, wonach das westliche Gedankengut der universale Lebensnerv der irdischen Ordnung sei.<br><br>Auf diesen Zug aufgesprungen ist auch der politische Redakteur der <i>\u201eFAZ\u201c<\/i>, Rainer Hermann, der in seinem aktuellen Buch mit dem Titel<i> \u201eEndstation Islamischer Staat?\u201c<\/i> eine Neuauflage europ\u00e4ischer Religionskriege im Nahen Osten ausgemacht haben will. Darin erkl\u00e4rt er die Levante zum <i>\u201eSchlachtfeld des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs der Araber in der Gegenwart\u201c<\/i>. Die Parallelen seien laut Hermann neben der beispiellosen Gewaltbereitschaft seiner Protagonisten haupts\u00e4chlich im konfessionellen Streit zwischen Sunniten und Schiiten eindeutig abzulesen, der die islamische Welt bis in die heutige Zeit verfolge. Zudem wurde der Konflikt zwischen Protestanten und der katholischen Kirche, unterst\u00fctzt von den jeweiligen Regionalm\u00e4chten, in Form eines Stellvertreterkrieges auf deutschem Boden ausgetragen. \u00dcbertragen auf die heutige Zeit <i>\u201estehen sich als rivalisierende Regionalm\u00e4chte Saudi-Arabien (\u2026) und der schiitische Iran gegen\u00fcber\u201c<\/i>, die Syrien als ihr Aktionsgebiet auserkoren haben und wie die damaligen M\u00e4chte bereits vorgemacht,<i> \u201eS\u00f6ldner und Waffen auf das Schlachtfeld, das nicht ihr Land war\u201c<\/i> schickten. Der <i>\u201ezerst\u00f6rerische Kampf zwischen dem wahhabitisch-sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran\u201c<\/i> sei demzufolgeder eigentliche Grund f\u00fcr die Fortsetzung des Krieges, wobei Interessen globaler Akteure bei dieser Analyse geflissentlich ausgeklammert werden. Der Ausgang dieses Konflikts scheint f\u00fcr den selbsternannten Nahost-Experten noch ungewiss zu sein. In jedem Fall stellt Hermann fest, dass <i>\u201eSunniten und Schiiten von ihrem \u201aWestf\u00e4lischen Frieden\u2018 und der Einsicht der Vorteile einer s\u00e4kularen Ordnung noch weit entfernt\u201c<\/i> zu sein scheinen.<br><br>Obwohl derartig verzerrte Deutungen keine Seltenheit in der westlichen Berichterstattung sind, dr\u00e4ngt sich angesichts dieser wirren Argumentation die Frage auf, ob von einer ernstzunehmenden Unkenntnis der eigenen Geschichte die Rede sein muss oder der k\u00fchne Versuch unternommen werden soll, das Ursache-Wirkungs-Prinzip nach marxistischer Art <i>\u201evom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen\u201c<\/i>. Vielleicht ist es nach \u00fcber einem halben Jahrtausend kontinuierlichem Blutvergie\u00dfen auf europ\u00e4ischem Boden dem besagten Autor entgangen, dass der Ursprung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges haupts\u00e4chlich auf die Zerw\u00fcrfnisse zwischen der katholischen Kirche und der protestantischen Bewegung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Kernpunkt dieses Streits waren bekannterma\u00dfen die Machtstellung des Papstes und seine alleinige Autorit\u00e4t \u00fcber die Auslegung der Bibel, die von Martin Luther und Konsorten vehement abgelehnt wurde.Das Resultat dieses Prozesses und der anschlie\u00dfenden blutigen Auseinandersetzung war wie Hermann zun\u00e4chst richtig konstatiert, die Einsicht, <i>\u201eStaat und Religion zu trennen, die S\u00e4kularisierung als Geisteshaltung und institutionell durchzusetzen\u201c<\/i>.<br><br>Eine Einsicht, die unter Ber\u00fccksichtigung der historischen Fakten im Falle des Nahen Ostens jedoch v\u00f6llig realit\u00e4tsfremd erscheint. Schlie\u00dflich initiierten die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte nach der Zerschlagung des Osmanischen Kalifats bereits einen S\u00e4kularisierungsprozess in der islamischen Welt und sorgten neben der milit\u00e4rischen und politischen vor allem durch ihre kulturelle Invasion daf\u00fcr, den Islam aus dem \u00f6ffentlichen Leben zu verbannen. Gleichzeitig wurden jene autorit\u00e4ren Herrschaftsstrukturen herangez\u00fcchtet, die bis in die heutige Zeit in Kooperation mit den westlichen Staaten versuchen, die von der breiten Masse der Muslime verhasste postkoloniale Ordnung aufrechtzuerhalten.<br><br>Die<i> \u201eVorteile einer s\u00e4kularen Ordnung\u201c<\/i> bekommen die Muslime demnach seit nahezu einhundert Jahren am eigenen Leib zu sp\u00fcren. Der repressive Umgang im Zusammenspiel mit immer ausgekl\u00fcgelteren Unterdr\u00fcckungsma\u00dfnahmen gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung ist das Sinnbild einer von Despotie und R\u00fcckst\u00e4ndigkeit gebeutelten Region. Ganz besonders die Unterst\u00fctzung dieser s\u00e4kularen Diktaturen seitens westlicher Staaten hat den Muslimen inzwischen deutlich vor Augen gef\u00fchrt, was vom westlichen Gesellschaftsmodell zu halten ist. Dass der S\u00e4kularismus angesichts dieser (Miss-)Erfolge ein<i><i> \u201eComeback\u201c<\/i> <\/i>feiern soll, gleicht der irrsinnigen Vorstellung, der Faschismus sei ein Feind der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung gewesen. Dass ausgerechnet der Irak und Syrien, die wie kein anderes Land im Nahen Osten das laizistische Staatsmodell jahrzehntelang leidenschaftlich umsetzten, dem kompletten Staatszerfall immer n\u00e4her kommen, d\u00fcrfte Hermann in Erkl\u00e4rungsnot bringen. Dabei kann der Verweis auf die konfessionellen Streitigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten in diesem Kontext als verzweifelter Versuch gewertet werden, die tats\u00e4chlichen Konfliktlinien zu kaschieren. Denn obwohl in L\u00e4ndern wie Tunesien, Libyen und \u00c4gypten kaum Schiiten leben, lehnte sich die dortige Bev\u00f6lkerung dennoch gegen die herrschende laizistische Ordnung auf. Der Westen mag hierbei einwenden, es handle sich nicht per se um eine Ablehnung des Laizismus oder der republikanisch-parlamentarischen Regierungsform. Vielmehr haben demokratische Defizite im politischen System und der autorit\u00e4re Regierungsstil die Massen auf die Stra\u00dfen gezogen. Doch die Wahlerfolge islamischer Parteien und die Hinwendung zu \u201eislamistischen\u201c Gruppen insbesondere im Syrien-Konflikt hinterlassen vielmehr den Eindruck, dass eine tats\u00e4chliche Identifikation mit dem S\u00e4kularismus fehlt. Diese fehlende Identifikation war ein wesentliches Motiv daf\u00fcr, dass s\u00e4mtliche Staaten im Nahen Osten zum autorit\u00e4ren Regierungsstil greifen mussten, um ihre Machtstellung einigerma\u00dfen zu festigen. Die Gegenpole in dieser Auseinandersetzung m\u00fcssen folglich in ihrem regionalen Kontext untersucht werden und d\u00fcrfen sich nicht auf ein bestimmtes Land beschr\u00e4nken. Trotz der von Politik und Medien \u00fcberh\u00f6hten Darstellung der konfessionellen Spannungen im Irak, verl\u00e4uft die eigentliche Bruchlinie zwischen den islamischen und den s\u00e4kularen Kr\u00e4ften.<br><br>Diese Tatsache l\u00e4sst sich an der politischen Positionierung \u201eschiitischer Autorit\u00e4ten\u201c nach dem US-Einmarsch im Irak 2003 deutlich erkennen. Infolge des Sturzes von Saddam Hussein schlossen sich ihre Kr\u00e4fte der Gr\u00fcndung einer \u00dcbergangsregierung unter der Aufsicht der USA an. Abgesegnet von h\u00f6chster geistlicher Stelle legitimierten sie mit einem derartig symboltr\u00e4chtigen Akt nicht nur die Besatzung, sondern bekundeten ihre tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung f\u00fcr das s\u00e4kulare System im Irak. Diese Entwicklung sollte sich wenige Jahre sp\u00e4ter im Syrien-Konflikt wiederholen, nachdem sich unter der syrischen Bev\u00f6lkerung ein islamischer Widerstand gegen die Regierung formierte. Sowohl das iranische Regime als auch die im Libanon ans\u00e4ssige Hisbollah schlugen sich kurzerhand auf die Seite Baschar al-Assads. Dass sich die Rivalit\u00e4t zwischen Sunniten und Schiiten auch in diesem Fall nicht in erster Linie in den konfessionellen Unterschieden widerspiegelt, belegen insbesondere die kritischen Stimmen aus schiitischen Kreisen. So hat beispielsweise der ehemalige F\u00fchrer der Hisbollah, <i>Subhi at-Tufaili<\/i>, zum B\u00fcrgerkrieg in Syrien und der Unterst\u00fctzung des Assad-Regimes eindeutig Stellung bezogen. In einem Interview f\u00fcr den libanesischen Sender <i>\u201eMTV\u201c <\/i>machte er unmissverst\u00e4ndlich klar, dass die gefallenen Hisbollah-K\u00e4mpfer <i>\u201ekeine M\u00e4rtyrer sind\u201c<\/i> und f\u00fcr ihren Kampf <i>\u201ein die H\u00f6lle kommen\u201c<\/i>.<br><br>Ungeachtet dieser politischen Komponente t\u00e4te sich Hermann als ausgewiesener Kenner des \u201eVorderen Orients\u201c zudem selbst einen Gefallen, nochmals in die islamische Geschichte zur\u00fcckzubl\u00e4ttern und einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Schiitentums zu werfen. Zu seinem Erstaunen wird er feststellen m\u00fcssen, dass der Ursprung dieses Konflikts ein politischer Disput war, der sich um die Frage nach der rechtm\u00e4\u00dfigen Nachfolge des Propheten drehte und bei noch so viel Fantasie keinesfalls mit der Reformation gleichgesetzt werden kann. Weder war die <i>Existenz<\/i> der politischen Institution des Kalifats Streitpunkt, noch wurde der Koran als prim\u00e4re Gesetzgebungsquelle in Frage gestellt. Speziell nach schiitischer Auffassung begr\u00fcndet die bewusste Ablehnung der \u201eImamatslehre\u201c den Abfall vom Glauben. Andererseits m\u00fcssen die unterschiedlichen Interpretationen \u00fcber gewisse Glaubensgrundlagen in ihrem historischen Kontext eingeordnet werden. Denn die in diesem Zusammenhang immer wieder vorgebrachte Behauptung, dass die Heiligenverehrung und der Personenkult innerhalb des Schiitentums von den Sunniten vehement abgelehnt wird, t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass sich diese Differenzen im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt haben und nicht als Grund f\u00fcr die urspr\u00fcngliche Spaltung herhalten k\u00f6nnen. Insbesondere die Heiligenverehrung findet sich auch in sunnitischen Kreisen wieder, wie im vom Westen verkl\u00e4rten Sufismus. Obwohl auch diese Praxis von der islamischen \u201eOrthodoxie\u201c strikt abgelehnt wird, ist weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart jemals ein konfessioneller Streit entbrannt, der das Ausma\u00df der heutigen Auseinandersetzung im Irak angenommen h\u00e4tte. Dass diese feinen aber entscheidenden Unterschiede von Hermann nicht erkannt werden, ist angesichts seiner abenteuerlichen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze zu erwarten.<br><br>Die Bef\u00fcrchtung der westlichen Staatengemeinschaft, dass die postkoloniale Ordnung im Nahen Osten im Begriff ist zu implodieren, erscheint vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen mehr als berechtigt. Doch der ewige R\u00fcckgriff auf Analogien aus der eigenen Kulturgeschichte belegt nicht nur die zunehmende Ideenarmut des Westens, internationale Konfliktherde konstruktiv zu befrieden. Ebenso zeugt dieses reflexartige Verhalten von mangelnder weltanschaulicher Empathie. Weder der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg noch der Wiener Kongress taugen als Blaupause f\u00fcr eine Neuordnung des Nahen Ostens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass westliche Kommentatoren bei der Beurteilung politischer Ereignisse im Nahen und Mittleren Osten gerne zur eurozentrischen Brille greifen, ist gemeinhin bekannt. 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